ACE kritisiert Motorradhersteller: „Ungestüme PS-Fanatiker“

4. Oktober 2010 | Themenbereich: Aktuell | Drucken

Unmittelbar vor Beginn der Kölner Motorrad-Leitmesse INTERMOT (6. – 10. Oktober 2010) hat der ACE Auto Club Europa die Motorradhersteller dazu aufgerufen, sich für mehr Sicherheit von Maschinen und Bikern stark zu machen. Zugleich kritisierte der Club den in der Branche „schon seit Jahren ungebremst betriebenen Wettlauf“ um immer höhere Motorleistung. „Wir sehen ständig, wie neu aufgerüstete Serienmotorräder mit bis zu 200 PS angeboten werden, vermissen aber bei Herstellern und Händlern ein entsprechend großes Engagement, um technische Module zur Unfallverhütung voranzubringen“, kritisierte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner am Montag in Stuttgart. Sein Club fordere, Motorräder serienmäßig mit ABS auszustatten. Statt aber eine technische Offensive zum Ausbau der passiven Sicherheit zu starten, verharrten viele Hersteller und Händler immer noch in ihrer Rolle als ungestüme PS-Fanatiker.

Tempo 250 km/h nicht mehr außergewöhnlich

Unter Berufung auf Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) und des Statistischen Bundesamtes (Destatis) teilte der ACE mit, dass in Deutschland derzeit über eine Million Motorräder zugelassen sind, die eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als 200 Kilometer pro Stunde (km/h) erreichen können. Damit ist laut ACE jedes vierte (27,4 Prozent) zulassungspflichtige motorisierte Zweirad in der Lage, in diesen Hochgeschwindigkeitsbereich vorzustoßen. Jedes zwanzigste Motorrad auf Deutschlands Straßen (5,6 Prozent) überschreitet sogar die Marke von 250 km/h. Im Vergleich zu Pkw gibt es ein Drittel mehr Motorräder als Autos, die in diese Tempobereiche eindringen können, erläuterte der ACE.

Im bundesweiten Vergleich liegt der Anteil von Maschinen, die schneller als 200 km/h fahren können, mit knapp 31 Prozent in der Hansestadt Bremen am höchsten. Niedersachsen folgt mit 30 Prozent auf dem zweiten Rang, nur knapp vor dem Saarland (29,8 Prozent). Die geringste Fahrzeugdichte schneller Motorräder ist nach Angaben des ACE in Bayern (24,8 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (22,1 Prozent) zu verzeichnen.

Als einziges Segment im insgesamt rückläufigen Motorradmarkt bringt es der Bereich der Sport- und Supersport-Maschinen auf deutliche Zuwächse. Innerhalb der letzten zehn Jahre stiegen die Neuzulassungen dieser Klasse von 37,7 auf 46,5 Prozent. Jedes dritte in Deutschland neu zugelassene Motorrad verfügt über eine Motorleistung von mehr als 98 PS.
Je höher die PS-Zahl, desto schwerer die Unfallfolgen

Mit der Motorleistung steigt allerdings auch die Unfallschwere. Obwohl nur jedes fünfte Motorrad über eine Leistung von mehr als 70 kW (95 PS) erfügt sind diese Maschinen an über 54 Prozent der tödlichen und an mehr als jedem dritten von Motorradfahrern verursachten Unfall mit Schwerverletzten beteiligt.

Die Gefahr, in einen Unfall mit Personenschaden verwickelt zu werden, lag 2009 bei einem Faktor von 8,8 pro 1.000 zugelassene Motorräder. Das Risiko in den Altersklassen über 34 Jahren liegt mit Werten zwischen 5,4 und 6 pro 1.000 deutlich unter dem der jüngeren Fahrer. Auffallend hoch sind die Unfallzahlen der Altersklasse bis 17 Jahre, wo im vergangenen Jahr 196,3 Unfälle pro 1.000 Maschinen passierten. Rechnerisch war fast jeder fünfte Motorradbesitzer unter18 Jahren an einem Unfall beteiligt.

Sicherheit trainieren
Bikern empfiehlt der ACE, Fahrsicherheitstrainings zu besuchen. Wer souverän auf dem motorisierten Zweirad unterwegs sein wolle, sollte in solchen Kursen wenigstens zu Beginn der Motorradsaison im Frühjahr sein Fahrschulwissen auffrischen. Nicht alle Biker wüssten auch, dass man beispielsweise mit Hilfe einer besonderen Lenkimpulstechnik in einer prekären Kurvenfahrt einen Sturz vermeiden könnte.