Germanwings Absturz

7. April 2015 | Themenbereich: Bund Deutscher Kriminalbeamter, Interessenvertretungen | Drucken

Offener Brief von Andy Neumann (BDK) an Kai Diekmann

„Ihnen, lieber Herr Diekmann, geht es ganz sicher nicht um Fakten. Auch nicht um die echten Hintergründe. Und am wenigsten um die Wahrheit. Es geht Ihnen um Auflagen! Um Klicks! Um Aufmerksamkeit. Und dafür geht man, im wahrsten Sinne des Wortes, auch mal über Leichen. “

Lieber Kai Diekmann,

ich bin kein Feind der „BILD“. Wirklich nicht! Ich habe Ihnen sogar schon O-Töne gegeben, weil es auch in Ihren Reihen Leute gibt, die ab und zu ein bisschen Fachlichkeit zu schätzen wissen. Ich habe an BILD und Sie persönlich auf Twitter vermutlich mehr verteidigende als vernichtende Tweets adressiert. Aber heute habe ich nur eine einzige, deutliche Antwort auf so ziemlich alles, was Sie vor allem auf Twitter ablassen: Blödsinn!

Eine Tragödie hat sich ereignet. Menschen sterben, viel zu viele Menschen, und hunderte, tausende, ein Stück weit auch Millionen andere leiden darunter. Nämlich die „Öffentlichkeit“. Und ich sage Ihnen, was die „Öffentlichkeit“ jetzt interessiert: Die Fakten, sicher; die Hintergründe, natürlich; vor allem aber: die Wahrheit!

Und hier kommen Sie ins Spiel. Oh, nicht nur Sie, das gleich vorweg. Ich bin ernsthaft fassungslos, wie wenig entfernt eine breite Schar von Vertretern namhafter Medien von dem ist, was BILD immerhin als „Standard“ für sich reklamieren kann. Aber Sie sind der lauteste Trommler im Walde, also sehen Sie sich bitte stellvertretend adressiert.

Und Ihnen, lieber Herr Diekmann, geht es ganz sicher nicht um Fakten. Auch nicht um die echten Hintergründe. Und am wenigsten um die Wahrheit. Es geht Ihnen um Auflagen! Um Klicks! Um Aufmerksamkeit. Und dafür geht man, im wahrsten Sinne des Wortes, auch mal über Leichen.

Ich habe in den knapp vier Jahren, die ich nun punktuell mit Medienvertretern zusammenarbeiten darf/kann/muss, einiges gelernt über Ihre Zunft. Und eines weiß ich sicher: Dass spätestens die sogenannten „Investigativen“ wirklich alle gern Polizist geworden wären. But here´s the news: Sie sind es nicht! Aber statt das zu akzeptieren, sich einen neuen Job zu suchen und in diesem einfach gut zu sein, bleibt im Hinterkopf offenbar verankert: „Denen zeig ich, dass sie mich besser genommen hätten!“

Im Ergebnis rennen da draußen Hunderte herum, die, ausgestattet mit beachtlichen Mitteln, viel zu guten Zugängen zu Informationskanälen, die Sie nichts angehen, und einer gefährlichen Multiplikationsmacht, das tun, was sie immer tun wollten: Detektiv spielen.

Also werden Zeugen vernommen, Orte durchsucht, „Beweise“ zusammengeklaubt, Berichte gelesen, und am Ende „Vermerke“ geschrieben. Die sich aber nicht in Gerichtsakten wiederfinden, Staatsanwaltschaft und Richter überzeugen und einer ordentlichen Verteidigung standhalten müssen, sondern ohne fachliche Prüfung einem Millionenpublikum zugänglich gemacht werden. Einem Publikum, das seine Informationen nur selten direkt aus den Kanälen bezieht, die jedenfalls das Maximum an Fakten kennen. Sondern das glauben muss, glauben will oder nur glauben kann, was Sie schreiben.

Und diese Armee von Detektiven, getrieben vom Hunger nach der einen Information, die der jeweils andere nicht hat, denkt tatsächlich, sie macht nur ihren Job. Warum? Weil es Chefs wie Sie sind, die ihnen sagen, dass das ihr Job ist! Dass „die Öffentlichkeit ein Recht hat, das alles zu erfahren“, dass „die Nennung des Namens und/oder die vollständige Abbildung […] gerechtfertigt ist“ – wenn (nach „Nr. 4“, wo immer Sie die herzaubern, im Pressekodex finde ich sie jdf so nicht, dafür zig beachtliche Formulierungen, mit denen ich Sie rhetorisch an die Wand nageln könnte) Voraussetzungen erfüllt sind, die Sie als erfüllt konstatieren. Again, here´s the news: Sie sind es nicht!

Für einen Polizisten, einen Kriminalisten, gibt es derzeit nur wenig außer Fragezeichen. Einen Teil der strafprozessualen, also beweisbaren Wahrheit, kennen vermutlich einige wenige Personen, die zu Recht mit entsprechenden Ermittlungen beauftragt, dafür ausgebildet und zu nichts anderem da sind. Sie kennen die nicht, lieber Herr Diekmann! Sie kennen das, was man Ihnen zuträgt, das, was Sie hören und lesen, und das, was Sie aus Ihrem rein journalistischen und keineswegs kriminalistisch geschulten Blickwinkel draus machen.

Ich gebe Ihnen die einmalige Gelegenheit, zu verstehen, wie ein erfahrener Ermittler das sieht, was Sie zu sehen glauben, lieber Herr Diekmann. Und ich betone, dass sich alles, was ich schreibe, tatsächlich nur auf das bezieht, was man den Medien entnehmen kann!

Der Ermittler sieht eine unfassbare Tragödie. Eine Tragödie, die vielleicht, aber auch nur vielleicht, ein Verbrechen sein könnte. Konjunktiv eins!

Er hört von möglichen Abläufen, dargestellt aus berufenem Munde, die noch immer unheimlich viele Fragen offen lassen, und denkt sich: Wenn das so gewesen wäre, wäre das entsetzlich. Konjunktiv zwei!

Er nimmt wahr, dass eine Person im Raum steht, die möglicherweise allein für diese Tragödie verantwortlich ist. Er ist fassungslos und denkt sich: Bitte, lass das nicht wahr sein! Ist froh, dass noch zu viele Fragezeichen bleiben, um mit Sicherheit davon auszugehen. Und denkt sich: Okay, es könnte immer noch anders gewesen sein. Konjunktiv drei!

So sehen Profis das, Herr Diekmann. Im Konjunktiv. Im dreifachen! Mindestens! So lange, bis Fakten auf dem Tisch liegen, die keine andere Wahrnehmung, keine andere Möglichkeit mehr möglich machen. Dieselben Profis, die auf Ihre Titelseite schauen, dort die Abbildung eines „Amok-Piloten“ sehen, der mit vollem Namen genannt ist, und sich einfach nur fragen: Haben die sie noch alle!?

Lieber Herr Diekmann, ich bin kein Feind der BILD. Wirklich nicht! Aber heute stehen Sie für mich für alles, was ich an und in den Medien absolut grauenhaft finde.

Herzlichst, Ihr

Andy Neumann
Vorsitzender
Bund Deutscher Kriminalbeamter
Verband Bundeskriminalamt”

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