Schwein gehabt

16. Februar 2010 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

Die Geschichte ereignete sich an einem jener Sommertage, an die wir uns erinnern, wenn uns der Winter mit Eisregen, Graupelschauern und Kälte den Aufenthalt im Freien so ungemütlich macht, dass es fast jeden in die Nähe eines wärmenden Ofens oder an eine Heizung treibt. Von einem Himmel mit weißen Wolken und großen blauen Löchern fiel ein sanfter Wind herab und die Luft roch nach Erde, Regen und frischem Gras. Der Ackerboden hatte nach einem warmen Sommerregen soviel köstliches Nass genossen, dass er einen Teil davon als Dunst an die Luft verschenkt hatte, mit allen Erddüften versehen.

Es war Mittagszeit. Ich befand mich noch im Dienst, freute mich auf den Feierabend und war mit dem Streifenwagen auf dem Weg zur Dienststelle. Ich näherte mich der Ortschaft Miel und war nur noch wenige Meter von der Bundesstraße 56 entfernt. Meine Gedanken beschäftigten sich in jenem Augenblick wohl schon mit dem Feierabend und meine Blicke hatten an Schärfe nachgelassen, so daß ich jenen rücksichtslosen Verkehrsteilnehmer erst im letzten Augenblick wahrgenommen hatte.

Ich wurde zu einer Vollbremsung gezwungen und kam mit quietschenden Reifen zum Stillstand, als ein großes, ausgewachsenes Wildschwein, von rechts kommend, in aller Gemütlichkeit die Fahrbahn überquerte. Da war nichts von Hektik, Eile oder Hast zu spüren, nein, es sah so aus, als ob sich dieses Tier an diesem schönen Sommertag zu einem Spaziergang entschlossen hätte. Ohne  jegliche Beeinträchtigung überquerte das Tier die Fahrbahn, trippelte dann die dort befindliche Böschung hinunter und entschwand meinen Blicken. Ich blicke noch versonnen der Schönheit des Waldes hinterher, als mir ein Auto entgegen kam. Wenige Meter entfernt hielt der Fahrer mit quietschenden Reifen an. Ein älterer Mann sprang förmlich aus dem Auto. Er hielt einen Drilling schussbereit im Arm und rief mir zu: “Wo ist die Sau?“

Mit der linken Hand in Richtung Schwein weisend antwortete ich: „Dorthin“! Der Jäger nahm die Verfolgung des gesuchten „Schwerenöters“ auf. Offensichtlich hatten bereits Zeugen das verkehrswidrige Verhalten des Schwarzkittels angezeigt. Der Jäger lief sportlich die Böschung hinunter. Ich folgte ihm, war aber noch nicht ganz auf der anderen Straßenseite angelangt, als das Borstentier in Richtung Straße zurückkehrte.

Ganz offensichtlich hatte es die Absichten des Jägers durchschaut und versuchte zu flüchten. Mitten auf der Straße gab ich nun deutliche Zeichen und Weisungen – wobei ich gestehen muss, dass die Bewegungen meiner Arme nicht ganz den Vorschriften der StVO entsprachen. Dies gilt besonders für das unrhythmische Klatschen meiner Hände.

Obwohl sich das Schwein zuletzt rüpelhaft, man kann sagen “saumäßig“ benommen hatte, folgte es nunmehr gewissenhaft meinen Anweisungen, die ganz eindeutig ein weiteres Betreten der Fahrbahn untersagten. Das Schwein hielt auf dem unbefestigten Seitenstreifen an, machte eine Kehrtwendung und trabte in Richtung Jäger zurück.

Dieser hatte allerdings seine Vorbereitungen zur Schussabgabe noch nicht beendet, als ihn das Schwein in einer Entfernung von wenigen Metern passierte. Es trabte nun durch ein ausgetrocknetes Bachbett auf eine eingefriedete Parkanlage zu. Am Maschendrahtzaun, der den Park vor unbefugtem Betreten sichert, lief es nun einige Male hin und her, offensichtlich in der Hoffnung einen Eingang zu finden. Dies war aber nicht der Fall. Schließlich blieb es frustriert stehen und zeigte dem Jäger, der hinter einem Baum in Stellung gegangen war, das seitliche Profil.

Die Entfernung zwischen Schwein und Jäger dürfte ca. 30 Meter betragen haben, als der Schuss fiel. Das Ende jenes Müßiggängers schien unausweichlich. Aber nichts geschah, offensichtlich hatte der Jäger nur einen Warnschuss abgeben. Nach einigen Sekunden Stillstand rannte das Wildschwein nun in Richtung Dorf, kam aber schon kurz darauf zurück, und lief wieder auf den Jäger zu. Hinter einem Baum kniend, die Büchse an den Stamm angelehnt, wartete dieser nun die richtige Entfernung zur tödlichen Schussabgabe ab. Das vorzeitige Ende eines Ausfluges, den ein Wildschwein in die Zivilisation unternommen hatte, schien unausweichlich gekommen zu sein.

Es knallte ein zweites Mal. Aber, Gott sei Dank, hatte der Jäger den unbesonnenen Ausflug des Tieres nicht mit einem tödlichen Schuss bestrafen wollen, sozusagen „Fairplay“ unter Sportlern. Der Gejagte hatte jetzt die Situation vollends erkannt und rannte, was die Beine hergaben, über Acker und Feld in Richtung Autobahn. Nunmehr bestand die Gefahr eines folgenschweren Verkehrsunfalls. Dies hatte der Jäger erkannt. Er gab seine Position auf, lief zu seinem Fahrzeug zurück und fuhr auf einem Feldweg dem Schwein hinterher. Offensichtlich war er ein versierter Rallyefahrer, denn es gelang ihm tatsächlich, das Wildschwein zu überholen.

Er flog förmlich aus dem Auto, kniete sich nieder, legte die Büchse an und schoss. Aber auch dieser Schuss blieb ohne Wirkung. Das Schwein aber sprang behände in den ausgetrockneten Bachlauf, der an jener Stelle die Autobahn unterquert und konnte so unbeschadet das Hindernis überwinden.

Und wenn es nicht gestorben ist, dann lebt es auch noch heute – sicherlich.

Und die Moral aus der Geschicht`?

Sagt einmal einer zu Dir „Dummes Schwein“ dann schlag` ihm nicht den Schädel ein.

Ein Mensch, der solches unbesonnen sagt, der ist von Dummheit arg geplagt.

Ein Schwein, das sollte er doch wissen, ist von Natur aus sehr gerissen.

Ist klug und weise, heiter, froh, löst schwere Lebenslagen einfach so.

Und auf dem Weg zum anderen Geschlecht, hält es nicht mal ein Jäger fest.

von Günter Aulenbach

1 Kommentar
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  1. Die Schweine haben eben Glück weil die meisten Jäger so alt und blind sind das sie nicht einmal mehr ein Scheunentor treffen wenn sie direkt davor stehen. Leider sind sie eine wandelnde Zeitbombe für Passanten die sich in ihrer Nähe aufhalten. Der Jäger wollte sicher treffen. Fair Play gibt es bei den mordlustigen Gesellen leider nicht. Er war einfach nur zu dumm zu treffen. Hat die Sau ind diesem Falle echt Schwein gehabt.

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