Spätschicht
25. Januar 2010 | Themenbereich: Polizei Poeten | DruckenIn den Zigarettenrauch zu Schichtbeginn mischt sich der Duft diverser Festessen aus den Haaren der Leute.
Es sind dieselben wie im letzten Jahr da. Die, die zu gutmütig waren, sich gegen die Einteilung zu wehren. Dann solche wie Mike, die vor zu Hause flüchten. Auch die mit dem Deal, dafür Silvester frei zu bekommen. Und die Feiertagszuschlagsjäger. Letztlich die, die einfach niemanden haben, mit dem sie feiern könnten.
Wir bekommen ein Geschenk vom Boss, weil wir heut hier sind.
Und dann geht’s los mit der Schicht: Ich mach erstmal Innendienst, ein paar Akten in Ruhe durchsehen und Zellenkontrolle. Dort sitzen noch die russischen Musikanten, die dachten, an Weihnachten kontrolliert niemand den Fluss.
Ihre Sachen sind jetzt getrocknet und nach dem Abendbrot geben wir ihnen kurz die Instrumente. Melancholie schwingt durch den Zellentrakt.
Für mich geht’s dann raus. Zu dritt fahren wir durch die Dörfer. Im Vorbeifahren sieht man geschmückte Bäume und Kerzenschein hinter Fenstern. Im Schnee spiegeln sich die Lichter der Vorgartenkunstwerke. Wir amüsieren uns, weil manche gar zu kitschig übertreiben.
In einem Auto kommt uns der Weihnachtsmann entgegen. Der dritte heut Abend.
Wir halten auf einem Hügel mit Blick auf den Fluss und die nahe Stadt. Sieht heut irgendwie anders aus, feierlicher. Oder man fühlt sich nur so. Es wird von den Geschenken erzählt, die wir schon haben und was die Kinder heut so machen. Der Gutmütige seufzt. Mike fragt mich, wie das damals so war, als meine Scheidung lief. Ich hoffe, er kommt noch mal drum rum.
Während wir im Auto heißen Tee trinken, wird an die Storys der vergangenen Jahre erinnert. Letztes Jahr haben wir Weihnachtslieder gesungen und, natürlich aus Versehen, die Funktaste gedrückt.
Unsere Schicht ist bald zu Ende und wir fahren langsam zurück. Heut hatten wir keinen Aufgriff. War in den letzten Jahren auch schon anders.
Wir halten kurz, weil ein Busch am Wegesrand Tau wie Diamanten trägt. Der Frost und das Scheinwerferlicht machen glitzernde Schönheiten.
Schichtübergabe, umziehen. Die mit dem Silvesterdeal und der Gutmütige sind schnell weg. Ich hab es nicht eilig, auf mich wartet niemand. Als letztes gehen die, die vor zu Hause in die Schicht flüchteten. „Bis morgen”.
Autorin: Birgit Marterer



