Kindersorgen

24. Februar 2011 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

Man lauscht nicht, habe ich meinen Kindern beigebracht. Mein neunjähriger Sohn wachte auf. Seit Tagen erlebte er seine Mutter im Ausnahmezustand. Ständig weinte ich, lachte nicht mehr, wollte nicht aus dem Haus, plagte mich mit Albträumen und Angstzuständen herum. „Was ist nur mit Mama los?, “ dachten meine Kinder.

Und ich überlegte, wie ich ihnen sagen soll, dass ich im Dienst einen Menschen erschossen habe? Dass meine Kollegen und ich vielleicht nicht mehr da wären, wenn ich nicht geschossen hätte? Wie erzähle ich meinen Kindern von einem Einsatz, den ich selbst nicht fassen und begreifen kann?

Abends telefonierte ich und redete mir meine Sorgen und Ängste von der Seele.

Man lauscht nicht. Mein Sohn behält das Gehörte für sich. Macht sich seine eigenen Gedanken. Formt seine eigene Geschichte. Er versucht, allein mit seinen Gedanken fertig zu werden. „Mama, kommst Du wirklich wieder nach Hause?“ Er verändert sich, träumt nachts schlecht, sucht meine Nähe. Als ich wieder arbeite, geht er nicht mehr spielen, wenn ich im Dienst bin. Er ruft auf meinem Handy mehrmals an.

„Mama, kommst Du wirklich wieder nach Hause?“ Ich verstehe nicht. Ich frage, er schweigt. Es dauert seine Zeit. Eines Abends kuscheln wir auf dem Sofa. Ich erzähle ihm, dass ich bald keine Einsätze mehr mit dem Streifenwagen fahren werde. Er freut sich, er weint, beginnt die Tage zu zählen. Monate später ist es soweit. Wieder kuscheln wir auf dem Sofa. Er beginnt zu reden. Erzählt mir vom belauschten Telefonat, als er nicht schlafen konnte. Er dachte, ein Kollege sei gestorben. Er hatte Angst, dass ich auch erschossen werde. Wir weinen zusammen.

Monatelang hat er die Ängste mit sich herumgetragen, war allein mit ihnen. Ich muss überlegen, was ich sage. Ich entscheide mich für die Wahrheit. Wie mein Sohn. Ich erzähle ihm, dass ich einen Menschen im Einsatz erschossen habe. Aber ich erzähle ihm nicht, dass ich Todesängste ausgestanden habe. Ich erzähle ihm nicht, dass ich dachte, dass ich meine Familie nie wieder sehe, meine Kinder ohne ihre Mutter aufwachsen müssen. Ich kann es nicht. Ich habe meinem Sohn die Unbeschwertheit genommen.

Ein Kind sollte nie Angst um seine Eltern haben. Ein Kind sollte nie fragen: „Mama, kommst Du auch wirklich wieder nach Hause?“

von Roberta Zimmermann

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