Psychologie im CBRN-Schutz

13. Januar 2010 | Themenbereich: Bevölkerungsschutz | Drucken

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BBK) hat psychosoziale Handlungsempfehlungen entwickelt, um Einsätze nach Freisetzung chemischer Schadstoffe, biologischer Substanzen oder radioaktiver Stoffe (CBRN-Einsätzen) zu optimieren.

Internationale Forschungsarbeiten und Praxiserfahrungen aus Einsätzen und Übungen zeigen, dass psychosoziales Wissen und Handeln die Wirkungsmöglichkeit von Einsatzkräften erweitert. Aus diesem Grund finden psychosoziale Aspekte Schritt für Schritt Eingang in Konzepte, Ausbildung und Training von Einsatz- und Führungs-kräften, die sich mit dem Schutz vor chemischen, biologischen und radiologische Lagen (CBRN-Lagen) beschäftigen. Die Helfer fühlen sich kompetenter und sicherer und ihr Stresspegel sinkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst psychische Probleme entwickeln, ist geringer. Durch gezielte psychische erste Hilfe können Einsatzkräfte bei Betroffenen Angstreaktionen mindern und kooperatives Verhalten stärken. Einsätze laufen dann koordinierter ab.

Das Risiko, dass es zu chemischen, biologischen und radiologischen Schadenslagen kommen kann (CBRN-Lagen) besteht auch in Deutschland. So verzeichnen wir beispielsweise eine große Anzahl von Gefahrguttransporten auf unseren Straßen und Schienen, und auch terroristische Anschläge mit einer „Schmutzigen Bombe“ können nicht ausgeschlossen werden.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) entwickelte die neuen psychosozialen Handlungsempfehlungen für CBRN-Einsätze gemeinsam mit der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern und weiteren Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis. Diese werden gemeinsam mit dem Deutschen Feuerwehrverband (DFV) und seiner Stiftung „Hilfe für Helfer“ herausgegeben (Psychosoziales Krisenmanagement in CBRN-Lagen). Die Empfehlungen wurden auch in die Vorbereitung der länderübergreifenden Krisenmanagementübung LÜKEX 2009/10, die am 27. und 28. Januar 2010 stattfindet, einbezogen und werden dort beübt.

ABC-Lagen, oder wie man heute sagt, CBRN-Lagen, standen mit Beendigung des „Kalten Krieges“ im Bevölkerungsschutz viele Jahre nicht mehr im Fokus. Mit der weltweiten Bedrohung durch terroristische Anschläge erlangen sie heute wieder mehr Aufmerksamkeit. Aber auch die große Anzahl von Gefahrguttransporten auf unseren Straßen und Schienen birgt Gefahren, denen sich der CBRN-Schutz stellen muss. Daher befassen sich Behörden und Organisationen der Gefahrenabwehr, Politiker und Wissenschaftler mit der Verhütung und Schadenseindämmung solcher Gefahren.Dabei finden auch psychosoziale Aspekte Schritt für Schritt Eingang in Konzepte, Ausbildung und Training.

Typische psychosoziale Belastungen und Reaktionen bei CBRN-Lagen sind Verunsicherung und Ängste, die aufgrund unzureichender Informationen und fehlendem Wissen entstehen. Auch sind die Einsatzbedingungen für die Helfer in der Regel erschwert.

Charakteristisch für CBRN-Lagen ist, dass die potenziell schädigenden Agenzien oder Stoffe über die menschlichen Sinne nicht immer wahrnehmbar und sofort bestimmbar sind. Das akut und langfristig schädigende Potenzial der Stoffe kann nicht immer eingeschätzt werden. Vor einem „unsichtbaren, unbekannten Feind“ kann man sich aber nur schwer schützen. Aus diesem Grund können CBRN-Lagen in besonderem Maße Gefühle von Angst, Verunsicherung, Hilflosigkeit oder Kontrollverlust bei den direkt Betroffenen (Verletzten, Angehörigen, Zeugen), der mittelbar betroffenen Allgemeinbevölkerung, aber auch bei Einsatz- und Führungskräften auslösen.

Die Anzahl der Menschen, die mit Besorgnis, Ängsten, Verunsicherung und psychischen Belastungsfolgen reagieren kann bei CBRN-Lagen um ein Vielfaches höher sein als die Anzahl der tatsächlich exponierten und kontaminierten Personen. Das ist durch den Reaktorunfall von Tschernobyl 1986, den Giftgasanschlag mit Sarin in Tokio 1995, die Anthrax-Anschläge in den USA 2001 oder den Polonium-Fall in Hamburg 2006 eindrücklich belegt. Auch ohne schädigenden Substanzen ausgesetzt zu sein können Menschen körperliche Symptome entwickeln, die der Symptomatik der tatsächlich exponierten Verletzten entspricht. Für die Gesundheitssysteme bedeutet das eine große Herausforderung.

Für Einsatzkräfte sind Einsätze, bei denen chemische Schadstoffe, biologische Agenzien oder radioaktive Stoffe freigesetzt werden, eine besondere fachliche Herausforderung. Die Helfer stehen unter hohem Stress, denn sie müssen hohe technische Anforderungen bedienen, sind durch fehlende Routine in ihren Handlungen unsicher, können das Verhalten der Bevölkerung nur schwer kalkulieren und sind mit einer hohen Anzahl psychisch Belasteter konfrontiert. Zudem erschwert ihre Schutzausrüstung die Kommunikation mit Betroffenen. Sie zu tragen ist körperlich anstrengend, macht unbeweglich und verzerrt beim Sprechen die Stimme. Außerdem ängstigt der Anblick der Schutzanzüge die Betroffenen zusätzlich. Gleichzeitig sorgen sich Einsatzkräfte um die eigene Gesundheit und die der Familie.

Der hohen Belastung, die CBRN-Lagen für Einsatz- und Führungskräfte mit sich bringen, können diese mit psychologischem und soziologischem Wissen und Handeln wirksam begegnen. Durch den richtigen Einsatz psychosozialer Maßnahmen im CBRN-Einsatz

  • kann die Kooperation mit den direkt Betroffenen gefördert werden, was die Rettung, Versorgung und Betreuung vereinfacht,
  • können Eskalationen verhindert werden,
  • können Angst- und Panikreaktionen abgeschwächt werden, die gerade in CBRN-Lagen selbst- und fremdgefährdend sein können,
  • werden Einsatzabläufe koordinierter, geordneter und kalkulierbarer,
  • erleben Einsatzkräfte sich auch in schwierigen und ungewohnten Situationen in CBRN-Lagen kompetent und handlungsfähig im Umgang mit Betroffenen. Das Aufrechterhalten der Handlungskompetenz und Handlungssicherheit wiederum vermindert den Stress im CBRN-Einsatz und beugt der Entwicklung von seelischen Belastungsreaktionen bei Einsatzkräften selbst vor. Psychosoziale Aspekte bei CBRN-Lagen zu berücksichtigen bedeutet somit nicht nur die Einsatzabläufe zu verbessern, sondern ist gleichzeitig Gesundheitsschutz für die Einsatzkräfte.
  • Interkulturelle Kompetenz ist bei CBRN-Einsätzen besonders wichtig

Fü die Praxis lassen sich daraus folgende Empfehlungen ableiten: Einsatzkräfte sollten beispielsweise den Gefahrenbereich immer großräumig abzusperren, sich unter die Betroffenen zu mischen und die Menschenmenge in kleine Gruppierungen aufzuteilen. Denn jedes „Einkesseln“ Betroffener fördert panikartige und aggressive Reaktionen. „Informieren Sie die Betroffenen zeitnah und glaubhaft!“ heißt eine weitere wichtige Empfehlung, denn Information, auch die (noch) unvollständige, ist ein zentraler Eckpfeiler der psychischen Unterstützung in CBRN-Lagen und eines der wesentlichen Mittel, um Betroffene zu beruhigen und die Kooperation zu verbessern.

Weiterhin empfiehlt das BBK, dass die Basisregeln der psychischen ersten Hilfe – beispielsweise „Sprechen Sie mit den Betroffenen“ oder „Nehmen Sie dezent Körperkontakt auf“ – trotz der zunächst beängstigend wirkenden Schutzkleidung mit Atemschutz möglich und sinnvoll sind. Direkte Ansprache – auch in nur einfachen Worten – ermöglicht den Betroffenen den Kontakt zu dem „Menschen hinter der Maske“ und beruhigt. Ein weiteres sensibles Thema ist der Umgang mit Betroffenen mit Migrationshintergrund, beispielsweise beim erforderlichen Entkleiden vor einer Dekontamination. Auf die damit verbundenen Reaktionen von Schamgefühl und Verlegenheit bei den Betroffenen sowie ethisch-moralische Probleme müssen Einsatzkräfte angemessen reagieren können.

Diese und weitere Handlungsempfehlungen entwickelte ein 2007 vom BBK ins Leben gerufene Expertenkreis speziell für Einsatzkräfte und Führungskräfte im CBRN-Schutz. Dem Expertenkreis gehören Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen sowie erfahrene Einsatz- und Führungskräfte des CBRN-Schutzes an.Die Grundlage bilden internationale Forschungen und Praxiserfahrungen aus Einsätzen und Übungen. Sie werden jetzt gemeinsam mit dem Deutschen Feuerwehrverband (DFV) und seiner Stiftung „Hilfe für Helfer“ veröffentlicht (Psychosoziales Krisenmanagement in CBRN-Lagen). Damit steht den Kräften im CBRN-Schutz erstmals ein psychosozialer Maßnahmenkatalog zur Verfügung.
Die Handlungsempfehlungen können in Vollübungen als Handlungsgrundlage einbezogen werden, wie beispielsweise während der länderübergreifenden Krisenmanagementübung LÜKEX 2009/10 am 27. und 28. Januar 2010 am Flughafen Köln/Bonn. Aber auch für die Fachberater für psychosoziale Fragen, die bei der LÜKEX 2009/10 in den verschiedenen Krisenstäben zum Einsatz kommen, bilden die Handlungsempfehlungen eine wichtige Grundlage ihrer Beratungstätigkeit.

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