Forschungsprojekt über die Situation von Kindern Strafgefangener – COPING

28. Juli 2011 | Themenbereich: Strafvollzug | Drucken

Die Inhaftierung eines Elternteils stellt – unserer Erfahrung nach – ein einschneidendes Erlebnis im Leben eines Kindes bzw. Jugendlichen dar und kann die Anfälligkeit für psychische Auffälligkeiten erhöhen. Die Betroffenen sehen sich nicht nur mit dem Aufbrechen der Familie, sondern auch mit finanziellen Einschränkungen, Diskriminierung und Stigmatisierung konfrontiert. Ungelöste psychische Probleme können ihre soziale und erzieherische Entwicklung erheblich beeinflussen. Dies kann tiefgreifende und dauerhafte Auswirkungen auf den psychischen und physischen Gesundheitszustand eines jungen Menschen haben. Um langfristige negative Folgen zu vermeiden, sollten daher effektive und effiziente Interventionen möglichst frühzeitig ansetzen. Da wissenschaftliche Erkenntnisse über die spezifische Lebenssituation und Befindlichkeit von Kindern Inhaftierter kaum vorliegen, bleibt zu untersuchen, ob sich ein kausaler Zusammenhang zwischen dem psychischen Gesundheitszustand der Kinder und der Inhaftierung eines Elternteils nachweisen lässt.

Vor diesem Hintergrund sieht das Forschungsprojekt COPING die Notwendigkeit die psychische Gesundheit und die besonderen Lebensumstände von Kindern Strafgefangener zu untersuchen. Der primäre konzeptionelle Schwerpunkt des Projektes liegt auf der Untersuchung des seelischen Gesundheitszustandes der Kinder. Zudem soll die Art und das Ausmaß von psychischen Problemen, ihre Anfälligkeit aber auch Widerstandsfähigkeit und ihre Bewältigungsstrategien ermittelt werden. Da in Deutschland die Situation von Kindern Inhaftierter bisher nicht im Fokus von Forschung, Politik und Öffentlichkeit steht, soll COPING nun die Aufmerksamkeit auf dieses Thema richten und damit eine längst fällige Diskussion anstoßen. Die Ergebnisse des Projektes sollen die Bedürfnisse der Kinder in das Bewusstsein der Gesellschaft rufen, effektive und relevante Interventionen für die betroffenen Kinder identifizieren und fundierte und überzeugende Argumente für die Auseinandersetzung mit dieser Thematik liefern. Die politischen Entscheidungsträger sowie Fachkräfte des Gesundheits- und Sozialwesens sollen für diese Problematik sensibilisiert, Unterstützungsangebote mit Blick auf die Bedürfnisse dieser noch nicht ausreichend erforschten Gruppe verbessert und Empfehlungen entwickelt werden. Wir erhoffen uns, dass die Ergebnisse und die daraus resultierenden Empfehlungen dieser Studie in Europa und darüber hinaus Gehör finden, da bisher kein Land auf die extreme Benachteiligung der Kinder Inhaftierter in angemessener Weise reagiert.
COPING ist ein EU-gefördertes Forschungsprojekt an dem Organisationen aus 6 europäischen Ländern teilnehmen. Die Erhebungen werden in Deutschland, England, Rumänien und Schweden durchgeführt, wobei jeweils eine Universität und eine Nicht-Regierungsorganisation kooperieren. In Deutschland besteht diese Kooperation aus der Arbeitsgruppe Psychiatrische Versorgungsforschung der Technischen Universität Dresden und Treffpunkt e.V., einem Verein, der sozialpädagogische Unterstützung für straffällig gewordene Menschen, ihre Angehörigen und ihre Opfer anbietet. Weiterhin sind 2 paneuropäische bzw. internationale Nicht-Regierungsorganisationen mit Sitz in Frankreich (Eurochips) und der Schweiz (Quäker United Nations Office) am Forschungsvorhaben beteiligt. Die Besonderheit von COPING ist die Nutzung eines explizit kinderzentrierten Ansatzes, um die Bedürfnisse der Kinder zu bestimmen und Maßnahmen zur Stärkung der psychischen Gesundheit und Minderung der Risiken zu ermitteln. Die Kinder sind dabei die Quelle des Wissens. Die Forschungsergebnisse werden maßgeblich durch die Perspektive der Kinder gekennzeichnet sein, da das Wissen durch die direkte Befragung der Kinder gewonnen wird.

Die Umsetzung des Forschungsvorhaben verläuft in mehreren Schritten. In einem ersten Schritt werden Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 7 und 17 Jahren anhand eines anonymisierten Fragebogens zu ihrem Wohlbefinden befragt. Parallel dazu wird ebenfalls von nicht-inhaftierten Elternteilen bzw. Bezugspersonen ein Fragebogen ausgefüllt, um auch deren Sichtweise und Einschätzung erfassen zu können. Bei den Fragebögen handelt es sich um bereits erprobte und standardisierte Instrumente, die u.a. folgende Bereiche beinhalten: Gesundheit, Gefühle, Familie, Schule, Freizeit, Bedürfnisse, Blick in die Zukunft nach der Freilassung und nicht zuletzt das Thema der Inhaftierung. In einem weiteren Schritt werden mit Kindern und den nicht-inhaftierten Elternteilen bzw. Bezugspersonen qualitative Interviews durchgeführt, um die Auswirkungen der Inhaftierung detaillierter zu erforschen und tiefere Einsichten in den Untersuchungsgegenstand zu gewinnen. Wenn möglich, werden Tiefeninterviews ebenfalls mit inhaftierten Elternteilen bzw. Bezugspersonen geführt, um auch ihnen die Gelegenheit zu geben über ihre Erfahrungen und Erlebnisse zu berichten. Darüber hinaus hat COPING auch großes Interesse an der professionellen Sichtweise von Fachpersonal, das im Bereich der Angehörigenberatung und Straffälligenhilfe tätig ist. Auf Grundlage der identifizierten Bedürfnisse und Erfahrungen der Betroffenen, sollen in jedem teilnehmenden Land vorhandene Unterstützungsangebote für Familien und Verbesserungsvorschläge erfasst, existierende Versorgungslücken geschlossen und Interventionen zur Unterstützung geschaffen werden. Zur Ermittlung der Bedarfsdeckung werden von der Technischen Universität Dresden Angebote und Maßnahmen zur Unterstützung dieser Familien und relevante beteiligte Versorgungsstrukturen systematisch erfasst, kategorisiert und beschrieben.

Das Forschungsprojekt COPING hat im Jahr 2010 mit einer Laufzeit von 3 Jahren begonnen und befindet sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der Phase der Akquise von potentiellen und interessierten TeilnehmerInnen für die standardisierten Fragebögen und qualitativen Interviews. Die Erfahrung hat bisher gezeigt, dass der Zugang durch das Misstrauen seitens der Angehörigen erschwert wird. Es hat sich bewährt den Weg über professionelle Einrichtungen zu wählen, die bereits einen persönlichen Kontakt zu potentiellen TeilnehmerInnen pflegen. Durch das vorhandene Vertrauensverhältnis zwischen MitarbeiterInnen und den Angehörigen wird die Bereitschaft an der Befragung teilzunehmen erhöht. Treffpunkt e.V. ist für jede Mitwirkung und Unterstützung bei der Gewinnung von TeilnehmerInnen durch Einrichtungen und Personen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen, sehr dankbar. Als Dankeschön wird die Teilnahme am Fragebogen und am Interview mit einem Wertgutschein entlohnt.

Interessierte können sich noch bis 14.08.11 melden bei:
Justyna Bieganski M.A./Sylvia Starke Dipl. – Sozialpädagogin (FH)
Treffpunkt e.V. Nürnberg
Tel.: 0911 – 27 47 69 0
coping@treffpunkt-nbg.de

Weitere Informationen finden Sie unter:
http://www.treffpunkt-nbg.de/projekte/coping.html
www.psychiatrische-versorgungsforschung-tu-dresden.de

Autoren: Justyna Bieganski, Sylvia Starke, Mirjam Schuster, Matthias Schützwohl