„Auf hoher See“ – Theater von und für Gefangene

16. Juni 2011 | Themenbereich: Strafvollzug, Thüringen | Drucken

Fünf junge Gefangene der Sozialtherapeutischen Abteilung haben das Theater­stück „Auf hoher See“ von Slawomir Mrozek einstudiert und werden es am Dienstag, dem 23. Juni 2011, um 15.00 Uhrin der Jugendstrafanstalt Ichtershausen, Alexander-Puschkin-Straße 7, 99334 Ichtershausenfür Gefangene und interessierte Bedienstete aufführen.

Die Sozialtherapeutische Abteilung in der Jugendstrafanstalt Ichtershausen ist noch jung. Sie wurde erst im Jahr 2008 mit Inkrafttreten des Thüringer Jugendstrafvollzugsgesetzes eingerichtet, hat sich mit der Anwendung besonderer therapeutischer Mittel und sozialer Hilfen (§ 14 ThürJStVollzG) jedoch bereits bewährt. Die Abteilung verfügt über 14 stets ausgelastete Therapieplätze, für die es sogar eine Warteliste gibt. Da die Gewaltproblematik im Jugendvollzug von besonderer Bedeutung ist, richtet sich die Sozialtherapie vornehmlich an Gewalttäter, Brandstifter, Serientäter und Sexualstraftäter mit ungünstiger Prognose. Diese Tätergruppe soll in einem möglichst frühen Stadium in ihrer delinquenten Entwicklung abgefangen werden, bevor die Störung chronifiziert ist oder weitere Straftaten von den Gefangenen ausgehen. In Ichtershausen ist insbesondere die Gruppe junger Gewalttäter vertreten.

In der sozialtherapeutischen Abteilung werden den spezifischen Charakteristiken junger Menschen entsprechend sozialpädagogische, verhaltenstherapeutische, psychoanalytische sowie sport- und erlebnisorientierte sowie gruppendynamische Methoden gemeinsam eingesetzt. Dazu zählen das Anti-Aggressivitäts-Training, aber auch vorrangig bewegungsorientierte Methoden, wie Mannschaftssportarten und Konditionstraining, um dem „jugendlichen Bewegungsdrang“ gerecht zu werden. Kreative Gruppenmethoden, wie z.B. eine Trommelgruppe, Musikgruppen und Theater runden das Behandlungskonzept ab. Einzelgespräche hingegen wird ein geringerer Stellenwert eingeräumt, diese finden nur auf niederschwelliger Basis, aber regelmäßig statt.

Annette Brüchmann, Leiterin der JSA Ichtershausen: „Täterarbeit ist Opferschutz. Bei jungen, schweren Gewalttätern tun wir besonders viel, um sie während des Freiheitsentzuges auf ein Leben in sozialer Verantwortung und ohne Straftaten vorzubereiten und die Allgemeinheit vor weiteren Straftaten zu schützen. Die Sozialtherapie bietet dafür gute Voraussetzungen.“

Hintergrund SoTha-Theatergruppe:
Die Insassen der Sozialtherapeutischen Abteilung der Jugendstrafanstalt Ichtershausen üben parallel zu ihren Deliktgruppen seit dem Jahr 2005 pro Jahr ein kleines Theaterstück ein, das dann jeweils vor geladenen Gästen, meist Familieangehörige, Bekannte und Freunde, aufgeführt wird. Dafür wird gut ein halbes Jahr lang ein bis zweimal pro Woche mindestens eine Stunde lang geprobt. Ist es für die jungen Gefangenen anfangs zunächst ungewohnt, sich mit dieser Art von Literatur auseinanderzusetzen und die Texte auswendig zu lernen, entwickelt sich alsbald eine große Spielfreude und ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Darstellergruppe. Einige entdecken ihr schauspielerisches Talent erst bei den Proben, andere bringen bereits Erfahrung aus dem Schultheater mit.

In diesem Jahr wurde das Stück „Auf hoher See“ des polnischen Dramatikers Slawomir Mrozek (1958, uraufgeführt 1961) eingeübt. Die Darsteller haben dabei in diesem Jahr einen sehr großen Umfang von Text bewältigt.

Das Stück wird zweimal gespielt werden, einmal zur Abschlussfeier der Deliktgruppe und am 23. Juni 2011 vor interessierten Gefangenen. Die Generalprobe wird erstmals aufgezeichnet, um sie bei den Gefängnis-Theatertagen aufführen zu können.

Stück und Autor:
Der Autor des Stückes, Slawomir Mrozek, wurde in Polen zunächst als literarisches Talent gefeiert, nach seiner Kritik an der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 geriet er aber mehr und mehr ins Abseits und ließ sich schließlich im Ausland nieder während seine Werke in seiner Heimat verboten wurden. Das Stück „Auf hoher See“ ist sehr gesellschaftskritisch. Es geht um eine existenzielle Ausnahmesituation: drei „Herren der besseren Gesellschaft“ entscheiden sich nach einem Schiffbruch auf einem Floß dafür, dass einer von ihnen nun von den anderen gegessen werden soll, da die Nahrungsmittel zu Ende gegangen sind. Nur wen soll man essen? Um diese Frage zu klären, bedienen sie sich der Mittel, die sie kennen – Glücksspiel, scheinbar demokratischer Abstimmungen, Diktatur, Überredung und Appelle an höhere Werte, aber nichts von dem funktioniert so richtig. Das Stück bedient sich der Mittel der grotesken Komödie, der Verfremdung und der absurden Überzeichnung, was schon dadurch zum Ausdruck kommt, dass vollkommen unrealistischerweise zweimal „Gäste“ das Floß aufsuchen und wieder verlassen.

Die jugendlichen und heranwachsenden Teilnehmer kennen solche Situationen der bösartigen Gruppendynamik aus ihrer eigenen Geschichte sehr gut, und nicht zuletzt ist auch die Situation der Gefangenen in der Haft nicht frei von solchen gruppendynamischen Prozessen. Dieser realistische Bezug macht das Stück für die Arbeit mit Inhaftierten attraktiv. Mit seiner klaustrophobischen Kammerspielsituation und durch die ausschließliche Verwendung männlicher Rollen lässt sich die Komödie unter den Gefängnisbedingungen gut umsetzen.

Die recht aufwändige Kostümierung wird dadurch ermöglicht, dass das Theater Erfurt Kostüme zu sehr großzügigen Konditionen aus seinem Fundus leihweise zur Verfügung stellt.

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