Thüringer Strafvollzug befindet sich im Fluss

18. März 2011 | Themenbereich: Strafvollzug, Thüringen | Drucken

Rund 30 Führungskräfte aus dem Strafvollzug des Landes Nordrhein-Westfalen führt eine Studienreise diese Woche nach Thüringen. Die Gruppe, in der sich auffallend viele Frauen befanden, wollte nicht nur das Kulturland Thüringen im Lisztjahr kennenlernen, sondern sich unter dem Motto „Wie machen es die Nachbarn in Deutschland und in der EU?“ auch über Besonderheiten im Thüringer Strafvollzug informieren. „Es gibt die unterschiedlichsten Versuche, im Strafvollzug etwas zu bewegen und das Vollzugsziel zu erreichen. Keiner hat bislang den Stein der Weisen gefunden, aber es gibt immer gute Ideen mit nach Hause zu nehmen“, sagte Gruppenleiter Binnenbruck zur Begrüßung im Thüringer Justizministerium. Bei seiner Recherche im Vorfeld des Besuches war ihm bereits das Weihnachtsprogramm in den Thüringer Justizvollzugsanstalten aufgefallen. Hier würde nach seiner Einschätzung wesentlich stärker dem besonderen Charakter der Weihnachtsfeiertage Rechnung getragen als in NRW.

Auch die weiteren Ausführungen des Abteilungsleiters Strafvollzug im Justizministerium, Herbert Windmiller, stießen auf interessierte Resonanz. „Im Thüringer Strafvollzug ist Einiges im Wandel“, beschreibt Windmiller die großen Herausforderungen und bereits erfolgten Veränderungen hin zu einer stärkeren Betonung des Behandlungsvollzuges. Dazu gehören beispielsweise die verbesserte Auslastung des offenen Vollzuges und die die Abschaffung von Langwaffen. Ende letzten Jahres hatten sich das Justizministerium und die Anstaltsleiter/innen gemeinsam darauf verständigt, Langwaffen im Justizvollzug komplett abzuschaffen und das Tragen von Schusswaffen eng zu begrenzen. Nur bei Transporten und bei besonders gefährlichen Gefangen führen Bedienstete zusätzlich zum Pfefferspray jetzt noch Schusswaffen mit sich oder werden sie im Wege der Amtshilfe von der Polizei begleitet. „Dies geschieht nicht zuletzt zur Sicherheit der Vollzugsbeamten. Der Schusswaffengebrauch ist das letzte Mittel und sollte nur durch gut ausgebildetes Personal erfolgen. Für die betroffenen Vollzugsbeamten haben wir darum die Ausbildung noch weiter intensiviert“, begründet Abteilungsleiter Windmiller diesen Schritt. Innerhalb des geschlossenen Anstaltsbereiches werden ohnehin grundsätzlich keine Schusswaffen getragen. Spätestens seitdem die Außenumwehrungen in den Justizvollzugsanstalten Goldlauter und Untermaßfeld erneuert und die Wachtürme entfernt wurden, waren Langwaffen dienstlich nicht mehr notwendig.

Eine Herausforderung, vor der nicht nur die beiden Länder Thüringen und Nordrhein-Westfalen stehen, ist das Ubergangsmanagement. Hier sind sich die Vollzugspraktiker einig, dass es noch besser gelingen muss, die Gefangenen im Vorfeld der Entlassung auf die Zeit nach der Haft vorzubereiten. „Wohnung, Arbeit oder Grundsicherung und Therapiebehandlungen, die auch draußen fortgeführt werden können – das sind die notwendigen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche soziale und gesellschaftliche Wiedereingliederung zum Entlassungszeitpunkt“, so Windmiller. Er erachtet für sehr wichtig, dass unsere Justizvollzugsanstalten gemeinsam mit den beiden Berufsbildungszentren bfw und Grone steten Kontakt mit den Jobcentern, den Handwerksinnungen und den Industrie- und Handelskammern in Thüringen halten, um Arbeitsplätze für entlassene Gefangene zu generieren.

Neben dem Informationsgespräch im Justizministerium stehen noch Besuche in der Jugendstrafanstalt Ichtershausen und in der Justizvollzugsanstalt Tonna auf dem Programm.

Information
Im Thüringer Strafvollzug sind derzeit rund 1.870 männliche Gefangene (davon 38 lebenslänglich Inhaftierte) in sechs Justizvollzugsanstalten untergebracht und ca. 1.050 Bedienstete tätig. Nordrhein-Westfalen hat 37 Einrichtungen und rund 17.000 Gefangene.

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