Restorative Justice-Fachtag 2020 im Onlineformat „Heilen statt Strafen: internationale und interdisziplinäre Perspektiven einer Restorative Justice

30. Oktober 2020 | Themenbereich: Aktuelle Veranstaltungen | Drucken

Anlässlich der diesjährigen internationalen Restorative Justice Woche (#RJWEEK) veranstaltet das
TOA-Servicebüro des DBH e. V. einen interdisziplinären Fachtag. Dieser richtet sich vornehmlich an
Richter*innen, Staatsanwält*innen, Justizvollzugsbedienstete, Polizist*innen, Konfliktvermittler*innen,
Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, (weiteren) haupt- sowie ehrenamtlichen Akteur*innen aus der
Opfer- und Straffälligenhilfe, Rechtsanwält*innen und sonstige am Thema interessierte Personen.
Um das COVID-19-Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten, findet die Veranstaltung online
über die (datenschutzkonforme) Plattform Big Blue Button statt.

Thema und Programm
„Man schafft niemals Veränderung, indem man das Bestehende bekämpft.
Um etwas zu verändern baut man neue Modelle, die das Alte überflüssig machen.“
(R. Buckminster Fuller)

Es ist Zeit zu erkennen, dass unser gegenwärtiges Strafsystem nicht dazu geeignet ist, Menschen
davon abzuhalten, Straftaten zu begehen. Vielmehr sind Demoralisierung und physische wie psychische
Schäden die Folgen von Strafvollzug, wie Dr. Thomas Galli dies in seinem kürzlich erschienenen Buch
„Weggesperrt“ herausgearbeitet hat.
Mit diesem national wie international hochkarätig besetzten Restorative Justice-Fachtag werden im
Rahmen eines Vortrags von Dr. Clivia von Dewitz („Mehr Restorative Justice und weniger Strafen? –
aus Richter*innenperspektive“; Abstract: siehe unten) sowie einer Podiumsdiskussion neue
Möglichkeiten diskutiert, wie anders auf Straftaten reagiert werden kann.
Wie kann es aussehen, wenn Heilen statt Strafen im Vordergrund steht? Wenn Tatverantwortliche wie
Tatbetroffene wieder aktiv in die Konfliktlösung eingebunden werden? Wenn Richter*innen ihren Fokus
weg von Bestrafen und hin zu therapeutischer Unterstützung richten, wie dies natürlicherweise durch
Ureinwohner*innenjustiz jahrhundertelang praktiziert wurde.

Programm:
15:30 bis 16:00 Uhr Individueller Technikcheck
16:00 bis 16:10 Uhr Beginn, Begrüßung und Einführung ins Thema
Christoph Willms (TOA-Servicebüro des DBH e. V.)
16:10 bis 17:30 Uhr Vortrag und Diskussion:
„Mehr Restorative Justice und weniger Strafen? –
aus Richter*innenperspektive“ (Deutsch)
Referentin: Dr. Clivia von Dewitz (Deutschland, Richterin)
17:30 bis 19:00 Uhr Pause
19:00 bis 20:45 Uhr Podiumsdiskussion:
„Heilen statt Strafen: internationale und interdisziplinäre Perspektiven
einer Restorative Justice“ (Deutsch/Englisch)

Mitwirkende:
Europa:
• Dr. Thomas Galli (Deutschland, Rechtsanwalt und ehem. JVA-Leiter);
• Dr. Clivia von Dewitz (Deutschland, Jugendrichterin);
• Dr. Volkmar Schöneburg (Deutschland, Rechtsanwalt und ehem. Minister
der Justiz des Landes Brandenburg);
• Bernhard Holtrup (Niederlande/Schweden, Coach und Talking Circle
Leader)
Nordamerika:
• Chief Phil Lane Jr. (Kanada/USA, internationaler Sprecher für
Ureinwohnerangelegenheiten);
• Judge Abby Abinanti (USA, Richterin des Yurok-Stammesgerichts);
Ozeanien:
• Judge Fred McElrea (Neuseeland, Richter a. D.);
• Senior Sergeant Simon Kairau (Neuseeland, Ethnischer Ansprechpartner
für den südlichen Distrikt).
Übersetzung (Deutsch – Englisch – Deutsch): Dr. Clivia von Dewitz
Abstract: „Mehr Restorative Justice und weniger Strafen? – aus Richter*innenperspektive“

Rumi (ein Sufi-Gelehrter) hat einmal gesagt:
„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“
Wie können wir uns dort treffen? Ist Restorative Justice ein Weg zu diesem Ort?
2018 hat sich Frau Dr. von Dewitz für zwei Jahre beurlauben lassen und konnte mehrere Monate in
Neuseeland, Kanada, Alaska und auf den Hawaii-Inseln verbringen und erfahren, wie dort Restorative
Justice praktiziert wird. In Neuseeland konnten Jugendhaftanstalten geschlossen werden, nachdem
1989 ins Gesetz eingeführt worden war, dass jedes Jugendverfahren zur Durchführung einer FamilienGruppen-Konferenz (eine Unterform von Restorative Justice) abzugeben war. Kanada hat besondere Gefängnisse für ihre Ureinwohner*innen etabliert, sog. Healing Lodges, in denen Inhaftierte an besonderen Therapien teilnehmen (müssen) und über Älteste (elders) wieder mit ihrer
Ureinwohner*innenkultur in Kontakt kommen, was zu einem deutlichen Rückgang von Straftaten geführt hat.
Überall dort, wo der Fokus auf Heilung, Wahrheit und Versöhnung gelegt wurde, ging die Begehung von
Straftaten deutlich zurück. Es ist Zeit, unsere Strafjustiz zu überdenken und zu erkennen, dass schärfere
Strafvorschriften und hartes Durchgreifen keine Sicherheit bringen, sondern eher das Gegenteil.
In diesem Vortrag wird Frau Dr. von Dewitz berichten, wie Restorative Justice in anderen Ländern
praktiziert wird und was davon im deutschen Justizsystem umgesetzt werden könnte.

Kurzbiografien der Referent*innen (in alphabetischer Reihenfolge)

Judge Abby Abinanti (USA) arbeitet seit 1997 als Richterin am Yurok-Stammesgericht, das
sich der Unterstützung der traditionellen Werte des Yurok-Stammes und dem Schutz deren
Traditionen widmet. Nach ihrem Studium der Journalistik studierte sie Rechtswissenschaften
und interessierte sich besonders für das Gebiet des indianischen Rechts. 1974 wurde sie als
Rechtsanwältin zugelassen. Sie war die erste Ureinwohnerin, die als Rechtsanwältin
zugelassen wurde, und die erste Ureinwohnerin in Kalifornien, die als Richterin ernannt wurde.
Von 1990 bis 2011 war sie Kommissarin am United Family Court des San Francisco Superior
Court. Sie hat eine Hauptrolle in dem Dokumentarfilm „Tribal Justice“, der von Anne Makepeace
geschrieben und inszeniert wurde. Es geht um zwei indianische Frauen, beide Richterinnen an
den Stammesgerichten ihrer tribes, die sich bemühen, die Inhaftierungsraten zu senken und ihr
Volk zu heilen, indem sie Straftäter*innen rehabilitieren, anstatt sie zu bestrafen.

Dr. Clivia von Dewitz (Deutschland); Jugendrichterin und zurzeit dabei, ein Buch über
Restorative Justice zu schreiben. Sie verbrachte in den letzten zwei Jahren mehrere Monate in
Neuseeland, Kanada und Alaska und Hawaii, um Restorative Justice und
Ureinwohner*innenjustiz zu studieren. Absolvierte 1997 ein Praktikum an der
Wahrheitskommission in Südafrika. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über NS-Gedankengut und
Strafrecht (2005). 2014 bildete sie Richter*innen in Tunesien in Demokratie, Rechtsstaatlichkeit
und Menschenrechte fort und 2019 Richter*innen, Staatsanwält*innen und Anwält*innen zu
Restorative Justice in Nepal.

Judge Fred McElrea (Neuseeland) ist ein pensionierter Richter am Amtsgericht von
Aotearoa/Neuseeland, einschließlich einer kurzen Amtszeit als Richter am Obersten
Gerichtshof in Tonga (2004). Er ist immer noch in der Restorative Justice-Arbeit aktiv. Seine
internationale Beratungsfunktion zeigt sich darin, dass er in zehn Jahren 16 Mal in zehn
verschiedenen Länder gereist ist, um Beiträge zu diesem Thema zu präsentieren, und zu Hause
großen Einfluss auf die Entwicklung der Gesetzgebung in diesen Bereichen hatte. Letztes Jahr
hat er gemeinsam mit David Thompson eine Reihe von drei Artikeln im New Zealand Law
Journal über die Geschichte der traditionellen Strafjustiz und des Strafvollzugssystems im
englischsprachigen Raum aus RJ-Sicht verfasst. 2017 starteten sie eine Website mit rund 80
Artikeln, siehe: [https://www.napierlibrary.co.nz/collections/judge-mcelrea-papers/].

Dr. Thomas Galli (Deutschland) arbeitet seit 2016 als Rechtsanwalt in einer Kanzlei in
Augsburg. Er war seit 2001 im Strafvollzug tätig. 2013 wurde er Leiter der Justizvollzugsanstalt
Zeithain. Er war Mitglied des Kriminalpräventiven Rats der Stadt Dresden sowie Vertreter
Sachsens bei der Bundesvereinigung der Anstaltsleiter. Er publiziert zu Fragen der
Kriminologie, des Strafvollzugs sowie des Gefängnisalltags. Zuletzt ist bei der Edition Körber
2020 „Weggesperrt – Warum Gefängnisse niemandem nützen“ erschienen.

Ing. Bernhard Holtrup MBA (Niederlande/Schweden) ist ein internationaler Berater für
Organisations- und Gesellschaftsentwicklung. Spezialist für die Erleichterung von Heilungs- und
Wiederherstellungsdialogen sowohl in der Unternehmenswelt als auch in schwierigen
Gegenden. Er verfügt über umfangreiche Erfahrung (17 Jahre) in der Gestaltung und
Erleichterung von Heilungs- und Versöhnungsprozessen in hoch angespannten städtischen
gesellschaftlichen Situationen in Städten wie Rotterdam und Amsterdam. Zum Beispiel:
‚Rassenkonflikte‘ in Nachbarschaften, tödliche Konflikte zwischen Jugendbanden sowie
zwischen Polizei und Jugendbanden. Er entwickelt und führt Heilungs- und ReintegrationsRetreats in der Natur für Obdachlose in Amsterdam sowie für junge Unternehmensfachleute
durch. Derzeit schreibt er ein Buch über: „Dialogische Führung in einer polarisierten Welt“.

Senior Sergeant Simon Kairau (Neuseeland) ist Berater für M?ori/Pazifische/Ethnische
Angelegenheiten im südlichen Bezirk. Er beaufsichtigt die Verbindungsbeamten von Iwi Liaison
und Ethnic Liaison innerhalb des neuseeländischen Polizeidienstes und unterstützt Projekte wie
indigene alternative Gerechtigkeit, Kulturgesetzgebung, Gemeinschaftsprogramme und
sonstige Resolutionen innerhalb der neuseeländischen Polizei. Er wurde mit einem
Forschungsstipendium (Woolf Fisher Police Fellowship) der Woolf Fisher Family Foundation in
Neuseeland für seine Arbeit mit Alternative Justice durch Iwi Community Panels ausgezeichnet.
Im Herbst 2019 absolvierte er einen wissenschaftlichen Besuch in Saskatchewan, Kanada, um
eine Reihe von Organisationen und Initiativen in Bezug auf Ureinwohner*innen und deren
Gemeinschaften kennenzulernen. Im November 2019 war er der internationale Hauptredner auf
dem Kanadischen National Restorative Justice Symposium in Banff, Alberta.

Chief Phil Lane Jr. (USA/Kanada) ist Mitglied der Ihanktonwan Dakota und Chickasaw Nation
und Staatsbürger sowohl Kanadas als auch der Vereinigten Staaten. Mit einem MasterAbschluss in Pädagogik an der National University und öffentlicher Verwaltung an der University
von Washington ist Chief Phil Lane Jr. ein international anerkannter indigener Führer in der
Entwicklung von Menschen und Gemeinschaften. Chief Phil Lane Jr. erhielt zahlreiche
Auszeichnungen, darunter den John Denver Windstar Award, und spricht häufig für bzw. über
die Rechte und die Weisheiten der Ureinwohner*innen. Begründer des Four World´s
International Institute. Ein bekannter Film- und Videoproduzent, Community-Leiter, Autor,
Redner, Pädagoge, Berater und Herausgeber.

Dr. Volkmar Schöneburg (Deutschland) arbeitet zurzeit an einem Buch über Recht und Macht.
Er war von 2014 bis 2019 Abgeordneter im Brandenburger Landtag, von 2009 bis 2013 Minister
der Justiz des Landes Brandenburg, von 2006 bis 2009 Richter am Verfassungsgericht des
Landes Brandenburg und von 2002-2009 Rechtsanwalt in Potsdam, Schwerpunkt Straf- und
Strafvollzugsrecht. Von 2002 bis 2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Juristischen
Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 1991 bis 2001 Wissenschaftlicher Mitarbeiter
an der Akademie der Wissenschaften der DDR, Institut für Philosophie. Seine Doktorarbeit
schrieb er über das „Kriminalwissenschaftliche Erbe der KPD 1919 – 1933“. (1984).

Kosten
Der Teilnahmebeitrag beläuft sich auf 25 € (sowohl für die Teilnahme an der gesamten Veranstaltung
als auch für die Teilnahme an nur einem der beiden Programmpunkte).

Teilnahme- und Anmeldung
Eine verbindliche Anmeldung ist bis zum 6. November 2020 über die Website des TOA-Servicebüros
möglich. Spätestens zwei Tage vor dem Veranstaltungsbeginn erhalten die Teilnehmenden Ihre
Zugangsdaten zur Onlineplattform.

Stornierungsbedingungen:
Der Rücktritt hat in Textform (per Mail, Brief oder Telefax) zu erfolgen. Eine kostenlose Stornierung ist
bis zum Anmeldeschluss (06.11.2020) möglich. Bei einem späteren Rücktritt bis zum
Veranstaltungsvortag (Werktag) wird eine Ausfallgebühr in Höhe von 50 % des Teilnahmebeitrags
berechnet. Bei Absage am Veranstaltungstag sind die Gesamtkosten zu zahlen. Weitere Informationen
finden Sie in unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen: https://www.toa-servicebuero.de/agb
Technische Anforderungen und Hinweise
Zur Teilnahme an der Online-Schulung benötigen Sie neben einem Computer mit einer stabilen
Internetverbindung und einen gängigen (aktuellen) Browser. Eine Teilnahme sowie die Kommunikation
mit dem Moderator, den Referent*innen und ggf. anderen Teilnehmer*innen ist grundsätzlich auch ohne
Mikrofon und Webcam möglich.
Um technische Schwierigkeiten zu vermeiden: Bitte achten Sie im Vorfeld darauf, dass Sie die aktuelle
Version Ihres Internetbrowsers mit den vorgegebenen Standardeinstellungen verwenden (z. B. keine
Pop-up-Blocker etc.).
Während der Veranstaltungsteilnahme sollte sichergestellt sein, dass kein Telefon klingelt oder Sie
anderweitig abgelenkt werden können.

Veranstalter
Auf Beschluss von Bundestag und Bundesregierung wurde das TOA-Servicebüro als überregionale
Zentralstelle zur Förderung des Täter-Opfer-Ausgleichs eingerichtet. Es ist eine Einrichtung des DBH
e.V. – Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik und wird zum Großteil aus Mitteln
des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz gefördert.
Bei inhaltlichen und organisatorischen Fragen wenden Sie sich bitte an:
Telefon: (0221) 94 86 51 22
E-Mail: info@toa-servicebuero.de
Website: www.toa-servicebuero.de