Napoleon

14. Dezember 2009 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

von Ralf Zander, Hamburg

Alkoholiker zu werden, kann viele Ursachen haben. Da gibt es Schicksalsschläge, wie den Tod naher Verwandter, die Scheidung vom Ehepartner, Unsicherheiten und Ängste im Berufsleben, Schichtdienst und anderer Stress.

Bei den meisten lag es allerdings nur daran, daß sie schon immer gern einen getrunken hatten; im .jugendlichen Alter heimlich mit der Gruppe, später dann der allgemeinen gesellschaftlichen Gepflogenheiten wegen. Es wurde viel gefeiert, oder der Betroffene knobelte in seiner Stammkneipe und knallte sich einen, entweder als Gewinner oder auch Verlierer der so genannten Schnapsrunden.

Polizisten waren ebenfalls nicht unbedingt gegen zu hohen Alkoholkonsum gefeit. Auch Frank Matten trank sich hin und wieder das Elend, das er täglich auf den Straßen St. Paulis zu sehen bekam, mit Bier oder Whisky/Cola von der Seele.

Zu seinem Glück wirkte sich dieser Genuß nicht zur Sucht aus. Ganz anders erging es „Pille“, der mit bürgerlichem Namen Wilfried Bartels hieß, nicht verwandt mit Willi Bartels, dem „König von St. Pauli“.

„Pille“, das war die Kurzfassung seines Spitznamens „Pillhuhn“, den er wegen seines langen Halses und der überdimensionalen Gurgel von den Kollegen erworben hatte. Pi l le mußte selbst während des Dienstes ab und zu einen Schluck nehmen, wenn seine Hände auf Grund von Ausfallerscheinungen zu stark zitterten. Ansonsten war er ein fideler Zeitgenosse und für .jeden Scherz zu haben.

Er war unbeweibt, allerdings auch unbemannt; nur der Kater Napoleon teilte mit ihm die Wohnung . Eines feuchten Septembertages wollte Pille wie üblich mit dem Bus nach Hause fahren, sein Hals war bereits vom Inhalt des Bierschrankes seiner Schicht erheblich angefeuchtet.

Wie es das Glück oder Unglück so wollte, lag sein Stammlokal auf dem Weg zwischen der Bushaltestelle und der Haustür seiner Wohnung. Er kam einmal mehr nicht an dieser Kneipe vorbei. Der Durst war einfach stärker. Kater Napoleon mußte mal wieder lange auf seinen Kittecat- Dosenöffner warten.

Inzwischen war es halb drei Uhr morgens, als Pille nach Hause torkelte und Schwierigkeiten hatte, den Schlüssel ins Schloß zu bekommen. Geschafft! Erst einmal ließ er sich in den Sessel reinfallen.

“Napoleon! Napoleon!” flötete er mit weicher, lockender Stimme. “Napoleon!” Kater Napoleon zeigte sich nicht. Mühsam raffte sich Pille auf und suchte seine Zweizimmerwohnung ab. Nichts, kein Kater. Trotz seines Suffs bemerkte er, daß die Balkontür einen Spalt offen stand. Auf dem Balkon befand sich sein Mitbewohner nicht, also konnte er nur vom Hochparterre auf das Gartengelände runtergesprungen sein.

Pille schnappte sich eine Taschenlampe aus der Schublade des Küchenschrankes und schwankte mühsam die Treppen wieder runter. Hinter dem Haus strolchte er, teilweise sogar auf allen Vieren, durch die Büsche des Gartens: “Napoleon! Napoleon ! ”

Plötzlich blendete ihn der Schein mehrer Handstrahler: “Halt! Polizei! Was haben Sie da zu suchen?”

Pille, total überrascht und erschrocken: “Ich? Ich such’ Napoleon.”, und schwach hinterher: „Ich wohn’ doch hier.“ Beim Peterwagen ließen sich Pilles Kollegen überzeugen, zumal er durch den Schock etwas ernüchterte und seinen Dienstausweis zeigen konnte.

Napoleon, der endlich der Stimme seines Herrchens folgte, trippelte vorwurfsvoll miauend und mit hochgezogener Rute auf ihn zu. Beide begaben sich zur Nachtruhe und die aufmerksamen Kollegen fuhren wieder auf Wacht.

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