„Islamismus: Prävention und Deradikalisierung“

23. November 2010 | Themenbereich: Berlin, Innere Sicherheit | Drucken

„Islamismus: Prävention und Deradikalisierung“ – so das Thema des Symposiums des Berliner Verfassungsschutzes vom 22. November 2010. Rund 160 Gäste aus den Bereichen Wissenschaft und Politik, Sicherheitsbehörden, Justizvollzugsanstalten und freie Organisationen diskutierten im „Haus der Kulturen der Welt“ die aktuelle Thematik.

Senator Körting: Dialog ist Prävention

Innensenator Dr. Ehrhart Körting wies in seinem Grußwort darauf hin, dass es zur Verhinderung von Radikalisierung keine Pausschallösungen gebe, da die Einflussfaktoren sehr vielseitig seien. „Es gibt keine eindeutigen Muster, keine klar identifizierbaren Gruppen“, so der Senator. Für die Sicherheitsbehörden gehe es um die „Reparatur einer Fehlentwicklung.“ Wichtig sei vor allem die Prävention: „Erst einmal müssen wir muslimische Mitbürgerinnen und Mitbürger, ihre Gemeinden, Vereine und Organisationen in unserer Gesellschaft nicht nur tolerieren, sondern akzeptieren. Niemand dürfe ausgegrenzt werden. „Dies bedeutet, auf Mitmenschen aus anderen Kulturkreisen und mit anderem religiösen Hintergrund zuzugehen. „Wichtig ist der Dialog mit allen, die nicht gewaltbereit sind.“

Die Leiterin des Berliner Verfassungsschutzes, Claudia Schmid, betonte in ihrer Rede, dass in den vergangenen Jahren vor allem die repressive Seite in den Blick genommen wurde, beispielsweise durch eine gesetzliche Stärkung der Befugnisse der Sicherheitsbehörden. „Effektiver als jede Reaktion ist jedoch die Prävention. Hier müssen wir in den nächsten Jahren unsere Arbeit noch intensivieren“, so Schmid. Probleme bereiteten den Behörden der so genannte „homegrown terrorism“. „Dabei handelt es sich meist um Einzelpersonen und Klein-Gruppen, von denen allerdings eine umso größere Gefährdung ausgeht. Oft sind dies Muslime der zweiten und dritten Einwandergeneration und – zwar in geringerer Zahl, aber zunehmend – Konvertiten.“

In der von taz-Redakteur Wolf Schmidt moderierten anschließenden Podiumsdiskussion betonte die Islamwissenschaftlerin Dr. Christiane Nischler-Leibl vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, dass wir vor allem in Deutschland im Vergleich zum europäischen Ausland bei dem Thema „Deradikalisierung“ „noch Lernende“ seien. Klar sei lediglich, dass Radikalisierung „nicht im luftleeren Raum“ entstehe. Oft handele es sich um einen Prozess, der zwar nicht im Verborgenen bleibt, aber „häufig erst im Nachhinein“ erkannt würde. Es handele sich nicht um einen Prozess, der einem Automatismus folge. Vor allem in der Jugendarbeit sei es auch wichtig, die Betroffenen ernst zu nehmen.

Professor Dr. Paul Schnabel, Direktor des niederländischen Instituts für Soziale Forschung, wies darauf hin, dass sich die radikalisierten Jugendlichen in den Niederlanden inzwischen nicht mehr über ihre Herkunft identifizieren, sondern über ihre Religion. Vor allem Muslime der zweiten Generation suchten zum Teil im Salafismus, also in der strikten Auslegung des Islam, die Festigkeit und Sicherheit, die sie in ihrem „normalen“ Leben nicht finden.

Der Leiter der Active Change Foundation aus London, Hanif Qadir betonte, dass er bei seiner Arbeit vor allem mit stark emotionalisierten Jugendlichen zu tun habe, die von der Politik der westlichen Welt enttäuscht seien. Es gehe vor allem darum, deren Argumente zunächst zu verstehen, um darauf mit „den richtigen Botschaften“ eingehen zu können. Seine Stiftung „strecke den jungen Menschen die Hand aus“ und nehme sie ernst. Dabei gehe es gar nicht zwangsläufig immer um potenzielle Radikalisierungs-Karrieren, sondern es gehe auch darum, sie vor dem Abdriften in die Kriminalität zu bewahren.