Schwein gehabt

16. Februar 2010 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

Die Geschichte ereignete sich an einem jener Sommertage, an die wir uns erinnern, wenn uns der Winter mit Eisregen, Graupelschauern und Kälte den Aufenthalt im Freien so ungemütlich macht, dass es fast jeden in die Nähe eines wärmenden Ofens oder an eine Heizung treibt. (weiterlesen)



Spätschicht

25. Januar 2010 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

In den Zigarettenrauch zu Schichtbeginn mischt sich der Duft diverser Festessen aus den Haaren der Leute.
Es sind dieselben wie im letzten Jahr da. Die, die zu gutmütig waren, sich gegen die Einteilung zu wehren. Dann solche wie Mike, die vor zu Hause flüchten. (weiterlesen)



Buchpremiere 4. Band

22. Januar 2010 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

Die Premierenlesung des 4. Bandes der Polizei-Poeten “Notruf 110 - Polizeieinsatz in Niedersachsen”, findet am
Do., 28.01.2010, 18.30, Polizeiakademie Niedersachsen in Nienburg (weiterlesen)



Der zerrissene Schutzmantel

6. Januar 2010 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

Viele vergessene und unvergessene Opfer von Unfällen und Kriminalität haben meinen Weg in der Polizei begleitet. Nach über 30 Jahren Dienstzeit machte ich eine Erfahrung, die mich für die weiteren Jahre prägte. Ja, mein Leben veränderte.

Es geschah Anfang des Jahres 2003. Zu jener Zeit, versah ich meinen Dienst mit einer Kollegin, die vor kurzem aus dem Mutterschaftsurlaub zurückgekommen war.

In den späten Abendstunden, jenes folgenreichen Tages, unsere Schicht war beinahe zu Ende, ging die Meldung über einen schweren Verkehrsunfall ein. Bereits auf der Anfahrt teilten Kollegen einer anderen Dienststelle über Funk mit, dass der verunfallte Fahrer höchstwahrscheinlich verstorben sei.

Peng, Peng ! „So ein Mist! Kurz vor Feierabend noch so eine dicke Sache!“ war mein erster Gedanke. Meiner Kollegin ging anderes durch den Kopf. „Haben die gerade wirklich gesagt, dass der Fahrer tot ist?“, fragte sie leise. „Ich habe noch nie einen tödlichen Verkehrsunfall miterlebt!“ fügte sie hinzu.

Ich wusste nicht, was ich ihr antworten sollte. „Nicht so schlimm“ und „bin ja dabei“, hörte ich mich brummeln. Aber es klang sicher nicht besonders ermutigend. Den Rest der Fahrt schwiegen wir. Dann die Unfallstelle: Stau auf der Bundesstraße, Dunkelheit, Regen, Feuerwehr, Notarzt, Neugierige Gaffer, Blaulicht, Blaulicht, Blinklichter und Scheinwerfer. Im Schein der vielen Lichter konnte ich den, an einem Baum zerschellten PKW ausmachen. Auf dem Fahrersitz konnte man deutlich die Umrisse des getöteten Fahrers erkennen.

„Oh Gott, muss ich mit dahin?“ Die Stimme meiner Kollegin klang ängstlich. Ich betraute sie mit einigen Aufgaben, die es ihr erlaubten, sich dem Unfallfahrzeug und dem Opfer soweit zu nähern, wie sie sich selber in dieser Situation zutraute. Dann kümmerte ich mich um die anderen Maßnahmen, die getroffen werden mussten.

Im Umgang mit der Bergung und der ersten Leichenschau, schützte mich mein „emotionaler Schutzmantel“, wie ich ihn nannte. Diese unsichtbare Hülle hatte ich mir im Laufe der Jahre zugelegt, um in solchen Situationen die Distanz zu wahren und Gefühle nicht an mich heran zu lassen.

Meine Erfahrungen hatten gezeigt, dass je größer die emotionale Distanz ist, desto geringer ist die spätere Wirkung auf mich. Nur keine zu große Nähe zu den Opfern, schon gar nicht zu den Angehörigen. Mitgefühl ist möglich, kann aber stören und belasten. Ich weiß, dies klingt hart. Aber anders konnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Das war mir klar. Spätestens nach den ersten Toten in meiner Laufbahn, von denen ich monatelang geträumt hatte.

Das Unfallopfer war, wie sich im Laufe der Unfallermittlungen herausstellte, ein 32jähriger Mann. Das Unfallfahrzeug war auf eine Firma zugelassen, der Getötete hat keinerlei Ausweispapiere dabei. Kollegen einer benachbarten Dienststelle übernahmen die weitere Abklärung, damit eine gesicherte Identifizierung durchgeführt werden konnte, so jedenfalls der Ansatz.

Nach einigen Überstunden und einer viel zu kurzen Nachtruhe, ging es morgens wieder zur Dienststelle, natürlich mit dem Gedanken, dass in der Zwischenzeit die Identität der Unfallopfers geklärt war – ein völlig falscher Gedanke.

Erst im Laufe des frühen Vormittags gelang es, die vermeintliche Mutter des Opfers zu ermitteln. Alle Fakten wiesen darauf hin, dass ihr Sohn das Opfer dieses Unfalls geworden war. Zur Sicherheit blieb nur die Möglichkeit einer persönlichen Identifizierung des Leichnams. Als Sachbearbeiter übernahm ich diese Aufgabe selbstverständlich. Die Schwierigkeit lag darin, jemanden zu finden der mich bei diesem unangenehmen Auftrag unterstützte. Die Ausreden meiner Kollegen kannte ich auswendig. Schließlich meldete sich doch einer, gab mir aber auf der Fahrt zum Beerdigungsunternehmer deutlich zu verstehen, dass er sich soweit als möglich aus der Sache heraus halten möchte.

Am Treffpunkt stand eine ältere Frau neben einem Mann. Ihre Blicke wirkten erwartungsvoll, ängstlich, und abwartend zugleich. Welche Gedanken hier im Spiel waren, konnte ich vielleicht erahnen, aber nicht wissen. Nach der Begrüßung die Frage, ob beide mitkommen wollten. Nur die vermeintliche Mutter des Unfallopfers wollte mit zum Sarg. Ihr Begleiter wollte und sollte auch nicht. Also, Schutzmantel fest zuknöpfen, dachte ich mir.

„Ich begleite sie natürlich“, sagte ich. Schon beim Betreten der Halle nahm ich mir fest vor: Wenn der Leichnam identifiziert ist, ziehst du dich zurück und lässt die Frau in Ruhe Abschied nehmen. Als wir uns gemeinsam dem Sarg näherten, bemerke ich, dass die Frau ihren Sohn schon von weitem erkannte. Im gleichen Augenblick umfasste sie mit der rechten Hand mein linkes Handgelenk und hielt mich fest.

Peng ! Ich spürte wie sich der Sitz meines Schutzmantels lockerte. Was war nur los? Das durfte nicht passieren. Nicht jetzt! „Bitte bleiben sie hier bei mir, ich weiß nicht, wie ich alleine damit umgehen soll“! Die hilflose Stimme der Frau unterbrach meine Selbstgespräche. „Ich bleibe bei Ihnen!“ hörte ich mich sagen.

Da stand ich nun direkt am Sarg eines mir unbekannten Unfallfallopfers. Dessen sichtbaren Kopfverletzungen waren vom Bestatter kosmetisch noch nicht behandelt worden und verstärkten unser Unwohlsein.

Die Mutter hielt weiterhin mit kräftigem Griff mein Handgelenk fest und begann leise flüsternd, jedoch deutlich hörbar, ein Gespräch mit ihrem Sohn. Kindheit, Schulzeit, Lehre, Arbeit, ein ganzes Leben und ein sinnloses Sterben auf der Straße. Alles wurde in kurzen Worten erwähnt.

Waren dies Abschiedsvorbereitungen, oder bereits ein endgültiger Abschied? Diese Frage beschäftigte mich in jenen Minuten. Eine Antwort darauf habe ich bis heute nicht gefunden. Der aufgeknöpfte Schutzmantel verschwand vollends. Jetzt war ich, mitsamt meiner Gefühlswelt offen. Völlig ungeschützt. Offen für die Gefühle der Frau, angegriffen vom Mitgefühl für das Unfallopfer stand ich da und wusste nicht was mit mir geschah. Gänsehaut und nicht kontrollierbares leichtes Zittern. Das Gefühl fliehen zu wollen. Das Wissen, das dies nicht möglich war. Das Verständnis für die Gefühle der Mutter und so vieles andere geschah. Alles gleichzeitig und unkontrollierbar.

Gedauert hat die Situation, nach Angaben meines draußen wartenden Kollegen, ca. 15 Minuten. 15 Minuten, die mich bis ins Mark erschütterten und sich wie Stunden angefühlt hatten. Die trauernde Mutter hat sich beim Abschied innigst für meine Unterstützung bedankt. Später erhielt ich ein Dankschreiben über die Dienststelle mit ihrer Schilderung, wie froh sie war, dass sie ihre Last in diesem schweren Augenblick nicht alleine tragen musste.

Auch nach fast sieben Jahren habe ich diesen Fall ständig mit allen Einzelheiten im Gedächtnis. Vermutlich werde ich ihn noch lange bei mir tragen. Anfangs bin ich in den Nächten immer wieder aufgewacht.

Im Traum stand ich am Sarg, Mutter und Sohn sprachen miteinander. Nach dem Aufwachen war alles wieder präsent. Als ob es gerade erst geschehen wäre.

Ich hatte große Probleme damit, dieses Erlebnis zu verarbeiten, das Geschehene zu akzeptieren. Durch meine Ehefrau, die selber in der Opferarbeit tätig ist, hatte ich eine fast schon professionelle Hilfe, was für mich eine große Stütze war.

Mein emotionaler „Schutzmanns-Schutzmantel“ hat mich durch den körperlichen Kontakt zur trauernden Mutter nicht geschützt, auch wenn ich das vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Wie weggeblasen, aufgelöst, einfach nicht mehr vorhanden.

In den letzten Jahren habe ich meinen Schutzmantel oft wieder anziehen müssen, nun aber mit dem Wissen, dass dieser Schutz nicht absolut ist. Das Schreiben darüber, auch nach so langer Zeit, trägt letztendlich für mich noch zur Verarbeitung bei.

Es mag unglaublich klingen, aber bis zum heutigen Tag stehe ich manchmal nachts wieder an diesem Sarg und fühle den festen Griff der trauernden Mutter noch nach dem Aufwachen an meinem Arm.

Ich habe die Mutter seitdem nicht mehr wieder gesehen. Möglicherweise hat auch sie noch ab und zu an den Polizeibeamten gedacht, der ihr in dieser schwierigen Stunde die Hand gehalten hat.

Wie lange sie und ihr Sohn mich noch begleitet haben und noch begleiten werden, wird sie nie erfahren.

von Wilfried Helmerichs, Aurich/Wittmund



Normaler Tag

29. Dezember 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

Spätschicht! Der Umlauf der sich in Spätschicht, Frühschicht und Nachtschicht gliedert, beginnt wieder. Alles läuft wie immer. Aufstehen und die Minuten auskosten!

Elende Knochenmühle! Erstmal noch ein Frühstück, während der Zeiger auf die elf zu kriecht. Kaffee, eine Zigarette! Ab aufs Klo… Schnell, die Zeit drängt. Sich anranzen zu lassen, wegen ein paar Minuten muss nicht sein.

Heute habe ich absolut keine Lust. Wie immer öfter! Meine Fresse, wo sind die ganzen Illusionen hin? „Ich möchte zur Polizei, um Menschen zu schützen, die sich nicht selbst schützen können. Und da ich anderen Menschen dahingehend nicht recht vertraue, mache ich es lieber selbst, so der O-Ton meines persönlichen, psychologischen Einstellungstests!

Hätte ich gewusst, was mich alles für ein Schwachsinn erwartet, niemals wieder. Ok, als junger Kerl habe ich gedacht, die Bullen, große Fresse, dick, aber mit Macht ausgestattet, das keiner zu zucken wagt. Kurz rumschnauzen, in den Lada einsteigen, weg! Genau DAS wollte ich auch! Naja nicht ganz. Heute bin ich Polizeibeamter! Und zufriedener? Irgendwie…nö! Aber gereifter…nö! Schneller erwachsen geworden, wahrscheinlich, viele kindliche Illusionen einfach weg. Menschen sind schlecht!

Ich komme gut durch den Verkehr und biege in die Strasse zum Revier ein. Mal sehen, was es heute gibt! Dienstliche Erinnerungen werden wach, die jedes Mal auf dem Nachhauseweg sterben. Zum Glück! Noch was zu schreiben? Ja! Den Unfall fertig machen vom letzten Mal. War eh nur Sachschaden, und den Kellereinbruch für den Staatsanwalt. Täterhinweis …..Null!

Kurzer Gruß beim Vorbeilaufen an den Posten im Glaskasten! Umkleide, Uniform an, Waffe aus der Waffenkammer geholt. Aufenthaltsraum!

Die Kollegen sind schon da. Einige Kollegen sind immer eher da. Vermutlich wohnen die hier. Ich geh zu meinem angestammten Platz, begrüße meinen „Dicken“, vermutlich werden wir als Stammbesatzung wieder zusammen fahren und setze mich hin. Zwei Minuten sind es noch bis Dienstbeginn.

Zima (Zimmermann) - unser Dienstgruppenführer kommt rein, begrüßt uns kurz und fängt an die Ereignisse der freien Tage zu erzählen. Pkw-Aufbruch , Kellereinbruch, Familienknatsch bei Familie Lehmann, altbekanntes Klientel. Er schlug sie, sie flüchtete, Kollegen brachten ihn in den zentralen Gewahrsam. Sie erstattete Anzeige. Vorgang ging zum Ermittlungsdienst. Heute ließ sie ihn aber schon wieder zu Hause rein und teilte telefonisch mit, das sie die Anzeige zurückzieht.

„Elf PKW-Aufbrüche in der letzten Zeit, davon fünf in unserem Bereich! Achtet auf ungewöhnliche Personenbewegungen in der, der und der Strasse! 45 Verkehrsunfälle, fünf davon schwer, neun Verletzte, ein Toter!“ „Wo?“. Fragt einer nach. “ Stadtmitte! Eine Oma wurde von der Strassenbahn angefahren und erlag ihren Verletzungen im Krankenhaus! Also nix Ungewöhnliches! Alte Menschen sterben eben!“, fährt Zima fort.

„Es gab auch Beförderungen.“ Wir werden hellhörig!!! Warum wusste mal wieder niemand was davon? Betraf keinen vom Revier! Zima nennt Anzahl und Namen. Hansi, unser Alt-Obermeister springt auf und kann seinen Frust kaum verbergen. „So ne Scheiße…….hier erfährt man nix. Wieder niemand von uns dabei. Das kotzt mich an! Wir sind so schlecht? Setzt du dich so wenig für uns ein?“. Normalerweise müsste er sich schon daran gewöhnt haben, dass bekannte Namen vorbeiziehen, die man selbst noch als Praktikanten kennt. Sicherlich sind wir nicht so schlecht, aber es gibt nun mal ne Quote von Kollegen, die gut sein dürfen, und welche die Durchschnitt sein müssen und welche, die eben doof sein müssen, damit jedes Revier die gleiche Anzahl hat.

Nur halten sich manche Reviere scheinbar nicht daran. „Hansi, komm runter. Arschlecken!“.

Die Besatzungen werden eingeteilt. Ich fahre mit meinem Dicken, wie gehabt. „Ich habe einen Auftrag für euch! Die 107! Fahrt mal schnell L.-H.-Strasse dort Kellereinbruch! Die Geschädigte Frau Müller ist vor Ort.“ „Alles klar!“.  Ich habe heute irgendwie keine Lust und lasse Harry fahren.

Normalerweise heißt er Matthias, aber wir haben uns Derrickmässig auf Harry und Stephan geeinigt. Bisschen Blödelei muss sein! „Harry, fahr den Wagen vor!“. Er lächelt mich an und wir laden den ganzen Kram, zwei Koffer voller Formulare, Verwarngeldblöcke, Tatbestandskataloge, Zollstock, Abschleppprotokolle, Spurensicherungstasche, Fotoapparat, Alkomat, zwei kleine Handsprechfunkgeräte, ins Auto und fahren los.

„Frau Müller in der L.-H.Strasse! Weißte wo das ist?“ „Meinst Du ich bin doof?“. Wir lachen! „Wie war dein Frei?“ frage ich Harry. „Zu kurz! Hatte wieder Stress mit Schnela! Sie denkt, ich mache mit anderen Frauen rum“. „Und?“, hake ich nach. „Nix Bestimmtes! Hab da ne Schnulle kennengelernt. Warte es aber erst mal ab!“.

„Ich trauere hier ohne Ende meiner Beziehung nach und du machst hier ohne Ende die Weiber klar. Haste keine Gewissensbisse?“. Hat er nicht. Ich sehe die Sache zu eng. Sollte mich lockerer machen. Er höre in letzter Zeit immer nur den Namen meiner Ex. Zum Kotzen! „Okay,okay, ich werds lassen!“, verspreche ich ihm. „Endlich mal n vernünftiges Wort!“.

Harry kam vor ca. zwei Jahren auf unser Revier und setzte sich zufällig neben meinen Platz im Aufenthaltsraum. Ich war da noch nicht da. Die Chemie stimmte sofort und so wurden wir rasch als die „Zwillinge“ bezeichnet da wir ständig zusammenhingen und meist zusammen auf Streife fuhren. Mit anderen Kollegen lief es nicht so einfach ab. Mal zu seicht, mal zu faul. Einfach zu wenig irgendwie.

Wir kommen an! Klingeln. Frau Müller, eine ca. 45-jährige Frau öffnet uns. Der Einruch im Keller sei nicht bei ihr, sondern bei ihrer Mutter. Da sich die alte Dame mit 70 Jahren nicht mehr recht zu helfen weiß, rief die Tochter an. „Okay, gucken wir es uns mal an! Wissen Sie schon was fehlt?“ „Zwei Flaschen Mineralwasser und eine Flasche Wein, soweit wir das einschätzen können! Aber hier ist noch nie so was passiert!“. Kellertür aufgebrochen, bzw. Schloss mittels Bolzenschneider aufgeschnitten. Spurenlage sonst null!

Wir gehen hoch in die Wohnung, um den Papierkram zu erledigen und die Zeugenvernehmung durchzuführen! „Löwe 2/23 für den Löwen 231 kommen!“. „Löwe 2/23 hört sie!“. „Wir brauchen eine Tagebuchnummer auf den Kollegen B. , Kellereinbruch!“ „Die 12305!“ „12305-empfangen!“. Frau Müller bekommt ihre Tagebuchnummer für die Versicherung und fängt an aus ihrem Leben zu erzählen. „Wissen Sie, seitdem mein Mann vor fünf Jahren starb, bin ich ganz allein! Meine Tochter kommt zwar ab und zu vorbei, aber so was, wie mit dem Keller habe ich noch nie erlebt! Ich habe jetzt richtige Angst! War es falsch, dass ich die Polizei gerufen habe? Es waren ja nur zwei Flaschen Wasser und der Wein. Ich weiß gar nicht, wie die ins Haus kamen.“.

Wir beruhigen sie, alles halb so schlimm, dafür sind wir ja da. Der Tochter die Anzeigenbescheinigung erklärt, uns verabschiedet. Im Auto schauen wir uns kurz an. „Ich habe Knast!“ „Ich auch! Wo holen wir was?“ „Burgerking?“ „Meinetwegen!“. Ich melde den Auftrag ab und das wir wieder frei sind. Bis zum Burgerking sind es nur wenige Blocks. Harry muss mir nen Zehner leihen. Habe mein Geld auf dem Revier gelassen. Wir bestellen uns zwei deftige Portionen zum Mitnehmen und fahren Richtung Revier. Harry nutzt die Chance und schäkert mit der Bedienung rum. Als wir wieder zum Auto gehen, sagt er: „Ich hab die Telefonnummer!“. „Prima!“. „Na nicht so bissig! Sah doch schnieke aus!“. „Und Schnela?“. „Ist eh unberechtigt eifersüchtig! Außerdem führen wir ne offene Beziehung!“. „Klar!“. „Mach dich mal los von deiner Heike! Bist noch jung mit deinen 29!“.

Ja, ist doch okay. Habe eh damit zu tun, das nach fünf Jahren Beziehung alles irgendwie plötzlich nicht mehr klappte und die Beziehung zerbrach. Gerade als ich mich ans Familienleben gewöhnt hatte und unserer Tochter ein guter Vater sein wollte! Nach allem Hin und Her! Und trotzdem war es doch so schön gewesen. „Ich liebe dich nicht mehr!“ hatte sie mir gesagt „Gibt’s nen Anderen?“. „Nein!“. „Würdest du mir das sagen!“, wollte ich wissen „Ja!“. Wie ich später herausfand, war dieses Ja eine Lüge. Egal, der Katzenjammer blieb!

Harry hat da seine eigene Philosophie! „Du bist da einfach zu fest! Ich sehe das eher so. Auf meinem Karussell habe ich mehrere Plätze und wenn ich mal Lust auf einen kleinen Arsch habe, rufe ich sie an. Spinnt sie rum…Okay, kein Problem! Die Nächste freut sich auf mich! Entspann dich mal!“. „Aber das ist doch keine Liebe!“, entgegne ich „LIEBÄÄÄÄÄ????“. Er spinnt wieder und schreit laut rum. „Liebe ist Hundescheiße!Ich weiß.“.

Wir müssen beide lachen. „Die Leute denken, wenn sie uns sehen: Hier fährt Herr Anständig neben Herrn Vernünftig!“. „Ja..JajAjAJAJAJA……“ Harry parodiert Helge Schneider, weil er weiß, das ich dann nicht ernst bleiben kann. „Hundescheiße, mein Lieber! HUNDESCHEIßE!“. Ich muss lachen!

Kurz vorm Revier werden wir noch mal über Funk angesprochen . „Löwe 231, tut mir leid, alle anderen Wagen sind gebunden. Sie müssten mal in die W.-H.-Strasse fahren. Im dortigen Zooladen ist eine männliche Person umgefallen und liegt leblos im Geschäft. Prüfen sie!“. „Tierladen W.-H.Strasse. Leblose, männliche Person, verstanden!“. „Kommen Sie dort sofort mit Lage, Rettungswesen ist unterwegs!“.

Wir fahren mit Blaulicht und Sirene und stellen wie immer öfter fest, das der mündige Bürger sein Recht auf Freiheit und Selbstverwirklichung manchmal über die Interessen der Gemeinschaft stellt und unser Blaulicht mitunter sehr spät feststellt und spät reagiert.  „Solche Idioten, müsste man den Führerschein wegnehmen, allesamt! Arschlöcher!“ Harry flucht. Da wir dafür keine Zeit haben……geht’s weiter. Unbeschadet kommen wir an, steigen aus und ins Geschäft. Die Rettungssanitäter sind da und der Notarzt auch. Der Inhaber ist völlig aufgelöst und erzählt uns, als wir seine Personalien erheben, dass der ca. 50-jährige Mann in das Geschäft kam, sich kurz umschaute und durch die Gänge ging. Etwas später habe er ein komisches Geräusch gehört und sei nachsehen gegangen. „Da lag der Mann da und ich habe es mit der Angst bekommen, weil er so komisch zappelte! Ich rief dann den Notruf an und mit einem weiteren Kunden haben wir versucht ihn in eine stabile Seitenlage zu bringen, aber er bewegte sich plötzlich nicht mehr. Der Notarzt kam zum Glück kurz daraufhin hier an! Ich habe so was noch nie erlebt!“.

Der Ladenbesitzer zittert am ganzen Körper, währenddessen er den Bemühungen des Notarztes und der Sanitäter zuschaut. Der Mann liegt mit offener Jacke und offenem Hemd im Gang und wird mittels Injektionen, Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage versucht zu reanimieren. Gut gekleidet, etwa 50 Jahre alt, Vollbart, gepflegter Eindruck! Friedlicher Gesichtsausdruck, etwas Speichel im Mundwinkel, obwohl mir die Haut etwas grau vorkommt.

„Defibrillator!“. Oha, es kommt zum Letzten! Der Notarzt versucht noch 20 Minuten sein Bestes. „Todeszeitpunkt 14:35 Uhr! Akuter Herztod!“. So beschreibt er das Ende seiner Bemühungen. Wir schauen ihn fragend an. „Fremdverschulden ausgeschlossen, natürlicher Tod, Todesursache vermutlich Herzversagen!“.

„Brauchen wir einen Gerichtsmediziner?“ frage ich ihn. „Nein, ich stelle den endgültigen Totenschein aus!“, sagt er. Er kennt sich aus. Gefühle haben momentan keinen Platz. Es muss funktionieren. Wir müssen funktionieren! Er muss funktionieren.

Ich gebe die Lage per Funk an die Zentrale weiter und erbitte einen Bestattungsdienst.  Zwei Minuten später kommt der Rückruf: „Löwe 231, die städtische Bestattungsfirma kommt. Haben sie die Personalien des Toten?“ Ich gebe die Personalien durch. Der Funktischbeamte prüft und meldet sich kurz darauf bei uns. Der Mann sei verheiratet und wohnt im angrenzendem Bereich. Das Nachbarrevier wird die Witwe informieren. Der Zooladenbesitzer schließt sein Geschäft und kommt mit raus, um Eine zu rauchen. „Wissen Sie mit so etwas rechnet man doch nicht. Da kommt einer rein und fällt im Geschäft um. Dann ruft man den Notarzt… Ich fasse es nicht!“.

Er raucht Kette. „Einfach so tot.Das gibt’s doch gar nicht! Sie erleben doch so was sicherlich öfter. Wie schaffen Sie das?“. Harry schaut mich an. „Routine?“ Harry zuckt mit den Schultern. „Sowas in der Art. Haben wir zwar auch nicht jeden Tag, aber in gewisser Hinsicht stumpft es doch ab!“ „Ihren Job möchte ich nicht machen! Ich habe Angst vor Leichen!“ Die Bestattung trifft nach ungefähr einer Stunde ein. Harry führt sie zu dem Toten und übergibt den Totenschein und den Personalausweis. Der Mann ist mit einem weißem Tuch zugedeckt. Ringsum ihn herum liegen noch Spuren des Kampfes um sein Leben. Verpackungsmaterial der Spritzen fürs Adrenalin, die Kontakte des Herzschlagmessgerätes, Tupfer mit Blutflecken und seine Handgelenktasche. Ich bekomme einen Anruf übers Handy von unserem Funktischbeamten. „Stephan, ich habe noch ne unangenehme Sache für euch. Nord ist ausgebucht und ihr müsst die Frau aufsuchen und ihr die Todesnachricht überbringen.“. „Waaaas??? Fuck! Was ist mit Nord? Ich denke, das ist denen ihr Bereich? Ich habe so was noch nie gemacht.“ „Tut mir leid! Die haben einen Raub und zwei Täter. Sind ausgebucht! Kann ich leider auch nicht ändern! Ihr müsst!“. Ich lasse mir die Adresse geben und teile es Harry mit. „Na Spitzenklasse!“ Als die Bestatter die Leiche eingepackt haben, bleibt die Tasche des Toten liegen. „Südfriedhof?“. „Ja, Südfriedhof! Hat er Angehörige?“. „Ja wir müssen der Frau Bescheid sagen!“.

Sie übergeben uns noch eine Visitenkarte und die Handgelenktasche des Mannes. „Die Angehörigen sollen sich mit uns in Verbindung setzen, wegen des weiteren Ablaufs. Beerdigung und so! Die Tasche brauchen wir nicht.“. „Machen wir!“. Wir verabschieden uns vom Zooladenbesitzer und setzen uns in den Funkwagen. „Was für ne Scheiße, Mann!“ Ich habe ein komisches Gefühl, als ich die Tasche des Mannes auf die Rücksitzbank lege. Soviel bleibt von einem Mann, wenn es mal soweit ist. Eine Handgelenktasche. Na Spitze! „Weißt du wo das ist?“. Ich lotse ihn durch den beginnenden Feierabendverkehr in eine recht gut betuchte Wohngegend. Ein schwarzes Haus mit großen, alten Steinen, seine Adresse. Wir suchen seinen Namen und klingeln. Eine nette Frauenstimme: „Ja bitte?“. „Frau H.? Hier ist die Polizei.“

Der Türöffner summt und wir gehen ins Haus. 1. Etage! Sehr gepflegtes Ambiente! Etwas düster, aber gehobene Gehaltsklasse. Diese Welt müssen wir gleich erschüttern. Frau H. steht in der Tür. „Ist meiner Tochter was passiert? Meinem Mann?“. Wir bitten um Einlass und warten bis sie die Tür geschlossen hat. Ich suche nach den rechten Worten, doch was sind in solch einem Moment die rechten Worte? „Frau H. ihr Mann hatte einen Herzanfall! Der Notarzt war vor Ort und hat alles versucht.“. Ich sehe ihren flehenden Blick und kann kaum weitersprechen. „Frau H., ihr Mann ist leider verstorben!“. „WAAAASSSSSSSSSS??? Das kann nicht stimmen. Mein Mann lebt! Das kann nicht stimmen. Wir wollten morgen in den Urlaub fahren. Erwin H.?“. „Ja! Wir haben auch seine Adresse und seinen Ausweis. Es besteht leider kein Zweifel!“.

Ich möchte sie in diesem Moment festhalten, kann es aber irgendwie nicht. Mir geht’s beschissen. Immerhin haben wir es gesagt.  Sie setzt sich auf den Stuhl im Wohnzimmer und schlägt ihre linke Hand vor den Mund! „Das kann nicht sein! Das kann nicht sein! Wir wollten doch in den Urlaub!“. Wir stehen in der Wohnung und sagen nix. Minutenlang…..

Das Schloss geht und die Wohnungstür öffnet sich. Eine hübsche, junge Frau betritt die Wohnung. „Mutti?“. Frau H. läuft zu ihrer Tochter und bleibt kurz vor ihr stehen. „Papa ist tot!“. Etwas direkter, als ich es ihr gesagt hätte. Schlagartig bricht die Tochter in Tränen aus und rutscht an der Tür zusammen. „Nein, nein, nein, Papa, mein Papa!“.

Meine Fresse, das nimmt mich ganz schön mit. Blöde Weiber!

Ich kämpfe mit den Tränen und Harry geht’s nicht anders. Frau H. fasst sich und schaut mich an. „Was muss ich denn nun machen? Wo ist mein Mann?“ „Sie müssen sich mit der Bestattungsfirma in Verbindung setzen. Hier ist die Visitenkarte. Ihr Mann wurde zum Südfriedhof gebracht. Dort sind auch die weiteren Formalitäten zu erledigen.“. Sie dankt mir und nimmt die Karte entgegen. Ich gebe ihr die Tasche ihres Mannes. Sie drückt sie an die Brust und weint leise. Ihre Tochter steht auf und legt ihren Arm um ihre Mutter.

Ich drehe mich weg. Harry übernimmt das Ruder. „Frau H. sollen wir noch jemanden informieren? Verwandte? Brauchen Sie einen Arzt?“. Wie in Trance schaut Frau H. ihn an. „Nein, es geht schon. Ich rufe meinen Bruder an. Wir kommen klar. Ich danke Ihnen!“. Die Familie möchte wohl allein sein. Nach dem Telefonat mit dem Bruder und seiner Zusage verabschieden wir uns und gehen.

Die Tür fällt ins Schloss und wir beeilen uns ins Auto zu kommen. Rein und los! Nur weg hier! „Mannomann! Was für ein Scheißauftrag! Man sieht ja so einige Leichen, aber das hier war echt anders. Eben ist noch Leben in einem Menschen und plötzlich sieht man ,wie das Licht im Auge bricht. Weg!“.

Ich schüttele den Kopf. „Wir fahren erst mal rein. Ich melde das von drinnen ab!“.  Den Rest der Fahrt schweigen wir. Ich bespreche kurz den Ablauf mit unserem Dienstgruppenführer und er gibt uns Zeit, um alles in den Computer einzuklickern und den Schreibkram zu erledigen. „Die Witwe weiß Bescheid? Alles okay soweit?“, fragt er. „Ja, alles okay. Die Tochter war auch da und der Bruder kommt vorbei.“. „OK, dann melde ich das so hoch zum Lagezentrum.“

Wir fahren an diesem Tag noch zwei Sachschadenunfälle, nehmen Personalien auf, sprechen das Verwarngeld aus, kassieren, fahren rein und schreiben. „Also, morgen früh um sechs in alter Frische!“. Wir ziehen uns um und ich gehe mit Harry zu unseren Autos. „Bis dann mein Guter. Was machst du heute noch? Ich fahre zu Schnela!“. „Hmm…ich fahre heim. Vielleicht n bissel lesen oder fernsehen. Malsehen oder lange baden.“, antworte ich. „Häng nicht so durch! Es wird alles!“. Er zeigt mit dem Finger auf mich. „Hundescheiße??“. „Genau!“, antworte ich. Wir lachen……

Ich sehe ihn losfahren und denke kurz an Familie H., denen nun der Vater fehlt. Tod zwischen Katzenstreu und Hamsterrad. Was für ne Scheißsituation und das kurz vorm Urlaub. Ich setze mich ins Auto, starte den Motor und bin daheim.

von Karsten Lauschke



Alle Jahre wieder

18. Dezember 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

Ich hatte noch nicht mal ein Jahr im Außendienst am Buckel, als ich zum ersten Mal mit dem Umstand der Hilflosigkeit und Ohnmacht konfrontiert wurde, der wir alle irgendwann mal in unserem Beruf ausgesetzt und die uns zeigt, dass wir nur beschränkt all das umsetzen und verwirklichen können, was wir uns mal vorgenommen haben. Nicht helfen können, obwohl man möchte… (weiterlesen)



Napoleon

14. Dezember 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

von Ralf Zander, Hamburg

Alkoholiker zu werden, kann viele Ursachen haben. Da gibt es Schicksalsschläge, wie den Tod naher Verwandter, die Scheidung vom Ehepartner, Unsicherheiten und Ängste im Berufsleben, Schichtdienst und anderer Stress.

Bei den meisten lag es allerdings nur daran, daß sie schon immer gern einen getrunken hatten; im .jugendlichen Alter heimlich mit der Gruppe, später dann der allgemeinen gesellschaftlichen Gepflogenheiten wegen. Es wurde viel gefeiert, oder der Betroffene knobelte in seiner Stammkneipe und knallte sich einen, entweder als Gewinner oder auch Verlierer der so genannten Schnapsrunden.

Polizisten waren ebenfalls nicht unbedingt gegen zu hohen Alkoholkonsum gefeit. Auch Frank Matten trank sich hin und wieder das Elend, das er täglich auf den Straßen St. Paulis zu sehen bekam, mit Bier oder Whisky/Cola von der Seele.

Zu seinem Glück wirkte sich dieser Genuß nicht zur Sucht aus. Ganz anders erging es „Pille“, der mit bürgerlichem Namen Wilfried Bartels hieß, nicht verwandt mit Willi Bartels, dem „König von St. Pauli“.

„Pille“, das war die Kurzfassung seines Spitznamens „Pillhuhn“, den er wegen seines langen Halses und der überdimensionalen Gurgel von den Kollegen erworben hatte. Pi l le mußte selbst während des Dienstes ab und zu einen Schluck nehmen, wenn seine Hände auf Grund von Ausfallerscheinungen zu stark zitterten. Ansonsten war er ein fideler Zeitgenosse und für .jeden Scherz zu haben.

Er war unbeweibt, allerdings auch unbemannt; nur der Kater Napoleon teilte mit ihm die Wohnung . Eines feuchten Septembertages wollte Pille wie üblich mit dem Bus nach Hause fahren, sein Hals war bereits vom Inhalt des Bierschrankes seiner Schicht erheblich angefeuchtet.

Wie es das Glück oder Unglück so wollte, lag sein Stammlokal auf dem Weg zwischen der Bushaltestelle und der Haustür seiner Wohnung. Er kam einmal mehr nicht an dieser Kneipe vorbei. Der Durst war einfach stärker. Kater Napoleon mußte mal wieder lange auf seinen Kittecat- Dosenöffner warten.

Inzwischen war es halb drei Uhr morgens, als Pille nach Hause torkelte und Schwierigkeiten hatte, den Schlüssel ins Schloß zu bekommen. Geschafft! Erst einmal ließ er sich in den Sessel reinfallen.

“Napoleon! Napoleon!” flötete er mit weicher, lockender Stimme. “Napoleon!” Kater Napoleon zeigte sich nicht. Mühsam raffte sich Pille auf und suchte seine Zweizimmerwohnung ab. Nichts, kein Kater. Trotz seines Suffs bemerkte er, daß die Balkontür einen Spalt offen stand. Auf dem Balkon befand sich sein Mitbewohner nicht, also konnte er nur vom Hochparterre auf das Gartengelände runtergesprungen sein.

Pille schnappte sich eine Taschenlampe aus der Schublade des Küchenschrankes und schwankte mühsam die Treppen wieder runter. Hinter dem Haus strolchte er, teilweise sogar auf allen Vieren, durch die Büsche des Gartens: “Napoleon! Napoleon ! ”

Plötzlich blendete ihn der Schein mehrer Handstrahler: “Halt! Polizei! Was haben Sie da zu suchen?”

Pille, total überrascht und erschrocken: “Ich? Ich such’ Napoleon.”, und schwach hinterher: „Ich wohn’ doch hier.“ Beim Peterwagen ließen sich Pilles Kollegen überzeugen, zumal er durch den Schock etwas ernüchterte und seinen Dienstausweis zeigen konnte.

Napoleon, der endlich der Stimme seines Herrchens folgte, trippelte vorwurfsvoll miauend und mit hochgezogener Rute auf ihn zu. Beide begaben sich zur Nachtruhe und die aufmerksamen Kollegen fuhren wieder auf Wacht.



Wiedervereinigung

4. Dezember 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

von Uwe Hartig, Berlin

“Ich finde, wir haben jetzt genug diskutiert, findest du nicht auch?“ sagte sie. “Ja, ich finde auch, wir haben jetzt genug gequatscht, schlaf schön!“ sagte er, schaltete das Licht aus und drehte sich auf die andere Seite. “Kannst du jetzt einfach so schlafen?“ fragte sie. “Was hast du gesagt?“ “Ach nicht’s, iss schon gut“ “Hör mal, wenn dich irgend etwas beschäftigt dann…“ “Dich beschäftigt natürlich nichts, das hätte mir von Anfang an klar sein müssen!“

“Oh nein, bitte nicht!“ flüsterte er und scheiterte beim Versuch, sich die Zipfel seines Daunenkopfkissens in die Ohren zu stopfen. “Deine eigene Mutter hat mich vor Dir gewarnt, mein Gott war ich naiv!… “ Als er nicht antwortete, stieß sie ihn unsanft in die Seite. “Spinnst du, willst du mir die Rippen brechen?“ “Da ist ja wohl genug Fett drauf mein Lieber, du müsstest dich ein wenig mehr bewegen. Beim Wischen einer Dreizimmerwohnung verbraucht der Körper 356 Kilokalorien, das kannst du gern ausprobieren.“

“Beim Sex verbrauche ich doppelt so viel!“ “Vergiss es!“ “Ach leck mich doch…“ “Wo und wann immer du willst Schatz!“ sagte er, schon etwas munterer. “Du hast auch nur das Eine im Kopf, was?“ “Nö.“ “Na jetzt bin ich mal gespannt!“ “Könnten wir das auf morgen Abend vertagen, ich muss morgen früh raus.“ “Ach, dafür ist plötzlich keine Zeit mehr, was?“ “Nö.“

“Die Sybille hat von ihrem Mann zum Hochzeitstag eine Reise nach Budapest geschenkt bekommen, kannst du dir das vorstellen?“ “Nö“ “Was heißt denn nein?“ “Nein!“ “Wie nein?“

“Nein heißt nein, weil Dirk, der Mann von Sybille, dem Horst, unserem Parteisekretär, gesagt hat, dass er ihm in die Fresse hauen wird.“

“Horst ist Parteisekretär? Er war doch so ein Netter auf der Weihnachtsfeier. Warum wollte er ihm denn in die …. ins Gesicht schlagen?“

“Weil der die Reise nach Budapest abgeblasen hat!“

“Das kann der?“

“Der nicht, aber Herr Rüdiger, was unser neuer Chef iss, der hat’s gemacht. Der hat die Reise an einen linientreuen Aktivisten vergeben.“

“Warum das denn?“

“Man munkelt, dieser sogenannte Aktivist hat seine zweijährige Keramikfliesenanmeldung dafür eingetauscht. Und der Chef baut doch gerade.“

“Und das hat der Horst mitgemacht?“ “Horst wir im nächsten Jahr Aktivist!“

“Wann sind wir eigentlich dran mit unserer Autoanmeldung?“ fragte sie. “Fünf Jahre noch.“ “Wir könnten uns ja den Gebrauchten von Hansi kaufen, der ist erst 12 Jahre alt und kostet nur so viel wie ein neuer Trabi, das würde doch gehen, oder?“

“Ich muss morgen wirklich früh raus, bitte.“

“Holst du mir am Sonnabend Brötchen? Die schönen dicken, ja?“ “Die Schlange vom Bäcker geht mindestens bis zum Gemüsemann. Wenn ich drankomme bin ich pappensatt!“

“Du machst gar nichts mehr für mich, ist dir das schon mal aufgefallen?“

“Nö.“

“Was würdest du eigentlich für mich tun, um mir zu zeigen, dass du mich liebst?“

“Bitte Schatz, es ist wirklich schon spät!“

“Was würdest du tun?“ fragte sie etwas lauter.

“Ich würde dich nach Paris einladen, auf den Eifelturm scheuchen und du müsstest…“ Er beugte sich zu ihr hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dabei lachte er.

“Die nächsten hundert Jahre nicht!“ sagte sie und schaltete das Licht aus.

In der nächsten Zeit überschlugen sich die Ereignisse. In Leipzig demonstrierten erst einige Wenige, später das ganze Volk. Dabei ging es nicht ums schlechte Fernsehprogramm.

“Wir weinen diesen Leuten keine Träne nach!“ lauteten die Kommentare in den Radiosendern, nachdem Hunderte über die grüne Grenze nach Ungarn entkommen waren.

Sie hatten sich nicht verlaufen.

Am 09.11.1989, um 18.53, verliest Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros der Deutschen Demokratischen Republik, das jeder Bürger der DDR reisen kann wohin er will. Er hatte seine Brille nicht vergessen.

Der Jubel in der ganzen Welt war groß, die Franzosen übertrieben wie immer. Am Tag danach wurden sogar Dessous vom Eiffelturm geworfen.

Getragen. Getragen vom Wind, der an diesem Tag besonders kräftig blies.



Zeit zu Gehen

24. November 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

von Jochen Frech

Sie war aus dem Zimmer gegangen und betrachtete die Fotos an der Wand. Auf einem sah sie den Mann, der gerade mit ihr geschlafen hatte, wie er eine Frau im Arm hält. Vor den beiden knieten zwei kleine Kinder im Sand eines Badestrandes. Im Hintergrund das Meer. Alle vier lächelten auf dem Bild. Sahen glücklich aus.

Du machst mich glücklich, hatte er vorhin zu ihr gesagt. Es gibt unterschiedliche Arten von Glück, dachte sie, während ihr Blick von einem Foto zum nächsten wanderte. Sie wunderte sich über die Farben und Größen der Rahmen, die beinahe alle unterschiedlich aussahen. Billige Massenware aus dem Baumarkt. Die Fotos schienen wahllos und in größeren Zeitabständen an der Wand platziert worden zu sein. Auf sie wirkten die Bilder wie ungeschickt arrangierte Momentaufnahmen einer scheinbar heilen Familie.

Eine Patina aus Staub und kaltem Rauch hatte sich über das entspiegelte Glas gelegt. In der Reflexion einer größeren Glasfläche bemerkte sie ihren nackten Körper. Gleichgültig betrachtete sie das Abbild ihrer Figur. Nach einer kurzen Zeit wandte sie ihren Blick davon ab.

Auf einem anderen Foto erkannte sie ihn wieder. Er saß in einem Boot und hielt eine Angel in der Hand. Hinter ihm ein anderer Mann, der einen Fisch in Richtung Kamera hielt. Beide lachten. Ein lustiger Angelausflug. Irgendwann. Irgendwo.

Keiner der Orte  und Landschaften, die sie auf den Lichtbildern sah, kam ihr bekannt vor. Auf einer dritten Aufnahme, die sie näher betrachtete, saßen die beiden Kinder auf einer Schaukel. Fröhlich blickten sie in Richtung des Fotografen. Unwillkürlich tastete sie nach der Stelle an ihrem Mund und erinnerte sich an den Spielplatz der Krippe, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte.

Einmal hatte sie beim Schaukeln die Kontrolle verloren und war aus zwei Metern Höhe auf den Boden gefallen. Dabei hatte sie sich einen tiefen Schnitt an der Oberlippe zugezogen, der mit mehreren Stichen in der Klinik genäht werden musste.

An den regelmäßigen Atemgeräuschen, die aus dem Nebenzimmer zu ihr drangen, merkte sie, dass der Mann eingeschlafen war. Leise ging sie in den Raum und suchte ihre Kleider, die auf dem Boden verstreut lagen, zusammen. Geräuschlos zog sie sich an.

Wieder ging sie in das Zimmer mit den Wandbildern. Obwohl sie gerne gegangen wäre blieb ihr nichts anderes übrig als zu warten. Sie wagte es nicht, ihn aufzuwecken. Wusste nicht, wie er reagieren würde. Erneut lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf die Lichtbilder.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Bilder ausnahmslos Schwarz-Weiß-Abzüge waren. Dadurch wirken die bunten Rahmen erst recht kitschig, dachte sie. Noch einmal erblickte sie den Mann auf einem der Motive wie er dabei war, auf einem Campingplatz ein großes Zelt aufzustellen. Vielleicht in Italien. Sie wusste es nicht. Wieder erkannte sie sein typisches Lächeln. So hatte er vorhin auch gelächelt, erinnerte sie sich angewidert.

Alle lächeln sie so, dachte sie. Vielleicht, um mir ihre Überlegenheit oder ihre Geringschätzung zu demonstrieren. Trotzdem rufen sie an. Wollen, dass ich zu ihnen komme.

Zum zweiten Mal dachte sie darüber nach die Wohnung zu verlassen. Das Warten machte sie wütend. Aber der Mann hatte ihr noch kein Geld gegeben. Sie brauchte es dringend. Alles war teuer. Die Wohnung, das Essen, die Kleider und die Telefonkosten. In den letzten Wochen hatte sie es gerade so geschafft, sich über Wasser zu halten.

Sie spürte, dass sie auf die Toilette musste, entschloss sich aber zu warten, bis sie zu Hause war. Ungeduldig warf sie einen kurzen Blick in das Nebenzimmer. Der Mann schlief tief und fest. Es war bereits nach sechzehn Uhr. Bald würden die Frau und die Kinder des Mannes nach Hause kommen. Wir haben nicht viel Zeit, hatte er sie vorhin gedrängt.

Anfangs hatte sie sich mit ihm auf Parkplätzen getroffen. Aber dann wollte er, dass sie zu ihm nach Hause komme, wenn seine Familie weg war. Seine Frau wisse, dass er mit anderen Frauen schlafe, hatte er ihr gesagt. Sie glaubte ihm nicht. Sie brauchte das Geld. Und sie wusste, dass die meisten Männer, die zu ihr kamen, nicht die Wahrheit sagten. Nie hatte sie sich für die Beweggründe der Männer interessiert oder sich danach erkundigt. Trotzdem rechtfertigten sich die meisten vor ihr. Als ob sie etwas Verbotenes tun würden. Als ob sie etwas Verbotenes wäre.

Vielleicht war es so, sie wusste es nicht. Für sie war klar, dass sie selbst niemanden betrog oder etwas tat, wofür sie Rechenschaft ablegen musste. Einmal hatte sie in der Stadt einen der Männer getroffen, der regelmäßig zu ihr kam und bei jedem Mal erzählt hatte, dass er geschieden wäre und alleine lebte. Er lief Hand in Hand mit einer Frau. Beide trugen einen Ehering. Neben den beiden liefen drei bildhübsche Kinder. Als er sie erkannte, blickte er zur Seite und zog seine Frau an der Hand in Richtung der Schaufensterscheibe eines Uhrengeschäfts.

Verwirrt war sie einige Zeit inmitten der Menschenmassen stehen geblieben. In diesen Augenblicken war ihr schmerzhaft bewusst geworden, wie einsam sie war und dass sie gerne ein anderes Leben geführt hätte. Lange Zeit hatte sie Schuldgefühle gegenüber der Frau gehabt, obwohl sie einander nicht kannten. Der Mann hatte versucht sie noch einige Male anzurufen, aber sie war nicht mehr ans Telefon gegangen. Nach diesem Erlebnis war sie fest entschlossen gewesen eine andere Arbeit zu finden. Etwas in ihrem Leben zu verändern. Aber sie erhielt überall  Absagen.

Nach ein paar Wochen konnte sie diese Ablehnungen nicht mehr ertragen und inserierte wieder in den Zeitungen der Stadt. Es war ihr egal geworden, wer die Männer waren und aus welchem Grund sie bei ihr anriefen.

Unbemerkt hatte sie einige Minuten vor einem größeren Bilderrahmen verharrt, in dem aus einem Passepartout Zwischenräume für unterschiedliche Bildformate herausgearbeitet waren. In ihnen befanden sich mehrere Fotos und Passbilder der gesamten Familie. Ihr fiel auf, dass sich zwei identische Passbilder der Frau in dem Rahmen befanden. Unbewusst griff sie nach ihrer Handtasche, die neben ihr auf dem Boden stand. Aus ihrer Geldbörse kramte sie ein Passbild, das sie vor Wochen am Bahnhofsautomaten gemacht hatte. Sie vergewisserte sich, dass der Mann noch schlief. Dann nahm sie behutsam das Bild von der Wand und öffnete die Klammern auf der Rückseite. Nachdem sie eines der beiden Bilder der Frau mit dem ihrigen getauscht und den Rahmen wieder an die Wand gehängt hatte, betrachtete sie ihr Werk.

Ihr gefiel es, ihr eigenes Gesicht in einem Bilderrahmen zu betrachten. Eigentlich ein hübsches Gesicht, dachte sie und freute sich darüber, dass sie auf dem Bild lächelte. Dann dachte sie, dass es Zeit war zu gehen.

Zeit zu Gehen belegte beim Kurzgeschichtenwettbewerb des Herbert Utz Verlag zum Thema “Niemandsland” aus über 500 Einsendungen den 6. Platz. Die 26 besten Geschichten wurden in einer Anthologie veröffentlicht: Literareon im Herbert Utz Verlag, München 2009, ISBN: 978-3-8316- 1362-5.



Gibt es Engel?

19. November 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

von Günter Aulenbach

Ein junger Mann wurde gesucht. Er hatte ein kleines Mädchen vor dem Ertrinken gerettet; und nun wollte man ihn ehren, ihm danksagen, ihn vielleicht als einen Helden feiern.

Von Helden liest und hört man häufig, in den Medien, der Presse, in Rundfunk und Fernsehen. Es wird von Menschen berichtet, die übermenschliches geleistet bzw. vollbracht haben; im Bereich des Sports, der Politik, der Wissenschaft oder Forschung.

Personen werden vorgestellt, die die tollsten Dinge vollbracht haben. Vielleicht haben sie einen Krieg gewonnen, der Menschheit ein Mittel gegen eine sonst unheilbare Krankheit geschenkt, einen kleinen Ball präzise über ein Netz gespielt oder aber einen hohen Berg bestiegen. Unzählig sind die Möglichkeiten ein Held zu werden. Zum Heldentum gehört aber auch die Öffentlichkeit, denn der Held braucht sein Publikum, benötigt die Medien, um schließlich und letztlich bewundert zu werden.

Genau aus diesem Grunde hat mich diese Geschichte nicht in Ruhe gelassen. Vieles habe ich damals mit meinen 13 Jahren noch nicht verstanden und deshalb wohl auch ein wenig mehr nachgedacht als andere Zeitungsleser.

Aber was hatte sich ereignet an jenem denkwürdigen Vorweihnachtstag? einem Tag, der sich durch nichts, aber auch gar nichts, von anderen Tagen unterschieden hatte; bis auf einen Unfall, bei dem ein kleines Mädchen in einen Mühlenbach gefallen war. Vom Strom abgezweigt fließt dieses Gewässer auf einer Breite von ca. 10 Metern, eingeengt durch steile Betonwände, mitten durch die Stadt. Mit hoher Geschwindigkeit strömen die Wassermassen auf das Mühlenhaus zu, wo sie dann gurgelnd und schäumend in der Dunkelheit des Mühlradschachtes verschwinden.

Ungeachtet von den vielen Menschen, die hektisch versuchten ihre letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen, spielten an diesem Mühlengraben mehrere Kinder, unterhalb einer Brücke, die in einem hohen Bogen über das Gewässer führt. Kalt war es an diesem Vormittag und auch an den Vortagen waren die Temperaturen nachts weit und die 0-Gradgrenze gerutscht. Während ihres Spiels hatten die Kinder offensichtlich die Gefährlichkeit des gefrorenen Grases vergessen. Ein kleines Mädchen rutschte aus und fiel mit einem lauten Aufschrei in den Mühlengraben. Sofort wurde es von der starken Strömung erfasst und fort getragen. Es trieb auf die Brücke zu, auf der sich in diesem Augenblick viele Menschen befanden, die fast alle auf die Hilferufe aufmerksam geworden waren. Sie standen auf der Brücke und sahen teilnahmslos zu, wie das Kind mit dem Tode rang, verzweifelt, aber ohne jede Chance.

Ein junger Mann hatte die Hilferufe gehört und sah das Kind auf die Brücke und das dahinter liegende Mühlengebäude zutreiben. Spätestens dort war eine Rettung nicht mehr möglich. Er hatte augenblicklich seine Jacke ausgezogen und war auf die andere Straßenseite gelaufen, um hier die wenigen Sekunden abzuwarten bis das Kind seine Höhe fast erreicht hatte.

Dann kam der Sprung, der Sprung hinab in die Tiefe, in das eiskalte Wasser, dessen reißende Flut auch einen geübten Schwimmer unwiderstehlich in die Tiefe zog. Das Wasser spritzte hoch auf und es hatte so ausgesehen, als ob die Flut jenen jungen Mann verschlingen wollte, als er für einen 2 Augenblick völlig verschwunden war.

Aber nur wenigen Sekunden später war er wieder aufgetaucht. Mit kräftigen Schwimmzügen hatte er das Wasser so beiseite geschoben, als ob ihm der Sog nie etwas anhaben könnte. Dann hatte er die Ertrinkende erreicht. Sein starker Arm hielt sie fest und gab sie nicht mehr dem Wasser preis. Es folgten ein paar Armzüge und das rettende Ufer war erreicht. Dann hatte er das kleine Mädchen auf die Betonmauer gehoben, ihr einen Kuss auf das triefend nasse Gesicht gegeben und war gegangen – einfach gegangen – während die zuerst gaffende und schweigende Menschenmenge auf das Kind zugelaufen kam.

Auf der Brücke hatte man ihn zuletzt gesehen, als er seine Jacke anzog.

Danach war er verschwunden, einfach verschwunden, hatte sich aufgelöst in Luft in “„Nichts“.

Nun wurde er gesucht Er sollte geehrt werden und vielleicht würde später in der Zeitung stehen er sei ein Held. Als ich die Geschichte las, dachte ich an den Sommer, dachte daran, wie oft ich vom Dreimetersprungbrett zurückgetreten war, wie es mich erschauert hatte, als ich in die Tiefe sah.

Wäre nicht ” Muss ” zur Erreichung des Fahrtenschwimmerzeugnisses gewesen, ich wäre sicherlich nie gesprungen.

Aber in diesem Fall? Die Brücke war sicherlich um einiges höher, das Wasser eiskalt, die Strömung reißend und die Kleider, die man trug, mussten einen erbarmungslos in die Tiefe ziehen. Wie eine Gänsehaut lief es über meinen Körper, als ich daran dachte, dass hier jemand von der Brücke gesprungen war, um einem kleinen Mädchen das Leben zu retten; einem Menschen, den der Retter nicht kannte, dem er in keiner Weise nahe stand, ja sicherlich im Leben noch nie begegnet war.

- War das nun ein Held? Ich habe darüber nachgedacht. Die Bilder unserer Helden sehen wir in der Zeitung, wir kennen sie aus den Illustrierten oder dem Fernsehen. Wir wissen wie sie heißen, welche Hobbys sie haben und welche Meinung sie vertreten..

Aber diesen Helden kannte niemand, niemand wusste wer er war.

Und dann war es für mich ganz klar, klar, dass ihn niemand kennen konnte, denn Gott hatte eigens einen seiner Engel auf diese Welt geschickt, um dieses kleine Mädchen vor dem Ertrinken zu bewahren.

Es sollte sich an Gottes schöner Schöpfung erfreuen und erfahren was es bedeutet geliebt zu werden - es sollte Weihnachten erleben!



Der verkannte Sohn

3. November 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

Es war ein Frühdienst am Samstag. Ich hatte die Woche komplett gearbeitet, und jeden Tag früh aufstehen war für einen Schichtgänger fürchterlich. Die meisten Kollegen kommen mit der Frühwoche nicht klar.
Spätestens am Samstag fängt man an die Minuten bis zum Feierabend zu zählen und sich auf den einzig richtigen freien Tag am Sonntag zu freuen. Bei uns sollte sich der Feierabend aber hinauszögern und mit einem Einsatz enden, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde. (weiterlesen)



Ein sonderbarer Einbrecher

23. Oktober 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

“Es ist ärgerlich im Winter zum Nachtdienst zu fahren. Der Tag neigt sich dem Ende zu, draußen ist es schon dunkel und morgen früh bei der Heimfahrt - ja, dann auch noch. Und wenn dann die Sonne aufgeht, wenn deine Umwelt auflebt und sich zu regen beginnt, dann schläfst du “hoffentlich” ein.

Verrückte Welt im Schichtdienst und warum mache gerade ich das mit”, dachte sich Flohe auf der Fahrt zu seinem Polizeirevier. Gegen 20.00 Uhr, kurze Besprechung, Streifeneinteilung.
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In der Linie 4

15. Oktober 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

„Ey, Leute, eine Polizistenfrau“, dröhnt es aus dem ersten Wagen der Linie 4 – vom Hauptbahnhof stadtauswärts. Fünfzehn Minuten sind es bis nach Hause mit der Straßenbahn. Es ist einer der wenigen Tage, an dem ich meine Uniform nach Dienstschluss nicht in den Schrank gehängt habe, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahre. (weiterlesen)



Es musste ja so kommen

1. Oktober 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

Wie die Nacht wohl wird?

Wer ist noch da?

Mit wem fahr ich raus?

Die üblichen Gedanken auf dem Weg zum Nachtdienst an einem Freitag im Februar. (weiterlesen)



Anna

14. September 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

Wir haben April 2005. Ich bin als Kommissaranwärter im Essener Norden gelandet. War ja auch klar mit meinem Namen. Den Vornamen werde ich in der nächsten Zeit noch öfters über Funk buchstabieren müssen, weil meine Namensvetter pöbelnd hinten als Beschuldigte in der Karre sitzen..V wie Viktor, O wie Otto, L wie .. lieber Gott hol mich hier raus. Ausländeranteil in meiner Polizeiinspektion liegt bei ca 50 % und ich mittendrin. Hallelujah. (weiterlesen)



Mein Schusswaffenerlebnis

3. September 2009 | Thema: Polizei Poeten | Drucken

Am 23.01.1991, gegen 23.15 Uhr, erhielten wir über Funk den Auftrag, zu einem Familienstreit zu fahren. Jemand würde randalieren. Unmittelbar bevor wir das Anwesen erreichten, kam uns ein jüngerer Mann mit blutverschmiertem Hemd entgegengelaufen, der uns vorwurfsvoll zu rief: „Warum kommt ihr erst jetzt?“. (weiterlesen)