Die Zahl der erfassten Straftaten ist so niedrig wie zuletzt vor 40 Jahren

14. März 2020 | Themenbereich: Kriminalität, Schleswig-Holstein | Drucken

Die Zahl der registrierten Straftaten ist in Schleswig-Holstein auch im Jahr 2019 erneut gesunken. Sie liegt mit 183.445 (Vorjahr 186.894) Taten auf dem niedrigsten Stand seit 1979 (175.759). Zugleich ist die Aufklärungsquote weiter auf 54,7% gestiegen. Einen höheren Wert gab es zuletzt 1963. Das gab Innenminister Hans-Joachim Grote heute (12. März 2020) gemeinsam mit dem Leitenden Kriminaldirektor Peter Fritzsche bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für 2019 bekannt. Die Zahl der Diebstahlsdelikte ging um weitere 4.280 Fälle zurück und ist auf unter 70.000 Taten gesunken. Die Zahl der Wohnungseinbrüche sank das fünfte Jahr in Folge auf mittlerweile 4.476 registrierte Fälle.

“Die Zahlen sind eindeutig: Die Zahl der erfassten Straftaten, die bei uns in Schleswig-Holstein die Menschen belasten, ist so niedrig wie zuletzt seit 40 Jahren. Insgesamt leben wir in unserem Land in Sicherheit. Wer anderes behauptet, der will ganz bewusst Unsicherheit schüren”, betonte der Innenminister.

Mit Blick auf die Entwicklung bei den Morddelikten nahm Grote Bezug auf die Vorstellung des Verkehrssicherheitsberichtes, bei der er am Montag dieser Woche vor wachsender Aggressivität in unserer Gesellschaft gewarnt hatte. “Diese Warnung setzt sich heute fort. Im Bereich der Morddelikte – unter dem Mordversuche und vollendete Morde zusammen gefasst werden – haben wir eine Steigerung von 22 auf 53 Fälle. Ursächlich für diesen enormen Anstieg sind 30 Fälle von “Steinwürfen von Brücken”, bei denen zum Glück im vergangenen Jahr niemand ums Leben gekommen ist. Bei solchen Steinewürfen handelt es sich nicht um sogenannte “Dummejungenstreiche”. Es sind derart lebensgefährdende Straftaten, dass sie in jedem Einzelfall als Mordversuche gewertet werden müssen”, so der Minister. Zwei Heranwachsende wurden wegen 11 solcher im Jahr 2018 in Schleswig-Holstein begangenen Taten zu je sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. In der Statistik für das vergangene Jahr beeinflussten diese “Steinwürfe” auch die Aufklärungsquote negativ, die im Bereich der Morddelikte deswegen auf 40 Prozent gesunken sei. Die erfassten vollendeten 11 Mordfälle seien zu 100% aufgeklärt worden.

Grote betonte, dass sich bei der Kriminalitätsentwicklung ein Trend der vergangenen Jahre fortsetze. Mit der Gesellschaft verändere sich auch die Kriminalität. Grote: Früher war sie stark durch jugendtypische Delikte der Straßenkriminalität wie beispielsweise PKW-Aufbrüche geprägt. “Heute leben wir im Zeitalter der Digitalisierung. Gerade auch junge Menschen nutzen vermehrt den PC und das Handy als Tatmittel. Darauf muss sich unsere Polizei insgesamt einstellen, und sie tut dies in absolut professioneller Weise. Mit ihrem Cybercrime-Bekämpfungskonzept hat sie sich entsprechend strategisch aufgestellt, um die Bekämpfung dieses Kriminalitätsfeldes noch stärker in den Blick zu nehmen”, so Grote.

Die insgesamt positive Entwicklung sei auch – aber nicht nur – ein Erfolg der Sicherheitsbehörden. Die Zahlen zeigten aber auch, beispielsweise bei der Bekämpfung des Wohnungseinbruchsdiebstahls, dass die Bevölkerung den Präventionsgedanken und die diesbezüglichen Hinweise immer mehr verinnerlicht habe. “Der wachsame Nachbar, meine Damen und Herren, ist auch im 21. Jahrhundert unverzichtbar. Unsere Gesellschaft lebt davon, dass wir einander achten und auch aufeinander achten”, betonte der Minister.

Grote betonte, dass neben den Daten der registrierten Kriminalität auch die Ergebnisse der 2019 erneut durchgeführten “Dunkelfeldstudie” für die Polizeiführung vor allem Grundlage ihrer strategischen Weichenstellungen seien. “Wo sind besondere Schwerpunktsetzungen, wo neue Konzepte, Methoden oder Techniken, wo mehr internationale Zusammenarbeit erforderlich, um nur einige Beispiele zu nennen.”

Der Leitende Kriminaldirektor Peter Fritzsche widmete sich weiterer Erläuterungen zur Entwicklung der Gesamtkriminalität und einzelner Straftaten sowie den daraus erwachsenen Konsequenzen für die Polizeiarbeit.

Trotz einer insgesamt erfreulichen Entwicklung der Gesamtkriminalität wies Fritzsche auf eine steigende Anzahl von Fällen hin, die nicht in die Polizeiliche Kriminalstatistik aufgenommen werden können, weil ein Handeln der Täter im Inland nicht feststeht. Die Polizei in SH zählt bereits seit 2015 solche Fälle, die zumeist via PC oder Handy aus dem Ausland begangen wurden. 2019 waren das über 14.000 Straftaten, bei denen Bürgerinnen und Bürger aus SH zumeist Opfer von Betrugsdelikten wurden.

Im Zusammenhang mit den bereits thematisierten Tötungsdelikten konnte Fritzsche ergänzen, dass die Cold-Case-Unit des LKA im Sommer um 6 Kolleginnen und Kollegen auf Kommissionsstärke aufgestockt werde. “Wir wollen bei der Bearbeitung ungeklärter Tötungsdelikte in Schleswig-Holstein noch intensiver vorgehen”, so Fritzsche.

Eine zunehmend größere Herausforderung für die Polizei stelle die Professionalisierung überregionaler Banden- und Serienkriminalität dar. “Sie begegnet uns auch im Betrugsbereich beispielsweise beim Call-Center-Betrug und bei Fällen des Cybercrime. Hier nützen noch so gute Erkenntnisse der Polizei vor Ort nichts, hier muss sich Polizei neu aufstellen”, so Fritzsche. Neben den vom Minister angesprochenen Maßnahmen sei das entsprechende Fachpersonal in allen Bezirks- und Kriminalinspektionen verstärkt sowie landesweit und im LKA eingerichtete Ermittlungseinheiten für die Bearbeitung solcher Komplexverfahren eingesetzt worden. “Erst durch eine Auswertung und Analyse teilweise massenhafter Daten können dort Serienzusammenhänge überhaupt erkannt, Täter identifiziert und überführt werden. Bevor wir zu unseren klassischen Ermittlungshandlungen kommen, werden wir zukünftig vermehrt diese Analysearbeit leisten müssen”, betonte der Leitende Kriminaldirektor.

Auch die Daten zu Sexualdelikten und der Verbreitung pornographischer Schriften bedürften der Erläuterung. So seien die Sexualdelikte um 10 Prozent und die Verbreitung pornographischer Schriften um 38 Prozent gestiegen. “Schwere Sexualdelikte wie die Vergewaltigung und die sexuelle Nötigung sowie der sexuelle Übergriff im besonders schweren Fall haben allerdings deutlich abgenommen. Für die Steigerung bei den Sexualdelikten sorgen insbesondere die Fallzahlen im Zusammenhang mit Kinderpornographie über das Internet”, so Fritzsche.

Die Steigerung der Zahlen in diesem Bereich geht mit einer fortschreitenden gesetzlichen Meldeverpflichtung der Internetdienstleister und einer verbesserten internationalen Zusammenarbeit einher. Die Landespolizei habe für die Bekämpfung der Kinderpornographie eine Zentralstelle im LKA und je eine Ermittlungseinheit in jedem Landgerichtsbezirk. Die Spezialisten der IT-Beweissicherung forschten auch bereits mit Künstlicher Intelligenz, um die äußerst belastende Auswertung von Bildern überhaupt zu ermöglichen oder zumindest enorm zu verkürzen. Als weiteres besonders erfolgreiches Instrument habe sich die sogenannte “Schulfahndung” zur Identifizierung unbekannter missbrauchter Kinder bewährt. “In vom BKA ausgewählten Fällen werden die Bilder der Opfer in allen Grundschulen vorgelegt”, erläuterte Fritzsche. Bundesweit sei es dadurch schon zu mehreren Identifizierungen von Opfern gekommen, 2017 auch in Schleswig-Holstein.

2019 habe es absolut und auch relativ weniger nichtdeutsche Tatverdächtige und auch tatverdächtige Zuwanderer als im Jahr zuvor gegeben. Auffällig sei aber eine Entwicklung bei den tatverdächtigen Zuwanderern: der Anteil der Täter, die mehr als fünf Straftaten begangen haben, in dieser Gruppe ist mit 4,1 Prozent höher als bei allen anderen Tatverdächtigen (3,1 Prozent). “Hier müssen wir aus meiner Sicht mit Blick auf die aktuell zu beklagende Clankriminalität sehr aufmerksam sein. Integration und Prävention sind dabei weniger eine Aufgabe von Polizei und Justiz, sondern eine besondere Herausforderung an die Gesellschaft insgesamt. Auch hier bleibt das LKA mit seiner kriminologischen Forschungsstelle am Ball und setzt die Studie zur Kriminalität von Zuwanderern, die wir vor zwei Jahren präsentiert haben, gemeinsam mit dem renommierten Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen fort. Im Frühjahr 2021 werden wir die Ergebnisse einschließlich des Jahres 2019 vorstellen können”, so Fritzsche.