Mahnwache für ein „Weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit“

14. Januar 2015 | Themenbereich: Berlin, Innere Sicherheit | Drucken

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, hat am Abend des 13. Januar 2015 auf der Mahnwache für ein „Weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit“ ein Grußwort gehalten. Das Presse- und Informationsamt veröffentlicht den Wortlaut auf der Basis des Manuskripts:

„Herzlich willkommen. Im Namen der Hauptstadt Berlin begrüße ich Sie alle herzlich am Brandenburger Tor.

Je suis Charlie! Dieser Ruf schallt in diesen Tagen durch ganz Europa und die Welt. Wir erleben eine beeindruckende Welle der Solidarität. Und Solidarität wollen wir auch hier zeigen: Auf dem Pariser Platz vor der französischen Botschaft — Solidarität mit den Bürgerinnen und Bürgern der Französischen Republik und ganz besonders denen unserer Partnerstadt Paris. Wir fühlen mit Ihnen, wir gedenken aller Opfer, und wir stehen an der Seite ihrer Hinterbliebenen, die um einen lieben Menschen trauern.

Viele Menschen haben in diesen Tagen das Bedürfnis sich zu versammeln, gemeinsam zu gedenken und Haltung zu zeigen, und es war beeindruckend, wie besonders spontan am Mittwoch und am Donnerstag vergangener Woche viele Menschen, die in Berlin vielleicht zufällig waren, die hier studieren, wie sie sich spontan getroffen haben vor der Französischen Botschaft, betroffen waren, Angst hatten, verunsichert waren, aber sofort auch gemeinsam mutig und trotzig zusammenstanden und gesagt haben: Wir zeigen Gesicht, wir lassen uns unser offenes und tolerantes Zusammenleben in unserer Gesellschaft von Terroristen und Mördern nicht kaputtmachen, wir stehen zusammen.

Auch mir ist das wichtig. Ich danke daher Ihnen, lieber Herr Mazyek und lieber Herr Yilmaz und dem Zentralrat der Muslime in Deutschland für die Initiative zu dieser Kundgebung. Wir alle wissen: Die Terroristen wollten mit ihrem Attentat nicht nur die Redaktion von Charlie Hebdo treffen. Das war ein Anschlag auf die tragenden Pfeiler einer offenen und freien Gesellschaft, auf die Meinungsfreiheit und auf die Freiheit der Presse schlechthin. Unsere Solidarität gilt daher auch ganz besonders all den Journalisten in aller Welt, die von Fanatikern bedroht werden — und dennoch mutig zu ihrer Meinung stehen und schreiben, was sie denken. Dieser enorme Mut verdient Respekt.

Eines ist in den letzten Tagen aber auch deutlich geworden: Wie werden uns jetzt eben nicht auseinanderdividieren lassen. Der friedliche Islam hat in Deutschland und hat in Berlin ein Zuhause. Ich wünsche mir, dass er noch sichtbarer wird, und noch mehr wahrgenommen wird, damit Ängste schwinden und Vertrauen wächst. Ich freue mich, dass hier alle großen Religionen des Landes in Solidarität und Mitmenschlichkeit versammelt sind.

Meine Damen und Herren! Die Täter von Paris wollen uns in einen Kampf hineinziehen, bei dem wir die Prinzipien unserer freien Gesellschaft opfern. Das dürfen und das werden wir nicht tun. Wir erleben aber leider, dass diese Anschläge auch missbraucht werden, um eine islamfeindliche Stimmung zu schüren oder gegen Flüchtlinge zu hetzen.

Setzen wir dagegen eine Allianz der Mitmenschlichkeit. Engagieren wir uns nicht für Abschottung, sondern für Begegnung, für Religionsfreiheit und für einen Dialog der Religionen. Wir brauchen jetzt nicht weniger Freiheit, sondern noch größere Offenheit, denn das macht unsere Demokratie aus, die wir stärken müssen.

Wir setzen heute gemeinsam dieses Zeichen für eine freie und offene Gesellschaft. Wir tun das hier am Symbol der Freiheit, dem Brandenburger Tor.“