Kriminelle Kinder sollen ihr Leben in den Griff bekommen

10. Oktober 2011 | Themenbereich: Kriminalität, Nordrhein Westfalen | Drucken

Das Land Nordrhein-Westfalen setzt große Erwartungen in eine neuartige, bundesweit einmalige Initiative. Mit der Initiative „Kurve kriegen“ sollen kriminelle Kinder und Jugendliche lernen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. „Wir wollen verhindern, dass sie zu jugendlichen Intensivtätern werden“, sagte Innenminister Ralf Jäger heute (10. Oktober) bei der Vorstellung von „Kurve kriegen“ in Köln. „Unsere Antwort lässt sich auf eine griffige Formel bringen: Frühe Hilfe statt später Härte. Unser Ziel ist, dass diese Kinder und Jugendlichen ihrem Leben eine neue Richtung geben.“

Köln ist eine von acht Modellregionen, die für die Umsetzung von „Kurve kriegen“ ausgewählt wurde. „Um junge Menschen vor dem Abrutschen in die Kriminalität zu bewahren, muss man früh ansetzen. Das heißt, wenn sie noch Kinder sind“, begründete Jäger den neuartigen Ansatz.

Dies betrifft Kinder wie den heute 13-jährigen Tim, der in Köln bereits mehrfach auffällig geworden ist. Kurz nach seinem 11. Geburtstag fällt Tim der Polizei das erste Mal auf, weil er einem anderen Kind absichtlich ins Gesicht getreten hat. In den folgenden zwei Jahren begeht Tim acht weitere Straftaten. Zwei Diebstähle, zwei Sachbeschädigungen und vier Körperverletzungen. Tim ist erst 13 Jahre alt und bereits neun Mal bei der Polizei als Täter erfasst.

Die Polizei erfährt in der Regel als erstes davon, wenn Kinder straffällig werden. Sie erfasst die Umstände der Tat und bewertet die individuellen Risikofaktoren. Für „Kurve kriegen“ nimmt sie nicht nur die Straftaten in den Blick, sondern schaut auch auf die Lebensumstände.

Denn es gibt eine ganze Fülle von Problemen, die ursächlich für ein Abgleiten in die Kriminalität sein können. Die Polizei spricht deswegen gezielt die Eltern sowie die betroffenen Kinder und Jugendlichen an und bietet nach Absprache mit dem Jugendamt die Teilnahme an „Kurve kriegen“ an.

In Köln nehmen bisher 17 Familien an dem Programm teil. Auch Tim und seine Mutter haben ihr Einverständnis gegeben. Um „Kurve kriegen“ umzusetzen, wird bei der Polizei eine pädagogische Fachkraft eingebunden. In Köln ist ein erfahrener Sozialpädagoge der Arbeiterwohlfahrt in das Team integriert. Er geht in die betroffenen Familien, schafft in Gesprächen Vertrauen und plant gemeinsam mit ihnen und dem Jugendamt die individuellen Maßnahmen. Diese werden unbürokratisch und schnell umgesetzt. Dafür werden bestehende Angebote des Jugendamtes ergänzt oder neue Maßnahmen eingeleitet. Der Sozialpädagoge greift auf einen Instrumentenkoffer mit verschiedenen Maßnahmen regionaler Anbieter zurück.

Die Palette reicht vom sozialen Training bis hin zur intensiv pädagogischen Betreuung. Der Umfang richtet sich nach jedem Einzelfall. Die Fallbetreuung soll mindestens zwei Jahre andauern. In der Zeit ist der Sozialpädagoge der Ansprechpartner für die Familien und vor allem für die Kinder.

Die Sorgeberechtigen spielen bei „Kurve kriegen“ eine zentrale Rolle. Das Konzept beruht auf Freiwilligkeit und der Bereitschaft zur Teilnahme. Die Eltern werden mit einbezogen, denn auch sie sollen die Kurve kriegen und brauchen dafür Unterstützung.

Neben Köln ist die Initiative „Kurve kriegen“ auch in Aachen, Bielefeld, Dortmund, Duisburg, Hagen, dem Rhein-Erft-Kreis und dem Kreis Wesel gestartet.

Aktuelle Zahlen machen die Dringlichkeit deutlich:

Im Jahr 2010 lag die Zahl der mehrfachtatverdächtigen Kinder und Jugendlichen in NRW bei etwa 4.000. Sie haben knapp 30.000 Straftaten begangen. Das heißt: Knapp sechs Prozent dieser Kinder und Jugendlichen begehen fast ein Drittel aller Straftaten in ihrer Altersgruppe.

Statistisch gesehen gibt es einen kleinen, aber dafür harten Kern an Intensivtätern. Durch sie werden viele Menschen geschlagen, beraubt oder gedemütigt.

Prävention ist deshalb der beste Opferschutz. „Ein Blick auf die hohe Rückfallquote von nahezu 70 Prozent nach Jugendstrafmaßnahmen macht deutlich, dass Abwarten und Wegsperren keine Lösungen sind“, machte Jäger deutlich.

Ein weiterer Aspekt sind die zu erwartenden Ausgaben. Jeder einzelne Platz im Jugendstrafvollzug kostet die Gesellschaft jährlich über 36.000 Euro. Verbunden mit der oftmals mangelnden Schul- und Ausbildung der betroffenen Kinder und Jugendlichen sind die anschließenden sozialen Folgekosten immens.

„Das Ziel, Kinder und Jugendliche vor einem dauerhaften Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren, wird uns sicher nicht in jedem Fall gelingen. Da bin ich realistisch“, erklärte Jäger. „Doch jedes Kind, das mit unserer Hilfe die Kurve kriegt, ist ein Gewinn – ein Gewinn für seinen persönlichen Lebensweg und ein Gewinn für die Sicherheit der Menschen.“

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