„Verantwortliche ziehen Köpfe auf Kosten der Polizei aus der Schlinge”

5. August 2010 | Themenbereich: Gewerkschaft der Polizei, Interessenvertretungen | Drucken

„Wir werden es nicht zulassen, dass die Verantwortlichen für die Katastrophe in Duisburg jetzt versuchen, auf Kosten der Polizei ihre Köpfe aus der Schlinge zu ziehen”, erwidert der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, die Kritik des Veranstalters und der Stadt Duisburg am Einsatz der Polizei anlässlich der Loveparade.

Freiberg: “Die Polizei und andere Fachleute sind bei den Vorplanungen mit politischem Druck an die Wand gespielt worden. Ihre Einwände und Bedenken wurden nicht berücksichtigt, kritische Stimmen mundtot gemacht. Der politische Ehrgeiz der Stadtspitze und das wirtschaftliche Interesse des Veranstalters, sich mit einem solchen Mega-Event zu schmücken, hat eine sachgerechte Diskussion über die Risiken erstickt. ”

Die Einsatzkräfte, so Freiberg weiter, hätten am Unglückstag in einer völlig verfahrenen Situation unter Einsatz von Leib und Leben versucht, zu retten, was noch zu retten ist. Freiberg: „Anstatt ihnen dankbar zu sein, versuchen nun viele, eigene Fehleinschätzungen auf die Polizistinnen und Polizisten abzuwälzen.” Gleichzeitig warnte Freiberg davor, die Ursachensuche für die Katastrophe von Duisburg im parteipolitischen Streit zu vernebeln.

3 Kommentare
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  1. “mit politischem Druck an die Wand gespielt”

    Wie genau?

    Ich käme nicht auf die Idee, einzelnen Einsatzkräften vor Ort irgendeinen Vorwurf zu machen. Nach meiner Überzeugung war die Veranstaltung so niemals genehmigungsfähig.

    Wenn wir wissen, wie “politischer Druck” bei intelligenten erwachsenen Menschen funktioniert, dann haben wir das “Warum?” mE großteils beantwortet.
    Es gab doch die vielen Vorbesprechungen, bei denen auch die Polizei beteiligt war. Das sog. “Sicherheitskonzept” war bekannt. Wie kommt es, dass sich zuletzt keiner mehr weigerte, das mitzutragen? Gab es Drohungen, – mit welchem Übel? Liessen sich diejenigen, die noch in der Lage waren, selbst zu denken, einlullen, – um nicht den Spielverderber zu geben?

    Ich habe den Verdacht, selbst Frau Merkel und Co. ließen sich bei dem Bankenrettungspaket von geschickten Menschenführern über den Tisch ziehen. Das “alternativlos” hat sie uns nie erklärt.
    Es muss ich also niemand schämen, einem Gruppendruck erlegen zu sein. Ich selbst gebe zu, verdammt aufpassen zu müssen, um mich nicht pötzlich in unvertretbares Handeln verwickeln zu lassen.

    Wenn das nicht thematisiert wird, bringen die ganzen Aufarbeitungsversuche sicher nichts.

  2. Es ist traurig, wie Freiberg hier versucht die Massen zu polarisieren -
    und das als unbeteiligter, der nicht einmal auf der Veranstaltung dabei war.
    Als beteiligter der selbst in der Masse gestanden hat und glücklich ist überlebt zu haben, hört man solche Sprüche unheimlich gern.

    Genau so wie das Statement von Herrn Jäger, der selbst zugeben musste, dass die “Arbeitsgruppe Sicherheit” sechzehn Mal (!) getagt hat und sechzehn Mal (!) fest gestellt hat, dass die Loveparade arge Sicherheitsbedenken bei den Beiwohnenden Personen ( u.A. BP, SP, FW, THW ) hervor rief.

    Es ist beschämend, wenn hier tatsächlich das ehemalige CDU-Establishment Mahlberg+Rüttgers+Wolf tatsächlich so eine Macht entwickelt(e), das die Verantwortlichen nicht mal mehr darüber nachdachten, dass es sich nicht um Einnahmen – sondern um Menschen auf einer Veranstaltung handelt und keiner mehr im Polizeiaperat mehr die E**r hat, Paroli zu bieten.
    [ http://www.cdu-duisburg.de/index.jsp?index=presse&mid=20&content=ja&id=147 ]

    Nun zu sagen “Wir haben gar keine Schuld” – sorry, dem kann ich absolut nicht zustimmen.

    Ich sage nur FW-Einsatztagebuch, Eintrag A733 – die Kollegen von der Feuerwehr haben ja keine Ahnung…
    Ich sage nur “VIP-Eingang” 40 Meter weiter – warum sollte man den zum Entfluchten nutzen…
    Ich sage nur 15:46 “Weitergabe über den Auftrag der Sperrung des Tunnels per Funk”- an einen Sicherheitsdienst, der anscheinend gar keinen Funk dabei hatte….

    Lediglich Cebin hatte im Vorfeld die Courage, Paroli zu bieten und musste gehen.
    Davor ziehe ich den Hut!
    Ebenfalls vor der Baudezernentin, die man bei der Stadt Duisburg für ihr starres Beharren auf Sicherheitsrichtlinien für die Loveparade “strafversetzt” hat.

    Über das Politgeplänkel von Freiberg und Jäger könnte ich nur müde den Kopf schütteln, wenn mir nicht noch die Bilder von den Toten links und rechts im Kopf wären -
    und die Bilder von etlichen Einsatzkräften, die unter Tränen den Müll von oben ausbaden durften.

  3. Wir müssen uns bewusst sein, das man hinterher immer schlauer ist und in ruhe genau überlegen kann, was denn das beste gewesen wäre. Gesetze gelten nebenbei auch in Unglücksfällen bzw. davor.

    1, Hätte der Einsatzleiter der Polizei irgendwann von sich aus die Zugänge durch die Polizei geschlossen, hätte der Veranstallter hinterher geschrieen (und hat er auch) das auf dem Gelände ja noch Platz sei, was sich die Polizei erlaube,…
    2, Hat der Veranstallter eindeutig gewusst, das der Tunnel eine begrenzte Kapazität hat. Gleiches gilt für das Gelände. Weiters die zu erwartenden Ströme. Die Vermutung liegt also nahe, das möglicherweise in Kauf genommen wurde, die Notabgänge zum Normalbetrieb zu nutzen. Das hätte aber bedeutet, das um ca 15.00 die Besucher darüber informiert gehört hätten (5h x 30.000 bei der Verteilung am Gelände) und das pysikalisch auch umgesetzt wird. Hätte der Veranstallter eine höhere Zuflusskapazität gewollt bzw. finanziert, wäre garantiert die Floatstrecke überfüllt worden. Bei gleichzeitigen höheren Kosten (zusätzliche Zugangsrampen z.B. über Autobahn, weitere Vereinzelungsanlagen und Glaskontrolle)

    Situation der Polizei:
    Die Handlungen deuten auf folgende Lageeinschätzung.
    Der Tunnel ist überfüllt, ein Abströmen in den Veranstalltungsort gibt es nicht mehr. In der Stadt sind die Zugangsstrassen auch gut belegt. Primär muss ich die Situation im Tunnel/Rampe entschärfen. Sekundär darf das Gelände nicht unkontrolliert begehbar sein. Also lasse ich alle Zugänge sperren – das ist für so eine Situation geplant und somit wird der Sicherheitsdienst das auch können, und halte auch Personen von der Rampe ab, die das Gelände verlassen wollen und einen Gegendruck erzeugen. Weiters soll als nächstes die zweite Rampe geöffnet werden.

    Aus meiner Sicht die Ursachen:
    1, Sicherheitskonzept
    - Keine Sicherheitsreserve im ganzen Zugangsbereich
    - kreuzende Besucherströme können nicht funktionieren
    - Differenz von Veröffentlichungen der Lagepläne vorher und der Ströme tatsächlich
    - Warum kein Fahrverbot auch für Einsatzfahrzeuge im Tunnel ist mir so nebenbei auch schleierhaft.
    - Pusherkonzept klingt zwar schön, kann in seiner Wirkungsweise aber nicht vorhergesagt werden
    - Allgemein alles zu kurzfristig, um dem eingesetzten Personal trainingsmöglichkeit zu geben
    2, Eingesetztes Personal:
    - Videobilder: einzelne Vereinzelungsposten liesen aufgrund des starken Andrangs zeitweise die Besucher ungebremst durch
    - mangelhafte Kommunikation bzw. Disziplin des Sicherheitsdienstes im ganzen Zugangsbereich. Keine Sicherheitsreserve bedeutet auch null Fehlertoleranz. Ganz abgesehen von unerwarteten Ereignissen
    - durch den Druck und die Verweildauer wollten die Massen die Rampe verlassen, konnten aber nicht. Durch das dulden der Benutzung der Treppe wurde dieser Druck noch erhöht und war der Tropfen, der das Fass zum überlaufen gebracht hat. Wobei ich unmissverständlich klarstellen möchte, das ich als Ordner/Polizist an der Treppe genauso gehandelt hätte, wenn sich das zu meinen Füßen abgespielt hätte. Solche Situationen muß man für zukünftige Ereignisse genauestens abklären. Ein durchsichtiges Absperrgitter ist sicher zu wenig. Wegsprengen (wie der Gutachter in einem Interview meinte), oder realistischer z.B. Sichtschutz mit Holzverschlag.

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