Weniger Verkehrsunfalltote aber mehr Unfälle

18. April 2017 | Themenbereich: Aktuell, Mecklenburg-Vorp. | Drucken

Die Entwicklung der Verkehrsunfallzahlen in Mecklenburg-Vorpommern für das Jahr 2016 zeigt Licht und Schatten. Wie rau und gefährlich es mitunter auf den Straßen in unserem Bundesland zugeht, spiegelt sich in den Unfallzahlen des vergangenen Jahres wider.

Wichtigste polizeiliche Leitlinie ist zukünftig konsequentes Vorgehen gegen verkehrsgefährdendes Verhalten durch landesweite, themenorientierte Schwerpunktkontrollen
Bei der Entwicklung der Verkehrsunfalllage in unserem Bundesland liegt Mecklenburg-Vorpommern, außer bei den Verunglückten, zum Teil deutlich unter dem Bundestrend. Während dort ein Anstieg von 2,75 Prozent zum Vorjahreszeitraum festzustellen ist, stieg die Zahl der in Mecklenburg-Vorpommern durch die Polizei registrierten Unfälle mit insgesamt 56.971 nur um 1,6 Prozent bzw. 894 Unfälle. (2015: 56.077)
Der Anstieg in der Gesamtzahl liegt insbesondere in den Unfällen mit Sachschaden (+ 1,7 % bzw. 897 Unfälle) begründet.
Bei der Gesamtzahl der Verkehrsunfälle mit Personenschaden[1] fällt in Mecklenburg-Vorpommern der Anstieg mit 0,3 Prozent im Vergleich zum Bund eher gering aus. Denn der Bundestrend lag hier bei einem Anstieg von 0,7 Prozent. Die Zahl der Leicht- und Schwerverletzten nahm um 1,7 bzw. 1,6 Prozent zu.
Besonders erfreulich ist die Entwicklung bei der Zahl der Verkehrsunfalltoten. Während im Jahr 2015 noch 93 Todesopfer auf den Straßen unseres Landes zu beklagen waren, sank die Zahl im Jahr 2016 auf 89 tödlich verunglückte Personen. Das entspricht einem Rückgang von 4,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit setzt sich der seit dem Jahr 2011 bestehende Trend mit deutlich unter 100 tödlich verunglückten Verkehrsunfallopfern in unserem Bundesland fort.
Im Vergleich zu den anderen Flächenländern liegt Mecklenburg-Vorpommern mit einer Häufigkeitszahl von rund 437 verletzten Personen je 100.000 Einwohner nach wie vor deutlich unter dem Bundesschnitt (ca. 477) und auf Platz drei der Flächenländer.
„Mecklenburg-Vorpommern hat hinsichtlich des Straßenverkehrs einige Besonderheiten aufzuweisen“, so Innenminister Lorenz Caffier und ergänzt: „Im Vergleich der Bundesländer weist Mecklenburg-Vorpommern jährlich die mit Abstand höchste Tourismusintensität in Deutschland auf. Darüber hinaus nahm in M-V die Zahl an Kraftfahrzeugen gemessen an der Zahl der Einwohner zu. Das hat selbstverständlich Auswirkungen auf die Verkehrsdichte und dementsprechend auf das Unfallrisiko. Insofern ist es bemerkenswert, dass wir uns trotz dieser Faktoren bei der Häufigkeitszahl im bundesweiten Ranking um einen Platz zum Vorjahr verbessern konnten.“
Mecklenburg-Vorpommern ist bekannt für seine Alleen, deren Schutz Verfassungsrang hat. Doch Alleen bieten auch ein besonderes Gefährdungspotential. Nicht zuletzt die Veränderung der Verkehrsströme durch den Ausbau von überörtlichen Straßen und der Umsetzung des Schutzplankenprogramms ist es zu verdanken, dass der Anteil der tödlichen Unfälle mit Baumberührungen im vergangenen Jahr erneut gesunken ist. Insgesamt 21 Menschen verloren 2016 ihr Leben bei einem Baumanprall. Im Jahr 2015 waren hier noch 25 Getötete zu beklagen.
Die Rangfolge der Hauptunfallursachen hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Nach wie vor ist die nicht angepasste bzw. überhöhte Geschwindigkeit eine der häufigsten Unfallursachen in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere bei den Verkehrsunfällen mit schweren Personenschäden. Alle anderen Hauptunfallursachen wie Nichtbeachten der Vorfahrt, Fahren unter Alkohol, Abstandsfehler oder falsches Überholen sind anteilig weiter zurückgegangen.
„Bei den Unfallursachen der Verkehrsunfälle mit schwerem Personenschaden ist Geschwindigkeit immer noch die Nummer eins. Das heißt: Geschwindigkeitskontrollen bleiben wichtig und notwendig. Aber wir müssen mehr machen, mehr erreichen. Vor allem müssen wir die Menschen ansprechen, die das Lenkrad in der einen und das Smartphone in der anderen Hand halten. Ihnen müssen wir klar machen, dass während der Fahrt „online“ zu sein schnell dazu führt für immer „offline“ zu sein“, so Innenminister Caffier.
Im Vergleich zum Vorjahr konnte in der Altersgruppe der 18- bis 24-jährigen sowohl bei den Verunglückten als auch bei den Verursachern Rückgänge verzeichnet werden, Diese betrugen bei den Verunglückten 4,3 Prozent (-37) und bei den Verursachern 4,8 Prozent (-31). Langfristig ist hier seit 2012 ein Rückgang von 24,6 Prozent bei den Verunglückten bzw. 29,6 Prozent bei den Verursachern festzustellen.
Allerdings sind wie schon in den Vorjahren junge Fahrerinnen und Fahrer, gemessen an ihrem Anteil in der Bevölkerung, auch diesmal wieder deutlich überproportional an schweren Verkehrsunfällen beteiligt. Die Altersgruppe der 18- bis 24-jährigen stellt knapp 5 Prozent der Bevölkerung dar, ist jedoch immer noch mit über 11,5 Prozent der Verunglückten überrepräsentiert.
Auch die Zahl der Verunglückten bei den sogenannten Disco-Unfällen ist rückläufig. Hierzu gehören alle Unfälle mit Personenschaden, bei denen der Hauptverursacher 16 bis 25 Jahre alt war und die sich im Zeitraum von Freitag bis Sonntag sowie vor bzw. an gesetzlichen Feiertagen jeweils von 20.00 bis 06.00 Uhr ereignet haben.
Bei den Disco-Unfällen starben im vergangenen Jahr 2 Jugendliche (2015: 3), 19 wurden schwer verletzt (2015: 20).
Caffier: „Dass auf Langfristigkeit angelegte präventive Maßnahmen und Appelle an das Verantwortungsbewusstsein erfolgreich sein können, beweist der seit mehreren Jahren rückläufige Trend bei den schweren Disco-Unfällen. Präventionsmaßnahmen wie das fifty-fifty-Taxi-Ticket sowie die Crash-Kurs-Veranstaltungen an Berufsschulen werden wir deshalb auch fortsetzen.“
Der steigende Anteil von älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung und die längere motorisierte Verkehrsteilnahme der Altersgruppe der über 65jährigen erklären den Anstieg der Unfälle für diese Bevölkerungsgruppe im Vergleich zum Vorjahr. Dieser Anstieg beträgt bei den über 65jährigen Verursachern von Verkehrsunfällen mit Personenschaden ca. 7 Prozent, bei der Zahl der Verunglückten 2,4 Prozent. Trotz der signifikanten Steigerung kann in Mecklenburg-Vorpommern bei der Mehrjahresbetrachtung hinsichtlich der lebensälteren Verkehrsteilnehmer, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, noch nicht von einer Risikogruppe gesprochen werden. Wir werden diese Verkehrsteilnehmer aber bezüglich unserer präventiven Verkehrssicherheitsarbeit künftig verstärkt im Fokus behalten müssen.
Bei der Betrachtung der Anzahl der Verunglückten zeigen sich bei allen Arten der Verkehrsbeteiligung außer bei den motorisierten Zweiradfahrern Anstiege. Hauptverunglücktengruppe bilden mit Abstand die Pkw-Insassen. Hier kamen im Jahr 2016 mit insgesamt 4.043 Verunglückten insgesamt 118 Personen mehr zu Schaden als noch im Jahr 2015 (2015:3.925). Erfreulich ist in der Gesamtbetrachtung aber, dass die Zahl der verunglückten Motorradfahrer um 7 Prozent auf 584 Personen gesunken ist (-44).
Auch wenn die Anzahl der bei Verkehrsunfällen verunglückten Radfahrer um 14 auf 1.548 gestiegen ist (+0,9 Prozent) und die Entwicklung über mehrere Jahre betrachtet insgesamt auf gleichbleibenden Niveau liegt, so bleibt festzustellen, dass die Entwicklung des Anteils der zur Gruppe der Fahrradfahrer gehörenden verunglückten Pedelecfahrer kritisch zu betrachten ist. Seit der statistischen Erfassung der Verunglückten mit der Verkehrsbeteiligung „Pedelc“ stieg deren Anteil an den Verunglücktenzahlen von ein auf nun schon drei Prozent.
„Viele ältere Personen nutzen mit den Pedelecs die neu gewonnene Mobilität, unterschätzen aber die Schwierigkeiten in der Fahrpraxis. Sie haben keine Erfahrung mit hydraulischen Bremsen oder ignorieren zunächst, dass sie beim motorunterstützten Fahrradfahren größere Kurvenradien fahren müssen“, erklärt Innenminister Lorenz Caffier. „Ich kann mir eine generelle Helmpflicht für Fahrradfahrer, insbesondere für Pedelecnutzer, vorstellen, auch wenn ich weiß, dass das kein populärer Vorschlag ist.“
Die meisten Unfälle sind vermeidbar, weil sie oft auf menschlichem Fehlverhalten beruhen, das sich abstellen lässt. Es ist aber offenbar noch nicht ins Bewusstsein aller vorgedrungen: Geschwindigkeit kann töten! Die Landespolizei wird sich insbesondere auf die Bekämpfung der Ursachen von Verkehrsunfällen mit Personenschäden konzentrieren. Im Fokus stehen dabei Geschwindigkeitsübertretungen, Alkohol und Drogen, aber auch die unzulässige Nutzung von Mobiltelefonen, da durch die Ablenkung mit einem Smartphone oft verheerende Unfälle geschehen. Dies gilt für motorisierte Verkehrsteilnehmer gleichermaßen wie auch für Fahrradfahrer und Fußgänger.
Zur Bekämpfung der Hauptunfallursachen wird die Landespolizei deshalb in diesem Jahr landesweit sogenannte themenorientierte Schwerpunktkontrollen durchführen und trotz der Personalintensität weiterhin an den polizeilichen Anhaltekontrollen festhalten.
„Durch die Anhaltekontrollen können nicht nur Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung festgestellt werden, sondern auch andere Straftaten und Ordnungswidrigkeiten“, so Innenminister Lorenz Caffier. „Da diese Kontrollen jedoch mehr Zeit „pro Ordnungswidrigkeit“ in Anspruch nehmen als eine rein technische Geschwindigkeitskontrolle, ist ein Rückgang der festgestellten Ordnungswidrigkeiten „Geschwindigkeit“ insgesamt bei zeitgleichem Anstieg der Feststellungen bei Anhaltekontrollen in diesem Bereich nicht verwunderlich.
Im vergangenen Jahr ist die Zahl der polizeilich festgestellten Ordnungswidrigkeiten insgesamt um 5,3 Prozent gesunken. Die Zahl der im Rahmen von Anhaltekontrollen festgestellten Ordnungswidrigkeiten „Geschwindigkeit“ stieg dagegen um 2,8 Prozent. Bei polizeilichen Anhaltekontrollen musste in 58.167 Fällen die Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit angezeigt werden. (2015: 56.583).
Innenminister Lorenz Caffier: „Zu den Basics des Autofahrens gehört es auch, sich anzuschnallen. Dabei sollte das Anschnallen beim Einsteigen ein Automatismus sein. Ehe das Gurtschloss nicht einrastet, sollte der Wagen eben nicht losrollen. Ganz egal, wie kurz die Fahrt auch werden mag.“
Erfreulich ist, dass sich auch im vergangenen Jahr wieder 13,7 Prozent weniger Verstöße gegen die Anschnallpflicht feststellen ließen. Der seit Jahren anhaltende Trend, dass die Fahrzeuginsassen sich in ihrem Anschnallverhalten zu einem normgerechteren Verhalten ändern, setzt sich also fort.
Die Anzahl der festgestellten Verstöße unter Einfluss von Alkohol bei der Teilnahme am Straßenverkehr ist im Jahr 2016 um 5,2 Prozent auf insgesamt 3.648 gesunken. (2015: 3.848). Eine deutlich steigende Tendenz ist bei den „Drogenkontrollen“ festzustellen. Mit 1.405 Straf- bzw. Ordnungswidrigkeitenanzeigen wurden insgesamt 10,9 Prozent mehr Strafanzeigen bzw. Ordnungswidrigkeiten-anzeigen in diesem Deliktsfeld zur Anzeige gebracht. Der Grund für die starke Zunahme liegt jedoch nicht unbedingt an gestiegenem Drogenkonsum, sondern an den Kontrollen durch die Polizeibeamten, die in diesem Bereich speziell geschult sind.
„Wichtigste polizeiliche Leitlinie ist auch zukünftig ein konsequentes Vorgehen gegenüber Rasern, Dränglern und anderem verkehrsgefährdenden Verhalten, insbesondere bei Alkohol und Drogen am Steuer und die Nutzung von Smartphone und Tablets während der Fahrt. Geschwindigkeitsmessungen und Verkehrskontrollen bleiben Schwerpunkt polizeilicher Arbeit“, fasst Innenminister Caffier zusammen. „Die Ablenkung vor allem durch Smartphones ist zu einer regelrechten Seuche geworden. Keine Mail, kein Chat, kein Anruf ist ein Menschenleben wert.
So klar den Verkehrsteilnehmern aber auch sein mag, dass das Smartphone am Steuer verboten und gefährlich ist: Jedes Mal, bei dem nichts passiert, jedes Mal, bei dem man nicht von der Polizei erwischt wird, führt nur dazu, dass beim nächsten Mal wieder getippt oder telefoniert wird.
Wie bei der Bekämpfung von zu hoher Geschwindigkeit setzen wir auch bei der Ablenkung neben der Aufklärung und Prävention auf empfindliche Strafen. Deshalb müssen Polizei und Justiz Regeln bekommen, die der Technik von heute nicht hinterherhinken.“
Auch die Arbeit der Verkehrsunfallkommissionen ist von wesentlicher Bedeutung, denn Grundlage der Verkehrskontrollen sind u.a. die örtlichen Unfallauswertungen und Analysen zum Unfallhergang. Neben den repressiven Maßnahmen wird die Landespolizei auch in Zukunft den Ansatz der Vorbeugung in ihrer Verkehrssicherheitsarbeit verfolgen. So sollen die Präventionsprojekte für junge Fahrerinnen und Fahrer sowie auch für ältere Verkehrsteilnehmer ausgeweitet werden. Einen besonderen Stellenwert wird auch weiterhin das Präventionsprojekt „CrashKurs MV“ haben, das seit 2013 erfolgreich angeboten wird.
Die Verkehrssicherheitsarbeit der Landesregierung ist darauf ausgerichtet, das Risiko für Leib und Leben trotz steigenden Verkehrsaufkommens zur verringern und Unfälle weitgehend zu verhindern. Mecklenburg-Vorpommern unterstützt die Ziele des nationalen Verkehrssicherheitsprogramms des Bundesministeriums für Verkehr, wonach die Getötetenzahlen bis 2020 um 40 Prozent gesenkt werden sollen.
[1]Unfälle mit Personenschaden:
Bei Unfällen mit Personenschaden sind Personen getötet, schwer-oder leichtverletzt worden. Als Getötete werden Personen erfasst, die unmittelbar oder innerhalb von 30 Tagen nach Unfallereignis an den Unfallfolgen starben.
Als schwerverletzt werden Personen erfasst, die unmittelbar zur stationären Behandlung – mindestens für 24 Stunden – in einem Krankenhaus aufgenommen wurden. Als leichtverletzt werden alle übrigen verletzten Personen erfasst, bei denen eine 24-stündige stationäre Behandlung nicht erforderlich ist

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