Justizvollzug optimiert Übergangsmanagement

10. Mai 2011 | Themenbereich: Strafvollzug, Thüringen | Drucken

chaut man auf die Internetseiten der Bundesagentur für Arbeit, dürften die insgesamt 19 frisch gebackenen Bauten- und Objektbeschichter und Teilezurichter keine Sorge haben, nach der Zeugnisübergabe rasch einen Arbeitsplatz zu finden. Beide Berufe sind äußerst vielseitig einsetzbar, verfügen über stark nachgefragte Schlüsselqualifikationen (z. B. Schweißerkenntnisse) auf dem Arbeitsmarkt und passen hervorragend in die überwiegend klein- und mittelständisch geprägte Thüringer Unternehmenslandschaft. Bei den neun Teilezurichtern und zehn Bauten- und Objektbeschichtern gibt es allerdings einen Haken: Sie verbüßen eine Freiheitsstrafe in der JVA Tonna.

Damit die „Jungfacharbeiter“, die durchweg gute und sehr gute Leistungen während der Aus- bzw. Weiterbildung und bei den Abschlussprüfungen vorweisen können, dennoch möglichst gute Chancen auf eine erfolgreiche berufliche Eingliederung nach der Haft haben, geht die Arbeit nicht nur für sie ohne Verzug weiter. Im Rahmen des seit dem Jahr 2007 laufenden Projektes B.I.S.S. (Berufsbildung und (Re-)Integration Strafgefangener und Strafentlassener) versuchen Justiz, das Berufsförderungswerk (bfw) Thüringen, welches die Qualifizierung in der JVA Tonna maßgeblich verantwortet, und ein Qualifizierungsberater der Handwerkskammer Erfurt gemeinsam, durch verschiedene Maßnahmen eine Brücke zwischen den Fachkräftebedarfen regional ansässiger Handwerksunternehmen und dem vollzuglichen Qualifiziertenpool zu bauen.

Insbesondere geht es dabei um eine passgenaue Qualifizierung für bestimmte berufliche Verwendungen und um Einstellungskontakte. Letztere sollten optimalerweise schon vor der Entlassung zustande kommen, damit ein nahtloser Übergang gewährleistet ist. Mit diesen sogenannten „Face-to-Face“-Vermittlungen können die Unternehmen bereits in den Justizvollzugseinrichtungen die Qualifizierung des Bewerbers und auch dessen persönliche Kompetenzen testen. „Die Thüringer Handwerksunternehmen brauchen gut qualifizierte sowie zuverlässige und selbständig arbeitende Fachkräfte. Wir versuchen mit dieser persönlichen Kontaktaufnahme, Vorbehalte gegenüber den Straftätern abzubauen und damit für beide Seiten gewinnbringende Effekte zu erzielen. Können Gefangen schon vor der Haftentlassung eine daran anschließende berufliche Beschäftigung vereinbaren, ist dies neben gefestigten familiären Beziehungen eine weitere essentielle Voraussetzung für eine gelingende Resozialisierung“, begründet Justizminister Holger Poppenhäger die verstärkten Bemühungen beim Übergangsmanagement und fügt verbunden mit Glückwünschen den bestandenen Prüfungen hinzu: „Unser Projekt B.I.S.S., das auch eine sechsmonatige Nachbetreuung und Vermittlung von Gefangenen in den ersten Arbeitsmarkt oder in Ausbildung nach deren Entlassung beinhaltet, stellt ein wirksames Instrument der Wiedereingliederung der Strafgefangenen in die Gesellschaft dar.“

Derzeit befinden sich in der Justizvollzugsanstalt Tonna weitere Strafgefangene in Umschulungsmaßnahmen zum Koch und zum Elektroniker für Energie- und Gebäu­de­technik.

Hintergrund Projekt B.I.S.S. und dessen Erfolge
Im Jahr 2007 wurde die berufliche Bildung der Gefangenen neu organisiert. Im Rahmen des Projekts „B.I.S.S. – Berufsbildung und (Re-)Integration Strafgefangener und Strafentlassener“ wurde das Berufsfortbildungswerk GmbH ( bfw ) im Ergebnis einer Ausschreibung mit der Umsetzung des Projektes in der Justizvollzugsanstalt Tonna beauftragt. Die berufliche Bildung der Gefangenen wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds ( ESF ) gefördert und aus Mitteln des Freistaats Thüringen kofinanziert. Eine abgeschlossene Berufsausbildung erhöht die Chancen der Strafgefangenen auf eine berufliche (Re-)Integration erfahrungsgemäß enorm.

Vor Beginn des Projektes B.I.S.S. war es nur im Bereich des Jugendstrafvollzuges möglich, einen Facharbeiterabschluss zu erwerben. Im Erwachsenvollzug konnten bis dahin nur einzelne Qualifizierungsbausteine erworben werden. So wurden im Jahr 2009 erstmals Facharbeitern und Ge­sellen in der Justizvollzugsanstalt Tonna Zeugnisse überreicht. Ein Großteil der ehemaligen Umschulungsteilnehmer konnte nach Haftentlassung durch den Jobcoach des Berufs­fort­bildungswerkes GmbH (bfw) in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden.

Statistik: Von 1.354 Teilnehmern an Berufsbildungsmaßnahmen im Thüringer Strafvollzug im Jahr 2006 erwarben 426 Gefangene einen staatlich anerkannten Qualifizierungsabschluss, im Jahr 2010 waren es von 1.227 Teilnehmern bereits 812, die eine Facharbeiter- oder Gesellenprüfung oder ein anderes Qualifikationszertifikat ablegten.

Ihre Meinung ist uns wichtig,
kommentieren Sie diesen Artikel!

Jedoch, auf Cop2Cop gilt die Netiquette als Leitfaden für die Kommunikation. Alle Beiträge werden von Administratoren geprüft und freigeschaltet. Beiträge, die persönliche Beleidigungen, Diffamierungen, rechtswidrige Texte oder Werbung beinhalten, werden ebenso unkommentiert entfernt, wie Off-Topic-Beiträge und SPAM. Zeilen und Absätze brechen automatisch um. Die E-Mail Adresse dient internen Zwecken und wird nie angezeigt.