Initiative für Jugendhilfe und Kriminalprävention erhält Dominikus-Preis

23. September 2012 | Themenbereich: Bayern, Strafvollzug | Drucken

Das Institut für neue soziale Antworten (INSA) hat in Erfurt den Dominikus-Preis verliehen. Mit ihm will das gemeinnützige Institut, das sich durch Spenden und öffentliche Mittel finan-ziert, innovative Ideen fördern sowie soziales und gesellschaftliches Engagement würdigen. Der mit insgesamt 10.000 € dotierte Preis geht zu gleichen Teilen an Tobias Merckle als Ge-schäftsführer des Seehaus e. V., an Constantin Weickart (Initiativen für Astronomie) und an die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer.
Der Seehaus e. V. erhält den Dominikus-Preis für seine Initiativen für Jugendhilfe und Kriminalprävention.
Das Seehaus mit seinen beiden Standorten in Leonberg (bei Stuttgart) und Störmthal (bei Leipzig) ist als „Jugendstrafvollzug in freien Formen“ ein Modellprojekt für straffällige Jugendliche als Alternative zum Gefängnis. Jugendstrafgefangenekönnen sich aus dem Gefängnis heraus für das Seehaus bewerben.

Im Seehaus wohnen bis zu 7 Jugendliche mit Hauseltern und deren Kinder zusammen und erfahren so – oft zum ersten Mal „funktionierendes“ Familienleben, Liebe und Geborgenheit. Gleichzeitig erwartet sie ein durchstrukturierter und harter Arbeitsalltag. Um 5:45 Uhr beginnt der Tagesablauf mit Frühsport. Bis 22:00 Uhr sind die Jugendlichen in ein konsequent durchgeplantes Erziehungsprogramm eingebunden. Hausputz, Schule, Arbeit, Berufsvorbereitung, Sport, gemeinnützige Arbeit, Täter-Opfer-Ausgleich, soziales Training und die Vermittlung christlicher
Werte und Normen sind fester Bestandteil des Konzepts.

Die Idee dazu hatte der Geschäftsführer des Vereins und Projektleiter im Jahre 1990. Im Rahmen eines sozialen Jahres Tobias Merckle in einer Einrichtung fürDrogenabhängige in Chatanooga, TN (USA) tätig. Während dieser Zeit besuchte er Insassen eines nahegelegenen Gefängnisses.
Dabei wurde ihm die Realität des Gefängnisalltags und der Auswirkungen davon bewusst. Merckle wurde klar: Ein Aufenthalt in solch einem Gefängnis kommt einer Schule für Kriminalität gleich. Die Menschen, die dort einsitzen, werden nicht auf ein verantwortungsvolles Leben innerhalb der Gesellschaft vorbereitet, sondern durch ihre Mitinsassen sehr schlecht beeinflusst.
Sie werden noch mehr in eine kriminelle Karriere hineingedrängt. Dies ist nicht nur für die Insassen tragisch, sondern gerade auch für die Gesellschaft. Die Insassen werden irgendwann wieder entlassen und sind dann nach der Entlassung oft krimineller als zuvor. Neue Straftaten, mehr Opfer, weitere Kosten für Strafverfolgung und evtl. Strafhaft kommen hinzu.
Merckle wurde in diesem Moment klar, dass hier alternative Lösungen gefunden werden müssen. So entstand die Vision, ein Modellprojekt für straffällige Jugendliche als Alternative zum Gefängnis aufzubauen. Selbst wenn es in Deutschland gerade im Jugendstrafvollzug sehr viele Angebote gibt und größtenteils sehr gute Arbeit geleistet wird, bleibt das Problem der negativen Beeinflussung der Insassen untereinander. Je größer und je geschlossener eine Einrichtung ist, desto mehr Macht hat diese Subkultur.

2003 wurde die Vision war und Merckle konnte dank der Initiative des damaligen Justizministers Ulrich Goll das Seehaus Leonberg als Alternative zum Jugendstrafvollzug eröffnen. Im September 2011 konnten die ersten Jugendlichen im Seehaus Störmthal bei Leipzig dank der Unterstützung des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz einziehen.

Heike Taubert (Thüringer Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit) :
„Mich überzeugt das Konzept des Vereins Seehaus. Es nimmt die Jugendlichen selbst in die Pflicht und hilft ihnen, sich auf ein selbständiges Leben in Freiheit vorzubereiten. Es ist so wichtig, die Jugendlichen abseits von negativen Einflüssen durch andere Straftäter im Gefängnis darauf vorzubereiten, sich positiv in die Gesellschaft zu integrieren. „Die Seehäuser“ in Leonberg und Störmthal sind Vorbildprojekte, die zur Nachahmung regelrecht einladen.“

„Das Konzept des Vereins ist vorbildlich mit der Kinder- und Jugendhilfe verknüpft. Jugendli-che und Heranwachsende verbringen nach Zustimmung des Anstaltsleiters ihre Haftzeit bei Hauseltern und erfahren so oft zum ersten Mal ein funktionierendes Familienleben und einen strukturierten Arbeitsalltag. Ich denke, dass es mit dieser Möglichkeit des Strafvollzuges besser gelingen wird, junge straffällig gewordene Menschen zu eigenverantwortlichen, gemeinschaftsfähigen Personen zu fördern und beizutragen, positive Lebensbedingungen für die Jugendlichen zu schaffen.“

Beeindruckt zeigte sich Ministerin Taubert vom Engagement des Preisträgers, mit dem er sich seiner Aufgabe stellt. „Verdient hat sich der Preisträger die Ehrung, da er seit 2001 mit einem überzeugenden Konzept neue Wege eingeschlagen hat, um Jugendkriminalität kon-sequent zu bekämpfen“, sagte Heike Taubert. Wenngleich eine Gefängnisstrafe auch zum Schutz der Gesellschaft sicherlich notwendig sein kann, so Taubert, „sollte sie doch so ausgestaltet werden, dass gerade bei Jugendlichen die negativen Einflüsse des Strafvollzugs möglichst vermieden und diese stattdessen auf ein verantwortungsvolles Leben in Freiheit vorbereitet werden und zur Wiedergutmachung ihrer Straftaten beitragen.“

 

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