Positive Erfahrungen bei Projekt zur Wiedereingliederung von älteren Gefangenen

27. Januar 2020 | Themenbereich: Baden-Württemberg, Strafvollzug | Drucken

Im Strafvollzug sind immer mehr Menschen inhaftiert, die bereits 60 Jahre oder älter sind. Das 2018 gestartete Projekt zur landesweiten Wiedereingliederung von älteren Gefangenen hilft Betroffenen, sich nach oft jahrelanger Inhaftierung besser zurecht zu finden.

Seit 2018 gibt es das Projekt zur landesweiten Wiedereingliederung von älteren Gefangenen im Land. Es richtet sich an ältere Gefangene, die nach der Entlassung nicht ohne fremde Hilfe leben können sowie an Gefangene, die pflegebedürftig sind.

Bundesweit einzigartiges Projekt – erste Erfahrungen sehr positiv

Justizminister Guido Wolf sagte bei der Vorstellung erster Erfahrungen aus dem Projekt: „Die demographische Entwicklung spiegelt sich auch im Justizvollzug wider. Die Anzahl der älteren Gefangenen im baden-württembergischen Strafvollzug steigt derzeit stetig an. Daher braucht es ein solches Projekt zum Übergang aus der Haft in Pflege und Betreuung. Das Projekt zur Wiedereingliederung alter Gefangener ist bundesweit einzigartig und die ersten Erfahrungen damit sind sehr positiv.“

Projektträger ist der Verein Projekt Chance. Dessen Arbeit ist darauf ausgerichtet, Straffälligen Unterstützung bei der Eingliederung in ein Leben ohne Straftaten zu geben. Vorsitzender Prof. Dr. Ulrich Goll, Justizminister a.D. sagte: „Der Verein Projekt Chance hat sich mit seinen bisherigen Projekten sehr erfolgreich um junge und erwachsene Gefangene sowie deren Familien gekümmert. Ein Engagement speziell für alte Gefangene lag für uns – auch angesichts der demographischen Entwicklung – deshalb auf der Hand und rundet unser Vereinsangebot mehr als ab. Unser Ziel war und ist es, alte Menschen im Strafvollzug im Übergang von der Haft in die Freiheit zu unterstützen und insbesondere eine dauerhafte Anschlussunterbringung sicherzustellen. Ich bin sehr froh, dass viele alte Gefangene durch das Projekt wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden konnten und wir einen Beitrag zu Resozialisierung und Opferschutz leisten.“

Entlassungsloch ist für ältere Gefangene tiefer

Finanziert wird das Projekt über die Baden-Württemberg Stiftung und die LECHLER-Stiftung. Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung, erläuterte: „Ältere Strafgefangene sind häufig sozial isoliert, haben vermehrt gesundheitliche Probleme und sind nach ihrer Haftentlassung auf spezielle, zum Teil pflegerische, Unterstützung angewiesen. Mit dem Projekt ‚Wiedereingliederung von älteren Gefangenen‘ wollen wir diesen Menschen einen möglichst reibungslosen Übergang aus der Haft in ein geordnetes Leben in Freiheit ermöglichen.“ Heinz Gerstlauer, Vorstand der LECHLER-Stiftung, sagte: „Die LECHLER Stiftung fördert in der Regel Projekte, die es zum Ziel haben, die Lebensqualität von Menschen in besonderen Lebenslagen zu erhalten oder zu steigern. Ältere und pflegebedürftige Gefangene, die vor der Haftentlassung stehen, benötigen ein gutes Entlass-, und Übergangsmanagement, so dass sie in Freiheit gut leben können, integriert und versorgt sind.“

Die konkrete Umsetzung des Projekts liegt in den Händen des Netzwerks Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mitgliedsverbände des Netzwerks, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie pädagogische Kräfte, betreuen die Gefangenen im ganzen Land. Das Netzwerk Straffälligenhilfe hat in enger Abstimmung mit dem Ministerium der Justiz und für Europa fünf Koordinierungsstellen, in Böblingen, Karlsruhe, Ludwigsburg, Offenburg und Stuttgart, eingerichtet. Diese stellen eine flächendeckende Beratung und Betreuung von älteren inhaftierten Menschen in Baden-Württemberg sicher.

Generalstaatsanwalt Achim Brauneisen, Sprecher des Netzwerks Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg, sagte: „Für keine Gruppe ist das Entlassungsloch so tief wie für alte Gefangene. Das Netzwerk Straffälligenhilfe baut Brücken mittels Beratung, Betreuung und Nachsorge. Wir dürfen alte Menschen nach Jahren im Strafvollzug nicht sich selbst überlassen. Bei keiner Gruppe fällt der Hilfebedarf für ein Leben in Freiheit derart unterschiedlich aus wie bei alten Gefangenen. Unser Projekt setzt deshalb auf individuelle Unterstützungsleistungen.“

80 Betreuungsfälle in 22 Monaten abgeschlossen

Nach 22 Monaten Laufzeit wurden rund 80 Betreuungsfälle abgeschlossen. Die sich stellenden Fragen fielen sehr unterschiedlich und individuell aus. Erforderlich waren beispielsweise das Sicherstellen medizinischer Versorgung nach der Haft, die Mitwirkung bei der Feststellung von Pflegegraden oder die Anregung rechtlicher Betreuung. Als Anschlussunterbringung konnten für die Gefangenen Plätze insbesondere in betreuten Wohnformen, in eigenen Wohnungen sowie in Pflegeheimen vermittelt werden.

Sozialinspektorin Anna-Roxanne Unruhe vom Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg sagte vor diesem Hintergrund: „Das Projekt „Wiedereingliederung älterer Gefangener“ ist für den Justizvollzug ein wichtiger Kooperationspartner im Sinne einer erfolgreichen Resozialisierung.“ Und Johannes Weißer von der Koordinierungsstelle Fortis des Netzwerks Straffälligenhilfe Baden-Württemberg fügte an: „Das Projekt „Wiedereingliederung von älteren Gefangenen“ ist für mich ein unverzichtbarer Baustein bei der Beratung und Begleitung von älteren gefangenen. Hierbei erhalten Menschen unbürokratisch und schnell Hilfe, die ihnen über die Haft hinaus Beratung, Begleitung und Unterstützung in ihrer schwierigen Lebenssituation sichert.“