Jugendgewalt unter Alkoholeinfluss

7. Februar 2014 | Themenbereich: Bayern, Innere Sicherheit | Drucken

„Das Ausmaß und die Qualität von Gewalt durch junge Menschen wird heute maßgeblich von Alkohol bestimmt“, resümiert Peter Dathe, Präsident des Bayerischen Landeskriminalamts, die Ergebnisse der bundesweit bislang einmaligen kriminalstatistischen Analyse der Kriminologischen Forschungsgruppe der Bayerischen Polizei (KFG). Im Vergleich zum Jahr 2001 wurden 2010 im Freistaat Bayern nahezu doppelt so viele 18- bis 24-Jährige als Tatverdächtige einer alkoholassoziierten Körperverletzung polizeilich registriert. Aktuelle Entwicklungen in diesem Deliktsfeld werden von einem Teil der Jugend geprägt, der auf Grund eines veränderten Trink- und Freizeitstils beim nächtlichen Ausgehen an Wochenenden unter Alkoholeinfluss häufig Gewalttaten begeht.

Körperverletzungsdelikte machen insgesamt einen Großteil aller unter Alkoholeinfluss verübten Straftaten aus: Im Jahr 2010 lag der Anteil bei rund 43 %. Während die Zahl aller Tatverdächtigen einer Körperverletzung zwischen 2001 und 2010 um rund 18 Prozent gestiegen ist, haben wir speziell bei den alkoholisierten Tatverdächtigen einen Zuwachs um mehr als das Dreifache (58 %).

Tatverdächtige im Alter zwischen 18 und 24 Jahren werden besonders häufig mit alkoholassoziierten Körperverletzungen in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfasst. Es sind auch diejenigen, bei denen sich im Zehnjahreszeitraum die höchsten Zuwächse feststellen lassen.

2001 standen knapp 40 % der 18- bis 24-jährigen Tatverdächtigen einer Körperverletzung unter Alkoholeinfluss, 2010 waren es bereits rund 60 %. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit Befunden epidemiologischer Studien zum Alkoholkonsum in der jungen Bevölkerung. Denn diese Altersgruppe trinkt nicht nur am meisten und häufigsten Alkohol, sondern geht auch vermehrt risikoreichen Konsumpraktiken wie Rauschtrinken und „Vorglühen“ nach. Dementsprechend weisen Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren im Vergleich zu jungen Erwachsenen sowohl insgesamt einen geringeren Anteil an alkoholassoziierten Körperverletzungen als auch geringere Steigungsraten auf (2001: 20 %; 2010: 30 %).

Neben dem Alter stellt sich auch in dieser Studie – wie für Gewaltkriminalität generell – das männliche Geschlecht als ein Hauptrisikofaktor für die Begehung von Körperverletzungen im alkoholisierten Zustand dar.

Allerdings hat sich der Anteil der 14- bis 24-jährigen weiblichen Tatverdächtigen von 5 % im Jahr 2001 auf 10 % im Jahr 2010 erhöht. Alkohol spielt – jedenfalls im polizeilichen Hellfeld – auch bei den Gewalttaten von Mädchen und jungen Frauen eine zunehmend größere Rolle.

Tatverdächtige und Opfer einer alkoholassoziierten Körperverletzung weisen in der Regel große Ähnlichkeiten auf. Die Gewalthandlungen der jungen Menschen richten sich zumeist gegen Gleichaltrige, die häufig selbst auch unter Alkoholeinfluss stehen. 2010 waren knapp zwei Drittel der 14- bis 24-jährigen Opfer von Körperverletzungen zum Tatzeitpunkt alkoholisiert. Die Tatbeteiligten kennen sich größtenteils nicht (64 %). Junge Männer schädigen zumeist Geschlechtsgenossen (86 %), junge Frauen hingegen weibliche (44 %) wie männliche Opfer ähnlich häufig (56 %). Ein weiteres Ergebnis ist, dass sich alkoholassoziierte Gewalt in der jungen Bevölkerung auf räumlich-zeitliche Kriminalitätsschwerpunkte konzentriert. Das Gros der Vorfälle ereignet sich in den Nacht- bzw. frühen Morgenstunden am Wochenende innerhalb bestimmter für junge Menschen attraktiver Stadtgebiete, die eine hohe Dichte an Gaststätten, Diskotheken, Nachtclubs etc. aufweisen.

Zudem wird deutlich, dass die aktuell zu beobachtenden Zunahmen bei Körperverletzungen unter Alkoholeinfluss hauptsächlich auf 18-bis 24-Jährige zurückgehen, die am Wochenende in der Zeit zwischen Mitternacht und 6.00 Uhr morgens straffällig werden.

Ausschlaggebend für diese Entwicklung erscheint nach Ansicht der Psychologin, Dr. Figen Özsöz, unter deren Federführung die Studie entstand, die veränderte Qualität der Alkoholkonsumpraktiken und des Ausgehverhaltens von jungen Menschen. Demnach bestimmt in der heutigen Generation vielfach das Rauscherlebnis den Anlass und die Art des Konsums. Wenngleich der Trend des jugendlichen Alkoholkonsums insgesamt rückläufig ist, kristallisiert sich eine Risikogruppe heraus, die regelmäßig große Mengen Hochprozentiges trinkt, um sich gezielt in einen tiefen Rauschzustand zu versetzen. Hinzu kommt, dass junge Menschen früher ihre ersten Alkoholerfahrungen eher im privaten Rahmen gemacht haben, heute dagegen bevorzugt auf öffentlichen Plätzen trinken.

Generell wird eine Tendenz erkennbar, sich über einen längeren Zeitraum hinweg im alkoholisierten Zustand im  öffentlichen Raum aufzuhalten. Einen nicht ganz unwesentlichen Einfluss scheint hierbei die aktuell fortschreitende Ausweitung der Verfügbarkeit von Alkohol – u. a. gefördert durch Billigangebote, durchgängige Verkaufszeiten an Tankstellen und Sperrzeitverkürzungen für Gaststättenbetriebe – zu haben.

Die neuen Trink- und Freizeitgewohnheiten der Jugend beinhalten ein hohes Risikopotenzial. Neben einer Alkoholvergiftung, die eher junge und unerfahrene Konsumenten trifft, wächst allgemein die Gefahr gewalttätigen Handelns. Mit Blick auf die Prävention alkoholassoziierter Jugendgewalt verweist Frau Dr. Özsöz auf die nachweislich enge Verbindung zwischen Alkohol und Gewalt. Die Reduktion eines Problemverhaltens führe demnach häufig zur Reduktion des anderen, weshalb „die Prävention von missbräuchlichem Alkoholkonsum zugleich wirksame Gewaltprävention“ sei.