Der tote Seemann
25. Mai 2010 | Themenbereich: Polizei Poeten | DruckenDer Einsatz liegt schon Jahre zurück und ereignete sich im Dienstbereich der Polizeiinspektion 11 München-Altstadt. An einem winterlichen Tag, um den Jahreswechsel 2003/2004, erhielten ein Kollege und ich über die “Isar” (Rufname der Einsatzzentrale), den Auftrag zu einem Ladendiebstahl zu fahren.
Das betreffende Kaufhaus befand sich am “Stachus” (Karlsplatz). Ladendiebstähle sind für die “PI 11″ das tägliche Brot, da es in der Altstadt unzählige Kaufhäuser und Geschäfte gibt. Die Ladendiebe wurden förmlich von der Vielzahl der Geschäfte angelockt und die zuständige Wache hat dementsprechend viele Einsätze dieser Art zu bearbeiten.
Wir suchten das Büro der Ladendetektive auf und ließen und den Vorfall erklären. Der Detektiv übergab uns ein Protokoll und den Reisepass des ertappten Diebes. Der saß niedergeschlagen auf einem Stuhl. Er war dabei beobachtet worden, wie er in der Lebensmittelabteilung eine Wurst entwendet hatte.
Der Beschuldigte wurde rechtlich belehrt und durchsucht. Hierbei stellte ich fest, dass er eine enorme Körpergröße und riesige Hände hatte. Für den bevorstehenden Personentransport wurde der Ladendieb gefesselt. Dabei betrachtete ich erneut die riesigen Pratzen des Mannes und hoffte darauf, dass es zu keinem Widerstand kommen würde.
Wir verabschiedeten uns und fuhren zur Dienststelle. Während der Fahrt versuchte ich mit unserem „Gast“ über den Vorfall zu sprechen..
Dieser fing plötzlich hemmungslos zu weinen an. Eigentlich sind Tränen von einem Ladendieb wenig glaubhaft, aber dieser riesige “Schrank” hinten rechts machte einen anderen Eindruck auf mich.
Er gab unter Tränen an, dass ihn seine Frau vor ein paar Tagen aus der gemeinsamen Wohnung rausgeschmissen hätte. Als Grund wurde ihm seine Arbeitslosigkeit vorgeworfen. Da er seit Tagen keine Nahrung zu sich genommen hatte und nun unter Hungergefühlen litt, wollte er die Wurst stehlen.
Seine Frau würde ihn vermutlich nun noch mehr verabscheuen, wenn sie von der Tat erfahren würde. Da er keine andere postalische Anschrift hätte, würde seine Post noch immer der ehemaligen Anschrift zugestellt werden, da seine Frau alle Postsendungen für ihn aufhob und nachträglich übergeben würde.
Zu seinem Beruf befragt gab der Beschuldigte an, dass er Seemann sei und jahrelang über sämtliche Meere der Welt gefahren war. Die Reederei wäre dann in Konkurs gegangen und in München sei es schwer, als Seemann zu arbeiten.
Ich musste mich dann auf den Straßenverkehr konzentrieren und ärgerte mich maßlos über das Automatikgetriebe, welches mal wieder den dritten Gang ruckartig schaltete, so dass alle Insassen den “Nickmann” machten.
Auf der Dienststelle suchten wir unsere Diensträume auf, um dort die notwendige Strafanzeige zu fertigen und die Beschuldigtenvernehmung durchzuführen. Ich fertigte die Strafanzeige, während mein Kollege die Vernehmung durchführte. Die Angaben zur Person und zum Wohnsitz wurden von mir überprüft. Der Mann war völlig unbescholten und noch nie polizeilich aufgefallen.
Der Beschuldigte machte keine weiteren Angaben zur Sache und fing wieder an zu weinen. Der Leiter der Verfügungsgruppe telefonierte mit dem KDD (Kriminaldauerdienst) im Präsidium, da der Beschuldigte nach eigenen Angaben über keinen festen Wohnsitz verfügte und somit ein Fall für die Haftanstalt geworden war.
Aufgrund der Geringwertigkeit der entwendeten Ware und die Post über die Ehefrau zustellbar war, durfte der Mann am Ort entlassen werden. Ich überlegte, ob ich dem “Seemann” ein paar Euro schenken sollte für eine Brotzeit. Den Gedanken verwarf ich dann aber wieder.
Weinend ging der Mann die Treppe herunter.
Dass der Mann mich Wochen später wieder beschäftigen sollte, ahnte ich damals nicht. Eines Tages kam mein Verfügungsgruppenleiter auf mich zu und überreichte mir einen Zettel mit einer Telefonnummer. Es war eine Rufnummer des Kommissariats 112 (Ungeklärte Todesermittlung). Mit ganz gemischten Gefühlen rief ich diese Dienststelle an. Der Kollege am anderen Ende war sehr freundlich und hatte ein “urbayerisches Gemüt”!
Es ging um eine tote männliche Person aus der Isar, die dort ertrunken aufgefunden worden war. Ich konnte damit nichts anfangen, da ich an keinem Einsatz dieser Art beteiligt gewesen war. “Du kennst den aber schon!”, sagte der Kollege. “Ihr hattet den als Ladendieb gehabt. Kannst Du mir etwas über ihn erzählen?”.
Ich überlegte und überlegte, während mir der Kollege die Eckdaten zur Person durchgab. Dann klingelte es bei mir! “Der Seemann!”, sagte ich spontan durch den Hörer. Der Kollege fing am anderen Ende schallend zu Lachen an, ich konnte gedanklich sehen, wie er sich am Schreibtisch förmlich verbog. Ich frage ihn, was an meiner Aussage so lächerlich sei? “Na das ist ja ein toller Seemann, der nicht schwimmen kann!”, stellte der Kollege fest, um dann noch lauter zu lachen mit der Aussage: “Na aber mit einem Sack voll Steine um den Hals, da könnt i auch net schwimmen!”.
Der Kollege “prustete” noch ein wenig in den Hörer, während sich meine Gesichtsfarbe veränderte. Der Kollege wurde nun sehr sachlich am Telefon und befragte mich zum damaligen Einsatz. Ich schilderte meine Eindrücke und die gemachten Angaben des Beschuldigten. Als ich den Vorfall bez. der Ehefrau angab, wollte der Kollege es ganz genau wissen, wie die damaligen Umstände zwischen den Eheleuten gewesen waren.
Ich konnte mich nicht erinnern und verwies auf meinen Kollegen, der sich aber leider nicht im Dienst befand. Ich gab den Namen des Kollegen an, der mit mir damals den Einsatz bearbeitet hatte. Der Kollege von der Kripo bedankte sich und sagte zum Abschluss:” Seemänner gibt’s?”.
Nach einigen Tagen kam dann mein Streifenpartner auf mich zu und wirkte fassungslos. Er hatte zuvor mit der Kripo telefoniert und von dem Tod des Seemanns erfahren. “Es war ein Selbstmord!”, sagte mein Kollege zu mir. “Der ist mit der Situation vermutlich nicht mehr klargekommen, so ohne Wohnung und Ehefrau?”, meinte mein Kollege abschließend.
Ich habe mich noch lange Zeit mit dem Vorfall beschäftigt.
Ob er zu einem anderen Entschluss gekommen wäre, wenn ich ihm Geld für eine Mahlzeit geschenkt hätte? Ich weiß es nicht!
von Michael Palm



Hallo Micha ;-)
Du hast Dein Herz auf der richtigen Seite. Und pass immer auf, das es da auch bleibt. Weiter so!!
Stefan
http://www.praxisneuesleben.de