„Erste repräsentative Dunkelfeldstudie des LKA liefert wichtige neue Ansätze für zukünftige Polizeiarbeit“

25. November 2013 | Themenbereich: Landeskriminalamt, Niedersachsen, Polizei | Drucken

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius hat heute die erste repräsentative Dunkelfeldstudie für ein Bundesland überhaupt vorgestellt. Eine in dieser Form vergleichbare Studie hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. „Aus den Ergebnissen der Studie können wir viele wertvolle, neue Schlüsse für die Sicherheit der Menschen und die Arbeit der Polizei ziehen, ergänzend zu den jährlichen Ergebnissen der polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS). So geben uns diese neuen Erkenntnisse eine weitere Handhabe dafür, wie wir in einzelnen Kriminalitätsfeldern präventiv und repressiv die Polizeiarbeit deutlich verbessern können“, so Pistorius.

Im Frühjahr dieses Jahres hatte das Niedersächsische Landeskriminalamt die Fragebögen der Studie an 40.000 zufällig ausgewählte Menschen in Niedersachsen ab 16 Jahren verschickt, um sie zu ihren Kriminalitätserfahrungen zu befragen. Dabei wurden 50 Fragen gestellt, die die Angeschriebenen anonym zu im Jahr 2012 erlittener Kriminalität, zu ihrer Kriminalitätsfurcht und bez. der Bewertung von Polizeiarbeit beantworten sollten. Fast die Hälfte der Adressaten hat die Fragebögen beantwortet und zurückgeschickt. Das ist wesentlich mehr, als aufgrund des Rücklaufs bei vergleichbaren Studien zu erwarten gewesen wäre. Dieser breite Rücklauf erlaubt repräsentative Aussagen zu verschiedenen Aspekten der allgemeinen Sicherheitslage. Diese können sogar jeweils für die Bereiche der sechs niedersächsischen Polizeidirektionen getätigt werden. Diese spezifischen regionalen Ergebnisse sind noch nicht komplett ausgewertet und werden zu einem späteren Zeitpunkt der Öffentlichkeit präsentiert.

Durchgeführt wurde die Befragung im Auftrag des Innenministeriums von der Kriminologischen Forschungsstelle des Landeskriminalamts Niedersachsen. Unterstützung kam auch vom niedersächsischen Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie sowie von der Universität Hamburg. Es ist geplant, die Studie zukünftig im Turnus von zwei Jahren durchzuführen.

Zu den einzelnen Erkenntnisfeldern:

 Opferwerdung

Die Studie ergab, dass rund 30 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner über 16 Jahren in Niedersachsen 2012 Opfer mindestens einer Straftat geworden sind. Das Ausmaß einzelner Straftaten ist dabei sehr unterschiedlich. Grundsätzlich gilt, dass schwere Delikte wie Raub, Körperverletzungen oder Sexualdelikte selten vorkommen. Delikte, die das Eigentum betreffen, Betrug, Drohungen oder computerbezogene Kriminalität sind dagegen deutlich häufiger. Am weitesten verbreitet sind Schädigungen im Zusammenhang mit der IT-Nutzung. 106 von 1.000 befragten Personen haben eine im Zusammenhang mit Computern stehende Straftat erfahren. Allerdings weisen die Zahlen der PKS auch diesbezüglich nicht annähernd die tatsächliche Dimension der Schädigungen aus. „Das sehr hohe Dunkelfeld im Bereich Cybercrime verdeutlicht, dass die Polizei Prävention und Aufklärung noch deutlich steigern muss. Allerdings müssen auch Hersteller und Provider in diesem Bereich mehr Verantwortung übernehmen“, so Pistorius.

Ältere Menschen weisen deutlich seltener Opfererfahrungen auf als jüngere. Während jede zweite Person zwischen 16 und 21 Jahren Opfer eines Delikts geworden ist, beträgt dieser Anteil nur 12,5 Prozent bei den hochaltrigen Personen über 80 Jahren.

Eine Ausnahme bildet dabei der Wohnungseinbruchdiebstahl: Er ist das einzige Delikt, bei dem die Opferraten älterer Menschen auf dem Niveau der jüngeren Menschen liegen. Bei hochaltrigen Personen übersteigt die Opferrate hier sogar die der anderen Altersgruppen. „Die detaillierten und intensiven Erkenntnisse der Dunkelfeldstudie zu den opferbezogenen Aspekten machen es erforderlich, die polizeiliche Kriminalstatistik systematisch um wesentlich mehr opferbezogene Informationen zu ergänzen – nicht nur zur Vervollständigung des Erkenntnisstandes, sondern auch als Ausdruck der Berücksichtigung der Opferbelange“, so der Minister.

 Kriminalitätsfurcht

„Vor allem junge Menschen, insbesondere junge Frauen haben gerade nachts alleine in ihrer Nachbarschaft und sogar zu Hause laut der Dunkelfeldstudie wesentlich mehr Angst als bisher bekannt. Diese Erkenntnisse müssen wir schnell umsetzen, zum Beispiel dadurch, dass wir auch junge Menschen wesentlich besser darüber informieren, wie sie sich und ihren persönlichen Lebensraum vor Kriminalität schützen können“, so Innenminister Pistorius.

Insgesamt betrachtet schätzen die Menschen in Niedersachsen das tatsächliche Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, trotzdem sehr realistisch ein. Die Bürgerinnen und Bürger insgesamt fühlen sich jedoch in ihrer Nachbarschaft allgemein (94 Prozent) und in ihrer Wohnung bzw. in ihrem Haus auch nachts (ca. 88 Prozent) in der Regel sicher. Ihr raumbezogenes Sicherheitsgefühl sinkt allerdings, wenn sie nachts alleine in Ihrer Nachbarschaft einer fremden Person begegnen. Dann fühlen sich rund 41 Prozent eher oder sehr unsicher. Auffällig ist darüber hinaus auch, dass über ein Fünftel der Menschen abends aus Angst vor Kriminalität keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen.

 Wahrnehmung der Polizei durch die Menschen

Weit über 90 Prozent der Befragten vertrauen der Polizei als rechtsstaatlicher Institution. In der Wahrnehmung der übergroßen Mehrheit der Befragten behandelt die Polizei die Bürgerinnen und Bürger gerecht, hält sich an Gesetze und wahrt die Rechte der Bevölkerung.

Die allgemeine Polizeiarbeit vor Ort, also im eigenen Wohnort bzw. Stadtteil, wird positiv beurteilt. Bezogen auf eine ihrer Kernaufgaben, die Verbrechensbekämpfung, bewerten nur knapp sieben Prozent die Arbeit der Polizei tendenziell schlecht. Dass einem Opfer geholfen wird, verneinen weniger als fünf Prozent.

Die Bewertung des konkreten Kontakts mit der Polizei war im Urteil der Befragten grundsätzlich positiv. Sie zeichnen das Bild einer engagierten, hilfsbereiten und kompetenten Polizei. Nur ein Bereich wird in diesem Abschnitt deutlich schlechter als die anderen bewertet: Viele Menschen fühlen sich von der Polizei nicht ausreichend auf dem Laufenden gehalten, wenn sie Opfer einer Straftat geworden sind.

Zum Hintergrund der Studie:

Das Ausmaß und die Entwicklung der Kriminalität in Niedersachsen wurden bisher wie überall in der Bundesrepublik Deutschland ausschließlich durch die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) abgebildet. Diese enthält jedoch nur Angaben zu den Straftaten, die durch Anzeigen der Bürgerinnen und Bürger oder durch die Wahrnehmung der Polizei registriert wurden. Daneben existiert aber auch das sog. Dunkelfeld der Kriminalität, also diejenigen Straftaten, von denen die Polizei aus den unterschiedlichsten Gründen keine Kenntnis erlangt.

Andere für die Beurteilung der Sicherheitslage relevante Aspekte wie:

  •   das Ausmaß und die Ausprägung von Kriminalitätsfurcht
  •   das individuelle Schutzverhalten
  •   Gründe dafür, dass jemand zum Opfer von Kriminalität wird
  •   die Wahrnehmung und Bewertung der Polizeiarbeit

wurden bisher gar nicht systematisch erhoben. Informationen dazu konnten lediglich bruchstückhaft oder lokal begrenzt aus vereinzelten Forschungsarbeiten in strategische Planungen einbezogen werden.

„Für Niedersachsen zeigen die Befunde der ersten Befragungswelle für das Jahr 2012 sehr deutlich die Notwendigkeit eines solchen Instruments gerade für eine realitätsbezogene Beurteilung der Sicherheitslage. Die bloße Aufklärungsquote sorgt ja nicht dafür, dass sich die Niedersachsen sicher fühlen. Sie muss immer differenziert betrachtet und im Kontext anderer Faktoren gesehen werden. Nur so kann eine Bewertung der Sicherheitslage und der Qualität polizeilicher Arbeit vorgenommen werden“, so Pistorius.

Der Präsident des niedersächsischen Landeskriminalamtes, Uwe Kolmey, bewertet die Studie folgendermaßen: „Die Ergebnisse dieser ersten Studie dieser Art liefert uns Möglichkeiten, die uns die Zahlen der PKS gar nicht liefern konnten. Wir sind uns sicher, dass die nächste Studie in zwei Jahren mit den aktuellen Erkenntnissen noch genauere Einblicke etwa in das Sicherheitsempfinden der Menschen im Land bringt.“

Innenminister Pistorius sagte abschließend: „Es wäre wünschenswert und angemessen, eine umfangreiche Dunkelfeldforschung als Standard von Bund und allen Ländern zu verabreden und reg elmäßig als weitere Erkenntnisquelle zur Inneren Sicherheit durchzuführen.“

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