„Tausche Texte gegen Freiheit“

15. Dezember 2010 | Themenbereich: Strafvollzug, Thüringen | Drucken

„S‘ gäb freilich viel Schreibens und Sagens, wenn‘s erlaubt wäre, über Sachen, die um uns herum vorgehen, freie Betrachtungen anzustellen.“ So formulierte Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791) seinen bürgerlich-revolutionären Anspruch, die Wahrheit in die Öffentlichkeit zu tragen. Zehn Jahre verbrachte der Dichter, Musiker, Lehrer und Verfasser der „Deutschen Chronik“ deshalb in Haft auf der Festung Hohenasperg. Seine Schriften und Lieder waren im 18. Jahrhundert weit über die Grenzen Württembergs bekannt und beliebt, nicht zuletzt bei dem jungen Friedrich Schiller.

Eine Gruppe von acht Gefangenen der JVA Untermaßfeld hat sich im Herbst 2010 unter der Leitung des Dramaturgen Oliver Spatz das Motto dieses schwäbischen Rebellen zu Eigen gemacht und versucht in mehrwöchigen Schreibwerkstätten, ihre Gedanken über Recht und Unrecht, Verbrechen und Strafe zu einem Theaterstück zu verarbeiten.

Das Ergebnis ist

am Donnerstag, den 16. Dezember 2010 um 14.30 Uhr
in der Justizvollzugsanstalt Untermaßfeld, Karl-Marx-Str. 8, 98617 Untermaßfeld

in der Theateraufführung „Tausche Texte gegen Freiheit“ zu erleben. „Kultur gehört zum Leben wie die Luft zum Atmen. Auch in der Zeit des Freiheitsentzuges wollen wir den Gefangenen den Zugang dazu ermöglichen. Die Theaterprojekte werden jedes Mal gut angenommen. Mit großem Enthusiasmus sind vor allem die Inhaftierten dabei, die eine Rolle übernommen haben und irgendwann ganz im Spiel aufgehen“, freut sich die Leiterin der JVA Untermaßfeld, Marion Kiese auf die bevorstehende Premiere.

Ausgangspunkt für die sehr persönlichen Reflexionen in der Haft war ein dreitägiger Video­dreh in der Anstalt mit dem Berliner Filmemacher Thomas Martius. Aus den Videobildern ist eine ,Graphic Novel‘ entstanden, in deren Mittelpunkt die historische Be­gegnung zwischen Daniel Schubart und Friedrich Schiller steht. Die Geschichte dieses Treffens hinter Gittern und ihre Konsequenzen wird nun in einer Bühnenfassung mit Schauspiel und Musik aufgeführt.

In der Vorbereitung absolvierte die Gruppe ein Bewegungstraining der Meininger Yoga-Lehrerin Elke Fiedler. Der Druck der ,Graphic Novel‘ erfolgt in der thüringischen JVA Hohenleuben. Das gedruckte Werk „Tausche Texte gegen Freiheit“ kann ab Januar bestellt werden unter JVA Untermaßfeld

Die Aufführung am Donnerstag richtet sich ganz besonders an die Gefangenen der JVA Untermaßfeld, jedoch auch die Bediensteten. Darüber hinaus hat die Anstaltsleitung bewusst Ehrengäste eingeladen, mit denen bereits eine gute Zusammenarbeit gepflegt wird. So sind der Bürgermeister der Gemeinde Albrecht Schmidt, die Feuerwehr von Untermaßfeld, der Intendant des Staatstheaters Meiningen, Ansgar Haag, alle Thüringer Anstaltsleiter sowie der Anstaltsbeirat, die ehrenamtlichen Vollzugshelfer sowie die Haupt- und Realschullehrer der JVA Untermaßfeld eingeladen. „Es ist ein Zeichen des Dankes und der Verbundenheit an alle diejenigen, die die Justizvollzugsanstalt Untermaßfeld teilweise schon über Jahre zugewandt unterstützen. Uns ist viel an der Zusammenarbeit mit der Gemeinde gelegen. Und ich könnte mir vorstellen, dass wir diese sogar noch verstärken könnten, wenn unsere Hilfe benötigt wird“, so die die Anstaltsleiterin Kiese abschließend.

Hintergrund
Im Winter 2003 hat der Dramaturg und Regisseur Oliver Spatz zum ersten Mal eine Theateraufführung hinter den Mauern der JVA Untermaßfeld eingerichtet. Damals haben drei Schauspieler des Meininger Theaters Gefangene mit Texten und Liedern unterhalten. Es entstand der Wunsch nach einer gemeinsamen Theaterarbeit von Häftlingen und Schauspielern in der Auseinandersetzung mit Friedrich Schiller, der nicht weit von der Anstalt in Bauerbach, ein fast einjähriges Exil verbrachte. Die Theaterinszenierung mit dem Titel „Schiller_Gefangen_Endlich.sm“ kam im Sommer 2005 vier Mal zur Aufführung vor Gefangenen und Besuchern „von Außen“. Zwei dieser Aufführungen fanden im Rahmen der Internationalen Schillertage in der JVA Mannheim statt, wo das Stück, das Friedrich Schiller in einer fiktiven Gefangenschaft in Thüringen zeigte für überregionale Aufmerksamkeit sorgte. In der aktuellen Inszenierung wird ein Ensemble aus acht Gefangenen und einem Justizbeamten ihre Sicht auf Schillers Zeitgenossen Schubart formulieren. Und wieder werden die Grenzen von Zeit und Raum überwunden, um historische Konstellationen und gegenwärtiges Anstaltsleben darzustellen.

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