Gemeinsame Erinnerung an ehemaliges Polizeigefängnis Priesterstraße/Bauhofstraße

9. November 2018 | Themenbereich: Aktuell, Brandenburg | Drucken

Heute ist es ein unscheinbarer Parkplatz auf dem Gelände des Regierungsstandortes Henning-von-Tresckow-Straße. Früher saßen hier Häftlinge der Gestapo und später der Stasi in Haft. Die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße hat heute eine Publikation zu ihrer Ausstellung über das Polizeigefängnis Priesterstraße/Bauhofstraße vorgestellt. Der Katalog gibt einen Überblick über die Ausstellung und enthält darüber hinaus weitere Beiträge. Die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße hatte 2017 erstmals die Geschichte des Potsdamer Polizeigefängnisses untersucht und die Rechercheergebnisse in einer Werkstattausstellung präsentiert.

Innenminister Karl-Heinz Schröter: „Hier vor Ort erinnert nichts mehr an das Gefängnis. Das Gebäude wurde 2002 abgerissen. Nicht verschwunden ist das Wissen um die Verbrechen, die hier verübt wurden. Das verdanken wir der umfassenden Recherchearbeit der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße. Ihre Ausstellung zeigte bis zum Frühjahr 2018 erstmals, welche Verbrechen hier im Namen der Obrigkeit begangen wurden. Dass der Ausstellungskatalog heute hier am Sitz des Innenministeriums am 9. November zusammen mit der Gedenkstätte vorgestellt wird, verdeutlicht die besondere Verantwortung für unsere Vergangenheit. Ministerium und Polizei wissen um die Schlussfolgerungen, die sich daraus für Gegenwart und Zukunft ergeben.“

Uta Gerlant, Leiterin der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße: „Mit der Werkstattausstellung, die wir von Dezember 2017 bis April 2018 über das Polizeigefängnis Priesterstraße/Bauhofstraße in der Gedenkstätte Lindenstraße zeigten, wollten wir dieses Kapitel Potsdamer Geschichte ins öffentliche Bewusstsein zurückholen. In der Publikation, die zusätzlich einen wissenschaftlichen Aufsatz und zwei Interviews enthält, können nun alle Interessierten unsere Rechercheergebnisse auch zu Hause nachlesen. Ich freue mich sehr, dass wir die Publikation heute am authentischen Ort vorstellen können.“

Im Zuge der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurden zahlreiche jüdische Männer in Potsdam und Babelsberg festgenommen und in das Polizeigefängnis in der damaligen Priesterstraße gebracht. Zu ihnen gehörte der expressionistische Maler Fritz Ascher, der dann in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert wurde. Sein Werk wurde erst zu Beginn des Jahres durch eine Ausstellung des Potsdam Museums und des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf zusammen mit der Fritz Ascher Society gewürdigt.

Auch Hansjoachim von Rohr, konservativer Politiker und erklärter Gegner der Nationalsozialisten, war im Polizeigefängnis Priesterstraße inhaftiert. Festgenommen in Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, war er seit August 1944 bis zum Kriegsende im Polizeigefängnis Potsdam inhaftiert.

Die Idee, eine historische Ausstellung über das Gefängnis zeitgleich mit den Kunstausstellungen zu Fritz Ascher zu zeigen, hatten die Leiterinnen zweier Potsdamer Einrichtungen vor mehr als zwei Jahren: Uta Gerlant, Leiterin der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße, und Dr. Jutta Götzmann, Direktorin des Potsdam Museums. Sie kooperierten dabei mit Dr. Sabine Witt, der damaligen Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf, wo ebenfalls eine Fritz-Ascher-Retrospektive zu sehen war. Inspiriert hatte das Projekt die Kunsthistorikerin Rachel Stern, Direktorin der Fritz Ascher Society New York, die bereits seit Jahrzehnten zu Fritz Ascher arbeitet.

Dass die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße die Geschichte des Potsdamer Polizeigefängnisses Priesterstraße/Bauhofstraße untersuchte, hat einen Grund: Zwischen diesem Gefängnis und dem in der Lindenstraße gab es Beziehungen – sei es, dass zeitgleich Mitglieder einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus in beiden Gefängnissen inhaftiert waren oder dass der Staatssicherheitsdienst der DDR ab1950 Inhaftierte aus dem Gefängnis in der Bauhofstraße (die Straße war umbenannt worden) in das sowjetische Geheimdienstgefängnis Lindenstraße überstellte.

Später, als nach 1952 der Staatssicherheitsdienst des Bezirkes Potsdam in der Lindenstraße (die damals Otto-Nuschke-Straße hieß) das Untersuchungsgefängnis betrieb, wurden Häftlinge kurz vor ihrer Freilassung oder ihrem Freikauf durch die Bundesrepublik in das Gefängnis in der Bauhofstraße überführt.

Die Publikation über das Potsdamer Polizeigefängnis verdankt sich maßgeblich den Forschungen der Kuratorin Astrid Homann. Damit liegt nun Material über die Geheime Staatspolizeistelle Potsdam, aber auch über die Nutzung des Gefängnisses nach 1945 vor. Die Herausgeber betrachten sie nicht als abgeschlossenes Werk, sondern als Beginn für die Auseinandersetzung mit diesem historischen Ort.