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17. Bremer Solidaritätspreis geht an Frauenrechtlerin aus Indien für ihr Engagement gegen Gewalt gegen Frauen

Die indische Frauenrechtlerin und Gewerkschafterin Rukmini Vaderapura Puttaswamy wird auf Beschluss des Senats der Freien Hansestadt Bremen mit dem 17. Bremer Solidaritätspreis ausgezeichnet. Damit folgt der Senat dem Vorschlag des Kuratoriums Bremer Solidaritätspreis.

Thema der Ausschreibung des 17. Preises war das Engagement gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen, eine der am weitesten verbreiteten Menschenrechtsverletzungen weltweit. Die Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen sind vielfältig und umfassen sowohl psychische, körperliche und sexualisierte Gewalt, als auch die beabsichtigte wirtschaftliche Abhängigkeit, Ausbeutung, Bedrohung und Einschüchterung. Entsprechend sollen mit dem 17. Bremer Solidaritätspreis zivilgesellschaftliche Initiativen aus Ländern des globalen Südens geehrt werden, die sich in ihrem lokalen oder nationalen Umfeld gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen und für die Betroffenen einsetzen.

Solch eine engagierte Aktivistin ist die Preisträgerin des 17. Bremer Solidaritätspreis, Rukmini Vaderapura Puttaswamy aus Bangalore im indischen Bundesstaat Karnataka. Sie ist Mitbegründerin der Fraueninitiative “Vorwärts marschieren” (Munnade) sowie der ausschließlich von Frauen geführten Gewerkschaft Garment Labour Union (GLU), übersetzt “Gewerkschaft der Bekleidungsindustrie” (http://glu.org.in/), die sich für die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter in der indischen Textilindustrie einsetzt. Gemeinsam mit weiteren Aktivistinnen kämpft Rukmini Vaderapura Puttaswamy nicht nur für den Schutz der Arbeitsrechte, für angemessene Löhne und dafür, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter sich gewerkschaftlich organisieren können. Als Präsidentin der Gewerkschaft GLU setzt sie sich vor allem auch gegen die geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und Mädchen ein. Durch ihre Beharrlichkeit hat sie damit dazu beigetragen, dass das Schweigen gegenüber gender based violence (gbv) in einem der bedeutendsten Wirtschaftszeige endlich gebrochen wurde.

In einer ersten Reaktion freute sich die Preisträgerin über die Auszeichnung. In ihrer E-Mail an den Bremer Senat heißt es: “Greetings from Garment Labour Union (GLU)! Thank you very much for the email. We are thankful to all the panelists who identified our potential and found us apt for this prestigious award. We are excited to receive this award.”

Die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken…
… in vielen Ländern des globalen Südens sind nicht erst seit dem Brand in der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch bekannt. Mangelnder Arbeitsschutz, nicht existenzsichernde Löhne und Kinderarbeit sind in diesem Zusammenhang Problematiken, die international oft diskutiert, aber nicht annähernd behoben wurden. Die strukturelle und die sexualisierte Ausbeutung von Frauen in diesem Bereich, die neben ökonomischer Ausbeutung auch noch sexuellen Übergriffen, Misshandlungen, Schlägen, Drohungen und Einschüchterungsversuchen ausgesetzt sind, ist jedoch bisher kaum thematisiert. Vorgesetzte und Arbeitgeber nutzen systematisch die ökonomische Abhängigkeit der Textilarbeiterinnen, für sexualisierte Misshandlung und Unterdrückung.

Die wichtige Arbeit von Rukmini Vaderapura Puttaswamy und der Frauengewerkschaft GLU für die Textil-Arbeiterinnen, die am Ende der internationalen Lieferkette stehen, setzt daher an einem strukturellen Problem an.

Mit der Verleihung des 17. Bremer Solidaritätspreises an Rukmini Vaderapura Puttaswamy wird auch die GLU als frauengeführte Gewerkschaft in Indien ausgezeichnet.

“Wir wollen mit der Verleihung des Bremer Solidaritätspreises an Frau Puttaswamy und die Gewerkschaft GLU ein Zeichen der Solidarität und Anerkennung für ihr unermüdliches Engagement setzen”, so Bremens Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte. “Die Gewerkschafterinnen und Aktivistinnen nehmen selbst Anfeindungen, Bedrohungen und Demütigungen in Kauf. Sie sollen wissen, dass ihr solidarischer und mutiger Einsatz international wahrgenommen und unterstützt wird.”

In vielen Ländern des globalen Südens müssen Menschen unter unwürdigen Bedingungen zu Löhnen, die nicht ihre Existenz sichern, für den globalen Weltmarkt produzieren. Bremen setzt sich daher seit langem für Fairen Handel und nachhaltige Beschaffung ein, mit dem Ziel die Arbeits- und Produktionsbedingungen vor Ort zu verbessern.

“Letztlich sind auch wir Konsumenten und Konsumentinnen gefragt, verantwortungsbewusst einzukaufen. Es kommt auch auf solidarisches Handeln von uns allen beim Kleiderkauf an und nicht nur auf die Verpflichtung der Produzenten und Akteure in der Lieferkette”, so Bovenschulte weiter.

Die Auszeichnung sendet somit auch ein politisches Signal mit Hinblick auf die Sorgfaltspflicht durch Unternehmen mit internationalen Lieferbeziehungen, die Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkettet zu verbessern und den Schutz der Textilarbeiterinnen vor sexualisierter Gewalt zu gewährleisten.

Die Textilarbeiter*innen sind selbst stark von der Corona-Pandemie betroffen: allein im Juni 2020, so die Frauenrechtsorganisation femnet, auf deren Anregung die Auszeichnung Rukmini Vaderapura Puttaswamys mit GLU als Preisträgerin zurückgeht, gingen 10 Millionen Arbeitsplätze in der indischen Textilindustrie verloren. Viele große Konzerne hatten ihre Aufträge storniert, die Arbeiter*innen sind entsprechend von Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und Hunger bedroht. Zudem werden unter dem Deckmantel der COVID-19-Pandemie von der Regierung in Indien die Arbeitsrechte massiv eingeschränkt.

Der Festakt zur Verleihung mit Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte ist auf Grund der Corona-Pandemie erst im Herbst 2021 im Bremer Rathaus geplant. Laudatorin wird Dr. Monika Hauser sein, Gründerin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied von medica mondiale e.V. sowie Trägerin des alternativen Nobelpreises (Right Livelihood Award).
Neben dem Preisgeld wird eine Skulptur des Bremer Künstlers Bernd Altenstein verliehen. Die Figur zeigt die Bremer Stadtmusikanten und steht symbolisch für die Kraft des solidarischen Handelns.

Der Bremer Solidaritätspreis wird alle zwei Jahre vom Senat der Freien Hansestadt Bremen verliehen. Er soll eine Ermutigung für Personen oder Initiativen sein, die sich in besonderer Weise für die Überwindung von Ungerechtigkeit im Nord-Süd- Verhältnis und der Folgen von Kolonialismus und Rassismus sowie für Demokratie und Menschen-rechte einsetzen.

Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, die sich aus Mitteln der Senatskanzlei und einer Zustiftung der privaten R. + R. Reinke-Stiftung zusammensetzen.
Neben dem Preisgeld wird eine Skulptur des Bremer Künstlers Bernd Altenstein verliehen. Die Figur zeigt die Bremer Stadtmusikanten und steht symbolisch für die Kraft des solidarischen Handelns. Denn aus den einsamen und schwachen Bauerntieren ist am Ende des Märchens ein starkes Quartett geworden, das gemeinsam Hindernisse überwindet