Am Wegrand

21. Juni 2010 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

Ein immer wiederkehrender Einsatz ist für mich als Beamter der I. Bereitschaftspolizeiabteilung in München der Trachten- und Schützenumzug am ersten Wiesn-Sonntag. Dienstbeginn ist meist gegen 7 Uhr, der Trachtenumzug erreicht gegen 10 Uhr meinen seit Jahren üblichen Einsatzbereich.

Für mich bedeutet dies die Koordinierung des Auf- und Abbaus der Absperrungen des letzten Einsatzabschnittes an der Schwanthaler Straße, der Paul-Heyse-Straße und dem Esperanto Platz. Die Kollegen der Reiterstaffel mit Ihren Pferden bilden wie üblich den Abschluss des Trachten- und Schützenumzuges, gefolgt von den Kehrmaschinen der Stadt München.

Dieses Abschlussszenario erreichte gerade die Kreuzung Schwanthaler / Paul-Heyse-Straße, als ein altes Muaterl auf mich zukam. Die Last ihres Lebens war ihr sofort anzusehen. Sie war in sich zusammengefallen, sehr klein und ihr Rücken war sehr stark nach vorne gebogen. Ihren Blick konnte sie nur nach unten auf ihre Schuhe und auf den Boden richten. Irgendwie musste sie mich als Polizisten erkannt haben.

Sie fragte mich: „Sie, Herr Polizist, können Sie mir den Weg zum Hauptbahnhof sagen? Ich hab` mich verlaufen!“ Um von der Kreuzung Schwanthaler / Paul-Heyse-Straße zu Fuß zum Hauptbahnhof zu gelangen, benötigt man ca. fünf Minuten. Ich erklärte ihr den einfachsten Weg und fragte sie, „kommen Sie zurecht?“ „Ja, den Weg bin ich schon oft gegangen“, war ihre Antwort. Sie machte sich schlurfend auf ihren nicht unbeschwerlichen Weg. Ich blickte ihr nach – sie verschwand in der Menschenmenge, die sich nach dem Ende des Umzuges langsam auflöste, und ich ging meinem Auftrag nach.

Nach etwa einer Viertelstunde war ich noch einmal an besagter Kreuzung. Der Straßenverkehr hatte wieder sein Vorrecht behauptet und Fahrzeuge aller Art belebten den Asphalt. Auf dem Gehweg sah ich das Muaterl. Scheinbar hatte sie sich übernommen und ihren Heimweg nicht mehr gefunden.

Ich ging auf sie zu und fragte, „ Soll ich Ihnen helfen, haben Sie den Weg zum Hauptbahnhof nicht gefunden?“ „Woher wissen Sie das?“ Gleichzeitig sah sie auf meine Schuhe und Hose. Sie musste mich daran erkannt haben. „Ah, Sie sind`s, Herr Polizist! Ich finde den Weg nicht mehr!“

„ Soll ich Sie zum Hauptbahnhof bringen“ , lautete nun meine Frage. „Mei, das wäre schön. Ich bin von Miesbach und fahre jedes Jahr mit dem Zug zum Trachtenumzug nach München.“

„Wie alt sind Sie denn“ , wollte ich wissen. „Mei, über achtzig.“ Ich führte sie zum Auto und ließ sie einsteigen. Das Anschnallen war gar nicht so einfach, weil sie so einen Buckel hatte. „ Ist das ein Polizeiauto“ , fragte das Muaterl. „ Ich bin noch nie in einem gesessen!“

Sie sagte das mit ein bisschen Stolz. In den drei Minuten Fahrzeit zum Bahnhof hat sie nichts mehr gesagt. Ich half ihr beim Aussteigen und fragte, ob sie nun zurechtkomme. „ Ja“ , sagte sie und ging in Richtung der Gleise. Ich habe mir noch ein paar Gedanken gemacht und bin dann weitergefahren.

Ein Jahr später bin ich wieder an meinem „Stammplatz“ . Der Trachtenumzug geht wieder seinem Ende zu, die Berittenen und die Kehrmaschinen sind schon in die Paul-Heyse-Straße eingebogen. Die Sperrgitter werden zusammengeklappt, die Absperrseile aufgerollt. Plötzlich stand sie vor mir – das Muaterl. Ich habe sie gleich wieder erkannt. „Kennen wir uns? Sind Sie der Herr Polizist vom letzten Jahr?“ „Aber sicher“ , gab ich zur Antwort und fragte sie, „wollen Sie wieder zum Hauptbahnhof?“ „Mit`m Polizeiauto?“ fragt sie mich ein wenig verschmitzt. Ich bringe sie wieder zum Hauptbahnhof. Dieses Mal hatte sie einen kleinen Klappstuhl dabei gehabt und war noch ein wenig kleiner geworden.

Das Jahr darauf. Irgendwie habe ich während des Trachtenumzuges immer wieder an das Muaterl gedacht. Wird sie noch einmal kommen? Lebt sie überhaupt noch? Der Umzug ist fast vorbei, die Leute stehen noch am Umzugswegrand. Fast suchend schaue ich am Straßenrand entlang.

Tatsächlich – da sitzt das Muaterl! Auf ihrem Klappstuhl ganz vorne am Absperrseil und sieht nur die Füße von Trachtlern und Fahnenschwingern, Hufe von Pferden, Kutschräder. Hört das Spielen der Musikkapellen. Sie sitzt ganz andächtig dort und genießt sichtlich. Ich bahne mir einen Weg durch die Zuschauer.

„Wie geht`s“ , frage ich sie. „ Sind Sie es, Herr Polizist? Ich hab gewusst, dass ich Sie wieder treffe“ , sagt das Muaterl. „Nehmen Sie mich wieder im Polizeiauto mit?“ „ Sicher, aber nicht weglaufen!“ „Bestimmt nicht“ , erwidert sie und hat den Scherz verstanden.

Das nächste Jahr vergeht. Es wird getaktet von Millisekunden und Megabites.

Die Zeit verrennt.

Wiesnzeit – das Muaterl war nicht mehr da.

Von Ludwig Eulenlehner

München

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