Normaler Tag

29. Dezember 2009 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

Spätschicht! Der Umlauf der sich in Spätschicht, Frühschicht und Nachtschicht gliedert, beginnt wieder. Alles läuft wie immer. Aufstehen und die Minuten auskosten!

Elende Knochenmühle! Erstmal noch ein Frühstück, während der Zeiger auf die elf zu kriecht. Kaffee, eine Zigarette! Ab aufs Klo… Schnell, die Zeit drängt. Sich anranzen zu lassen, wegen ein paar Minuten muss nicht sein.

Heute habe ich absolut keine Lust. Wie immer öfter! Meine Fresse, wo sind die ganzen Illusionen hin? „Ich möchte zur Polizei, um Menschen zu schützen, die sich nicht selbst schützen können. Und da ich anderen Menschen dahingehend nicht recht vertraue, mache ich es lieber selbst, so der O-Ton meines persönlichen, psychologischen Einstellungstests!

Hätte ich gewusst, was mich alles für ein Schwachsinn erwartet, niemals wieder. Ok, als junger Kerl habe ich gedacht, die Bullen, große Fresse, dick, aber mit Macht ausgestattet, das keiner zu zucken wagt. Kurz rumschnauzen, in den Lada einsteigen, weg! Genau DAS wollte ich auch! Naja nicht ganz. Heute bin ich Polizeibeamter! Und zufriedener? Irgendwie…nö! Aber gereifter…nö! Schneller erwachsen geworden, wahrscheinlich, viele kindliche Illusionen einfach weg. Menschen sind schlecht!

Ich komme gut durch den Verkehr und biege in die Strasse zum Revier ein. Mal sehen, was es heute gibt! Dienstliche Erinnerungen werden wach, die jedes Mal auf dem Nachhauseweg sterben. Zum Glück! Noch was zu schreiben? Ja! Den Unfall fertig machen vom letzten Mal. War eh nur Sachschaden, und den Kellereinbruch für den Staatsanwalt. Täterhinweis …..Null!

Kurzer Gruß beim Vorbeilaufen an den Posten im Glaskasten! Umkleide, Uniform an, Waffe aus der Waffenkammer geholt. Aufenthaltsraum!

Die Kollegen sind schon da. Einige Kollegen sind immer eher da. Vermutlich wohnen die hier. Ich geh zu meinem angestammten Platz, begrüße meinen „Dicken“, vermutlich werden wir als Stammbesatzung wieder zusammen fahren und setze mich hin. Zwei Minuten sind es noch bis Dienstbeginn.

Zima (Zimmermann) – unser Dienstgruppenführer kommt rein, begrüßt uns kurz und fängt an die Ereignisse der freien Tage zu erzählen. Pkw-Aufbruch , Kellereinbruch, Familienknatsch bei Familie Lehmann, altbekanntes Klientel. Er schlug sie, sie flüchtete, Kollegen brachten ihn in den zentralen Gewahrsam. Sie erstattete Anzeige. Vorgang ging zum Ermittlungsdienst. Heute ließ sie ihn aber schon wieder zu Hause rein und teilte telefonisch mit, das sie die Anzeige zurückzieht.

„Elf PKW-Aufbrüche in der letzten Zeit, davon fünf in unserem Bereich! Achtet auf ungewöhnliche Personenbewegungen in der, der und der Strasse! 45 Verkehrsunfälle, fünf davon schwer, neun Verletzte, ein Toter!“ „Wo?“. Fragt einer nach. “ Stadtmitte! Eine Oma wurde von der Strassenbahn angefahren und erlag ihren Verletzungen im Krankenhaus! Also nix Ungewöhnliches! Alte Menschen sterben eben!“, fährt Zima fort.

„Es gab auch Beförderungen.“ Wir werden hellhörig!!! Warum wusste mal wieder niemand was davon? Betraf keinen vom Revier! Zima nennt Anzahl und Namen. Hansi, unser Alt-Obermeister springt auf und kann seinen Frust kaum verbergen. „So ne Scheiße…….hier erfährt man nix. Wieder niemand von uns dabei. Das kotzt mich an! Wir sind so schlecht? Setzt du dich so wenig für uns ein?“. Normalerweise müsste er sich schon daran gewöhnt haben, dass bekannte Namen vorbeiziehen, die man selbst noch als Praktikanten kennt. Sicherlich sind wir nicht so schlecht, aber es gibt nun mal ne Quote von Kollegen, die gut sein dürfen, und welche die Durchschnitt sein müssen und welche, die eben doof sein müssen, damit jedes Revier die gleiche Anzahl hat.

Nur halten sich manche Reviere scheinbar nicht daran. „Hansi, komm runter. Arschlecken!“.

Die Besatzungen werden eingeteilt. Ich fahre mit meinem Dicken, wie gehabt. „Ich habe einen Auftrag für euch! Die 107! Fahrt mal schnell L.-H.-Strasse dort Kellereinbruch! Die Geschädigte Frau Müller ist vor Ort.“ „Alles klar!“.  Ich habe heute irgendwie keine Lust und lasse Harry fahren.

Normalerweise heißt er Matthias, aber wir haben uns Derrickmässig auf Harry und Stephan geeinigt. Bisschen Blödelei muss sein! „Harry, fahr den Wagen vor!“. Er lächelt mich an und wir laden den ganzen Kram, zwei Koffer voller Formulare, Verwarngeldblöcke, Tatbestandskataloge, Zollstock, Abschleppprotokolle, Spurensicherungstasche, Fotoapparat, Alkomat, zwei kleine Handsprechfunkgeräte, ins Auto und fahren los.

„Frau Müller in der L.-H.Strasse! Weißte wo das ist?“ „Meinst Du ich bin doof?“. Wir lachen! „Wie war dein Frei?“ frage ich Harry. „Zu kurz! Hatte wieder Stress mit Schnela! Sie denkt, ich mache mit anderen Frauen rum“. „Und?“, hake ich nach. „Nix Bestimmtes! Hab da ne Schnulle kennengelernt. Warte es aber erst mal ab!“.

„Ich trauere hier ohne Ende meiner Beziehung nach und du machst hier ohne Ende die Weiber klar. Haste keine Gewissensbisse?“. Hat er nicht. Ich sehe die Sache zu eng. Sollte mich lockerer machen. Er höre in letzter Zeit immer nur den Namen meiner Ex. Zum Kotzen! „Okay,okay, ich werds lassen!“, verspreche ich ihm. „Endlich mal n vernünftiges Wort!“.

Harry kam vor ca. zwei Jahren auf unser Revier und setzte sich zufällig neben meinen Platz im Aufenthaltsraum. Ich war da noch nicht da. Die Chemie stimmte sofort und so wurden wir rasch als die „Zwillinge“ bezeichnet da wir ständig zusammenhingen und meist zusammen auf Streife fuhren. Mit anderen Kollegen lief es nicht so einfach ab. Mal zu seicht, mal zu faul. Einfach zu wenig irgendwie.

Wir kommen an! Klingeln. Frau Müller, eine ca. 45-jährige Frau öffnet uns. Der Einruch im Keller sei nicht bei ihr, sondern bei ihrer Mutter. Da sich die alte Dame mit 70 Jahren nicht mehr recht zu helfen weiß, rief die Tochter an. „Okay, gucken wir es uns mal an! Wissen Sie schon was fehlt?“ „Zwei Flaschen Mineralwasser und eine Flasche Wein, soweit wir das einschätzen können! Aber hier ist noch nie so was passiert!“. Kellertür aufgebrochen, bzw. Schloss mittels Bolzenschneider aufgeschnitten. Spurenlage sonst null!

Wir gehen hoch in die Wohnung, um den Papierkram zu erledigen und die Zeugenvernehmung durchzuführen! „Löwe 2/23 für den Löwen 231 kommen!“. „Löwe 2/23 hört sie!“. „Wir brauchen eine Tagebuchnummer auf den Kollegen B. , Kellereinbruch!“ „Die 12305!“ „12305-empfangen!“. Frau Müller bekommt ihre Tagebuchnummer für die Versicherung und fängt an aus ihrem Leben zu erzählen. „Wissen Sie, seitdem mein Mann vor fünf Jahren starb, bin ich ganz allein! Meine Tochter kommt zwar ab und zu vorbei, aber so was, wie mit dem Keller habe ich noch nie erlebt! Ich habe jetzt richtige Angst! War es falsch, dass ich die Polizei gerufen habe? Es waren ja nur zwei Flaschen Wasser und der Wein. Ich weiß gar nicht, wie die ins Haus kamen.“.

Wir beruhigen sie, alles halb so schlimm, dafür sind wir ja da. Der Tochter die Anzeigenbescheinigung erklärt, uns verabschiedet. Im Auto schauen wir uns kurz an. „Ich habe Knast!“ „Ich auch! Wo holen wir was?“ „Burgerking?“ „Meinetwegen!“. Ich melde den Auftrag ab und das wir wieder frei sind. Bis zum Burgerking sind es nur wenige Blocks. Harry muss mir nen Zehner leihen. Habe mein Geld auf dem Revier gelassen. Wir bestellen uns zwei deftige Portionen zum Mitnehmen und fahren Richtung Revier. Harry nutzt die Chance und schäkert mit der Bedienung rum. Als wir wieder zum Auto gehen, sagt er: „Ich hab die Telefonnummer!“. „Prima!“. „Na nicht so bissig! Sah doch schnieke aus!“. „Und Schnela?“. „Ist eh unberechtigt eifersüchtig! Außerdem führen wir ne offene Beziehung!“. „Klar!“. „Mach dich mal los von deiner Heike! Bist noch jung mit deinen 29!“.

Ja, ist doch okay. Habe eh damit zu tun, das nach fünf Jahren Beziehung alles irgendwie plötzlich nicht mehr klappte und die Beziehung zerbrach. Gerade als ich mich ans Familienleben gewöhnt hatte und unserer Tochter ein guter Vater sein wollte! Nach allem Hin und Her! Und trotzdem war es doch so schön gewesen. „Ich liebe dich nicht mehr!“ hatte sie mir gesagt „Gibt’s nen Anderen?“. „Nein!“. „Würdest du mir das sagen!“, wollte ich wissen „Ja!“. Wie ich später herausfand, war dieses Ja eine Lüge. Egal, der Katzenjammer blieb!

Harry hat da seine eigene Philosophie! „Du bist da einfach zu fest! Ich sehe das eher so. Auf meinem Karussell habe ich mehrere Plätze und wenn ich mal Lust auf einen kleinen Arsch habe, rufe ich sie an. Spinnt sie rum…Okay, kein Problem! Die Nächste freut sich auf mich! Entspann dich mal!“. „Aber das ist doch keine Liebe!“, entgegne ich „LIEBÄÄÄÄÄ????“. Er spinnt wieder und schreit laut rum. „Liebe ist Hundescheiße!Ich weiß.“.

Wir müssen beide lachen. „Die Leute denken, wenn sie uns sehen: Hier fährt Herr Anständig neben Herrn Vernünftig!“. „Ja..JajAjAJAJAJA……“ Harry parodiert Helge Schneider, weil er weiß, das ich dann nicht ernst bleiben kann. „Hundescheiße, mein Lieber! HUNDESCHEIßE!“. Ich muss lachen!

Kurz vorm Revier werden wir noch mal über Funk angesprochen . „Löwe 231, tut mir leid, alle anderen Wagen sind gebunden. Sie müssten mal in die W.-H.-Strasse fahren. Im dortigen Zooladen ist eine männliche Person umgefallen und liegt leblos im Geschäft. Prüfen sie!“. „Tierladen W.-H.Strasse. Leblose, männliche Person, verstanden!“. „Kommen Sie dort sofort mit Lage, Rettungswesen ist unterwegs!“.

Wir fahren mit Blaulicht und Sirene und stellen wie immer öfter fest, das der mündige Bürger sein Recht auf Freiheit und Selbstverwirklichung manchmal über die Interessen der Gemeinschaft stellt und unser Blaulicht mitunter sehr spät feststellt und spät reagiert.  „Solche Idioten, müsste man den Führerschein wegnehmen, allesamt! Arschlöcher!“ Harry flucht. Da wir dafür keine Zeit haben……geht’s weiter. Unbeschadet kommen wir an, steigen aus und ins Geschäft. Die Rettungssanitäter sind da und der Notarzt auch. Der Inhaber ist völlig aufgelöst und erzählt uns, als wir seine Personalien erheben, dass der ca. 50-jährige Mann in das Geschäft kam, sich kurz umschaute und durch die Gänge ging. Etwas später habe er ein komisches Geräusch gehört und sei nachsehen gegangen. „Da lag der Mann da und ich habe es mit der Angst bekommen, weil er so komisch zappelte! Ich rief dann den Notruf an und mit einem weiteren Kunden haben wir versucht ihn in eine stabile Seitenlage zu bringen, aber er bewegte sich plötzlich nicht mehr. Der Notarzt kam zum Glück kurz daraufhin hier an! Ich habe so was noch nie erlebt!“.

Der Ladenbesitzer zittert am ganzen Körper, währenddessen er den Bemühungen des Notarztes und der Sanitäter zuschaut. Der Mann liegt mit offener Jacke und offenem Hemd im Gang und wird mittels Injektionen, Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage versucht zu reanimieren. Gut gekleidet, etwa 50 Jahre alt, Vollbart, gepflegter Eindruck! Friedlicher Gesichtsausdruck, etwas Speichel im Mundwinkel, obwohl mir die Haut etwas grau vorkommt.

„Defibrillator!“. Oha, es kommt zum Letzten! Der Notarzt versucht noch 20 Minuten sein Bestes. „Todeszeitpunkt 14:35 Uhr! Akuter Herztod!“. So beschreibt er das Ende seiner Bemühungen. Wir schauen ihn fragend an. „Fremdverschulden ausgeschlossen, natürlicher Tod, Todesursache vermutlich Herzversagen!“.

„Brauchen wir einen Gerichtsmediziner?“ frage ich ihn. „Nein, ich stelle den endgültigen Totenschein aus!“, sagt er. Er kennt sich aus. Gefühle haben momentan keinen Platz. Es muss funktionieren. Wir müssen funktionieren! Er muss funktionieren.

Ich gebe die Lage per Funk an die Zentrale weiter und erbitte einen Bestattungsdienst.  Zwei Minuten später kommt der Rückruf: „Löwe 231, die städtische Bestattungsfirma kommt. Haben sie die Personalien des Toten?“ Ich gebe die Personalien durch. Der Funktischbeamte prüft und meldet sich kurz darauf bei uns. Der Mann sei verheiratet und wohnt im angrenzendem Bereich. Das Nachbarrevier wird die Witwe informieren. Der Zooladenbesitzer schließt sein Geschäft und kommt mit raus, um Eine zu rauchen. „Wissen Sie mit so etwas rechnet man doch nicht. Da kommt einer rein und fällt im Geschäft um. Dann ruft man den Notarzt… Ich fasse es nicht!“.

Er raucht Kette. „Einfach so tot.Das gibt’s doch gar nicht! Sie erleben doch so was sicherlich öfter. Wie schaffen Sie das?“. Harry schaut mich an. „Routine?“ Harry zuckt mit den Schultern. „Sowas in der Art. Haben wir zwar auch nicht jeden Tag, aber in gewisser Hinsicht stumpft es doch ab!“ „Ihren Job möchte ich nicht machen! Ich habe Angst vor Leichen!“ Die Bestattung trifft nach ungefähr einer Stunde ein. Harry führt sie zu dem Toten und übergibt den Totenschein und den Personalausweis. Der Mann ist mit einem weißem Tuch zugedeckt. Ringsum ihn herum liegen noch Spuren des Kampfes um sein Leben. Verpackungsmaterial der Spritzen fürs Adrenalin, die Kontakte des Herzschlagmessgerätes, Tupfer mit Blutflecken und seine Handgelenktasche. Ich bekomme einen Anruf übers Handy von unserem Funktischbeamten. „Stephan, ich habe noch ne unangenehme Sache für euch. Nord ist ausgebucht und ihr müsst die Frau aufsuchen und ihr die Todesnachricht überbringen.“. „Waaaas??? Fuck! Was ist mit Nord? Ich denke, das ist denen ihr Bereich? Ich habe so was noch nie gemacht.“ „Tut mir leid! Die haben einen Raub und zwei Täter. Sind ausgebucht! Kann ich leider auch nicht ändern! Ihr müsst!“. Ich lasse mir die Adresse geben und teile es Harry mit. „Na Spitzenklasse!“ Als die Bestatter die Leiche eingepackt haben, bleibt die Tasche des Toten liegen. „Südfriedhof?“. „Ja, Südfriedhof! Hat er Angehörige?“. „Ja wir müssen der Frau Bescheid sagen!“.

Sie übergeben uns noch eine Visitenkarte und die Handgelenktasche des Mannes. „Die Angehörigen sollen sich mit uns in Verbindung setzen, wegen des weiteren Ablaufs. Beerdigung und so! Die Tasche brauchen wir nicht.“. „Machen wir!“. Wir verabschieden uns vom Zooladenbesitzer und setzen uns in den Funkwagen. „Was für ne Scheiße, Mann!“ Ich habe ein komisches Gefühl, als ich die Tasche des Mannes auf die Rücksitzbank lege. Soviel bleibt von einem Mann, wenn es mal soweit ist. Eine Handgelenktasche. Na Spitze! „Weißt du wo das ist?“. Ich lotse ihn durch den beginnenden Feierabendverkehr in eine recht gut betuchte Wohngegend. Ein schwarzes Haus mit großen, alten Steinen, seine Adresse. Wir suchen seinen Namen und klingeln. Eine nette Frauenstimme: „Ja bitte?“. „Frau H.? Hier ist die Polizei.“

Der Türöffner summt und wir gehen ins Haus. 1. Etage! Sehr gepflegtes Ambiente! Etwas düster, aber gehobene Gehaltsklasse. Diese Welt müssen wir gleich erschüttern. Frau H. steht in der Tür. „Ist meiner Tochter was passiert? Meinem Mann?“. Wir bitten um Einlass und warten bis sie die Tür geschlossen hat. Ich suche nach den rechten Worten, doch was sind in solch einem Moment die rechten Worte? „Frau H. ihr Mann hatte einen Herzanfall! Der Notarzt war vor Ort und hat alles versucht.“. Ich sehe ihren flehenden Blick und kann kaum weitersprechen. „Frau H., ihr Mann ist leider verstorben!“. „WAAAASSSSSSSSSS??? Das kann nicht stimmen. Mein Mann lebt! Das kann nicht stimmen. Wir wollten morgen in den Urlaub fahren. Erwin H.?“. „Ja! Wir haben auch seine Adresse und seinen Ausweis. Es besteht leider kein Zweifel!“.

Ich möchte sie in diesem Moment festhalten, kann es aber irgendwie nicht. Mir geht’s beschissen. Immerhin haben wir es gesagt.  Sie setzt sich auf den Stuhl im Wohnzimmer und schlägt ihre linke Hand vor den Mund! „Das kann nicht sein! Das kann nicht sein! Wir wollten doch in den Urlaub!“. Wir stehen in der Wohnung und sagen nix. Minutenlang…..

Das Schloss geht und die Wohnungstür öffnet sich. Eine hübsche, junge Frau betritt die Wohnung. „Mutti?“. Frau H. läuft zu ihrer Tochter und bleibt kurz vor ihr stehen. „Papa ist tot!“. Etwas direkter, als ich es ihr gesagt hätte. Schlagartig bricht die Tochter in Tränen aus und rutscht an der Tür zusammen. „Nein, nein, nein, Papa, mein Papa!“.

Meine Fresse, das nimmt mich ganz schön mit. Blöde Weiber!

Ich kämpfe mit den Tränen und Harry geht’s nicht anders. Frau H. fasst sich und schaut mich an. „Was muss ich denn nun machen? Wo ist mein Mann?“ „Sie müssen sich mit der Bestattungsfirma in Verbindung setzen. Hier ist die Visitenkarte. Ihr Mann wurde zum Südfriedhof gebracht. Dort sind auch die weiteren Formalitäten zu erledigen.“. Sie dankt mir und nimmt die Karte entgegen. Ich gebe ihr die Tasche ihres Mannes. Sie drückt sie an die Brust und weint leise. Ihre Tochter steht auf und legt ihren Arm um ihre Mutter.

Ich drehe mich weg. Harry übernimmt das Ruder. „Frau H. sollen wir noch jemanden informieren? Verwandte? Brauchen Sie einen Arzt?“. Wie in Trance schaut Frau H. ihn an. „Nein, es geht schon. Ich rufe meinen Bruder an. Wir kommen klar. Ich danke Ihnen!“. Die Familie möchte wohl allein sein. Nach dem Telefonat mit dem Bruder und seiner Zusage verabschieden wir uns und gehen.

Die Tür fällt ins Schloss und wir beeilen uns ins Auto zu kommen. Rein und los! Nur weg hier! „Mannomann! Was für ein Scheißauftrag! Man sieht ja so einige Leichen, aber das hier war echt anders. Eben ist noch Leben in einem Menschen und plötzlich sieht man ,wie das Licht im Auge bricht. Weg!“.

Ich schüttele den Kopf. „Wir fahren erst mal rein. Ich melde das von drinnen ab!“.  Den Rest der Fahrt schweigen wir. Ich bespreche kurz den Ablauf mit unserem Dienstgruppenführer und er gibt uns Zeit, um alles in den Computer einzuklickern und den Schreibkram zu erledigen. „Die Witwe weiß Bescheid? Alles okay soweit?“, fragt er. „Ja, alles okay. Die Tochter war auch da und der Bruder kommt vorbei.“. „OK, dann melde ich das so hoch zum Lagezentrum.“

Wir fahren an diesem Tag noch zwei Sachschadenunfälle, nehmen Personalien auf, sprechen das Verwarngeld aus, kassieren, fahren rein und schreiben. „Also, morgen früh um sechs in alter Frische!“. Wir ziehen uns um und ich gehe mit Harry zu unseren Autos. „Bis dann mein Guter. Was machst du heute noch? Ich fahre zu Schnela!“. „Hmm…ich fahre heim. Vielleicht n bissel lesen oder fernsehen. Malsehen oder lange baden.“, antworte ich. „Häng nicht so durch! Es wird alles!“. Er zeigt mit dem Finger auf mich. „Hundescheiße??“. „Genau!“, antworte ich. Wir lachen……

Ich sehe ihn losfahren und denke kurz an Familie H., denen nun der Vater fehlt. Tod zwischen Katzenstreu und Hamsterrad. Was für ne Scheißsituation und das kurz vorm Urlaub. Ich setze mich ins Auto, starte den Motor und bin daheim.

von Karsten Lauschke

Ihre Meinung ist uns wichtig,
kommentieren Sie diesen Artikel!

Jedoch, auf Cop2Cop gilt die Netiquette als Leitfaden für die Kommunikation. Alle Beiträge werden von Administratoren geprüft und freigeschaltet. Beiträge, die persönliche Beleidigungen, Diffamierungen, rechtswidrige Texte oder Werbung beinhalten, werden ebenso unkommentiert entfernt, wie Off-Topic-Beiträge und SPAM. Zeilen und Absätze brechen automatisch um. Die E-Mail Adresse dient internen Zwecken und wird nie angezeigt.