Wenn die Streifenwagen Trauer tragen

1. März 2012 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

Wenn die Streifenwagen Trauer tragen
Polizistenmorde in Deutschland –
von Heinz Tanner, Ex-Kommissar aus München

Teil I

Schüsse aus dem Dunkeln

Wenn die Streifenwagen der Polizei Trauer tragen, von ihren Funkantennen Trauerbänder wehen, dann ist wieder einmal einer der Ihren durch Rechtsbrecher zu Tode gekommen. Wie am 28. Okt. 2011 in Augsburg, wo gegen 02.50 Uhr eine Polizeistreife auf dem südlichen Parkplatz des Kuhsees im Stadtteil Hochzoll zwei Verdächtige kontrollieren wollte, die dort mit einem Motorrad unterwegs waren. Sie hatten Motorradhelme auf und dunkle Tücher im Gesicht, trugen sonst aber keine professionelle Motorradkleidung.
Angesichts der bevorstehenden Kontrolle flüchteten die beiden Männer auf dem Motorrad über die Fußgängerbrücke am Hochablass des Lech (Stauwehr) in Richtung Spickelstraße, verfolgt von dem Funkstreifenwagen, den der 41-jährige Polizeihauptmeister Mathias Vieth steuerte. Seine Streifenpartnerin informierte die Einsatzzentrale, die sofort mehrere Funkstreifenbesatzungen zur Unterstützung entsandte. Von der Spickelstraße bogen die Motorradfahrer in einen Waldweg ein, auf dem sie nach ca. 250 Meter stürzten. Der Streifenwagen konnte aufholen. Als die beiden Polizeibeamten ausstiegen, um nach den Gestürzten zu sehen, wurden sie aus der Dunkelheit heraus beschossen. PHM Vieth erwiderte das Feuer, während seine Streifenpartnerin die Einsatzzentrale über die ent-standene Schießerei informierte und dann ebenfalls in die Dunkelheit hinein zurückschießt (siehe Medieninformation des PP Schwaben Nord vom 11. Nov. 2011, das Internetforum Cop2Cop und diverse Presseberichte). Unter Zurücklassung des Motorrades, das in der Nacht vom 10. auf 11. Oktober 2011 in Ingolstadt gestohlen worden war, wie sich später herausstellte, flüchteten die Täter in die neblige Nacht hinein, schafften es aber noch eine längliche schwarze Tasche mitzunehmen, die ihnen offenbar wichtig war.
Als die unterstützenden Streifenwagen eintrafen, waren seit Beginn der Verfolgung nur ca. zehn Minuten vergangen. Wie nun festgestellt werden musste, wurde Thomas Vieth von mehreren Schüssen getroffen. Seine Schutzweste hatte „gehalten“, der ebenfalls alarmierte Notarzt konnte aber nur noch seinen Tod feststellen. Wie das PP Schwaben Nord in ihrer Medieninformation bekannt gab, waren todesursächlich Treffer, die außerhalb des Schutzbe-reiches der Weste lagen. Seine Streifenpartnerin erlitt laut Pressemeldung eine Schussver-letzung an der Hüfte. Sie hatte viel Glück gehabt, sagte denn auch der Präsident des PP Schwaben-Nord, erlitt aber auch einen Schock und musste psychologisch betreut werden.
Die mehrere Tage andauernde Absuche des engeren und weiteren Umfeldes des Tatorts durch eine Vielzahl von Polizeikräften führte zur Auffindung mehrerer Gegenstände, unter anderem einer Waffe (zu der aus ermittlungstaktischen Gründen keine näheren Angaben gemacht wurden), und ein Visier eines Motorradhelmes. Die späteren Ermittlungen haben ergeben, dass sich die Täter auf ihrer Flucht zu Fuß vermutlich getrennt und mindestens einer der Täter durch den Lech in Richtung des Stadtteils Hochzoll-Süd geflüchtet ist. Die spurentechnische Untersuchung der aufgefundenen Gegenstände führte zur Sicherung einer DNA-Spur die bei den bisherigen Recherchen jedoch nicht zu einem Treffer in den Datenbanken führte.
Im Rahmen der Spurensicherungsmaßnahmen am Tatort wurde im Zusammenwirken mit der Stadtverwaltung eine ca. 25 Meter hohe Ulme gefällt, die einen Einschuss aufwies. Das Projektil ist vermutlich den Tätern zuzuordnen.
Hinsichtlich der durch die Täter verwendeten Waffen wurde durch die spurentechnische Auswertung am Tatort festgestellt, dass sie mindestens drei Waffen mitgeführt und aus mindestens zwei davon auf die Polizeibeamten geschossen haben. Nähere Angaben waren den Ermittlungsbehörden aus ermittlungstaktischen Gründen nicht möglich.

Zwei Monate später – inzwischen war auch über die Fernsehsendung Aktenzeichen XY nach ihnen gefahndet worden, worauf rund 700 Hinweise eingingen – wurden nach akribischer Arbeit der Kripo, insbesondere der für diesen Fall eingesetzten SOKO „Spickel“ (benannt nach dem Stadtteil, in dem der Tatort lag), der engen Zusammenarbeit mit anderen Dienst-stellen wie dem Bayerischen Landeskriminalamt, dem Rechtsmedizinischen Institut und anderen Polizeidienststellen am 29.12.2011 zwei dringend Tatverdächtige festgenommen. Zwei Brüder mit polnischer Herkunft aber deutscher Staatsangehörigkeit, 56 und 58 Jahre alt. Der 56-jährige Rudi R., ledig, ohne Beruf, wohnhaft im Augsburger Stadtteil Lechhausen bei seiner Mutter, gilt bei den Ermittlern als Haupttäter. Er hatte bereits als 19-Jähriger 1975 den Polizeibeamten Dieter Kraus, der an der Autobahnraststätte Augsburg Nord ein abgestelltes, unbeleuchtetes Auto kontrollieren wollte, erschossen. Aus einer nahen Hecke heraus feuerte er auf den Beamten. Damals konnte die Augsburger Polizei wenige Stunden nach der Tat zwei 19Jährige festnehmen: Rudi R. und dessen Kumpel. Nach einem Bericht der Münchner AZ vom 7. März 1975 hatten die beiden bei einem Augsburger Autohändler einen BMW gestohlen, waren damit zur Ritter-von-Leeb-Kaserne in Landsberg/Lech gefahren und hatten den dortigen Wachposten mit vorgehaltenem Gewehr gezwungen, ihnen seine Pistole auszuhändigen. Auf der Weiterfahrt bzw. an der Autobahnraststätte Augsburg Nord ging ihnen das Benzin aus. Sie stellten den Wagen ab und versteckten sich bei Annäherung eines Streifenwagens im Gebüsch. Das Schwurgericht Augsburg verurteilte Rudi R. nach Erwachsenenstrafrecht zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe. 19 Jahre seiner Strafe saß er ab, dann wurde er entlassen und unter Führungsaufsicht gestellt. 2003 wurde er wegen Ladendiebstahl, einem Betrugsdelikt und eines Verstoßes gegen das Waffenge-setz zu zwei Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Danach stand der Arbeitslose wiederum 5 Jahre unter Führungsaufsicht, die im August 2011 endete. Rudi R. gilt als ausgesprochener Waffenfanatiker. Sein 58-jähriger, in Friedberg wohnender Bruder Raimund M. – er nahm nach seiner Verehelichung den Namen seiner Frau an – ist Frührentner, ihm konnte in den letzten Jahren wohl keine Straftat nachgewiesen werden. Die beiden Täter, für die bis zur etwaigen Verurteilung bekanntlich die Unschuldsvermutung zu gelten hat, machen, wie es ihnen rechtlich zusteht, von ihrem Aussageverweigerungsrecht gebrauch. Immer verfügten sie über genügend Geldmittel, wie die Münchner AZ in Ihrer Sylvesterausgabe 2011 zu berichten weiß. Raimund M., der Frührentner, ließ sich, wenn er zu seinem Stammtisch kam, auf einen Stock gestützt und zitternd, von den Stammtischbrüdern bemitleiden. „Der arme Raimund – erst 58 und schon so krank,“ so die ‚AZ. „Angeblich war`s Parkinson.“ Gleichwohl spielte er im Tennisteam der „Alten Herrn“. Im Fond seines 5er BMW lagen immer die neuesten Schläger, und seine Kleidung war von hoher Qualität, so die Clubmitglieder. Manchmal kam er auch mit einem teueren Mountainbike, wie auch sein arbeitsloser Bruder, der dasselbe teuere Mountainbike fuhr.

Die Beweislage

Die Beweislage gegen die beiden „mutmaßlichen“ Polizistenmörder scheint erdrückend und dürfte zu neuerlicher lebenslanger Freiheitsstrafe reichen – die dann ja wider zur Bewährung ausgesetzt werden könnte, damit die armen Schwerverbrecher spätestens mit rüstigen 80 Jahren ihren doch nun wohlverdienten Ruhestand in Freiheit genießen und ihren Neigungen neuerlich nachgehen können. Dass Menschen, die, wie offenbar die beiden Brüder. nie sozialisiert worden sind, je resozialiert werden könnten, erwarten zumindest Kriminalisten nicht.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg geht davon aus, wie in der nach der Festnahme stattge-fundenen Pressekonferenz verlautete, dass es sich bei dem Mord an dem Polizeibeamten Mathias Vieth und dem versuchten Mord an dessen Streifenpartnerin um sogenannte „Verdeckungsmorde“ (Tatbestandsmerkmal des Mordes) handelt, da die Täter illegal bewaff-net waren und sich der Strafverfolgung wegen der Waffendelikte sowie des Motorraddieb-stahls entziehen wollten. Außerdem hatten sie wohl vor, einen Raubüberfall zu begehen und handelten bei der Schussabgabe auf die Polizeibeamten heimtückisch, aus dem Hinterhalt heraus (weiteres Mordmerkmal). Bei der an die Festnahmen der beiden Tatverdächtigen bzw. Tätern durchgeführten Durchsuchungen der Örtlichkeiten, an denen diese sich aufgehalten haben, wurden zahlreiche Schusswaffen – von Revolvern und Pistolen bis zu Maschinenpistolen und einem Gewehr mit Zielfernrohr sowie umfangreiche Munitionsbe-stände und weitere Beweismittel sichergestellt, die noch spurentechnisch zu untersuchen waren. Es wäre wohl nicht verwunderlich, wenn dadurch, insbesondere bei der schusswaf-fentechnischen Untersuchung, weitere schwere Straftaten geklärt werden könnten. Eine der am Tatort gesicherten DNA-Spuren konnte schon einmal einem der Tatverdächtigen zweifelsfrei zugeordnet werden.

Bei weiteren durch die SOKO Spickel durchgeführten Durchsuchungen konnten (so eine neuerliche Pressemeldung des PP Schwaben Nord) neue wichtige Beweismittel sicherge-stellt werden. In einem Versteck, das bei einer Familienangehörigen entdeckt wurde, waren u.a. zehn scharfe Schusswaffen deponiert. Neben mehreren großkalibrigen Faustfeuer-waffen konnten auch drei funktionsfähige Schnellfeuergewehre vom Typ „Kalaschnikow“ samt diversen Magazinen und umfangreicher Munition aufgefunden werden. Das Kaliber dieser Waffen passt zu der am Tatort zum Einsatz gekommenen Munition.

Mittlerweile waren für sachdienliche Hinweise insgesamt 100.000 € ausgelobt wurden. Lockte selbst diese Summe nicht…? Laut Presseveröffentlichung vom 18.01.2012 (Münchner AZ) wurde inzwischen die Tochter des mutmaßlichen Polizistenmörders wegen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz festgenommen. Ihr Vater und dessen Bruder Rudolf R. sollen die oben aufgeführten Kalaschnikows und Handgranaten bei ihr versteckt haben. Ein Indiz, wie eng Familien in solchen Fällen oftmals zusammenhalten!

Anzahl der seit 1945 getöteten Polizeibeamten

Mathias Vieth ist der 63. bayerische Polizist, der seit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 durch Mörderhand zu Tode kam (zehn davon waren es bisher in der Landeshauptstadt München, die ersten fünf gleich im ersten Jahr nach dem Krieg). Kollege Vieth hinterlässt eine Ehefrau und zwei Söhne im Alter von 13 und 17 Jahren. Die Bundesrepublik Deutschland (ab 1990 inklusive der beigetretenen DDR) hat seit Kriegsende 1945 bis Jahresende 2011 knapp 400 vorsätzlich getötete Polizistinnen und Polizisten zu beklagen, laut Gewerkschaft der Polizei (GdP) genau 392 (vgl. Cop2Cop, Aktuelles zur Sicherheit vom 15.11.2011). Die Zahl der durch Mörderhand getöteten Polizeibeamtinnen und –beamten werden anhand der Meldun-gen der Bundesländer bei der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) statistisch erfasst.
Ich selbst habe seit ich in Pension bin und danach für eine polizeiliche Fachzeitschrift (DNP) arbeitete, alle diese Fälle, soweit ich aus der Presse davon erfuhr, erfasst und in der DNP jeweils einen kurzen Nachruf veröffentlicht. Aus meinem diesbezüglichen Archiv kann ich die nachfolgend exemplarisch aufgeführten Fälle in Bezug auf Begehungsweise und Tatmotiv näher erläutern.

Zeitliche Schwerpunkte der Morde an Polizisten ergaben sich schon gleich einmal in den ersten fünf Jahren nach dem Krieg, in denen allein 199 solcher Fälle registriert wurden. 183 vollendete und 51 versuchte Tötungsdelikte waren im ersten Jahr nach dem totalen Zusam-menbruch Deutschlands insgesamt zu verzeichnen. 79 vollendete und 65 versuchte Tötungsdelikte waren es auch noch ein Jahr später, dazu waren zahllose Raubüberfälle, Plünderungen und sonstige Straftaten zu verfolgen. Die von der damaligen Besatzungs-macht rekrutierten neuen Polizisten – vorwiegend Frontsoldaten, die den Krieg überlebt hatten und keine Nazis gewesen sein durften, nun aber an der „Heimatfront“ fielen – waren zunächst nur mit Holzknüppeln ausgerüstet, hatten indes mit marodierend durchs Land ziehenden Banden aus entlassenen Häftlingen, ausländischen Kriegsgefangenen und ins Reich verschleppten Fremdarbeitern zu kämpfen. In München konnte z.B. 1947 eine 17-köpfige, mit Karabinern, Maschinenpistolen und Handgranaten ausgerüstete Verbrecher-bande unschädlich gemacht werden.

In den anschließenden 20 Jahren bewegte sich die Zahl der Morde an Polizisten im Fünf-Jahres-Rhythmus zwischen 9 und 15. In den ersten fünf der 1970er Jahre schnellte sie sodann auf 27 hoch – es war dies die Zeit der berüchtigten Baader-Meinhoff-Bande -, um dann in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre auf 14 und danach auf 11 und sodann auf 4 Fälle abzufallen. 2010 und 2011 waren nur je 1 Polizistenmord zu registrieren.

Teil II

Tatsituationen und Tätermotive

Polizistenhasser
Die Polizei, deren vornehmste Aufgabe es an sich ist, die Bürger vor Rechtsbrechern zu schützen, muss sich vor so manchen dieser Bürger selbst schützen. Auf effektive Eigen-sicherung bedacht, ist sie bestrebt, entsprechende Verhaltensregeln zu empfehlen und zu trainieren, die teils darin gipfeln, bei Kontrollen Verdächtiger durch einen der beiden Streifenbeamten (Solostreifen, wie ich sie noch erlebte, sind längst nicht mehr zu empfehlen) mit Schusshand an der Pistole oder gar mit gezogener Waffe aus geeigneter Schussposi-tion dem die Personenkontrolle vornehmenden Kollegen notfalls Feuerschutz zu geben – wie im Krieg, wo vorstürmende Soldaten durch zunächst in der Deckung verbleibende Kamera-den Feuerschutz gegeben wird, nur dass man im Krieg weiß, wer der Feind ist, den es zu bekämpfen gilt. Bei der Polizei erfährt man dies erst, wenn einem Steine, Schleudergeschos-se und Brandsätze entgegenfligen, ein Messer in den Bauch gestoßen oder eine Kugel in den Kopf geschossen bekommt. Als Polizist weiß man schließlich nie, ob man in dem zu Kontrollierenden nicht einen Schwerkriminellen oder total Ausgeflippten gegenüber hat, der, wie im Augsburger Fall, wo die Verdächtigen illegal Schusswaffen mitführten und wohl gerade auch eine weitere Straftat vorhatten, sich einer Festnahme zu entziehen versuchten. Richtet sie sich in unserem freiheitlichen Rechtsstaat aber darauf ein, einen „Feind“ gegenüber zu haben, geht mit Sicherheit ein Aufschrei durch die Medien. Kann man so „harmlosen“ Bürgern doch nicht begegnen! Wie ich z.B. von einem als Polizistenhasser schon bekannten Rechtsanwalt zusammen mit weiteren, zur Unterstützung angerasten Funkstreifenkameraden wegen „Bedrohung“, Freiheitsberaubung im Amt u.a. angezeigt wurde (was grundsätzlich eine Beförderungssperre bis zum Abschluss des Ermittlungsver-fahrens zur Folge hat), weil ich einen jungen, des Kfz.-Diebstahls verdächtigen Kerl (er fuhr ein kurzgeschossenes Kfz. und hatte dafür keinerlei Papiere vorzuweisen) zusammen mit seinen ihn vor der Festnahme schützenden Freunden mit meiner Pistole in Schach hielt, bis die angeforderte Unterstützung angerast kam, mit der zusammen wir sodann an die sieben der Kerle, die sich mit weiteren ihrer Freund zusammenrotteten und „Nazi, Nazi, Nazi“ skandierten, wegen Widerstand, Beleidigung u.a. festnahmen. Mir ist an sich bis heute nicht so ganz klar, ob es als „Verbrechen“ zu gelten hat, wenn jemanden mit gezogener Pistole in Schach gehalten wird, wie es in § 240 StGB gefordert wird, wenn solches denn als „Bedrohung“ strafbar sein soll. Ist mir heute als Pensionist aber sch…egal. Als Polizist bin ich ja eh nur Halbjurist“ und muss mich der Ansicht eines Volljuristen (wie besagtem RA, der mich wegen „Bedrohung“ u.a. anzeigte), beugen. Im Hinblick auf eine effektive Eigen-sicherung bei Personenkontrollen erscheint mir dies aber doch von Bedeutung.

Wie aber sollten Polizisten „feindlichen“ Bürgern sonst gegenübertreten? Dass sie solche bei allen möglichen und unmöglichen Situationen gegenüber haben, erkennen sie nicht sofort, sollten mögliche Gründe hierfür aber doch wissen. Ein amerikanischer Polizeichef, der anno dazumal in München über OK-Bekämpfung in den USA referierte, äußerte sich zu den Erfahrungen amerikanischer Straßencops, indem er (sinngemäß) sagte: „Tausende Raser kassieren wir auf unseren Highways alljährlich ab – und machen uns damit Tausende unserer Bürger zu Feinden.“ Wir deutschen Polizisten können diese Aussage wohl voll und ganz unterstreichen.

Verkehrs- und Radarkontrollen
In einem beispielhaften Fall von Polizistenhass bzw. Hass gegen die Obrigkeit führte denn auch der Fall eines mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit geblitzten Kraftfahrers zum Tod des 41jährigen Polizeibeamten Günter K. (Familienvater mit zwei Kindern). Der Beamte stand mit seinem Zivilfahrzeug auf dem Standstreifen der A 4 zwischen Bad Hersfeld (Hessen) und dem Kirchheimer Dreieck. Über 100 Autos waren an diesem Dienstag im Januar 2000 schon geblitzt worden, so berichtete die Münchner Abendzeitung vom 20.01.2000, als der ca. 55 Jahre alte Fahrer eines wenige hundert Meter weiter anhaltenden Wagens zurückgelaufen kam und am Fahrerfenster des zivilen Radarfahrzeuges um Hilfe bat, heimtückisch, denn kaum kurbelte der Polizeibeamte die Scheibe herunter, riss der Mann die Wagentür auf und schoss. Die Kugel traf den Beamten mitten ins Herz, durchschlug den Oberkörper und blieb im linken Arm des neben ihm sitzenden Kollegen stecken. Der rettete sich mit einem Sprung aus dem Wagen und rollte die Böschung hinunter. Nicht zu fassen eine E-Mail, mit der ein Unbekannter (der Täter?) hämisch seine „besondere Freude“ über den Tod des Beamten ausdrückte. Er ist wohl schon oft straffällig geworden, dass er einen solch abgrundtiefen Hass auf Polizisten entwickelte. Als Polizei-beamter erfährt man dies aber erst, wenn man dessen Personalien erhebt und abcheckt. Oder sollte man die psychische Einstellung des jeweiligen polizeilichen Gegenüber schon von weitem erkennen können…? Lassen Sie mich aber erst weitere Beispiele anführen.

Amoklauf eines Waffennarren
Die Beamten der Polizeiinspektion Dorfen, einem kleinen Städtchen nordostwärts von München, waren an diesem 3. März 1988 gerade von der Hausdurchsuchung bei einem jugoslawischen Waffennarren zurückgekehrt, bei dem sie auf Beschluss des Amtsgerichts Erding sieben Schusswaffen beschlagnahmt hatten. Gerade als sie dabei waren, die auf den Schreibtischen im Wachlokal ausgebreiteten Waffen zu registrieren, betrat Slobotan St. die Wache. „Gebt mir meine Waffen zurück!“ rief er und begann auch schon zu schießen (ob mit einer weiteren mitgebrachten oder einer der auf den Schreibtischen ausgelegten Waffe blieb vorerst ungeklärt). Zwei der Beamten traf er tödlich, einem dritten gelang durch einen Sprung aus dem Fenster die Flucht. Dem aus seinem Dienststürmer angestürzt kommenden, unbewaffneten stellvertretenden PI-Leiter gelang es gerade noch, am Funkgerät einen Notruf abzusetzen und trotz eines Schusses in den Rücken an dem Täter vorbei in den Hof und zu einem Nachbarn zu flüchten. „Holt das Rote Kreuz“, keuchte er noch, bevor er in den Armen der Nachbarin starb.
Der Mordschütze verlässt gerade die Wache, als ein Streifenwagen eintrifft. PHM Frank K. stößt die Tür des Streifenwagens auf, eine MP im Anschlag. Der Mordschütze schießt sofort und trifft. Schwer verletzt schießt der Polizeibeamte zurück und trifft ebenfalls. Rettungshubschrauber bringen beide in Münchner Kliniken. Der Mordschütze überlebt nicht.

Ein Jahr darauf
Am Ostersonntag, dem 26. März 1989, wurde ein weiterer bayerischer Polizist Opfer eines Mordschützen. Eine Streife der PI Fürstenfeldbruck, einer Kreisstadt westlich von München, hatte kurz nach Mitternacht einen in Schlangenlinien fahrenden Autofahrer mit auf die Wache genommen. Widerstandslos ließ der Delinquent die Blutentnahme durch einen herbeigeru-fenen Arzt über sich ergehen. Dann zückte er eine Pistole (!), streckte den 27jährigen POM Erich R. mit einem tödlichen Schuss in den Kopf nieder und verletzte den aus dem Neben-raum herzueilenden und zwei Fehlschüsse auf den Täter abgebenden 27jährigen PM Josef B. – eine Kugel zerschmetterte ihm den Unterarm. Dann flüchtete er.
Vierundzwanzig Stunden später entdeckte eine Putzkolonne der Bundesbahn in einem am Grenzübergang Freilassing zu Österreich abgestellten Waggon einen Schlafenden. Als ihn die herbeigerufenen Bahnpolizisten weckten, griff er sofort nach seiner Pistole. Nur durch das drohende Knurren deren Diensthundes, worauf der „blinde Passagier“ aufgab, entgingen die Beamten tödlichen Schüssen. Er war der Mordschütze von Fürstenfeldbruck, ein 36jähriger aus Dachau, bereits wegen Diebstahls gesucht und wiederholt wegen Trunken-heitsfahrt und Ladendiebstahls verurteilt. Er wurde zu Lebenslang verurteilt. (Ob er nicht längst wieder auf freiem Fuß ist, versuchte ich erst gar nicht zu erfahren, wegen Datenschutz hätte man es mir wohl auch nicht gesagt. Aber man wird es erfahren, wenn er neuerlich getötet hat.)

Auf diese tragischen Vorfälle hin ordnete die oberste Polizeiführung an, künftig jeden Bürger, der in einem Polizeifahrzeug mitgenommen oder zur Wache gebracht wird, körperlich zu durchsuchen. Bei der Beisetzung des getöteten Polizeibeamten betonte der damalige Innenminister Dr. Edmund Stoiber, dass „die polizeilichen Pflichten oft den Einsatz des eigenen Lebens fordern. Der Staat müsse deshalb alles tun, um Polizeibeamte zu schützen, die sich dafür einsetzen, dass alle Bürger in einer menschenwürdigen Ordnung leben können.“ Ich schätzte ihn als Innenminister, wie auch seinen Nachfolger Dr. Günter Beckstein. Als Ministerpräsidenten moppte man ihn allerdings dann aus dem Amt. Der mit blau-weißem Rautentuch bedeckte Sarg des getöteten Polizeibeamten wurde von einer Ehrenabordnung der Polizei begleitet.

Die Mord-Brüder von Holzminden
In der Nacht zum 12. Okt. 1991 lockte ein Anrufer eine Polizeistreife zu einem abgelegenen Parkplatz an der Landstraße Neuhausen – Bofzen in Niedersachsen. Ein angeblicher Meier, der von einer Notrufanlage die Polizeistation in Höxter anrief, teilte mit, dass er einen Wild-unfall gehabt habe, es sei aber nicht schlimm, nur ein kleiner Schaden an der Stoßstange. Ein Routinefall, der aber doch dokumentiert werden musste. Die beiden Polizeiobermeister Andreas Wilkending (34) und Jörg Lorkowski (30) fahren in einem zivilen Polizeiwagen, aber in Uniform los – und lassen nie wieder von sich hören. Als Stunden später ein Streifenwagen nachforscht, wo die beiden abgeblieben sind, entdecken die Beamten auf dem fraglichen Waldparkplatz im Forst von Holzminden Blutlachen, Zahnteile und Geschosshülsen aus einem Schnellfeuergewehr der Bundeswehr (G 3), wie zwei davon bei einem kürzlich erfolgten Überfall auf eine Bundeswehrkaserne in Stadtoldendorf/Kreis Holzminden erbeutet worden waren. Schließlich wurde die über Rundfunk ausgestrahlte Stimme des Anrufers über die Notrufanlage von Hörern und einem Beamten der Justizvollzugsanstalt Bielefeld als die Stimme eines der dortigen Häftlinge erkannt, nämlich des Häftlings Dietmar Jüschke (29), ehemaliger Jagdaufseher, der vor kurzem erst entlassen worden war. Mitgefangenen gegenüber soll er unverhohlen seinen Hass gegen die Polizei zum Ausdruck gebracht haben – sie hatte ihm Jagdschein, Waffenbesitzkarte und Führerschein wegnehmen lassen. Das Gewaltverbrechen, dem die seit einer Woche vermissten Polizeibeamten, beides Familien-väter, zum Opfer gefallen sind und das in der jüngeren deutschen Kriminalgeschichte beispiellos ist, stand vor der Aufklärung. Als tatverdächtig konnten neben Dietmar Jüschke dessen Brüder Ludwig (26) und Manfred (25) ermittelt werden. SEK-Beamte nahmen die Mord-Brüder in ihrem Fachwerkhaus in Bredenborn/Kreis Höxter fest (Münchner Merkur vom 19./20.Okt. 1991). Manfred, der jüngste der Brüder, hatte bei der Festnahmeaktion versucht, sich mit Messerstichen umzubringen. Einer der Brüder führte die Polizei zu den Leichen der vermissten Polizisten. Sie lagen eineinhalb Meter tief verscharrt, vier Kilometer von der Stelle entfernt, an der das von Schüssen durchsiebte, ausgebrannte Dienstfahrzeug im rund 50 km entfernten Truppenübungsplatz nahe Paderborn gefunden worden war.

Gefährliche Streitschlichtung
Alltäglich fallen Einsätze mit dem lapidaren Hinweis „Streit“ an. Der Polizeireport SCHAT-TENSEITEN EINER GROSSSTADT, in dem über 24 Stunden hinweg der Alltag der Münchner Polizei anhand fiktiver Einsätze und Ermittlungen authentisch geschildert ist, lässt den neuen Tag denn auch gleich mit einem Streit beginnen, zu dem der nächste einsatzklare Funkstreifenwagen beordert wird. Der den Anruf entgegennehmenden Telefonist der modernen, cumputerunterstützten Einsatzzentrale des PP München wundert sich denn auch nicht, dass die neuen 24 Stunden schon gleich wieder mit einem Streit beginnen. Ist die Polizei doch seit eh und je mit dem Zank und Hader der Menschen konfrontiert. Dass sich daraus am Ende der 24 Stunden ein Amoklauf entwickeln wird (fiktiv), kann er nicht ahnen.

Aus meiner Zeit bei der Münchner Funkstreife erinnere ich mich an einen tragisch endenden Familienstreit. Ich fuhr an diesem Februartag des Jahres 1961 auf Isar 13, als uns der erregte Funkruf von Isar 9 schier aus den Sitzen riss: „Isar von 9, dringend BRK und Unterstützung, Kollege angeschossen, schwer verletzt!“ Die Funkdurchsagen überschlugen sich, alle wollten sie zur Unterstützung kommen. Zu einem Familienstreit in die Krumbacher Straße in Schwabing war Isar 9 beordert worden. Die Anruferin wies die Kollegen zum Wohnzimmer ihrer Wohnung und soll, wie schon bei ihrem Anruf, gesagt haben, dass ihr Mann eine Pistole habe. Als die Kollegen das Wohnzimmer betraten und gerade fragen wollten, was denn los sei, schoss der Mann sogleich. Karl-Heinz Roth (32), Familienvater mit einem kleinen Jungen, wurde in den Hals getroffen. Tod auch der Mordschütze, von den Schüssen des bereits tödlich getroffenen Beamten sowie dessen Kollegen niedergestreckt.

Ehestreit in Egelsbach/Offenburg
Am 20.12.1997 wurde die Polizei zu einem Ehestreit gerufen. Ein 39jähriger Kroate hatte seine sechs Jahre jüngere Ehefrau verprügelt. Den Beamten gelang es zunächst, die Streitenden zu trennen. Während einer der Beamten sich in der Küche die Misere der Ehefrau erzählen ließ, schoss der Ehemann im Flur auf dessen 36jährigen Kollegen und tötete ihn. Dessen Kollege erschoss den Mordschützen nun seinerseits.

Bei Verkehrskontrolle in den Kopf geschossen
Am 16. Aug. 1996 zieht in Hamburg der Fahrer eines weißen Golf statt der verlangten Papiere eine Pistole und schießt den ihn kontrollierenden Polizeibeamten (34) kaltblütig aus nächster Nähe in den Kopf. Der flüchtende Wagen wird von einem Streifenwagen gestellt und dessen Fahrer, ein 65jähriger Sozialhilfeempfänger, nach einem Schuss ins Bein überwältigt. Der verletzte Polizeibeamte, Vater von zwei kleinen Kindern, wird ins Kranken-haus gebracht, er hat keine Überlebenschancen und stirbt wenige Tage später. Der Täter verweigert Angaben zu dem von ihm gefahrenen Golf, so konnte zunächst nur vermutet werden, dass er den Wagen gestohlen hat.

Passauer Grenzpolizisten im Eurocity „Donaukurier“ niedergeschossen
Am 11. Nov. 1993 kurz nach Mitternacht nahmen POM Klaus März (33) und PM Georg Schachner (20) von der Bayerischen Granzpolizei (diese gab es damals noch) im Nachtkurier Wien – Dortmund kurz vor der Grenze zu Deutschland (sie hatten den Zug schon in Österreich bestiegen) die Kontrolle der Reisenden vor. Die Pässe eines Serben und dessen Begleiter, eines Ungarn, erschienen dem hinsichtlich Passfälschungen versierten POM März verdächtig. Um bei der weiteren Kontrolle Aufsehen zu vermeiden, bat er die beiden ins Dienstabteil. Dort angekommen, wurden sie mit Salven aus einer kurzläufigen tschechischen Maschinenpistole „Scorpion“ mit aufklappbarer Armstütze und – in diesem Fall – mit Schalldämpfer versehen, die der als politischer Flüchtling in Deutschland lebende Ex-Jugoslawe bzw. Serbe Predrag Boskovic aus dem Hosenbund zog, niedergeschossen. Der junge PM Schachner, ein Bereitschaftspolizist aus München, der seinen ersten Einsatz bei der Grenzpolizei in Passau absolvierte, zu der er sich freiwillig gemeldet hatte, nachdem er in Iggensbach bei Deggendorf zu Hause war, war sofort tot – seine Mutter hatte ihn ehemals angefleht: „Bub, geh nicht zur Polizei!“ – , POM März konnte noch zurückschießen, bevor auch er starb. Der MP-Schütze, der 32jährige Jugoslawe bzw. Serbe Predrag Boskovic sprang trotz mehrerer Schüsse ins Bein aus dem Abteilfenster, nachdem sein durch Schüsse aus seiner MP verletzter und fluchtunfähiger Komplize auf seine Auffor-derung die Notbremse gezogen hatte, und flüchtete ins nahe Pramdorf, wo er in ein Haus einbrach. Während der verletzt zurückgebliebene Ungar Istvan Farkas (38) ins Krankenhaus der Grenzstadt Schärding eingeliefert wurde, stürmte die per Hubschrauber aus Wien einge-flogene Gendarmerie-Sondereinheit COBRA stunden später das Haus, in dem sich der geflüchtete Polizistenmörder Boskovic verbarrikadiert hatte und nicht aufgeben wollte (die aus dem Haus geflüchtete Besitzerin hatte sich bei der Polizei gemeldet, zu dem inzwischen auch ein Polizeihund die Spur des Täters aufgenommen hatte). Er konnte überwältigt werden und wurde infolge großem Blutverlust in ein Linzer Krankenhaus geflogen.
Im später neben der Bahnstrecke gefundenen und beim Täter selbst vorgefundenen Reisegepäck befanden sich 500 Gramm Plastiksprengstoff (Semptex), Zündschnüre und Sprengkapseln, mehrere Handgranaten und eine der Dienstpistolen (?) der getöteten Grenzpolizisten. Vermutlich planten die beiden Täter in Deutschland Anschläge – die die beiden Grenzpolizisten unter Einsatz ihres Lebens denn nun verhindert hatten.
Der Serbe Boskovic, dessen ungarischer Reisepass POM März als Fälschung aufge-fallen war, kaum laut AZ-Bericht über dessen Prozess vor dem niederösterreichischen Landesgericht Ried vom 10.03,1994 Ende1986 nach Deutschland und lebte mit Frau und drei Kindern als anerkannter politischer Flüchtling in Saarlouis, wo er als Kellner jobbte und gut verdiente. Als er den Jobb verlor, so ein AZ-Bericht vom 17.08.1994 über seine Verur-teilung zu lebenslanger Gefängnisstrafe, stieg er, so soll er ausgesagt haben, ins Waffen-geschäft ein. Eine Prostituierte soll ihm einen ungarischen Pass verschafft haben, denn mit seinem serbischen Pass konnte er als politisch verfolgter schlecht in seine Heimat einreisen, um Geschäfte zu machen. Mit dem falschen Pass reiste er angeblich dreimal in seine Heimat ein und kaufte Waffen, die er in Deutschland weiterverkaufte.
Dem zwanzigjährigen PM Georg Schachner gab bei seiner Beerdigung neben einer Abordnung der Bayerischen Granzpolizei mit deren Präsidenten das ganze Dorf (Iggensbach bei Deggendorf) das Geleit. Sie kannten und schätzen ihn alle. Der in Passau beerdigte POM Klaus Merz hinterlässt einen fünfjährigen Sohn und – nach Scheidung – eine neue Lebensgefährtin.

Grenzkontrollen aufgehoben

Mit Blasmusik und Humptata für ein geeintes Europa, so berichtete die Münchner AZ über die Feierlichkeiten anlässlich des Wegfalls der Personenkontrollen an den Grenzübergängen zwischen Deutschland, Österreich und Italien ab 01. April 1998. Im sogenannten Schengen-abkommen, so wird seitdem das 1985 im luxemburgischen Mosel-Örtchen namens Schen-gen zwischen Frankreich, Deutschland und den Beneluxländern vereinbarte Abkommen bezeichnet, mit dem die Abschaffung der Grenzkontrollen beschlossen wurde, dem im Laufe der Jahre immer mehr Länder beigetreten sind und heute selbst zu den neu in die EU aufgenommenen Länder keine Grenzkontrollen mehr stattfinden. Als Ersatz für den Wegfall der Kontrollen, die nur noch an den EU-Außengrenzen vorgenommen werden, wurde die sogenannte Schleierfahndung eingeführt, eine verdachtsunabhängige Fahndung im grenznahen Raum (30 km Tiefe) sowie auf Durchgangsstraßen (Bundesautobahnen, Europastraßen und andere Straßen von erheblicher Bedeutung für den grenzüberschrei-tenden Verkehr) und auf Flüssen, Bahnhöfen, Flughäfen und Zügen wurde die sogenannte Schleierfahndung eingeführt. Die an den Grenzübergangsstellen frei werdenden Grenzpoli-zeibeamten wurden für die 795 km lange deutsch-österreichische Grenze zwischen Lindau am Bodensee und Passau in Fahndungsinspektionen unter bayernweiter Koordination durch ein neu eingerichtetes Dezernat beim BLKA zusammengefasst. Sie stellte sich schon bald als voller Erfolg dar. Bei besonderen Lagen, wie z.B. neue Flüchtlingswellen oder anlässlich gefährdeter internationaler Tagungen oder Großveranstaltungen wie des Nato-Gipfels Anfang April 2009 in Straßburg und Baden-Baden werden an ausgewählten Grenzüber-gängen Grenzkontrollen vorübergehend wieder aufgenommen (für die übereifrig abgerissenen Grenzstationen müssen jeweils Provisorien errichtet werden).

Beziehungsdrama fordert drei Todesopfer
Am 28. Jan. 2000 wiesen Anwohner zwei am Mitscherlichweg im Aschaffenburger Stadtteil Schweinheim vorbeikommende Kriminalbeamte darauf hin, dass im Haus der 41jährige Egon Heeg seine 23jährige Freundin wieder einmal bedrohe. Als die beiden Kriminalbeamten vor dessen Tür aufkreuzten, eröffnete der wegen Körperverletzung und Rauschgiftdelikten zehnmal vorbestrafte Heeg sofort das Feuer und tötete einen der Beamten (hinterlässt Ehefrau und zwei Kinder). Das SEK wurde alarmiert, eine Verhandlungsgruppe versuchte vergeblich den Täter, der seine Freundin nun als Geisel hielt, zur Aufgabe zu bewegen. Als das SEK zum Sturm der Wohnung ansetzte, erschoss er die Freundin und sich selbst.
Dann aber übte laut AZ die örtliche Justiz Kritik: Dass der Freundin Gewalt angedroht worden war, reiche laut Aschaffenburger Staatsanwaltschaft nicht zu dessen „Verhaftung“. Nun, bloße Bedrohung mit Gewalt ist noch keine Straftat, das wissen auch Polizisten. Erst die Bedrohung mit einem Verbrechen (die Tat muss mit mindestens einem Jahr Freiheits-strafe bedroht sein) ist strafbar. Die Kriminalbeamten hätten also gar kein Recht gehabt, vor der Wohnung des Täters aufzukreuzen. Doch sie wollten ihn sowieso nicht gleich „verhaften“. Laut Polizeirecht hatten sie aber sehr wohl die Berechtigung, Gefahren abzu-wehren, durch die (u.a.) die Gesundheit einer Person bedroht oder verletzt wird (der Täter soll seine Freundin schon einem mit einem Baseballschläger bedroht haben). Dass er sie nicht wirklich oder neuerlich zusammenschlägt, das zu verhüten oder zu verhindern, dazu hat die Polizei nun einmal das Recht bzw. die Pflicht. Und nachdem er den vor seiner Tür aufkreuzenden Kriminalbeamten niedergeschossen hat, berechtigte das SEK dazu, die Wohnung zu stürmen. Dass er nun seine Freundin und sich selbst erschoss, hat die Polizei gewiss nicht zu verantworten, hatte sie davor doch vergeblich versucht, ihn durch eine für solche Fälle vorgehaltene und geschulte Verhandlungsgruppe zur Aufgabe zu bewegen.

Mord an Polizistin
In Remscheid rief am 27. Febr. 2000 eine Frau von einer Telefonzelle aus eine Streife zu Hilfe. Sie hatte sich mit ihrem Mann, einem Mazedonier (27), gestritten. Während die Streife die Umgebung nach dem Ehemann absuchte, trat ein Mann an den Streifenwagen heran, von dem die Polizisten glaubten, er wolle nur eine Auskunft. Der Mann aber – es war der gesuchte Ehemann – riss die Wagentür auf, stach auf die 26jährige Polizeibeamtin ein und verletzte sie tödlich. Ihr Streifenkollege, der sofort aus dem Wagen sprang, schoss auf den Messerstecher, verletzte ihn am Bein und nahm ihn fest. Der Täter war einmal wegen Polizistenbeleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt worden und neigte angeblich zum Jähzorn.

Heimtückischer Mordversuch an Münchner Funkstreifenbeamten
Das Opfer überlebte, zählt also nicht zu der in diesem Beitrag genannten Zahl getöteter Polizisten. Der Heimtücke wegen, die hier zu beobachten ist, will ich den Fall indes kurz schildern. Zudem war Ludwig Zilch, Niederbayer wie ich, mein Freund, mit dem zusammen ich schon bei der Bayer. Bereitschaftspolizei in Eichstätt auf einer 15-Mann-Stube lag und in der Bischofsstadt erste „Bierreisen“ unternahm. Zusammen bewarben wir uns nach Jahren bei der BePo bei der StaPo, der Stadtpolizei München (damals noch kommunal), waren zusammen auf einem der Reviere und gingen schließlich kurz hintereinander zur Funkstreife, weil hier mehr los war.
Eines Nachts im November 1966 – Ludwig hatte sich, wie er später erzählte, vor seiner Nachtschicht von 23.30 bis 06.30 Uhr eine gehörige Portion Kartoffelsalat mit Würstchen einverleibt – wurden er und sein junger Fahrer kurz nach Schichtbeginn zu einem damals bekannten Dirnenhaus an der rund einen Kilometer nördlich des Hauptbahnhofes liegenden, vom Stiglmaierplatz Richtung Norden abzweigenden Schleißheimer Straße beordert. Schlägerei, hieß es. Ein Routineeinsatz, wie sie ihn hier öfters hatten. Doch diesmal war von einer Schlägerei nichts zu bemerken, auf dem Gehsteig fanden sich lediglich Blutspuren. Ludwig schickte den zweiten Funkstreifenwagen, den die Zentrale vorsorglich zur Unter-stützung beordert hatte, wieder weg. Schon wollte auch er wieder wegfahren, da hörte er aus dem ersten Stock eine Frau um Hilfe rufen. Er stieg wieder aus und war gerade im Begriff, in die dunkle Hauseinfahrt des mehrstöckigen Anwesens zu gehen, als ihm von dort ein Mann entgegenkam. Oben in einer der Wohnungen schrie die Frau noch immer, worauf Ludwig den Mann fragte, was los sei.
„Nichts ist los“, bekam er zur Antwort. Ludwig forderte ihn auf, mit ihm zu kommen, um den Grund der Hilferufe zu klären. Der Mann ging voraus in die dunkle Hauseinfahrt, Ludwig folgte, hinter ihm kam sein Kollege nach. Da blitzte es vor ihm auf, ein donnernder Schuss hallte wieder, Ludwig schleuderte es gegen die Wand und ein furchtbarer Schmerz durchfuhr seinen Bauch. Aus kürzester Entfernung – Ludwig schätzte aus etwa 40 cm – hatte der Verdächtige ohne sich umzudrehen auf den ihm folgenden Polizeibeamten geschossen. Mit einer Waffe vom Kaliber 45 (11,4 mm).
Ludwigs Fahrer ließ sich zu Boden fallen und zog sich zur Straße zurück. Ludwig hatte wohl kurz die Besinnung verloren. Er sah den Täter nach hinten in den Hof flüchten, von wo er aber sogleich wieder zurückkam. Er zog seine Pistole und wollte schießen, doch er hatte sie nicht entsichert. Der Täter wagte sich aber nicht auf die Straße und zog sich wieder in den dunklen Hinterhof zurück. Aschentonnen schepperten, eine Fensterscheibe klirrte. Der Täter floh über den Nachbarhof auf die Seitenstraße hinaus, wo ihn Ludwigs Kollege entdeckte und ihn anrief: “Hände hoch, Polizei!“
„Ich war`s nicht“, entgegnete der Täter, hob eine Hand und schoss mit der anderen auf Ludwigs Fahrer. Dieser schoss zurück. Der Täter flüchtete die Straße entlang und entkam. Bis heute blieb er unbekannt!
Ludwigs Fahrer rief über Funk nach Verstärkung, worauf von überall her Funkwagen angerast kamen. Dann kümmerte er sich um seinen Streifenführer und suchte nach dessen Verletzung. Ludwig bat ihn, sich um seine Frau und sein Kind zu kümmern, denn ihm war klar, dass er jetzt sterben musste. Als die Sanitäter ihn auf die Bare legten, fiel ein Projektil zu Boden. Das Geschoss hatte seinen Leib durchschlagen, war aber dann an der Lederjacke hängen geblieben.
Im Krankenhaus „Rechts der Isar“ wurde er operiert. Mit furchtbaren Schmerzen erwachte er Stunden später aus der Narkose. Seine Frau und seine Eltern saßen an seinem Bett. Drei Tage später platzte die Wunde, er musste erneut operiert werden. Zusammen mit weiteren Schwerkranken, die wenig später starben, bekam er von einem Priester die „Letzte Ölung“. Die Tage danach waren fürchterlich, erzählte er, als auch ich ihn besuchte. Durst, Durst, Durst, und er durfte nichts trinken. Am Heiligen Abend erlitt er eine Lungenembolie und musste erneut auf die Intensivstation.
Nach seiner endgültigen Heilung fuhr er weiterhin Streife. Er hoffte, dem noch immer unbekannten Täter irgendwo zu begegnete. Der Grund für die Hilferufe der Dirne, die ihn veranlassten, den Verdächtigen anzuhalten, war, dass dieser ihr aus der Handtasche Geld entwendete und sie mit einem Revolver bedrohte. Nach ihren und ihrer Kolleginnen Angaben konnte ein recht gutes Phantombild erstellt werden, und auf einem von ihm zurückgelas-senen Feuerzeug wurde ein Fingerabdruck festgestellt. Trotz Presse- und Fernsehfahndung und einer ausgesetzten Belohnung blieb die Fahndung nach ihm vergeblich.
Im Kollegenkreis erzählte mein Freund später, dass sein Operateur zu seinem Bauch-schuss gesagt habe, die Schussverletzungen durch seine Gedärme seien ja weniger problematisch gewesen, die konnten geflickt werden. Aber der Kartoffelsalat! Den musste man mit Löffeln aus der Bauchhöhle schöpfen. Über diesen Sarkasmus lachten wir noch oft. Mittlerweile ist mein Freund verstorben.

Dienstwaffe entrissen
Am Morgen des 22. Juni 2000 wurden PK Gerhard T. (43) und POM G. (32) mit ihrem Streifenwagen nach Eltville-Niederwalluf bei Wiesbaden beordert. Wie Anwohner meldeten, wühlte da ein Mann, der einen schwarzen Plastiksack bei sich trug, in Mülltonnen herum, als wolle er da etwas suchen. Die Beamten kontrollierten die Papiere des Verdächtigen, eines 24jährigen, wegen Drogendelikten und Einbruchsdiebstahl vorbestraften Türken aus Frank-furt, und wollten ihm schon Handschellen anlegen und ihn aufs Revier bringen, da riss dieser die Dienstwaffe von POM Ingo G. aus dessen Holster und schoss. Der Beamte erlitt einen Leberdurchschuss, PK Gerhard T. wurde in den Bauch getroffen, schoss aber noch zurück und traf den Angreifer lebensgefährlich am Kopf. Elf Stunden kämpften die Ärzte vergeblich um das Leben von Ingo G. – zahlreiche Kollegen hatten sich als Blutspender eingefunden. PK Gerhard T. und der Täter überlebten. Was der Täter im Müll suchte, blieb unklar. Die Polizei vermutete, so die Münchner AZ vom Tag danach, dass da Drogen oder Hehlerware versteckt sein sollten.

Mutter einer Sechsjährigen vor Kindergarten erschossen
Mit einer Maschinenpistole lauerte am 24. Juni 2000 (laut Münchner AZ vom 26.06.00) der Ex-Freund einer 35-jährigen Mutter auf, die ihre 6-jährige Tochter vom Kindergarten ab-holen wollte, und schoss sie und ihren 45-jährigen Begleiter nieder. Sie starb wenig später, während ihr Begleiter, in den Hals getroffen, überlebte. Auf der Flucht feuerte der eifersüch-tige Mordschütze MP-Salven auch auf die Polizisten ab, die zum Glück Schutzwesten trugen. Er flüchtete in einen Wald, wo ihn die Polizisten entdeckten, die er gleich wieder mit MP-Salven eindeckte. Sie schossen zurück und trafen ihn in die Brust. Er musste notoperiert werden. Für die Polizeibeamten verlief dieser Fall ausnahmsweise glimpflich.

Polizistenmorde in Berlin
Im Mai 1996 stoppte eines Nachmittags eine Berliner Polizeistreife in Berlin-Marzahn einen Trabi-Fahrer, der in Schlangenlinien fuhr. Als sie ihn kontrollieren wollten, zog er statt seiner Papiere eine Pistole und feuerte wie wild um sich. Die Beamten sprangen in Deckung – zu spät. Vier Polizisten wurden getroffen, einer verstarb wenig später im Krankenhaus. Der Täter schoss sich nach seiner Amoktat in den Kopf, er überlebte schwer verletzt (aus
Pressemeldung der Münchner AZ vom 09.05.1996).

In Neuköln endete ein Einsatz des SEK, das einen wegen Messerstecherei gesuchten Liba-nesen in seiner Wohnung in einem neungeschossigen Wohnblock festnehmen wollte, für einen der Beamten tödlich. Einer der drei in der Wohnung anwesenden Männer eröffnete sofort das Feuer und traf den 37jährigen Leiter des Einsatzkommandos trotz Schutzhelm tödlich ins Gesicht, er verstarb trotz Notoperation und hinterlässt eine Tochter und seine Lebensgefährtin. Ein weiterer Beamter wurde verletzt. Der Schütze und die übrigen Männer wurden festgenommen (Münchner AZ vom 24.04.2003).

Es war nur eine Routinekontrolle in der Nähe eines bekannten Berliner Drogenumschlag-platzes, so meldete die Münchner „tz“ unter dem 20.03.2006, die den Berliner Polizisten Uwe Lieschied das Leben kostete. Der Tage später ermittelte 39jährige türkisch-stämmige Täter hatte, nachdem er gerade einen Straßenraub begangen hatte, sofort um sich geschossen. Der zunächst im Koma liegende Polizist verstarb wenige Tage darauf.

Gangster und Polizist tot.
In Selfkant-Süsterseel im Grenzgebiet zu den Niederlanden kamen bei einem Banküberfall ein Polizist und einer der Gangster ums Leben. Zufällig war eine Polizeistreife gegen 08.30 Uhr auf den laufenden Überfall vor der Raiffeisenbank des Ortes gestoßen. Als die Polizei-beamten das Kennzeichen des Fahrzeuges, das mit Fahrer am Steuer vor der Bank wartete, überprüfen wollten, stieg der Fahrer aus und bedrohte die Beamten mit einer Schusswaffe, ergriff sodann aber die Flucht. Vergeblich versuchte einer der beiden Polizeibeamten, ihn zu fassen, wandte sich dann aber der Bank zu, wo ihm im Eingang der zweite der Gangster entgegenkam, mit dem es augenblicklich zu einem Schusswechsel durch die Scheibe hindurch kam. Beide Männer wurden tödlich getroffen. Der 55jährige erschossene Polizei-beamte hinterlässt eine Frau und eine Tochter (in meinem Pressearchiv war er der 364 getötete Polizist seit 1945).
Der zweite der Gangster zwang an einer nahen Tankstelle ein Ehepaar mit vorgehaltener Pistole, ihm ihren Wagen zu überlassen und brauste damit davon. Trotz ausgelöstem Euregio-Alarm blieb die Fahndung nach ihm erfolglos.
Wegen der nahen Grenze zu den Niederlanden ist die Region bei den Gangstern offen-bar regelrecht begehrt, so schrieb die Münchener AZ in ihrer Ausgabe vom 05.06.1995 in Zusammenhang mit der Meldung über den Bankraub. Allein im Vergangenen sei es dort zu zwölf Banküberfällen gekommen.

Tödliche Grenzkontrolle
Eine 21jährige Grenzschutzbeamtin und ihr 22jähriger Kollege wurden am 23.01.1995 am deutsch-niederländischen Autobahn-Kontrollpunkt Bad Bentheim von einem VW-Bus, den sie anhalten wollten, mit hoher Geschwindigkeit tödlich überfahren. Der 52jährige Fahrer, ein Däne, der einige hundert Meter weiter gestoppt werden konnte, stand möglicherweise unter Drogeneinfluss (so die Münchner AZ vom 21.5.95). Gegen ihn erging Haftbefehl wegen vorsätzlicher Tötung. Wie später gemeldet wurde, hatte er einen Blutalkoholgehalt von 1,94 Promille aufzuweisen und besaß keinen Führerschein. Die jungen Beamten hatten ihren Dienst erst tags zuvor angetreten.

Rauschgiftfahndung
Ein vom LKA Baden-Württemberg in einem Mannheimer Hotel am 4. Dezember 1991 arrangierten Scheinkauf über eine Heroinlieferung im Wert von mehreren Millionen DM kostete den 37jährigen Verdeckten Ermittler (VE) der Rauschgiftfahndung (verheiratet, zwei kleine Kinder), der als interessierter Käufer auftrat, das Leben. Der Täter, ein seit Jahren international tätiger Groß-Dealer eines französisch-schweizerischen Rauschgifthändler-ringes, gegen den das LKA seit Monaten ermittelte, versuchte nach den Todesschüssen mit dem größeren Geldbetrag, den der VE als sogen. Vorzeigegeld mitführte, zu flüchten, konnte von den die Scheinkaufsverhandlungen absichernden Beamten aber gestellt und überwältigt werden.

Drogendealer tötet Polizeibeamten
Am 15.04.1999 erschoss ein 34jähriger Drogendealer bei einer Razzia in Solingen einen 45jährigen Polizeibeamten und verletzte einen weiteren Beamten (33). Der Täter flüchtete, konnte aber in einer Wohnung in Tatortnähe, in der er eine unbeteiligte Nachbarin als Geisel genommen hatte, festgenommen werden.

Drogensüchtiger aus Nervenklinik ausgebrochen
In der Nacht auf den 12.10.2000 erschoss in Bubenreuth bei Erlangen der 40jährige Marcel Eisenscheiß, ein wegen Drogendelikten in der Nervenklinik Mainkofen untergebrachter und vor Monaten ausgebrochener Schwerverbrecher (18 Einträge in der Krim.-Akte) den 31jährigen Polizeihauptmeister Christian Trautner und verletzte dessen gleichaltrigen Kollegen Wolfgang Maier schwer. Die beiden hatten ihn in dessen PKW kontrollieren wollen. Durch mehrere Schüsse verletzten sie den Täter lebensgefährlich.

Hafturlauber töten zwei Polizisten
In Hannover wurden am frühen Abend des 23.10.1987 bei einem Schusswechsel mit Verdächtigen zwei Polizeibeamte getötet. Mittags schon hatte ein Anrufer die Polizei auf eine Werkstätte in der Brabeckstraße hingewiesen, bei der Männer an Autos herumbasteln würden, was ihm verdächtig erscheine, die Wagen könnten gestohlen sein. Zunächst aber wird besagte Werkstatt leer vorgefunden. Drei Observationsteams à zwei Beamte in Zivil werden angesetzt. Gegen Abend fährt ein blauer Audi 100 vor, lässt zwei Männern in Schiebermützen aussteigen und fährt weiter. Zwei der Observanten gehen auf sie zu – Personenkontrolle! Die Männer aus dem Audi schießen sofort, geben aus wenigen Metern Entfernung insgesamt 12 Schüsse auf die Zivilbeamten ab. Vom Kugelhagel tödlich getroffen brechen PHM Rüdiger Schwedow (39), genannt Schimanski, Hannovers bester Rauschgiftfahnder, wie Bild schreibt, verheiratet, 7jährige Tochter, und Ulrich Zastrutzki, der Ruhige, eng mit Schwedow befreundet, verheiratet aber kinderlos, zusammen. Die Täter fliehen. Großfahndung!
Am Morgen danach: Hannover im Kriegszustand, schreibt die Presse, überall Polizei, junge wütende Gesichter hinter MP-Läufen, explosive Luft. Wie immer und überall bei der Polizei sitzen die Colts in solchen Fällen locker.
Eine erste Spur ergibt sich. Der Hinweisgeber auf die verdächtige Werkstatt hatte auch einen Namen genannt. Durchsuchungen, Observation. Kurz vor 10 Uhr kommen die beiden Gangster aus einer Hinterhauswohnung an der Wunsdorfer Straße. An einer Straßenbahn-haltestelle reißen die Zivilfahnder sie zu Boden. Der dritte Mann, der den Audi lenkte und damit noch vor der Schießerei wegfuhr, begeht Selbstmord.
Dann der Hammer. Wie Bild berichtet, waren die beiden Täter, Wolfgang Sieloff, Jahrgang 1960, und Dettmar Dirk, Jahrgang 1957, auf Hafturlaub. Sieloff, 1982 wegen Raub zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, kam im Juli 1985 vom Hafturlaub nicht zurück. Nach einem Diebstahl wurde er gefasst, bekam im September trotzdem wieder Hafturlaub – und blieb wieder weg. Dettmar Dirk war wegen eines Raubüberfalls auf einen Gastwirt, bei dem er 50.000 DM erbeutete, sowie einem versuchten Tresoraufbruch zu sieben Jahren Frei-heitsstrafe verurteilt worden. Er saß gerade mal zwei Jahre ein, als er Hafturlaub bekam und innerhalb weniger Monate neunmal raus durfte, worauf er schließlich nicht mehr zurückkehrte und seit August 1984 auf der Fahndungsliste stand.

Einbruch in Supermarkt
In der Nacht zum 11.12.1998 löste gegen 01.00 Uhr ein Einbruch in einen Supermarkt in Mannheim Alarm aus. Die zum Tatort entsandte Streife fand auf dem Parkplatz ein bereitstehendes Fluchtauto vor, darin eine Fünfzehnjährige. Auf Frage gab sie an, dass ihr Sechszehnjähriger Freund noch drinnen sei. Bei der Absuche des Supermarktes zusammen mit einem Hundeführer sprang der Jugendliche mit einem Fleischermesser auf die Beamten zu, tötete den Hund und sprang dann erst auf den einen, dann auf den anderen Polizeibeamten zu. Den einen rettete die Schutzweste, den anderen Polizeibeamten, Markus PAUL , 31, verheiratet, 5 Monate alte Tochter, traf die Klinge oberhalb der Schutzweste in den Hals. Er schoss noch auf den Täter, Bauchschuss, den der Junge indes überlebte. Der Polizeibeamte aber verblutete.
Wie dieser Fall zeigt, können Hemmungen, auf einen Jugendlichen – ein Kind fast noch – zu schießen, tödlich enden. Die hemmungslose Skrupellosigkeit indes, die dieser Täter an den Tag legte, gibt aber doch zu denken. Wie sonst kann ein derart rabiater Messerheld gestoppt werden? Ich weiß von einem Fall bei der Münchner Funkstreife, bei dem – wie hier in Mannheim – ein Streifenbeamter ein Lager bzw. Ladengeschäft nach einem nächtlichen Einbrecher absuchte und dabei einen Fünfzehnjährigen erschoss, dem gegen-über er sich in Notwehr sah – was die später den Fall beurteilenden Juristen wohl nicht so sahen. Der Kollege wurde verurteilt (Notwehrüberschreitung oder so), was eine jahrelange Beförderungssperre zur Folge hatte.

Alarmfahndung nach Tankstellenüberfall
Nach einem bewaffneten Raubüberfall auf eine Tankstelle im Münchner Stadtteil Schwabing am 22. Jan. 1995 wurde neben sämtlichen verfügbaren Streifen auch der Schichtzug der 1. Einsatzhundertschaft zur Sofortfahndung nach dem Täter, von dem eine Beschreibung bekannt war, eingesetzt. Die Polizeimeister Margit Haber (25) und Markus Jobst (21) hatten den nahen U-Bahnhof Bonner Platz, in dessen Richtung der Täter geflohen war, zu kontrollieren. Der Täter, der sich bei Annäherung der beiden Polizisten hinter einer Säule des U-Bahnhofes versteckte, schießt auf den näher kommenden PM Jobst und im Loslaufen auch auf PMin Haber, die er am Bein trifft, worauf sofort eine Ader heftig zu spritzen beginnt (wartende Fahrgäste leisten Erste Hilfe). PM Jobst rennt hinter dem zum Treppenaufgang flüchtenden Täter her. Er wagt nicht zu schießen, denn jeden Moment können weitere Fahrgäste die Ausgangstreppe herunterkommen, die der Täter nun empor hastet. Von oben herunter schießt der Täter gezielt auf ihn – tödlich getroffen bricht PM Jobst auf der Treppe zusammen. Der Täter entkommt zunächst, kann jedoch wenige Tage später als der 23jährige bosnische Asylbewerber Boro Matic von der eingesetzten Soko ermittelt und vom SEK in Nürnberg festgenommen worden. Er wird zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Teil III

Extremistische Gewalttäter

Todesschüsse an der Startbahn West.
Der Straßenterror der revolutionären Linken gegen den Bau der Startbahn West des Frank-furter Flughafens erlebte am Abend des 2. Nov. 1987 seinen Höhepunkt. Die Räumung des Hüttendorfes auf dem Gelände der geplanten Starbahn verlief zunächst friedlich. Als dann eine Verbotsverfügung verlesen wurde, schossen die teils vermummten Demonstranten Leuchtraketen und mit Zwillen Stahlkugeln auf die Beamten und bewarfen sie mit Molotow-cocktails. Als die vorrückenden Beamten vor brennenden Barrikaden aus Heuballen inne-hielten und so in der Dunkelheit in ihren weißen Helmen problemlos anvisiert werden konn-ten, fielen auf ein Kommando „Scharfschützen Feuer!“ Pistolenschüsse. Zwei Beamte – PM Torsten Schwalm und PHM Klaus Eichhöfer – wurden tödlich getroffen, neun weitere teils schwer bzw. lebensgefährlich verletzt. 24 Stunden nach der Tat konnte einer der Täter gefasst werden, ein 33jähriger Frankfurter, gegen den bereits wegen verschiedener gewaltsamer Aktionen ermittelt wurde. In seiner Wohnung wurde auch die Tatwaffe, eine 9mm-Polizeipistole, die 1986 einem Zivilfahnder entwendet worden war, vorgefunden. Wenig später wurden drei weitere Tatbeteiligte ermittelt und festgenommen. Laut des Info-Dienstes „Terrorismus und Extremismus“ bewegte sich die Gruppe um die Mordschützen seit Jahren im Frankfurter RAF- und RZ-Milieu. In der militanten Szene kam es nach den Morden zu unverhohlenen Sympathiebekundungen mit den Mordschützen. „Zwei Polizisten sind nicht genug“, war auf einem Transparent an einem besetzten Haus an der Hamburger Hafenstraße zu lesen. Weitere Aktivisten aus dem Kreis der Mörder wurden Anfang Dezember festgenommen, ihnen wurden Brandanschläge und Anschläge gegen Hochspannungsmasten sowie der Diebstahl von zwei Polizeipistolen vorgeworfen.

Linksterrorist erschießt Polizeibeamten
der Antiterroreinheit GSG 9
Der Fall vom Bahnhof der mecklenburgischen Kleinstadt Bad Kleinen am 27. Juni 1993 füllte über Tage und Wochen die Zeitungen. Die Fakten hierzu ließen sich für diesen Beitrag aus zahlreichen Presseberichten der Süddeutschen Zeitung, der Münchner Abendzeitung und meinen eigenen Erinnerungen an die aktuellen Fernsehberichte, die ich als ziemliches Tohuwabohu empfand, entnehmen. Doch ob sie alle stimmen, erscheint mir doch etwas zweifelhaft, denn nicht der Tod eines der GSG 9-Beamten und die Schussverletzung eines weiteren waren so wichtig, dass darauf näher eingegangen worden wäre, sondern der Tod des Mordschützen, eines gesuchten Linksterroristen der Baader-Meinhof-Bande (längst hochstilisiert zu Rote Arme Fraktion RAF), der, so wurde behauptet, von einem GSG 9-Angehörigen aus Wut über den Tod des Kollegen per aufgesetzten Kopfschuss hingerichtet worden sei, als er schwer verletzt ins Gleisbett stürzte. Ein Zeuge habe dies dem Spiegel erzählt, doch dessen Redakteure können und dürfen von niemand gezwungen werden, dessen Identität preiszugeben (SZ v. 9.7.93), worauf die angezeigte „Hinrichtung“ ungesühnt bleiben müsse – zum Schaden der Demokratie, wie es hieß.
Hier der Ablauf der Ereignisse am Bahnhof Bad Kleinen, vorausgesetzt sie können aus all den teils widersprechenden Veröffentlichungen einigermaßen wahrheitsgemäß herausge-filtert und wiedergegeben werden:
An diesem Sonntag, dem denkwürdigen 27. Juni 1993, trifft die per Haftbefehl gesuchte, inzwischen wie weitere ihrer Genossen und Genossinnen in der damaligen DDR unterge-tauchte RAF-Terroristin Birgit Hogefeld (36) gegen 13.00 Uhr am Bahnhof des mecklenburgi-schen Eisenbahnknotens Bad Kleinen bei Schwerin ein (so schilderte es die Münchner AZ vom 5. Juli 1993 in einem ganzseitigen Bericht). Eine Stunde später kommt der RAF-Aktivist Wolfgang Grams (40) hinzu, Hogefelds langjähriger Geliebter. Die Einsatzleitung ist (angeb-lich) verwirrt, sie hat mit Grams nicht gerechnet. Um 14.30 Uhr erscheint der V-Mann „Klaus“, wahrscheinlich, so wird spekuliert, ein rheinlandpfälzischer Verfassungsschützer. Die drei essen in der Mitropa-Gaststätte zwischen Gleis zwei und drei zu Mittag. Auf dem Gelände wimmelt es bereits von Zivil-Beamten, so der AZ-Bericht weiter.
Um 15.15 Uhr verlässt das Trio die Kneipe. Auf Gleis fünf wartet der Nahverkehrsschnell-zug 4674 nach Lübeck. Grams geht voraus, steigt die steinerne Treppe zur Unterführung hinab. Im Abstand von zehn Metern folgt Birgit Hogefeld. Noch vor der Treppe erfolgt der Zugriff, wird sie „geschnappt“ wie es in der Presse heißt. Sie schreit in die Unterführung hinunter: „Polizei! Polizei!“
„Grams rennt los durch die Unterführung, hastet den Aufgang zu Gleis drei und vier empor. Insgesamt fallen 44 Schüsse (!?). Fünf Polizisten stürzen dem Flüchtigen hinterher, allen voran der GSG 9-Mann Michael Newrzella (25), der viermal getroffen wird. Haben ihn die eigenen Kollegen niedergestreckt? Der ‚absolut tödliche Schuss’ drang laut BKA-Vize-präsident Gerhard Köhler in die Brust ein. Immerhin: An Steinstufen und Stahlträgern findet die Spurensicherung später rund 20 Einschüsse. Grams aber hat nur elf Schüsse abge-feuert. Er kann den jungen Polizisten nicht von vorn und hinten erschossen haben. Wie also sind Newrzellas Waden- und Gesäßschuss zu erklären?“ Und: „Die Größe seiner Verletzung und der hohe Blutverlust deuten darauf hin, dass der 25jährige von einem deformierten Querschläger der hinter ihm heranstürmenden Kollegen erwischt wurde.“ Ist es vorstellbar, dass ein von hinten abgefeuertes Geschoss seine Flugbahn um 180 Grad ändert, zurück-kehrt und den GSG-9-Beamten in die Brust trifft, selbst wenn es als Querschläger abgelenkt wird…?
Hinsichtlich der hinterhehr rennenden Polizisten, die wohl alle auf den vor ihrem Kollegen die Treppe hinaufflüchtenden Terroristen geschossen haben, muss ich hier doch einflech-ten: Ich hatte während meiner Funkstreifenzeit immer ein ungutes Gefühl, wenn mehrere Funkwagenbesatzungen zu einem Einsatz beordert wurden, zu nächtlichem Einbruchsdieb-stahl zum Beispiel. Ich erinnere mich an einen Einsatz in einem Kaufhaus in der Münchner Innenstadt, in dem ein Wachmann verdächtige Geräusche wahrgenommen haben wollte. Während ich, der ich bereits obere Stockwerke abgesucht hatte, meine Walter PP schuss-bereit in der Faust, beim heruntereilen durch das Treppenhaus und um einen Treppenabsatz herum plötzlich eine Figur mit auf mich gerichteter Pistole sah. Mir blieb fast das Herz stehen, ich nahm sofort Druckpunkt, konnte mich aber noch zurückhalten, wirklich abzudrücken. Was ich sah, war ein Mann in Lederjacke und mit Polizeimütze auf dem Kopf – mein Spiegelbild in einem großen Wandspiegel. Doch dann ging in einem der Stockwerke ein wüste Ballerei los. Hatten die Kollegen einen Einbrecher entdeckt? O nein, sie schossen in eine Toilette hinein was das Zeug hielt, weil sie darinnen Geräusche gehört hatten; Einbruchsdiebstahl war damals noch ein Verbrechenstatbestand, und bei einem solchen durfte man auf fliehende Täter schließlich schießen. Drinnen drückte sich der Kollege, der vor ihnen die Kabinen abgesucht hatte, kreidebleich an die Wand, bis die Blödmänner endlich das Schießen sein ließen und er sich zu erkennen geben konnte. Ich verglich diese Erfahrung mit Hunden, die bellen auch alle los, wenn einer aus dem Rudel oder in der Nachbarschaft zu bellen beginnt. Hätte ich damals wirklich auf mein Spielbild geschossen, hätte ich im Kugelhagel der Kollegen wahrscheinlich meinen letzten Seufzer getan. In meinem Archiv finden sich schon auch ein oder zwei Fälle, wo im „Feuereifer“ der Kolleginnen und Kollegen ein Kollege verletzt wurde oder gar sein Leben verlor. Schein-käufer bei Rauschgiftgeschäften leben da sehr gefährlich, denn Schießdisziplin lässt oft zu wünschen übrig.
Im Bahnhof Bad Kleinen wurde damals auch eine unbeteiligte Schaffnerin verletzt. Ein Geschosssplitter durchschlug ihren Arm. Doch das ließ sich wohl nicht vermeiden, sie stand einfach im Weg.
Trotz der generalstabsmäßigen Vorbereitung der Aktion wurden, so bemängelte die AZ, keine Videoaufnahmen gemacht (wie hätte man das denn auch arrangieren sollen, ohne dass es den Terroristen auffiel). Deshalb bleibt auch die schlimmste aller Fragen ohne Antwort, so der Pressebericht weiter: Wurde Grams hingerichtet? Zwei GSG 9-Leute sollen sich über den von Schüssen schwer verletzten und vom Bahnsteig ins Gleisbett gestürzten Grams gebeugt haben, so will „eine Augenzeugin gesehen haben, wie ein Zivilbeamter auf den bereits reglos daliegenden Grams feuerte, ein anderer aber widersprach.“
Nach einer in der SZ vom 8.7.93 zur These „Auf der Flucht erschossen“ geschilderten „Version“ des Tatgeschehens heißt es: „Diese Variante stützt sich auf einen Bericht des Hamburger Abendblattes. Grams sei die Treppe zum Bahnsteig hinaufgelaufen und habe dabei auf seine Verfolger von der GSG-9 geschossen. Das Blatt zitiert zum weiteren Ablauf einen angeblichen Polizeizeugen wie folgt: ‚Am Ende der Treppe, nahe einer Mauer, war ein Beamter postiert. Dieser schoss Grams aus nächster Nähe in den Kopf. Grams taumelte noch etwa sechs bis sieben Meter weiter und stürzte dann auf Gleis vier.’“
Schließlich wurde behauptet, dass dem im Gleisbett liegenden Terroristen ein aufgesetz-ter Kopfschuss beigebracht worden sei. Eine Zeugin – stand die bei den um den verletzten Grams befindlichen GSG-9-Beamten mit dabei, mitten in einer Region, in der soeben noch geschossen worden war? – soll es dem Spiegel und dem Hamburger Abendblatt erzählt haben. Auch wollten Zeugen gesehen haben, dass Grams von GSG-9-Beamten zu Boden gerannt und den ohne Gegenwehr am Boden liegenden mit einem Kopfschuss getötet hätten. Was stimmte denn da wirklich?
Nun waren die Gutachter gefragt. War die angebliche Stanzmarke der Waffe, mit der dem Terroristen der Kopfschuss beigebracht worden war, eine Polizeipistole „P 7“ von Heckler und Koch, oder etwa Grams eigene Waffe, eine „Brünner 75“, die ihm beim Sturz ins Gleisbett offenbar aus der Hand gefallen und von einem Beamten aus dessen Reichweite entfernt worden war? Erstes Ergebnis: weder die „P 7“ von Heckler und Koch noch Grams „Brünner 75“ passen zur Druckstelle am Kopf Grams. Ein weiterer Gutachter sah hingegen eine weitgehende Übereinstimmung mit Grams Pistole.
Ein schweizerischer Gutachter, der mit herangezogen wurde, stellte indes wenigstens klar: PK Michael Newrzella wurde mit der Waffe des Terroristen Grams getötet und mit dieser Waffe auch ein weiterer GSG-9-Beamter an der Schulter verletzt.
Wer in diesen Tagen des Hickhack um Hinrichtung oder Nicht-Hinrichtung des Terrori-sten Grams allein öffentlich des toten Polizisten Michael Newrzella (25) gedachte, war ein aus einer Polizistenfamilie stammender Berliner, der eigens angereist kam und eine Mahn-wache mit Kreuz, einem Kranz, Blumen und 25 Kerzen errichtete. Drei Wochen nach dem Geschehen in Bad Kleinen fand für den toten GSG-9-Beamten in Wiesbaden ein Trauer-marsch statt, an dem rund 2000 Personen teilnahmen (SZ vom 17./18.07.1993 in einem Beitrag über Grams). Eine Bürgerinitiative hatte dazu aufgerufen. Ein mitgeführtes Trans-parent: „Keiner spricht vom toten Polizisten Michael Newrzella“. In einem AZ-Beitrag vom 12.07.1993 wurde in Zusammenhang mit einem Bericht über die Polizei-Aktion, die neue Rätsel aufgäbe, über eine Demonstration in Wiesbaden unter der Überschrift: „Über 2000 protestierten wegen Grams – friedlich“. Dazu ein Foto mit zahlreichen vermummten Demonstranten.
Das Durcheinander des Einsatzes am Bahnhof Bad Kleinen, in der Presse mehr und mehr als chaotisch bezeichnet, veranlasste den Bundesinnenminister Rudolf Seiters schließlich zum Rücktritt von seinem Amt. Ins Zentrum der Kritik geriet aber nun General-bundesanwalt Alexander von Stahl, der schließlich entlassen wurde. Was in Bad Kleinen wirklich passiert ist, so die Presse, müsse nun rasch geklärt werden. Dazu sollte der Innen-ausschuss des Bundestages zusammenkommen.
Nun, im Januar 1994 wurde die Akte Grams geschlossen und das Ermittlungsverfahren gegen zwei GSG-9-Beamte, denen zwei Augenzeugen vorwarfen, sie hätten Grams getötet, eingestellt. Grams starb „unter wohl nie mehr zu klärenden Umständen durch einen Kopf-schuss aus seiner eigenen Pistole“ (AZ-Berichte vom 14.1. und 8.3.1994). Mich aber kotzt es noch heute an, wie Polizisten, die im Kampf gegen Kriminelle wieder und wieder ihr Leben einsetzen und oft genug opfern, durch die Medien gezogen und als mögliche Mörder hinge-stellt werden.

Polizist bei Schießerei auf Autobahnrastplatz von rechtsradikalem Gewalttäter getötet
Am 23. Feb. 1997 fiel einer Streife von der Autobahnpolizeistation Mölln gegen 09.20 Uhr auf dem Autobahnparkplatz Rosenburg der A 24 Hamburg – Berlin ein Mazda auf, in dem ein Mann schlief. Eine Kennzeichenüberprüfung ergab, dass dieser als gestohlen gemeldet war. Als die Beamten ihren Streifenwagen verließen und auf den Mazda zugingen, um den Mann zu befragen, habe dieser sofort und ohne Vorwarnung mit einer Pump Gun (nachladbares Schrotgewehr) zu schießen begonnen. Während einer der Beamten (34) tödlich verletzt liegen blieb, gelang es dem anderen, ebenfalls verletzt, sich in Deckung zu schleppen und Alarm zu geben. Der Täter flüchtete mit seinem Mazda in Richtung Lauenburg, gejagt nun von mehreren Streifenwagen (so ein Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 24. Feb. 1997 und weitere Meldungen der AZ in den Folgetagen). In Lauenburg eröffnete der Täter erneut das Feuer auf die verfolgenden Polizisten, diese schossen zurück. Am Ortsausgang endete seine Flucht im Straßengraben, von wo er neuerlich auf seine Verfolger schoss. Hier konnte er indes überwältigt werden, er trug lediglich eine Schussverletzung am Bein davon.
Wie sich nunmehr herausstellte, führte er für seine Pump Gun eine größere Menge Munition mit, trug eine kugelsichere Weste und führte in seinem Wagen einen Pit-Bull-Kampfhund mit. Es handelte sich bei ihm um einen 24-jährigen, als Gewalttäter bekannten und rechtsradikalen Kreisen zugehörigen Mann aus Berlin. Ermittlungen ergaben, dass er wohl auch für den Mordanschlag auf einen 63-jährigen Berliner Buchhändler am vergan-genen Wochenende in dessen Laden in einem PDS-Gebäude direkt vor dem Wahlkreisbüro von Gregor Gysi, PDS, verantwortlich war. Er gestand die Tat, Motiv: die PDS sei „extrem deutschfeindlich“.

Amok-Tour im Ruhrgebiet
So titelte die Münchner AZ ihren Bericht vom 15.Juni 2000 über einen dreifachen Polizisten-mord in Dortmund und im 20 km entfernten Waltrop. Im Dortmunder Stadtteil Brackel stoppte an diesem Tag eine Polizeistreife einen 3er BMW, weil der Fahrer nicht angeschnallt war. Der Fahrer, dem vor wenigen Monaten der Führerschein entzogen worden war, gab Gas, konnte nach kurzer Verfolgung aber gestellt werden. Er schoss sofort, streckte PK Thomas Goretzkie mit mehreren tödlichen Schüsse nieder und verletzte dessen Streifenpartnerin (25) durch Schüsse ins Bein. Erneut flüchtete er. Nach Großfahndung wurde er in Waltrop gestellt. Sogleich feuerte er in den Streifenwagen hinein und tötete die beiden Polizeibeam-ten, POMin Yvonne Hachtkemper (34) und PM Matthias Larisch-von-Woltowitz durch Kopfschüsse. Nachmittags entdeckten Passanten den BMW in einem Wald bei Selm. Der Fahrer lag leblos darin, Selbstmord durch Kopfschuss. Im Wagen sowie in seiner Wohnung fanden sich weitere Schusswaffen sowie eine Handgranate. Er sei depressiv gewesen und habe sich in psychiatrischer Behandlung befunden, hieß es. Hatte sich „der Arme“ in die Enge getrieben gefühlt und deshalb geschossen…? Wieder trugen die Streifenwagen Trauer, natürlich auch in Bayern. Wegen fahrlässiger Körperverletzung, Diebstahl, Fahrerflucht und Trunkenheitsfahrt war er vorbestraft – und hatte laut Pressebericht Kontakt zur rechten Szene, war Mitglied der Reps und der rechtsextremen DVU und hatte an seinem Wagen einen Aufkleber mit SS-Runen. Laut seiner ehemaligen Freundin, die er durch die ganze Wohnung prügelte und mit einem Elektro-Schocker attackiert, hatte er angedroht: „Wenn ich gehen muss, werde ich so viele Polizisten mit in den Tod nehmen wie ich kann.“

Heilbronn – Rechtsextremisten töten junge Polizeibeamtin und verletzen deren Kollegen schwer
Am 25. April 2007 nahm mit dem tödlichen Kopfschuss an der 22jährigen Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und dem lebensbedrohlichem Kopfschuss ihres 24jährigen Kollegen Martin Arnold ein Kriminalfall seinen Anfang, wie er bis dahin sowohl im Hinblick auf die
einer Hinrichtung gleichenden Tat, für die es kein Motiv zu geben schien, als auch im Hinblick auf die Fahndung nach einem Phantom kreuz und quer durch Deutschland, Österreich und Frankreich, das anscheinend schon über Jahre hinweg skrupellos raubte und eiskalt tötete, mysteriöser nicht sein konnte. So jedenfalls ließ es eine am Streifenwagen der niedergeschossenen jungen Polizisten gesicherte DNA-Spur einer unbekannten Frau vermuten, die insgesamt an 35 Tatorten gesichert worden war und deretwegen in Baden-Württemberg 800 wegen Gewalt- oder Einbruchsdelikten vorbestrafte Frauen zur Abgabe einer Speichelprobe vorgeladen wurden (vgl. die Berichte der Münchner AZ vom 27.04. bis zum 08.08.2008, in denen wieder und wieder von einer neuen Spur des Phantoms die Rede war). Bis der Fall schließlich zu einer Lösung führte, die lt. Münchner AZ vom 09.11.2011 der Leiter der Staatsanwaltschaft Heilbronn schlichtweg als Blamage einräumte: Die DNA-Spuren der „Frau ohne Gesicht“ gelangten bereits in der Herstellerfirma auf die Wattestäb-chen, mit denen die Ermittler die jeweiligen Tatorte abtupften.

Die beiden Polizisten der Böblinger Bereitschaftspolizei waren im Rahmen der Aktion „Sichere City“ zur Heilbronner „Theresienwiese“ abgeordnet worden. Kurz nach 14.00 Uhr entdeckte ein zufällig vorbeikommender Radfahrer auf dem Parkplatz an der Festwiese zwei mit Kopfschüssen neben dem Streifenwagen hingestreckte junge Polizisten: Michèle Kiese-wetter – sie war tot – und Martin Arnold, er lebte noch, war aber schon nicht mehr ansprech-bar. Die Dienstpistolen und Handschellen der beiden fehlten. Ihre Kopfverletzungen, so ergab die Obduktion, rührten von aufgesetzten, aus zwei verschiedenen Waffen abgegebe-nen Schüssen her. Martin Arnold lag mehrere Wochen lang im Koma, er erinnerte sich später an nichts mehr.
Zwei Täter müssen es also gewesen sein. Wie kamen sie so nahe an die wohl in ihrem Dienstwagen sitzenden Polizisten heran, dass sie ihnen aufgesetzte Kopfschüsse verpassen konnten? Und was war ihr Motiv? Polizistenhass? Eine persönlicher Bezug? Wie verbreitet der Hass auf Polizisten in unserem Land längst ist, zeigt neben einigen diesbezüglichen oben aufgezeigten Fällen eine Pressemeldung (AZ vom 05.02.08), wonach Polizeitaucher in Heilbronn die Gedenktafel für die im April ermordete Polizistin aus dem Neckar geborgen hatten. Unbekannte haben, so heißt es in der Meldung, die Tafel samt Betonsockel ausgegraben und versenkt. Erst im Januar hätten Jugendliche die Gedenktafel geschändet, worauf ein 73jähriger sie zur Rede gestallt habe, den sie hierauf zusammenschlugen.

Am 04.11.2011 – vier Jahre nach dem Mord an Michèle Kiesewetter und dem Mordversuch an deren Kollegen – kam schließlich Licht ins Dunkel dieses mysteriösen Kriminalfalles (so die Münchner AZ vom 9.11. und 12.11.2011), doch viele Fragen blieben weiterhin offen. Eine heiße Spur führte zu einem Wohnmobil im thüringischen Eisenach, wo wenige Tage davor die dortige Sparkasse überfallen worden war und an diesem 4. November die beiden Täter tot in dem inzwischen ausgebrannten Wohnmobil gefunden wurden – dazu die Dienstpisto-len und Handschellen der am 25. April 2007 im baden-württembergischen Heilbronn mit Kopfschüssen getöteten bzw. lebensgefährlich verletzten Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin Arnold. Die beiden Männer – Uwe Böhmhardt (38) und Uwe Mundl (34) – hatten sich laut Presseberichten selbst getötet, sie sollen dem Terror-Netzwerk „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) angehört haben.
Noch am selben Abend, so die AZ weiter, explodierte im sächsischen Zwickau ein Haus. Kurz vor der Explosion war es von einer Frau verlassen worden, die dort mit zwei Männern, den beiden im Wohnmobil tot aufgefundenen Böhmhardt und Mundlos, lebte. Nach ihr, einer arbeitslosen Gärtnerin namens Beate Zschäpe (36), wurde gefahndet, sie stellte sich noch am Abend selbst. Zweifel am Selbstmord der beiden im Wohnmobil wurden indes in weiteren Presseveröffentlichungen geäußert (AZ vom 19./20.11.2011). Anwohner wollen von ihrem Balkon aus gehört haben, dass es in dem Wohnmobil streit unter mindestens zwei Männern gab. Daraufhin seien Schüsse gefallen. Hatten die Männer Wind davon bekommen, dass ihr Wohnmobil von einem Streifenwagen entdeckt worden war und sahen sie keinen Ausweg mehr? War eine weitere Person beteiligt, die keine Zeugen zurücklassen wollte und sich selbst unerkannt verdrückte?
Überraschend die Erkenntnis, dass die in Heilbronn ermordete Polizistin Michéle Kiesewetter ihre Mörder offenbar gekannt hatte. Zunächst war es (laut Münchner AZ vom 22.11.2011) als Zufall erachtet worden, dass die junge Polizistin wie auch ihre Mörder aus Thüringen kamen. Nun offenbarte sich, dass sie in ihrem thüringischen 1800-Einwohnerdorf Oberweißbach beheimatet war (AZ vom 23.11.2011) und jahrelang gegenüber der Gastwirt-schaft gewohnt hatte, die zu einem Treffpunkt für Neonazis wurde und dass die junge Polizistin, bereits im Polizeidienst in Heilbronn, öfters zu Partys in ihr alte Heimat zurück-kehrte. Hatte die junge Polizistin die schließlich untergetauchten Terroristen, nach denen wiederholt per Phantombilder gefahndet worden war, wiedererkannt und musste sie deshalb und nicht wie auch vermutet worden war, wegen der Beschaffung ihrer und ihres Kollegen Dienstwaffe sterben? Ein Präventivmord also?
Was dann aber zutage trat, war der eigentliche Hammer! Als „Jenaer Bombenbauer“ standen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos schon Ende der 1990er Jahre im Visier der Ermittler. 1996 und 1997 sollen sie mindestens vier funktionsfähige Bomben gebastelt und 1,4 kg TNT gehortet haben. Als die Polizei zugreifen wollte, hatten sie sich abgesetzt. Mindestens zehn Morde, mehrere Brandanschläge, etliche Banküberfälle und weitere Attentate sollen auf das Konto des Terrornetzwerkes „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gehen (so die Münchner AZ vom 10.11.2011, 15.11.2011 und 19./20.11.2011). In den Trümmern der gesprengten Wohnung in Zwickau soll die Tatwaffe gefunden worden sein, mit der auch Michèle Kiesewetter getötet worden war. Ein zynisches Bekennervideo der Neonazis, in dem die Comic-Figur Paulchen Panther zu den Klängen fröhlicher Musik zum Ansager für grausame Verbrechen verkommt, führte die Ermittler auf immer neue Spuren, so auf einen bisher unaufgeklärten Sprengstoffanschlag in der Kölner Innenstadt im Jahr 2001. Bei dem Sprengstoffanschlag auf ein Lebensmittelgeschäft war eine 19jährige Deutsch-Iranerin schwer verletzt worden. Neu ermittelt soll auch im Fall des Messerattentats auf den Passauer Polizeichef Alois Mannichl im Dezember 2008 werden, die sich von Anfang an auf Angehörige der rechten Szene richteten. Eine neue Spur der Terrorgruppe soll nach Ludwigshafen führen, wo im Februar 2008 in einem Wohnhaus ein Feuer gelegt worden war, bei dem neun türkische Bewohner ums Leben kamen. Auf einer Liste der Terrorgruppe tauchen Namen auf, u.a. Münchner CSU-Politiker, auf die Anschläge vorgesehen seien (AZ vom 17.11.2011). Jüngst soll eine weitere Liste der Zwickauer Terror-gruppe mit tausenden Namen und Adressen, darunter von weiteren Politikern und Abgeord-neten sowie von ausländischen Einrichtungen in Deutschland aufgetaucht sein, so berichtete lt. AZ vom 18.11.2011 die Passsauer Neue Presse (PNP).
Und dann war da die Serie von zehn Morden, für die diese Terrorgruppe offenbar verant-wortlich ist, als zehntes Mordopfer Michéle Kiesewetter. Die neun davor – man kann es kaum glauben – ausländische Gewerbetreibende. Der Schwerpunkt der Tatorte lag mit folgenden Tatzeiten und Opfern in Bayern: 09.09.2000 Nürnberg, ein türkischer Blumen-händler; 13.06.2001 Nürnberg, ein türkischer Änderungsschneider; 28.08.2001 München, ein türkischer Gemüsehändler; 09.06.2005 Nürnberg, ein Dönerstandbesitzer; 15.06.2005 München, ein griechischer Schlüsseldienstbetreiber.
Die übrigen vier Tatorte vor dem Mord an der Polizistin in Heilbronn: 27.06.2001 in Hamburg, ein türkischer Obsthändler; 25.02.2004 in Rostock, ein türkischer Aushilfsver-käufer; 04.04.2006 in Dortmund, ein türkischer Ladenbesitzer; 06.04.2006 in Kassel, ein deutsch-türkischer Internet-Cafebetreiber.
Alle diese Morde wurden – meist mit mehreren Kopfschüssen – mit ein und derselben Waffe verübt, einer tschechischen Ceska 83, Kal. 7,65 mm. Auch der Mord an Michéle Kiesewetter, wie die „Berliner Morgenpost“ in ihrer Internetausgabe vom 22.11.2011 schreibt, als diese Waffe in der ausgebrannten Wohnung in Eisenach gefunden wurde. Welches politisch-extremistische Ziel verfolgten diese skrupellosen Täter? Einfach nur – in unserer moralisch verkommenen, skrupellosen Gesellschaft wohl nicht so ganz auszuschließen – aus Mordlust? Denn welch anderes Motiv könnte mit diesen sinnlosen Mordtaten schon verfolgt worden sein! Ein in die Ermittlungen einbezogener Fallanalytiker des PP München soll allerdings lt. www.br.de vom 15.11.2011 vermutet haben, dass es sich bei den Tätern um ein oder mehrere Personen mit Zerstörungsmotiv handeln könnte, das sich gegen eine ethnische Minderheit richtet. Wie recht er hatte. Doch dieser Ansatz wurde nicht weiterverfolgt. Wo hätte man denn auch ansetzen können?

Ein Vergleich mit der Bader-Meinhof-Bande unseligen Gedenkens drängt sich auf: Mit der Parole „Enteignet die Feinde des Volkes“ beging diese terroristische, als Rote Armee Fraktion (RAF) hochstilisierte Verbrecherorganisation in den 1970er Jahren Banküberfälle am laufenden Band, mit denen sie sowohl ihren Lebensunterhalt als auch ihre terroristischen Aktionen finanzierten, bei denen sie zusammen mit missliebigen Politikern skrupellos auch deren Begleitpersonen (Fahrer und Personenschützer der Polizei) abknallten oder per Sprengsatz von der Straße fegten.
Als Pendant zur RAF sehe ich die – neuerdings in einem Beitrag der Münchner AZ vom 12./13.11.2011 so bezeichnete – Braune Armee Fraktion (BAF). Nur dass diese thüringische rechts-extremisitsche Bande, die sich ihren Lebensunterhalt und ihre verbrecherischen Aktionen offensichtlich auch aus Banküberfällen finanziert, ihre Mordgelüste (bisher) aber vornehmlich an ausländischen Gastarbeitern und Gewerbetreibenden sowie Polizisten zu befriedigen trachtet.
Armes Deutschland, wenn dessen nationale und soziale Belange von Verbrechern ver-folgt werden sollen – wie schon einmal.

Verfassungsschutz in der Kritik

Immer wieder steht dabei der Verfassungsschutz in der Kritik, der, so heißt es, oft und oft nahe dran gewesen sei. Bereits seit 1998 seien den Behörden die dem rechtsextremen „Thüringer Heimatschutz“ angehörenden Mitglieder der Zwickauer Terroristengruppe als Neonazis bekannt gewesen (www.br.de vom 15.11.2011). Tja, begründet dies einen strafrechtlich relevanten Tatverdacht?
Laut dem Münchner AZ-Bericht vom 15./16.07.2006, in dem in Zusammenhang mit dem Mord an dem einzigen Griechen unter den sonst türkischen Opfern im Münchner Westend am 15.06.2006 auch der wenige Tage zuvor (am 06.04.2006) in Kassel verübte (neunte) Mord der Serie kommentiert wurde, sollen die Ermittler in dem Fall in Kassel einen Verfas-sungsschützer verdächtigt haben. Der Mann wurde ermittelt, will aber nur zufällig kurz vor dem Mord in dem Internetcafe gewesen sein, er habe dort privat gesurft. Peinlich, dass er seine Anwesenheit zu einer tatrelevanten Zeit nicht von sich aus mitgeteilt hatte. Aber so sind sie wohl, die Quellen und sogenannten V-Männer. Und der naturgemäß auf Quellen-schutz bedachte Verfassungsschutz will seine Erkenntnisse partout nicht an die für die Strafverfolgung zuständige Polizei weitergegeben, ist er für Strafverfolgung doch nicht zuständig. Was an sich notwendig und zu verstehen ist, denn wenn eine Quelle, ein V-Mann also, auffliegt, kann es ihn das Leben kosten – so sie nicht augenblicklich abgezogen und mit neuer Identität versehen wird. Oder ging es den Verfassungsschützern der einzelnen Länder und des Bundes einfach nur darum, die jeweilige Quelle nicht versiegen zu lassen oder sein Wissen nur nicht an andere Landesämter oder das Bundesamt für Verfassungsschutzes weiterzugeben? Konkurrenzneid?
Ein Angehöriger der Staatsschutzabteilung des PP München unterhielt Anfang der 1970er Jahre einen guten, kameradschaftlichen Draht zu den für die einzelnen politischen Strömungen zuständigen Sachbearbeiter des Verfassungsschutzes. In einer bevorstehenden Besetzung eines größeren Abbruchobjektes sah er sich veranlasst, sein von diesen erlangtes Wissen an die Einsatzleitung der Schutzpolizei weiterzugeben, die die Hausbesetzung verhindern sollte. Ein Bus voll Gewalttäter aus Frankfurt am Main sollte die Münchner Genossen verstärken, so die Mitteilung der Quelle. Diese galt es abzufangen, zu identifizieren und ggf. zu entwaffnen. Doch was tat die Einsatzleitung? Sie gab die Erkennt-nis an die Presse weiter, für die eine solche Neuigkeit natürlich hoch interessant war. Die Quelle war „verbrannt“, und der Mitarbeiter des Staatsschutzes musste sich bittere Vorwürfe der Kollegen von der anderen Felspostnummer anhören.
In Bayern hat der Verfassungsschutz längst die gesetzliche Aufgabe, Bestrebungen und Tätigkeiten auch der Organisierten Kriminalität (OK) zu beobachten mit dem Ziel, deren Strukturen auszukundschaften, die Hintergründe zu erkennen und die Erkenntnisse an Polizei und Staatsanwaltschaft zur weiteren Strafverfolgung zu übermitteln. Ich frage mich, ob die in Bayern für OK ermöglichte Zusammenarbeit nicht auch für politischen Extremis-mus und Terrorismus, und zwar bundesweit, Anwendung finden könnte? Es müsste doch zu machen sein, bei Morden mit politischem Hintergrund wie oben angeführt relevante Erkennt-nisse zwischen Verfassungsschutz und Polizei auszutauschen, einen Verbindungsbeamten in die für solche Fälle gebildeten kriminalpolizeilichen Sonderkommissionen mit einzubinden und auf diese Weise sicherzustellen, dass unverdächtige Quellen möglichst nicht zu Schaden kommen oder schlichtweg verbrannt werden, aber auch der Verfassungsschutz abzuschätzen in die Lage versetzt wird, auf welche Erkenntnisse es der Kripo bzw. der Staatsanwaltschaft jeweils ankommt.

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