1.000 Tote zu viel – Bundesregierung trägt Mitverantwortung

18. April 2014 | Themenbereich: Die Grünen, Parteien | Drucken

Zum Anstieg der Zahl der Drogentoten erklärt Dr. Harald Terpe, Sprecher für Sucht- und Drogenpolitik:

Im letzten Jahr starben mehr als 1.000 Heroinabhängige in Deutschland. Eine niederschmetternde Zahl, die verdeutlicht, dass es nach wie vor erhebliche Defizite bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen gibt. Die Zahl der Drogentoten ist immer noch so hoch wie 1989, dem Jahr, in dem die drogenpolitischen Reformen Fahrt aufnahmen. Man könnte meinen, in den letzten 25 Jahren hätte die deutsche Drogenpolitik aus zahlreichen Projekten, Studien und Erfahrungen gelernt. Dem ist jedoch nicht so. Damals hat Helmut Kohl zumindest noch mit einem umfassenden drogenpolitischen Programm auf den Anstieg der Drogentoten reagiert. Heute werden Drogentote mit leeren Versprechen “wegmoderiert“

Ein Großteil dieser Kranken könnte mit der richtigen medizinischen Behandlung noch leben. Doch die drogenpolitischen Vorgaben der Bundesregierung verhindern dies. Zwar wurde mit Millionenaufwand ein Modellversuch zur Diamorphinbehandlung (Heroinvergabe) durchgeführt, der erfolgreich abgeschlossen wurde. Doch bis heute werden von den etwa 150.000 Heroinabhängigen in Deutschland nur 600 mit Diamorphin behandelt. Überregulierung, wie beispielsweise eine sechsmonatige Methadonsubstitution als Zugangsvoraussetzung für die Diamorphinbehandlung, verhindert eine Ausweitung der Behandlung.

Ein weiteres Problem: Wirksame Notfallmaßnahmen, wie die Ausstattung von potentiellen Ersthelfern (z.B. Polizisten, Hilfeeinrichtungen, Angehörige von Heroinabhängigen) mit Naloxon gegen Opiatüberdosierung, sind in Deutschland verboten, in den USA, England und Australien dagegen erlaubt. Dabei hat das Naloxonprojekt von Fixpunkt e.V. die Wirksamkeit auch für Deutschland belegt. Diese wirksame Überlebenshilfe muss auch in Deutschland in der Praxis eingesetzt werden.

Durch die langfristigen Folgen der unhygienischen Konsumbedingungen infizieren sich viele Abhängige mit HIV oder Hepatitis C. Nur ein kleiner Teil der mit Hepatitis Infizierten wird durch einen Facharzt behandelt und verstirbt daher mittelfristig an dieser Infektion. Drogenabhängige müssen konsequent als Zielgruppe in die relevanten nationalen Aktionspläne und Strategien integriert werden.

Drogenkonsumräume wurden von vielen Bundesländern eingeführt und leisten im Notfall zuverlässig erste Hilfe. Doch ausgerechnet in Bayern, dem Bundesland mit den meisten Drogentoten in den letzten Jahren, existiert bisher kein einziger Drogenkonsumraum. Die Drogenbeauftragte Mortler wendet auch hier keinen Schaden von den bayerischen Heroinabhängigen ab.

Obwohl in praktisch allen deutschen Gefängnissen Drogen verfügbar sind, ist Spritzentausch zurzeit nur in einer einzigen Justizvollzugsanstalt (JVA) möglich. Diese Unterversorgung führt zu vielen vermeidbaren Todesfällen durch Infektionen. Schließlich sind Drogenabhängige chronisch Kranke und sollten wie andere chronisch Kranke eine gute und strukturierte Versorgung erhalten. Für chronische Erkrankungen, wie zum Beispiel Diabetes, ist dies längst selbstverständlich. Heroinabhängigen könnte dies das Leben retten.

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