Zeit zu Gehen

24. November 2009 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

von Jochen Frech

Sie war aus dem Zimmer gegangen und betrachtete die Fotos an der Wand. Auf einem sah sie den Mann, der gerade mit ihr geschlafen hatte, wie er eine Frau im Arm hält. Vor den beiden knieten zwei kleine Kinder im Sand eines Badestrandes. Im Hintergrund das Meer. Alle vier lächelten auf dem Bild. Sahen glücklich aus.

Du machst mich glücklich, hatte er vorhin zu ihr gesagt. Es gibt unterschiedliche Arten von Glück, dachte sie, während ihr Blick von einem Foto zum nächsten wanderte. Sie wunderte sich über die Farben und Größen der Rahmen, die beinahe alle unterschiedlich aussahen. Billige Massenware aus dem Baumarkt. Die Fotos schienen wahllos und in größeren Zeitabständen an der Wand platziert worden zu sein. Auf sie wirkten die Bilder wie ungeschickt arrangierte Momentaufnahmen einer scheinbar heilen Familie.

Eine Patina aus Staub und kaltem Rauch hatte sich über das entspiegelte Glas gelegt. In der Reflexion einer größeren Glasfläche bemerkte sie ihren nackten Körper. Gleichgültig betrachtete sie das Abbild ihrer Figur. Nach einer kurzen Zeit wandte sie ihren Blick davon ab.

Auf einem anderen Foto erkannte sie ihn wieder. Er saß in einem Boot und hielt eine Angel in der Hand. Hinter ihm ein anderer Mann, der einen Fisch in Richtung Kamera hielt. Beide lachten. Ein lustiger Angelausflug. Irgendwann. Irgendwo.

Keiner der Orte  und Landschaften, die sie auf den Lichtbildern sah, kam ihr bekannt vor. Auf einer dritten Aufnahme, die sie näher betrachtete, saßen die beiden Kinder auf einer Schaukel. Fröhlich blickten sie in Richtung des Fotografen. Unwillkürlich tastete sie nach der Stelle an ihrem Mund und erinnerte sich an den Spielplatz der Krippe, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte.

Einmal hatte sie beim Schaukeln die Kontrolle verloren und war aus zwei Metern Höhe auf den Boden gefallen. Dabei hatte sie sich einen tiefen Schnitt an der Oberlippe zugezogen, der mit mehreren Stichen in der Klinik genäht werden musste.

An den regelmäßigen Atemgeräuschen, die aus dem Nebenzimmer zu ihr drangen, merkte sie, dass der Mann eingeschlafen war. Leise ging sie in den Raum und suchte ihre Kleider, die auf dem Boden verstreut lagen, zusammen. Geräuschlos zog sie sich an.

Wieder ging sie in das Zimmer mit den Wandbildern. Obwohl sie gerne gegangen wäre blieb ihr nichts anderes übrig als zu warten. Sie wagte es nicht, ihn aufzuwecken. Wusste nicht, wie er reagieren würde. Erneut lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf die Lichtbilder.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Bilder ausnahmslos Schwarz-Weiß-Abzüge waren. Dadurch wirken die bunten Rahmen erst recht kitschig, dachte sie. Noch einmal erblickte sie den Mann auf einem der Motive wie er dabei war, auf einem Campingplatz ein großes Zelt aufzustellen. Vielleicht in Italien. Sie wusste es nicht. Wieder erkannte sie sein typisches Lächeln. So hatte er vorhin auch gelächelt, erinnerte sie sich angewidert.

Alle lächeln sie so, dachte sie. Vielleicht, um mir ihre Überlegenheit oder ihre Geringschätzung zu demonstrieren. Trotzdem rufen sie an. Wollen, dass ich zu ihnen komme.

Zum zweiten Mal dachte sie darüber nach die Wohnung zu verlassen. Das Warten machte sie wütend. Aber der Mann hatte ihr noch kein Geld gegeben. Sie brauchte es dringend. Alles war teuer. Die Wohnung, das Essen, die Kleider und die Telefonkosten. In den letzten Wochen hatte sie es gerade so geschafft, sich über Wasser zu halten.

Sie spürte, dass sie auf die Toilette musste, entschloss sich aber zu warten, bis sie zu Hause war. Ungeduldig warf sie einen kurzen Blick in das Nebenzimmer. Der Mann schlief tief und fest. Es war bereits nach sechzehn Uhr. Bald würden die Frau und die Kinder des Mannes nach Hause kommen. Wir haben nicht viel Zeit, hatte er sie vorhin gedrängt.

Anfangs hatte sie sich mit ihm auf Parkplätzen getroffen. Aber dann wollte er, dass sie zu ihm nach Hause komme, wenn seine Familie weg war. Seine Frau wisse, dass er mit anderen Frauen schlafe, hatte er ihr gesagt. Sie glaubte ihm nicht. Sie brauchte das Geld. Und sie wusste, dass die meisten Männer, die zu ihr kamen, nicht die Wahrheit sagten. Nie hatte sie sich für die Beweggründe der Männer interessiert oder sich danach erkundigt. Trotzdem rechtfertigten sich die meisten vor ihr. Als ob sie etwas Verbotenes tun würden. Als ob sie etwas Verbotenes wäre.

Vielleicht war es so, sie wusste es nicht. Für sie war klar, dass sie selbst niemanden betrog oder etwas tat, wofür sie Rechenschaft ablegen musste. Einmal hatte sie in der Stadt einen der Männer getroffen, der regelmäßig zu ihr kam und bei jedem Mal erzählt hatte, dass er geschieden wäre und alleine lebte. Er lief Hand in Hand mit einer Frau. Beide trugen einen Ehering. Neben den beiden liefen drei bildhübsche Kinder. Als er sie erkannte, blickte er zur Seite und zog seine Frau an der Hand in Richtung der Schaufensterscheibe eines Uhrengeschäfts.

Verwirrt war sie einige Zeit inmitten der Menschenmassen stehen geblieben. In diesen Augenblicken war ihr schmerzhaft bewusst geworden, wie einsam sie war und dass sie gerne ein anderes Leben geführt hätte. Lange Zeit hatte sie Schuldgefühle gegenüber der Frau gehabt, obwohl sie einander nicht kannten. Der Mann hatte versucht sie noch einige Male anzurufen, aber sie war nicht mehr ans Telefon gegangen. Nach diesem Erlebnis war sie fest entschlossen gewesen eine andere Arbeit zu finden. Etwas in ihrem Leben zu verändern. Aber sie erhielt überall  Absagen.

Nach ein paar Wochen konnte sie diese Ablehnungen nicht mehr ertragen und inserierte wieder in den Zeitungen der Stadt. Es war ihr egal geworden, wer die Männer waren und aus welchem Grund sie bei ihr anriefen.

Unbemerkt hatte sie einige Minuten vor einem größeren Bilderrahmen verharrt, in dem aus einem Passepartout Zwischenräume für unterschiedliche Bildformate herausgearbeitet waren. In ihnen befanden sich mehrere Fotos und Passbilder der gesamten Familie. Ihr fiel auf, dass sich zwei identische Passbilder der Frau in dem Rahmen befanden. Unbewusst griff sie nach ihrer Handtasche, die neben ihr auf dem Boden stand. Aus ihrer Geldbörse kramte sie ein Passbild, das sie vor Wochen am Bahnhofsautomaten gemacht hatte. Sie vergewisserte sich, dass der Mann noch schlief. Dann nahm sie behutsam das Bild von der Wand und öffnete die Klammern auf der Rückseite. Nachdem sie eines der beiden Bilder der Frau mit dem ihrigen getauscht und den Rahmen wieder an die Wand gehängt hatte, betrachtete sie ihr Werk.

Ihr gefiel es, ihr eigenes Gesicht in einem Bilderrahmen zu betrachten. Eigentlich ein hübsches Gesicht, dachte sie und freute sich darüber, dass sie auf dem Bild lächelte. Dann dachte sie, dass es Zeit war zu gehen.

Zeit zu Gehen belegte beim Kurzgeschichtenwettbewerb des Herbert Utz Verlag zum Thema “Niemandsland” aus über 500 Einsendungen den 6. Platz. Die 26 besten Geschichten wurden in einer Anthologie veröffentlicht: Literareon im Herbert Utz Verlag, München 2009, ISBN: 978-3-8316- 1362-5.

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