Tatort – Kriminalpolizei

13. Juni 2016 | Themenbereich: Bremen, Bund Deutscher Kriminalbeamter, Interessenvertretungen | Drucken

Die Ankündigung des rot-grünen Senats, das Personal bei der Bremer Polizei um 60 weitere Stellen aufzustocken, ist aus Sicht des Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, jedoch kein Grund zum Jubeln. Diese sogenannte Zielzahl hat es bereits in der Vergangenheit gegeben und ist somit nicht neu.

Neu dagegen sind die zusätzlichen Aufgaben, die auf die Polizei zugekommen sind: Bedrohungsszenarien durch politisch motivierte Kriminalität, Cybercrime, Rockerkriminalität, explodierende Zahlen im Bereich des Wohnungseinbruchdiebstahls sowie die Flüchtlingsthematik.

Anders als im Tatort am Sonntagabend, bei dem der Täter innerhalb von 90 Minuten ermittelt wird, erfordert Kriminalitätsbekämpfung in der Realität deutlich mehr Zeit und komplexe Ermittlungen. Das Bearbeiten von Ermittlungsvorgängen erfolgt in den jeweiligen Fachkommissariaten, in denen in der Regel speziell ausgebildete Polizeibeamte und Beamtinnen ihren Dienst versehen.

Die Tatsache, dass nicht alle Delikte von jedem Polizisten gleich gut und in gleicher Qualität bearbeitet werden können, liegt auf der Hand. In vielen Bereichen ist Spezialwissen erforderlich, welches sich die Beamten und Beamtinnen zusätzlich aneignen müssen. Unter anderem erfordern die Bearbeitung von Staatsschutzdelikten, IT-Kriminalität, Wirtschaftsdelikten, Geldwäsche und Ermittlungen von Brandursachen weitere spezielle Lehrgänge. Die Kriminaltechnik, mit Spurensuche, Sicherung und Auswertung, fällt auch in den Bereich der Kriminalpolizei und erfordert ebenfalls Spezialkenntnisse. Die Arbeit mit Opfern, oder Angehörigen, von Gewalttaten (Sexualdelikte, Raub, Tötungsdelikte) setzen zu den notwendigen Fachkenntnissen ein hohes Maß an Empathiefähigkeit, Wissen über psychologische Vorgänge sowie eine besonders hohe persönliche Belastungsfähigkeit voraus.

Genau dieses unterschiedliche Wissen ist in einer Polizei notwendig, um der Aufgabenvielfalt gerecht werden zu können!

Wenn die Entscheidung, bis 2018 keinen Ermittlerlehrgang durchzuführen, also keinen Nachwuchs für die Kriminalpolizei zu rekrutieren, Bestand haben wird, werden deutlich weniger Straftaten bearbeitet und aufgeklärt werden können. Nach ersten Berechnungen werden im Jahr 2018 etwa 100 Stellen in der Kriminalpolizei nicht besetzt sein. Das bedeutet in etwa ein Viertel weniger an Ermittlungspersonal. Diese Zahlen sind besorgniserregend und machen den Standort Bremen für das polizeiliche Gegenüber besonders attraktiv.

Die Ermittlungsdienststellen sind schon vermehrt dazu übergegangen, Strafanzeigen auf die „Halde“ zu legen. Das heißt, dass Tausende von Vorgängen erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung bearbeitet werden können. Dies hat zwangsläufig negative Auswirkungen auf die Qualität der Anzeigenbearbeitung.

Für die aktuellen Überlegungen, im Bereich Menschenhandel nur noch reaktiv zu arbeiten, hat der BDK kein Verständnis. „Opfer von Menschenhandel, die gegen ihren Willen festgehalten und zur Ausübung der Prostitution gezwungen werden, erstatten genau so wenig Anzeigen wie die Freier, die eine Prostituierte aufsuchen.“ so Petra Rump, Landesvorsitzende des BDK Landesverbandes Bremen.

Die nun für das Jahr 2019 zugesicherte, beginnende Entlastung durch einstellungsstärkere Jahrgänge in der Polizei wird die Kriminalpolizei, aufgrund des notwendigen Auswahlverfahrens und zusätzlichen Qualifizierungen, erst später erreichen. In einigen Bundesländern ist ein Direkteinstieg in die Kriminalpolizei möglich. Hiervon wurde in der Vergangenheit auch in der Bremer Polizei, insbesondere für die Kriminal- und Wasserschutzpolizei, Gebrauch gemacht. Um der entstehenden Personalmisere in den Ermittlungskommissariaten zu begegnen, wäre dies eine denkbare Möglichkeit, die ohnehin schon hoch beanspruchten Beamtinnen und Beamten zu entlasten und der Gefahr weiter sinkender Aufklärungs- und Verurteilungsquoten entgegenzuwirken.