Polizeiliche Kriminalstatistik 2020: Historisch niedrige Kriminalitätszahlen und gleichzeitig höchste Aufklärungsquote

22. März 2021 | Themenbereich: Kriminalität, Niedersachsen | Drucken

Der Niedersächsische Minister für Inneres und Sport, Boris Pistorius, hat heute (22.03.2021) die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2020 vorgestellt. Die besonderen Herausforderungen und Problemstellungen des vergangenen Jahres hatten einen wahrnehmbaren Einfluss auf die Entwicklung der Zahlen. Obwohl es bereits in den Jahren 2018 und 2019 historische Tiefstände im Bereich der polizeilich registrierten Straften gab, ist die Gesamtkriminalität 2020 noch einmal um etwa zwei Prozent gesunken. Die konkrete Zahl beläuft sich auf 497.158 Fälle, damit gab es in Niedersachsen erstmals weniger als eine halbe Million Straftaten. Insgesamt wurden 9.424 Fälle weniger als 2019 registriert. Dazu kommt die weiter anhaltende positive Entwicklung der Aufklärungsquote, die nun erstmals bei über 64% liegt. Dies ist die höchste Quote im Betrachtungszeitraum seit 1990. Zum Vergleich: Vor 10 Jahren lag die Aufklärungsquote bei 62,91%, vor 20 Jahren bei 52,94% und vor 30 Jahren bei 48,53%.

Dazu der Niedersächsische Minister für Inneres und Sport, Boris Pistorius: „Die auf ein historisches Tief gesunkene Gesamtkriminalität bei gleichzeitig gestiegener Aufklärungsquote belegt, dass wir auch unter Berücksichtigung des Corona-Effektes in sicheren Zeiten leben.

Seit 1990 gab es nie weniger Straftaten als 2020. Ein Teil der jüngsten positiven Entwicklungen ist auf Corona zurückzuführen ist, da es schlichtweg weniger Gelegenheiten für Kriminalität gab. Die fortgesetzt guten Zahlen sind aber auch ein Ergebnis der richtigen Strategie und hervorragender Polizeiarbeit! Einzelne Kriminalitätsphänomene verändern sich immer mehr und verlangen den Sicherheitsbehörden sehr hohe Aufmerksamkeit – und damit erhebliche Personalressourcen – ab. Einzelne Phänomene werden komplexer, sie werden digitaler und sie werden internationaler! Im Ergebnis müssen wir dafür qualifiziertes Personal gerade auch an den Stellen einsetzen, die auf der Straße eben nicht als Polizei sichtbar sind. Deswegen ist es notwendig, dass auch bei der weiteren Ausrichtung der niedersächsischen Polizei zu beherzigen und weiter in Köpfe und Kompetenzen zu investieren, damit wir auch zukünftig erfolgreich bleiben können.”

Deutlicher Anstieg der Cybercrime-Delikte

Fake-Shops, kriminelle Spendenaufrufe und ein Anstieg bei Phishing-Mails: In der PKS 2020 wurde mit 42.785 Fällen (plus 24%) ein Höchstwert für Straftaten im Internet registriert.

Minister Pistorius: „Corona hat Straftäterinnen und -täter dazu veranlasst, sich neue Tätigkeitsfelder zu suchen. Das liegt auch daran, dass durch den Lockdown und Reisebeschränkungen bisherige Möglichkeiten schlichtweg nicht mehr vorhanden waren. Darum wurde die Kriminalität oft in den virtuellen Raum verlagert. Der massive Anstieg der Menschen im Homeoffice, mehr digitale Freizeitgestaltung oder auch der Onlinehandel haben hier eine wesentliche Rolle gespielt.“

Weniger Wohnungseinbruchdiebstähle

2020 wurden 7.738 Wohnungseinbruchdiebstähle (WED) an die Polizei gemeldet, das sind nochmals ca. 18% weniger als 2019. Zum Vergleich: Noch vor fünf Jahren, im Rahmen der Vorstellung der PKS 2015, lag diese Zahl bei 16.575. Gleichzeitig steigt die Versuchsquote seit mehreren Jahren stetig an und liegt aktuell mit 43% nochmals über der Quote des Vorjahres. Auch die Aufklärungsquote des WED konnte auf knapp 25% gesteigert werden.

Minister Pistorius: „Der Vergleich mit den Fallzahlen von vor fünf Jahren ist extrem beeindruckend. Seitdem hat sich die Anzahl der Einbrüche halbiert! Einen Anteil an dem starken Rückgang im vergangenen Jahr haben sicherlich auch der Lockdown und das Homeoffice, denn dadurch gab es weniger Tatgelegenheiten. Dazu kommen die seit Jahren kontinuierlichen Kontrollmaßnahmen der Polizei, immer bessere bauliche Sicherungsmaßnahmen sowie auch die länder- und staatenübergreifend immer intensivere polizeiliche Zusammenarbeit.“

Zunahme bei häuslicher Gewalt

Im Phänomenbereich häuslicher Gewalt registriert die niedersächsische Polizei seit über zehn Jahren kontinuierliche und zum Teil sehr deutliche Anstiege. Im vergangenen Jahr wurden 21.509 Fälle polizeilich registriert – das bedeutet eine Zunahme um 1.343 Fälle oder rund 7%. Der durch Experten schon im vergangenen Jahr prognostizierte Anstieg durch die Voraussetzungen der Pandemie hat sich somit offenbar bestätigt.

Minister Pistorius: „Diese Zahlen machen mich betroffen und sind ein Beleg dafür, dass die Gewalt insbesondere von Männern gegenüber Frauen gesellschaftlich noch viel breiter diskutiert werden muss. Im Rahmen der gerade beginnenden vierten periodischen Dunkelfelduntersuchung des Landeskriminalamtes Niedersachsen wird das Phänomen der häuslichen Gewalt als Schwerpunkt in den Blick genommen. Das Ziel ist, nach der Auswertung und Analyse der Zahlen Ende des Jahres ein noch schärferes Bild zu bekommen, auch um präventiv noch wirksamer dagegen vorgehen und Hilfe anbieten zu können – sowohl seitens der Polizei als auch vieler anderer Behörden und Organisationen.“

Gewalt gegen Polizeibeamte erneut gestiegen

Im Jahr 2020 wurden 3.548 Fälle registriert, bei denen eine Polizeibeamtin oder ein -beamter Opfer einer Straftat mit dienstlichem Bezug geworden ist. Dies sind 288 Fälle bzw. ca. 9% mehr als in 2019. Zuwächse gab es insbesondere in den Deliktsbereichen des Widerstands und des tätlichen Angriffs. Bei diesen 3.548 Fällen wurden 7.622 Menschen zu Opfern.

Minister Pistorius: „Jede Art von Gewalt gegenüber Polizistinnen und Polizisten ist verwerflich und inakzeptabel, das sage ich bei dieser Gelegenheit jedes Jahr, und man kann das gar nicht oft genug betonen. Die Fallzahlensteigerung dürfte auch durch die Coronakrise begünstigt worden sein, beispielsweise durch Kontrollen oder die Durchsetzung von Abstands- und Kontaktbeschränkungen, bei denen es regelmäßig Widerstände gibt. Durch den inzwischen breiten Einsatz von Bodycams in Niedersachsen haben wir einen wesentlichen Schritt unternommen, um eine weitere Hürde gegen Widerstandshandlungen und tätliche Angriffe auf unsere Polizeibeamten und Polizeibeamtinnen aufzustellen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass schon die Sichtbarkeit einer Bodycam oft zur Deeskalation einer brenzligen Situation beiträgt. Außerdem schützen wir die Polizistinnen und Polizisten im Einsatz durch immer bessere Schutzmaßnahmen und -ausrüstungen.“

Die Gewalt gegen Rettungsdienste nimmt dagegen leicht ab. In 2020 wurden 216 Fälle registriert (im Vorjahr 244), was einen Rückgang von 28 Fällen oder etwa 11% entspricht.