Der Blick zurück

29. Oktober 2010 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

Meine erste Leiche habe ich mit 13 Jahren gesehen und das nicht mal in Deutschland. Es war in Ungarn, am Balaton, im Urlaub. Es war nicht morbide Neugier, die mich damals in die Menschenmenge am Ufer des Sees trieb, es war einfache kindliche Neugier. Das Prinzip des Todes war mir damals noch nicht klar. Es war eine junge Frau, die dort lag, gestorben, so hörte ich später, an einem Herzstillstand. Für mich als Kind war es einfach spannend.

Jahre später, um genau zu sein im November 2004, musste ich mich daran wieder erinnern. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon einige Leichen gesehen, Unfallopfer, Mordopfer und auch friedliche Entschlafene. Der Tod, so dachte ich mir, ist etwas völlig Alltägliches, ein Abschluss eben, und im besten Fall ein Übergang. Ich denke noch heute so, aber irgendetwas hat sich geändert und ich kann bis heute nicht sagen, was.

Als ich an diesem grauen, trüben Novembermorgen zum Frühdienst kam, war ich unbeleckt, obwohl ich in den Jahren als Bereitschaftspolizist das eine oder andere erlebt. Ein Grünschnabel im Streifendienst, und so fühlte ich mich auch.

Es ist nicht einfach, als Kommissar von der BePo zu kommen, und dann einfach mal so auf einen Streifenwagen umzusatteln. Ich hatte eine Menge Fragen, auch an diesem Morgen, denn am Abend zuvor war mir bewusst geworden, dass ich zu Unfällen mit Verletzten, ach was, zu Unfällen mit Toten längst noch nicht alles wusste. Ich kam nicht dazu. Meinen Morgenkaffee musste ich an diesem Morgen stehen lassen.

Es gab einen Unfall auf einer Bundesstraße, welche von Berlin in Richtung polnische Grenze führt. Da die Strecke morgens stark befahren wird, wurden mein Kollege und ich sofort rausgejagt. Wir fuhren zu dem Unfall. Es war nur ein leichter Unfall, aber die Fahrzeuge konnten nicht sofort von der Straße geräumt werden. Der Verkehr stockte in beiden Richtungen. Wir schickten uns an, die Sache so schnell wie möglich zu beenden.

Fluchend stiegen wir im Nieselregen aus, begrüßten die Unfallgegner und ich ging an den Kofferraum des Streifenwagens, um meine Unterlagen rauszuholen. Die Rufe von der anderen Fahrbahnseite ignorierte ich anfangs. Solange, bis mich ein Unfallbeteiligter darauf aufmerksam machte. Er zeigte auf einen Pick-up, der unvermittelt angehalten hatte. Ich drehte mich um.

„Circa 300 Meter in Richtung Polen hat es gerade einen Unfall gegeben.“ rief mir der Mann aus dem Auto zu. Ich nickte ihm geistesabwesend zu. Ich dachte noch: „Verschwinde!“ Ich dankte ihm halbherzig, dann drehte ich mich zu meinem Kollegen um und sagte, das ich vorfahren würde, um dort alles kurz zu überprüfen und die Unfallparteien zu bitten, die Unfallstelle richtig abzusichern. Dann würde ich wieder zurückkommen.

Es war nicht weit. Vorbei an einer langen Schlange von stehenden Autos fuhr ich in Richtung Polen und ließ meinen Kollegen an der ersten Unfallstelle mit einem Funkgerät für das 4-Meter-Band zurück.

Aufgrund des Unfalles kam es im Bereich der B1 / Heidekrug zu stockendem Verkehr in beiden Richtungen. Der, aus Richtung Polen kommende Unfallverursacher fuhr zu schnell an das Stauende heran, welches in einer Kurve lag. Da er nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte, wich er auf den Fahrstreifen des Gegenverkehrs aus. Er kollidierte dort mit einem PKW, der aus Richtung Berlin kam.

So etwa klang der Pressebericht. Es beschreibt nicht ansatzweise das Chaos, das ich sah. Das Fahrzeug des Unfallverursachers stand quer zur Fahrbahn, verkeilt in einer Leitplanke. Die komplette Fahrerseite des PKW war eingedrückt. Aus dem Auto konnte ich Schreie hören. Ein „Ersthelfer“ hatte angehalten, rannte kopflos hin und her. Als er mich sah, konnte ich die Erleichterung in seinem Gesicht sehen, eine Erleichterung, die ich nicht im Geringsten nachempfinden konnte, denn ich war allein.

Ich sah den anderen Unfallwagen. Ein Kleinwagen. Er stand direkt vor dem Fahrzeug des Unfallverursachers, seine Front war eingedrückt, sah im ersten Moment überhaupt nicht schlimm aus. Ich wusste nicht, was ich zuerst machen sollte. Ich sprang aus dem Auto und rannte zu dem Kleinwagen. Es saßen zwei Leute drin. Zwei ältere Damen.

Die Seitenscheibe der Fahrerseite war geborsten und lag zersplittert zu meinen Füßen vor dem Auto. Ich sah Blut unter dem Auto hervor fließen und ich wusste nicht, woher es kam. Ich blickte ins Auto. Die beiden Damen saßen völlig regungslos auf Fahrer- und Beifahrersitz – ihre Augen waren geschlossen. Völlig verwirrend war, dass sich beide aufs Haar glichen. Ich sprach sie an, na ja, eigentlich schrie ich in das Fahrzeug. Keine Reaktion.

Im Dunkeln konnte ich nicht erkennen, ob sich eventuell der Brustkorb bewegte. Ich machte etwas, was ich zuvor noch nie gemacht hatte: ich versuchte, den Puls zu fühlen. Ich beugte mich in das Fahrzeug, griff mit meiner linken Hand hinein, ertastete den Hals der Frau. Er war warm. Ich versuchte, den Puls zu fühlen. Fünf Sekunden. Zehn Sekunden. Ich konnte beim besten Willen nichts fühlen. Irgendwie hat man ja doch noch seinen Erste-Hilfe-Kurs in Erinnerung. Mit dem Wissen, dass ich die Wiederbelebung wenigstens versuchen müsse, zog ich meine Hand zurück, packte den Türgriff und wollte die Tür öffnen. Es ging nicht. Wahrscheinlich sah ich wirklich komisch aus: ich zog und zerrte an dem Griff, die Tür ging einfach nicht auf, und dann – dann passierte etwas.

Bis heute kann ich nicht recht erklären was es war. Ich habe nur einen vagen Vergleich, um es zu beschreiben: bei meiner ersten Prügelei, in der 11. Klasse, war ich derjenige, der den ersten Schlag abbekam. Der darauf folgende Adrenalinstoß ließ mein Zeitgefühl verrückt spielen. Und so ähnlich war es auch hier. Nur schlimmer.

Die Zeit stand für einen Moment still. Es war, als wenn alles um mich herum erstarrte, der Regen, der „Ersthelfer“, einfach alles. Ich spürte wie sich meine Nackenhaare aufrichteten. Aber es war mehr, es war ein Schauer der durch meinen ganzen Körper lief und in diesem Moment, so unglaublich es klingt, wusste ich es. Sie sahen mir zu! Beide. Von der anderen Straßenseite. Ich fühlte es. Sie standen beide hinter mir auf der anderen Seite, sahen meine Bemühungen und wussten, dass es vergebens war. Es war nur ein kurzer Moment, wie ein Dejá-vu, und doch schien alles so real und so logisch. Ich weiß nicht mehr, ob ich gelächelt oder geweint habe. Aber ich weiß, dass ich mich nicht umgedreht habe. Ich konnte es nicht. So sehr ich es wollte, so neugierig ich auch war, ich wagte es nicht – und der Moment ging vorbei.

Ich wünschte, ich könnte sagen: der Rest war Routine. War es absolut nicht. Das mit der Erstmeldung, stellte sich als schwieriger raus, als es irgendwelche Lehrer vom Pult aus predigen. Ich war an einer Stelle, wo man weder Funk- noch Handyempfang hatte. Und so war der Ruf nach Verstärkung nur ein jämmerliches Rufen im großen Äther des Analogfunks, auf dem 10 Wachen plus Streifenwagen gleichzeitig funken. Doch letzten Endes gelang es mir, durch eine Kombination aus Funk und Handy, einen halbwegs sinnvollen Notruf abzusetzen. Es gelang mir nicht, meinen Kollegen, zu erreichen, aber als ich nach ca. 10 Minuten nicht mehr zurückkam, roch er Lunte und kam.

Im Nachhinein gelang es uns sogar, mit Hilfe vom Unfallsachbearbeiter, den Unfallhergang zu rekonstruieren und den Unfall aufzunehmen. Zwei Tote, drei Schwerverletzte.

Heute, zwei Jahre später, frag ich mich manchmal, was ich hätte besser machen können. Ich hab an diesem Morgen meine Stressgrenze weit nach oben geschoben. Ich habe auch alles noch mal im Kopf rekonstruiert. Alles, bis auf eines: Ich habe nicht hinter mich geblickt.

Ich habe etwas Ähnliches seitdem nicht mehr erlebt. Ich möchte es meinen überreizten Nerven zuschreiben, aber das geht nicht so einfach. Ich habe schon vorher Tote gesehen, und Stresssituationen kannte ich auch zur Genüge. Ich frage mich nicht mehr, ob ich mich heute umdrehen würde. Ich frage mich nur, ob ich es ertragen hätte, nichts weiter zu sehen, als den nackten kalten Wald.

Von Gregor Seider