Der zerrissene Schutzmantel

6. Januar 2010 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

Viele vergessene und unvergessene Opfer von Unfällen und Kriminalität haben meinen Weg in der Polizei begleitet. Nach über 30 Jahren Dienstzeit machte ich eine Erfahrung, die mich für die weiteren Jahre prägte. Ja, mein Leben veränderte.

Es geschah Anfang des Jahres 2003. Zu jener Zeit, versah ich meinen Dienst mit einer Kollegin, die vor kurzem aus dem Mutterschaftsurlaub zurückgekommen war.

In den späten Abendstunden, jenes folgenreichen Tages, unsere Schicht war beinahe zu Ende, ging die Meldung über einen schweren Verkehrsunfall ein. Bereits auf der Anfahrt teilten Kollegen einer anderen Dienststelle über Funk mit, dass der verunfallte Fahrer höchstwahrscheinlich verstorben sei.

Peng, Peng ! „So ein Mist! Kurz vor Feierabend noch so eine dicke Sache!“ war mein erster Gedanke. Meiner Kollegin ging anderes durch den Kopf. „Haben die gerade wirklich gesagt, dass der Fahrer tot ist?“, fragte sie leise. „Ich habe noch nie einen tödlichen Verkehrsunfall miterlebt!“ fügte sie hinzu.

Ich wusste nicht, was ich ihr antworten sollte. „Nicht so schlimm“ und „bin ja dabei“, hörte ich mich brummeln. Aber es klang sicher nicht besonders ermutigend. Den Rest der Fahrt schwiegen wir. Dann die Unfallstelle: Stau auf der Bundesstraße, Dunkelheit, Regen, Feuerwehr, Notarzt, Neugierige Gaffer, Blaulicht, Blaulicht, Blinklichter und Scheinwerfer. Im Schein der vielen Lichter konnte ich den, an einem Baum zerschellten PKW ausmachen. Auf dem Fahrersitz konnte man deutlich die Umrisse des getöteten Fahrers erkennen.

„Oh Gott, muss ich mit dahin?“ Die Stimme meiner Kollegin klang ängstlich. Ich betraute sie mit einigen Aufgaben, die es ihr erlaubten, sich dem Unfallfahrzeug und dem Opfer soweit zu nähern, wie sie sich selber in dieser Situation zutraute. Dann kümmerte ich mich um die anderen Maßnahmen, die getroffen werden mussten.

Im Umgang mit der Bergung und der ersten Leichenschau, schützte mich mein „emotionaler Schutzmantel“, wie ich ihn nannte. Diese unsichtbare Hülle hatte ich mir im Laufe der Jahre zugelegt, um in solchen Situationen die Distanz zu wahren und Gefühle nicht an mich heran zu lassen.

Meine Erfahrungen hatten gezeigt, dass je größer die emotionale Distanz ist, desto geringer ist die spätere Wirkung auf mich. Nur keine zu große Nähe zu den Opfern, schon gar nicht zu den Angehörigen. Mitgefühl ist möglich, kann aber stören und belasten. Ich weiß, dies klingt hart. Aber anders konnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Das war mir klar. Spätestens nach den ersten Toten in meiner Laufbahn, von denen ich monatelang geträumt hatte.

Das Unfallopfer war, wie sich im Laufe der Unfallermittlungen herausstellte, ein 32jähriger Mann. Das Unfallfahrzeug war auf eine Firma zugelassen, der Getötete hat keinerlei Ausweispapiere dabei. Kollegen einer benachbarten Dienststelle übernahmen die weitere Abklärung, damit eine gesicherte Identifizierung durchgeführt werden konnte, so jedenfalls der Ansatz.

Nach einigen Überstunden und einer viel zu kurzen Nachtruhe, ging es morgens wieder zur Dienststelle, natürlich mit dem Gedanken, dass in der Zwischenzeit die Identität der Unfallopfers geklärt war – ein völlig falscher Gedanke.

Erst im Laufe des frühen Vormittags gelang es, die vermeintliche Mutter des Opfers zu ermitteln. Alle Fakten wiesen darauf hin, dass ihr Sohn das Opfer dieses Unfalls geworden war. Zur Sicherheit blieb nur die Möglichkeit einer persönlichen Identifizierung des Leichnams. Als Sachbearbeiter übernahm ich diese Aufgabe selbstverständlich. Die Schwierigkeit lag darin, jemanden zu finden der mich bei diesem unangenehmen Auftrag unterstützte. Die Ausreden meiner Kollegen kannte ich auswendig. Schließlich meldete sich doch einer, gab mir aber auf der Fahrt zum Beerdigungsunternehmer deutlich zu verstehen, dass er sich soweit als möglich aus der Sache heraus halten möchte.

Am Treffpunkt stand eine ältere Frau neben einem Mann. Ihre Blicke wirkten erwartungsvoll, ängstlich, und abwartend zugleich. Welche Gedanken hier im Spiel waren, konnte ich vielleicht erahnen, aber nicht wissen. Nach der Begrüßung die Frage, ob beide mitkommen wollten. Nur die vermeintliche Mutter des Unfallopfers wollte mit zum Sarg. Ihr Begleiter wollte und sollte auch nicht. Also, Schutzmantel fest zuknöpfen, dachte ich mir.

„Ich begleite sie natürlich“, sagte ich. Schon beim Betreten der Halle nahm ich mir fest vor: Wenn der Leichnam identifiziert ist, ziehst du dich zurück und lässt die Frau in Ruhe Abschied nehmen. Als wir uns gemeinsam dem Sarg näherten, bemerke ich, dass die Frau ihren Sohn schon von weitem erkannte. Im gleichen Augenblick umfasste sie mit der rechten Hand mein linkes Handgelenk und hielt mich fest.

Peng ! Ich spürte wie sich der Sitz meines Schutzmantels lockerte. Was war nur los? Das durfte nicht passieren. Nicht jetzt! „Bitte bleiben sie hier bei mir, ich weiß nicht, wie ich alleine damit umgehen soll“! Die hilflose Stimme der Frau unterbrach meine Selbstgespräche. „Ich bleibe bei Ihnen!“ hörte ich mich sagen.

Da stand ich nun direkt am Sarg eines mir unbekannten Unfallfallopfers. Dessen sichtbaren Kopfverletzungen waren vom Bestatter kosmetisch noch nicht behandelt worden und verstärkten unser Unwohlsein.

Die Mutter hielt weiterhin mit kräftigem Griff mein Handgelenk fest und begann leise flüsternd, jedoch deutlich hörbar, ein Gespräch mit ihrem Sohn. Kindheit, Schulzeit, Lehre, Arbeit, ein ganzes Leben und ein sinnloses Sterben auf der Straße. Alles wurde in kurzen Worten erwähnt.

Waren dies Abschiedsvorbereitungen, oder bereits ein endgültiger Abschied? Diese Frage beschäftigte mich in jenen Minuten. Eine Antwort darauf habe ich bis heute nicht gefunden. Der aufgeknöpfte Schutzmantel verschwand vollends. Jetzt war ich, mitsamt meiner Gefühlswelt offen. Völlig ungeschützt. Offen für die Gefühle der Frau, angegriffen vom Mitgefühl für das Unfallopfer stand ich da und wusste nicht was mit mir geschah. Gänsehaut und nicht kontrollierbares leichtes Zittern. Das Gefühl fliehen zu wollen. Das Wissen, das dies nicht möglich war. Das Verständnis für die Gefühle der Mutter und so vieles andere geschah. Alles gleichzeitig und unkontrollierbar.

Gedauert hat die Situation, nach Angaben meines draußen wartenden Kollegen, ca. 15 Minuten. 15 Minuten, die mich bis ins Mark erschütterten und sich wie Stunden angefühlt hatten. Die trauernde Mutter hat sich beim Abschied innigst für meine Unterstützung bedankt. Später erhielt ich ein Dankschreiben über die Dienststelle mit ihrer Schilderung, wie froh sie war, dass sie ihre Last in diesem schweren Augenblick nicht alleine tragen musste.

Auch nach fast sieben Jahren habe ich diesen Fall ständig mit allen Einzelheiten im Gedächtnis. Vermutlich werde ich ihn noch lange bei mir tragen. Anfangs bin ich in den Nächten immer wieder aufgewacht.

Im Traum stand ich am Sarg, Mutter und Sohn sprachen miteinander. Nach dem Aufwachen war alles wieder präsent. Als ob es gerade erst geschehen wäre.

Ich hatte große Probleme damit, dieses Erlebnis zu verarbeiten, das Geschehene zu akzeptieren. Durch meine Ehefrau, die selber in der Opferarbeit tätig ist, hatte ich eine fast schon professionelle Hilfe, was für mich eine große Stütze war.

Mein emotionaler „Schutzmanns-Schutzmantel“ hat mich durch den körperlichen Kontakt zur trauernden Mutter nicht geschützt, auch wenn ich das vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Wie weggeblasen, aufgelöst, einfach nicht mehr vorhanden.

In den letzten Jahren habe ich meinen Schutzmantel oft wieder anziehen müssen, nun aber mit dem Wissen, dass dieser Schutz nicht absolut ist. Das Schreiben darüber, auch nach so langer Zeit, trägt letztendlich für mich noch zur Verarbeitung bei.

Es mag unglaublich klingen, aber bis zum heutigen Tag stehe ich manchmal nachts wieder an diesem Sarg und fühle den festen Griff der trauernden Mutter noch nach dem Aufwachen an meinem Arm.

Ich habe die Mutter seitdem nicht mehr wieder gesehen. Möglicherweise hat auch sie noch ab und zu an den Polizeibeamten gedacht, der ihr in dieser schwierigen Stunde die Hand gehalten hat.

Wie lange sie und ihr Sohn mich noch begleitet haben und noch begleiten werden, wird sie nie erfahren.

von Wilfried Helmerichs, Aurich/Wittmund

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