Gurtsystem bewusst außer Kraft gesetzt
19. Februar 2010 | Themenbereich: Verkehr | DruckenVier Tote, ein lebensgefährlich Verletzter und ein völlig zerrissenes Auto. Kein anderer Unfall in Niedersachsen hat in den letzten Monaten so viel Entsetzen ausgelöst, wie der schwere Verkehrsunfall mit einem nagelneuen VW Golf GTD am Abend des 16. September 2009 auf der Röntgenstraße in Wolfsburg. Während der einzige Überlebende keinerlei Erinnerungen hat, konnten Polizei und Sachverständige inzwischen die Details des Unfalls klären. Als erstes TV-Magazin wagt die VOX-Sendung „auto mobil” am Sonntag (21.02.2010, 17.00 Uhr – 18.15 Uhr) einen Blick hinter die Kulissen der Tragödie.
In seiner Serie „Die Unfallakte” berichtet der Kölner Sender darüber, wie hemmungslose Raserei und unglaublicher Leichtsinn den Unfalltod von vier jungen Menschen ausgelöst haben. „Die Bilder waren furchtbar. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Pkw in zwei Teile zerrissen. Überall lag Blut”, beschreibt Bernhard Habrom von der Polizei Wolfsburg die Situation an der Unfallstelle. Noch als Feuerwehrleute und Rettungskräfte verzweifelt um das Leben der jungen Autoinsassen kämpfen, treffen erste Angehörige an der Unfallstelle ein.
Notfallseelsorgerin Elke Wunsch muss Ersthelfer und Passanten betreuen, die die grauenhaften Eindrücke nicht begreifen können: „Es war einfach unvorstellbar grausam und entsetzlich”. Auch Feuerwehr-Einsatzleiter Rainer Koch hat solche Bilder noch nicht eher gesehen: „Die Unfallstelle glich einem Schlachtfeld. Und wir haben uns alle nur gefragt, wie es zu dem Unfall kommen konnte”. Die Beantwortung dieser Frage sollen Unfallsachverständige klären. Sowohl die Ingenieure des Büros Grass aus Waithlingen wie auch die Experten der Volkswagen Unfallforschung kommen an die Unfallstelle.
Für Dipl.-Ing. Hermann Grass lassen die extremen Zerstörungen an dem fabrikneuen VW Golf und die Tatsache, dass fünf junge Männer in dem Auto gesessen haben, nur einen Rückschluss zu. „Für mich stand fest, dass hier ein total enthemmter Fahrer mit einem hochwertigen Fahrzeug unterwegs war. Und alles sprach dafür, dass er möglicherweise etwas ausprobieren oder seinen Freunden etwas vorführen wollte”, erklärt Grass in dem Film bei VOX. Spätere Berechnungen der Sachverständigen ergeben, dass der 19-jährige Fahrer mit dem 170 PS starken Golf „mindestens mit Tempo 120″ durch die Stadt gerast ist.
Ausschlaggebend für den Unfallverlauf ist aber ein Überholmanöver. Denn als der junge Fahrer links an einem Fahrbahnteiler vorbeifährt, berührt er mit den rechten Rädern die Verkehrsinsel: „Dadurch geriet das Auto vollends außer Kontrolle und auch das ESP konnte aufgrund des fehlenden Bodenkontaktes nicht mehr greifen. Folge war, dass das Fahrzeug dann, wie bei einer Schanze, regelrecht abgehoben ist, und mit hoher Geschwindigkeit gegen die Bäume prallte”, sagt Dipl.-Ing. Markus Jungmichel von der Unfallforschung der Volkswagen AG.
Dass die Insassen herausgeschleudert werden, erklärt die Tatsache, dass keiner der jungen Leute einen Sicherheitsgurt angelegt hat. Beweise für diesen nicht nachzuvollziehenden Leichtsinn stellen die Ermittler der Polizei noch an der Unfallstelle sicher. Die Pkw-Insassen sind nämlich nicht nur nicht angeschnallt, sondern sie haben das Gurt-Sicherheitssystem des VW Golf sogar absichtlich außer Kraft gesetzt. Mit Hilfe von sogenannten Gurtsteckern verhindern sie, dass weder Warnleuchten blinken noch Signaltöne erklingen.
Bernhard Habrom von der Polizei Wolfsburg ist fassungslos: „Als wir diese Stecker entdeckt haben, konnten wir es selbst kaum glauben. Gesehen habe ich so etwas überhaupt noch nicht. Weder bei einem anderem Verkehrsunfall noch bei einer ganz normalen Verkehrskontrolle”. Nach Überzeugung der Volkswagen Unfallforschung hätten zumindest die auf der linken Fahrzeugseite sitzenden Pkw-Insassen durch das Anlegen des Sicherheitsgurtes eine realistische Überlebenschance gehabt. Vor allem aber wären die jungen Leute nicht aus dem Fahrzeug geschleudert worden.
Warum die fünf Freunde so leichtsinnig gehandelt haben, kann sich auch Roman Frolow nicht erklären. Der 19-jährige Schüler ist der einzige Überlebende des schrecklichen Verkehrsunfalls auf der Röntgenstraße. Durch die Tatsache, dass er bei dem Unfall ein Bein verloren hat, wird er in jedem Moment seines Lebens an die verheerenden Folgen des Horrorcrashs erinnert. Verzweifelt sucht der junge Mann jetzt nach einem Computer-Ausbildungsplatz (Kontakt: info@frolex.de). Seine Schwester Irina sagt: „Wir können es noch immer nicht fassen, dass Roman den Unfall überhaupt erlebt hat”.
Weitere Informationen zur Beitragsreihe „Die Unfallakte” bei „auto mobil” (VOX): Norbert Böwing, Tel. 0171/3229566, oder unter www.unfallakte.de


