Wiedervereinigung
4. Dezember 2009 | Themenbereich: Polizei Poeten | Druckenvon Uwe Hartig, Berlin
“Ich finde, wir haben jetzt genug diskutiert, findest du nicht auch?“ sagte sie. “Ja, ich finde auch, wir haben jetzt genug gequatscht, schlaf schön!“ sagte er, schaltete das Licht aus und drehte sich auf die andere Seite. “Kannst du jetzt einfach so schlafen?“ fragte sie. “Was hast du gesagt?“ “Ach nicht’s, iss schon gut“ “Hör mal, wenn dich irgend etwas beschäftigt dann…“ “Dich beschäftigt natürlich nichts, das hätte mir von Anfang an klar sein müssen!“
“Oh nein, bitte nicht!“ flüsterte er und scheiterte beim Versuch, sich die Zipfel seines Daunenkopfkissens in die Ohren zu stopfen. “Deine eigene Mutter hat mich vor Dir gewarnt, mein Gott war ich naiv!… “ Als er nicht antwortete, stieß sie ihn unsanft in die Seite. “Spinnst du, willst du mir die Rippen brechen?“ “Da ist ja wohl genug Fett drauf mein Lieber, du müsstest dich ein wenig mehr bewegen. Beim Wischen einer Dreizimmerwohnung verbraucht der Körper 356 Kilokalorien, das kannst du gern ausprobieren.“
“Beim Sex verbrauche ich doppelt so viel!“ “Vergiss es!“ “Ach leck mich doch…“ “Wo und wann immer du willst Schatz!“ sagte er, schon etwas munterer. “Du hast auch nur das Eine im Kopf, was?“ “Nö.“ “Na jetzt bin ich mal gespannt!“ “Könnten wir das auf morgen Abend vertagen, ich muss morgen früh raus.“ “Ach, dafür ist plötzlich keine Zeit mehr, was?“ “Nö.“
“Die Sybille hat von ihrem Mann zum Hochzeitstag eine Reise nach Budapest geschenkt bekommen, kannst du dir das vorstellen?“ “Nö“ “Was heißt denn nein?“ “Nein!“ “Wie nein?“
“Nein heißt nein, weil Dirk, der Mann von Sybille, dem Horst, unserem Parteisekretär, gesagt hat, dass er ihm in die Fresse hauen wird.“
“Horst ist Parteisekretär? Er war doch so ein Netter auf der Weihnachtsfeier. Warum wollte er ihm denn in die …. ins Gesicht schlagen?“
“Weil der die Reise nach Budapest abgeblasen hat!“
“Das kann der?“
“Der nicht, aber Herr Rüdiger, was unser neuer Chef iss, der hat’s gemacht. Der hat die Reise an einen linientreuen Aktivisten vergeben.“
“Warum das denn?“
“Man munkelt, dieser sogenannte Aktivist hat seine zweijährige Keramikfliesenanmeldung dafür eingetauscht. Und der Chef baut doch gerade.“
“Und das hat der Horst mitgemacht?“ “Horst wir im nächsten Jahr Aktivist!“
“Wann sind wir eigentlich dran mit unserer Autoanmeldung?“ fragte sie. “Fünf Jahre noch.“ “Wir könnten uns ja den Gebrauchten von Hansi kaufen, der ist erst 12 Jahre alt und kostet nur so viel wie ein neuer Trabi, das würde doch gehen, oder?“
“Ich muss morgen wirklich früh raus, bitte.“
“Holst du mir am Sonnabend Brötchen? Die schönen dicken, ja?“ “Die Schlange vom Bäcker geht mindestens bis zum Gemüsemann. Wenn ich drankomme bin ich pappensatt!“
“Du machst gar nichts mehr für mich, ist dir das schon mal aufgefallen?“
“Nö.“
“Was würdest du eigentlich für mich tun, um mir zu zeigen, dass du mich liebst?“
“Bitte Schatz, es ist wirklich schon spät!“
“Was würdest du tun?“ fragte sie etwas lauter.
“Ich würde dich nach Paris einladen, auf den Eifelturm scheuchen und du müsstest…“ Er beugte sich zu ihr hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dabei lachte er.
“Die nächsten hundert Jahre nicht!“ sagte sie und schaltete das Licht aus.
In der nächsten Zeit überschlugen sich die Ereignisse. In Leipzig demonstrierten erst einige Wenige, später das ganze Volk. Dabei ging es nicht ums schlechte Fernsehprogramm.
“Wir weinen diesen Leuten keine Träne nach!“ lauteten die Kommentare in den Radiosendern, nachdem Hunderte über die grüne Grenze nach Ungarn entkommen waren.
Sie hatten sich nicht verlaufen.
Am 09.11.1989, um 18.53, verliest Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros der Deutschen Demokratischen Republik, das jeder Bürger der DDR reisen kann wohin er will. Er hatte seine Brille nicht vergessen.
Der Jubel in der ganzen Welt war groß, die Franzosen übertrieben wie immer. Am Tag danach wurden sogar Dessous vom Eiffelturm geworfen.
Getragen. Getragen vom Wind, der an diesem Tag besonders kräftig blies.


