Zugang zu digitalen Unfalspuren

21. November 2012 | Themenbereich: Nordrhein Westfalen, Verkehr | Drucken

Während die Autoindustrie ihre Fahrzeuge immer mehr aufrüstet und selbst in Kleinwagen Fahrassistenzsysteme inzwischen schon fast zur Grundausstattung gehören, verharrt die Polizei noch immer im Analogzeitalter, wenn sie nach einem schweren Verkehrsunfall versucht, den Unfallverursacherdie Unfallursache zu ermitteln. Ein Anachronismus. Denn seit der flächendeckenden Einführung von ABS und von elektronischen Stabilisierungs- und Spurhaltesystemen ist die Unfallaufnahme der Polizei längst an ihre Grenzen gestoßen, weil es herkömmliche Bremsspuren zum Beispiel oft nicht mehr gibt. Die Bordelektronik der beteiligten Unfallfahrzeuge, mit deren Hilfe jede ixbeliebige Werkstattder Fahrzeughersteller im Handumdrehen Geschwindigkeit, Lenkrichtung, Straßenlage und Bremsverhalten in den entscheidenden Sekunden vor dem Crash auslesen kann, bleibt für die Polizei dagegen tabu, denn die Automobilindustrie mauert. Sie verweigert der Polizei bislang selbst nach tödlichen Verkehrsunfällen den Zugang zu den Computerprogrammen, die eine Auswertung der Bordelektronik möglich machen würde, wie auf dem GdP-Forum der Aachener Spurensicherungsexperte Franz Josef Arentz aus leidvoller Praxis berichtete. Eine Blockadehaltung, die auch von der Angst der Unternehmen geprägt ist, dass ihnen ihre eigene Kundschaft den Rücken kehren könnte, wenn bekannt wird, dass sie die Polizei dabei unterstützen, Raser zu überführen.

In zwei Forderungen waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des GdP-Verkehrsforums am 19. November in Düsseldorf deshalb einig:

1. Die Polizei muss Zugang zu den digitalen Unfallspuren der beteiligten Fahrzeuge erhalten, denn sonst wird die Zahl der Unfallbeteiligten, die unschuldig als Unfallverursacher beschuldigt werden, in den kommenden Jahren steigen. Zum Beispiel bei Fahrzeughaltern, die nur deshalb aus einer Nebenstraße auf die vorfahrtberechtigte Straße eingebogen sind, weil sie den mit einer vollkommen überhöhten Geschwindigkeit herannahenden Unfallgegner noch nicht sehen konnten.

2. Zudem muss der Zugang der Polizei zu den digitalen Unfallspuren in den Fahrzeugen gesetzlich geregelt werden, denn auf freiwilliger Basis funktioniert das nicht. Schon deshalb nicht, weil die Unternehmen sonst Wettbewerbsnachteile befürchten müssen. Eine klare gesetzliche Grundlage bietet zudem den Vorteil, dass die so gewonnenen Daten später gerichtsfest verwertbar sind.

Die Sicherung digitaler Unfallspuren war aber nicht das einzige Thema des Verkehrsforums der GdP, das in diesem Jahr unter dem Titel „Digital abgehängt? Verkehrspolizei 2020“ stand. Weitere Themenschwerpunkte waren der Einsatz moderner Fahrerassistenzsysteme und die Nutzung von Section Control zur Geschwindigkeitsüberwachung.

Weil immer mehr Elektronik in die Fahrzeugsteuerung Einzug hält, gehen Verkehrssicherheitsexperten in den kommenden Jahren zwar von tendenziell sinkenden Unfallzahlen aus, ein Selbstläufer ist das aber nicht, wie auf dem Forum Welf Stankowitz vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat und der Kölner Verkehrspsychologe Prof. Dr. Egon Stephan betonten. Denn entscheidend ist auch in Zukunft der Faktor Mensch: Wenn immer stärker die Technik die Fahrzeugsteuerung übernimmt, nimmt bei den Autofahrern tendenziell die Gefahr der Selbstüberschätzung zu.

Trotzdem wäre für die Verkehrssicherheit bereits viel gewonnen, wenn die neuen technischen Möglichkeiten gezielt genutzt werden würden. So sollte nach Meinung derbegrüßten die Forums-Teilnehmer dass zumindest für LKW ein Notfallbremsassistent gesetzlich vorgeschrieben werdenwird. Auch die Forderung der GdP nach Nutzung von Section Control zur Geschwindigkeitsüberwachung traf auf dem Forum auf große Unterstützung. „Section Control wird in vielen europäischen Ländern seit Jahren mit großem Erfolg eingesetzt. Es ist überfällig, dass wir auch in Deutschland die gesetzlichen Voraussetzungen dafür schaffen. Sonst verlieren wir den Anschluss“, sagte auf dem Forum GdP-Vorstandsmitglied Michael Mertens. Wichtig ist für dabei für die GdP vor allem der die erzieherische Wirkung. Section Controll sollte deshalb vorher am Straßenrand angekündigt werden. Zudem will die GdP auch mobile Anlagen einsetzen, die von der Polizei betrieben werden.

Mertens, der im GdP-Vorstand für den Verkehrsbereich zuständig ist, will dafür sorgen, dass die Forderungen des Forums jetzt in die Politik getragen werden. „Die Durchsetzung von Section Control und das Zugriffsrecht auf digitale Fahrzeugdaten – das ist das Bohren dritter Bretter“, meinte Mertens auf dem Forum. „Aber das können wir als GdP.“

1 Kommentar
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  1. Wie ich hier schon schrieb, ein UDS-System (UDS = Unfall Datenspeicher, der die letzten 30 Sekunden aufzeichnet) wäre schnell zu integrieren und eine Schnittstelle für die Polizei eben so!
    Warum machen das die Fahrzeughersteller nicht?
    Nun, ich habe einen Bekannten mit einer Werkstatt, der sich für solche Assistenzsysteme interessiert und auch mal Dokumentiert, welche Zyklen diese durch machen, welche Fehler sie generieren …
    Einseitig abgefahrene Reifen z.B. … das Fahrwerk ist i.O., aber die Fahrdynamikregelung (ESP, ASR usw. http://de.wikipedia.org/wiki/Fahrdynamikregelung ), insbesondere die elektronische Bremskraftverteilung, Fehler generiert, die durchaus als „Unfallursache“ zu betiteln wäre, so man in dieser Richtung suchen würde!
    So blockierte (nachweislich) das ABS bei einem Überholmanöver ein Rad, was einen „Beinahecrash“ generierte!
    … das Fehlerhafte Bauteil wurde auf Kulanz getauscht!

    Mein Bekannter (er möchte nicht benannt werden) sagte mir, das diese Fehler (inkorrekte Funktionen von Fahrdynamikregelungen) nicht nur bei einer Marke auftreten und auch nicht soooooo „unhäufig“!
    Er kann verstehen, warum die Hersteller der Forderung der Polizei sehr skeptisch gegenüber stehen!
    Wenn ein Kunde zu ihm kommt und er feststellt, dass das Bremssystem mit einer Latenz von einer Sekunde die Weisungen des Bremspedals umsetzt … tja, was wenn dieses nach einem Auffahrunfall festgestellt würde?
    … und nein, diese Defekt wurde nicht angezeigt, er fand sich lediglich im Datenspeicher des Systems und wurde vom Besitzer gefühlt!
    … eine Sekunde … das sind gefühlte 25m bei 100 Kmh … oder?

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