Kunst im Knast

16. September 2011 | Themenbereich: Hessen, Strafvollzug | Drucken

In ihrer Malerei, in ihren Plastiken spiegelt sich ihr Seelenleben wieder. Die Künstler zeigen ihre Träume, ihren Frust, ihre Lebenswirklichkeit in der Justizvollzugsanstalt Butzbach. Ihre durchweg hoch interessanten Zeichnungen, Grafiken, Malereien, Plastiken, Fotografien und Videos sind vom 15. September an bis zum 30. Oktober zu sehen im KiZ (Kultur im Zentrum) in Gießen in der Lonystraße. Der Titel der Ausstellung ist „Kunst im Knast“.

Bei der Eröffnung am Donnerstagabend zeigte sich Justizminister Jörg-Uwe Hahn beeindruckt: „Die Arbeiten vermitteln nicht den Eindruck von Düsternis. Sie zeigen Kreativität und durchaus auch den Optimismus der Künstler.“ Hahn erläuterte, die Chance zu malen sei eine Möglichkeit, Gedanken und Gefühle auszudrücken, Eindrücke wiederzugeben, sich mit der eigenen Biographie, mit der Lebenssituation auseinanderzusetzen und Fehler einzusehen. Deshalb sei die Malerei eine willkommene Hilfe zur Resozialisierung, zur Wiedereingliederung ins soziale Umfeld. Justizminister Hahn dankte dem Leiter der Justizvollzugsanstalt, Linke, für die Ermöglichung des Projekts und dem Verein „Gefangenenhilfe Butzbach e.V.“, der den Begleitkatalog zur Ausstellung herausgibt und finanziert.

1981 hatte das „Projekt Kunst im Strafvollzug“ seine Arbeit in der Justizvollzugsanstalt Butzbach aufgenommen. Es ist seither wesentlicher Bestandteil des Freizeitangebots für die Inhaftierten, der gleichermaßen zum Bereich der Behandlung zählt. Es ist neben der Bremer Bildhauerwerkstatt das älteste und bezüglich der Vielfältigkeit des Kursangebots das umfangreichste Gefängnis-Kunstprojekt in Deutschland.

Die „Kulturelle Praxis“ in der JVA Butzbach war ein Pilot-Kunstprojekt unter der Leitung von Prof. Hermann K. Ehmer vom damaligen Institut für Kunst und Visuelle Kommunikation der JLU Gießen. Mit im Boot waren – natürlich – die Justizvollzugsanstalt Butzbach, das Hessische Ministerium der Justiz und die Volkshochschule Wetterau.

Mit dem ‚Kunstprojekt’ sollte herausgefunden werden, ob und unter welchen Bedingungen künstlerische Praxis für Gefangene sinnvoll sein kann. Gleichzeitig erhoffte man sich außerschulische Arbeitsfelder für ausgebildete Kunstpädagogen, weil das Land Hessen damals kaum Lehrer einstellte. So begann mit drei Kursen in Zeichnen, Portraitplastik und Keramik mit Lehrenden und Studierenden der Kunstpädagogik ein spannendes Unterfangen mit enormem Enthusiasmus, anfänglichem gegenseitigen Misstrauen, heftigen Auseinandersetzungen, kritischen Reflexionen und intensiver gemeinsamer künstlerischer Arbeit von Welten, wie sie verschiedener kaum sein können – Gefängnis – Kunst – Universität.

Nach der Pilotphase wollte keine der beteiligten Institutionen die erfolgreiche Arbeit beenden. Nach mehreren Umbenennungen und Leitungswechseln hat sich das „Projekt Kunst im Strafvollzug“ in der JVA Butzbach unter ihrer Leiterin Regina Börke vom Institut für Kunstpädagogik der JLU abgekoppelt und ist in der JVA Butzbach als eigene Abteilung im Bereich Sport und Freizeit fest verankert.

Ausgebildete Kunstpädagogen sowie Studierende arbeiten teils in Zweier- und Dreier-Teams in je fünf verschiedenen wöchentlichen Kursen mit den erwachsenen männlichen Inhaftierten, die Freiheitsstrafen oberhalb von 24 Monaten verbüßen. Teilnehmen kann prinzipiell jeder interessierte Gefangene (sofern keine Sicherheitsbedenken bestehen), der die Bereitschaft zu regelmäßiger Mitarbeit für die Kursdauer von ca. vier Monaten mitbringt. Daneben richten sich manche Kurse an ausgewählte Gruppen wie Gefangene ohne Arbeitsbeschäftigung und Inhaftierte einer besonderen Behandlungsstation. Alle Kurse arbeiten sowohl mit Teilnehmern ohne jegliche Vorkenntnisse als auch mit Fortgeschrittenen.

Je nach Wahl der Schwerpunkte und nach personeller Situation werden Kurse in den Bereichen Malerei, Zeichnen, Grafik, Fotografie, Video/ Trickfilm und Figürliche Plastik angeboten.

In der Kursarbeit wird eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person angestrebt – das kann die subjektiven Wahrnehmungen von Realität betreffen, die Lebensentwürfe, Erfahrungen und Einschätzungen, die Erwartungen an andere und an sich selbst, die erlebte Vergangenheit, die aktuelle Situation im Gefängnis, die erhoffte oder gefürchtete Zukunft. Um solche Auseinandersetzungen anzuregen, werden für die künstlerische Arbeit thematische Rahmen gesetzt, an denen sich die Gefangenen orientieren, und die sie individuell ‚füllen‘.

Eine intensive kunstpädagogische Betreuung ermöglicht es, dass auch Laien, um die es sich bei den Kursteilnehmern überwiegend handelt, zu für sie befriedigenden Ergebnissen gelangen.

Die Gefangenen erfahren für sich eine konstruktive und sinnstiftende Betätigung und erweitern ihre ästhetischen und handwerklichen Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. Dabei kommen während des Bemühens um formal angemessene Umsetzungen von Ideen in ein künstlerisches Produkt immer auch innere Muster und psychische Prozesse in Bewegung.

Gleichzeitig müssen sich die Teilnehmer, ganz besonders bei Gruppenarbeiten, mit unterschiedlichen Sichtweisen, Normen und Ansprüchen auseinandersetzen, und es gilt immer wieder, Frustrationen auszuhalten und ‚Durststrecken‘ zu überwinden. So ist die Arbeit im ‚Kunstprojekt‘ eine Förderung der Persönlichkeitsentwicklung auf kognitiver, emotionaler und sozialer Ebene.

 

 

 

 

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