Ein sonderbarer Einbrecher

23. Oktober 2009 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

“Es ist ärgerlich im Winter zum Nachtdienst zu fahren. Der Tag neigt sich dem Ende zu, draußen ist es schon dunkel und morgen früh bei der Heimfahrt – ja, dann auch noch. Und wenn dann die Sonne aufgeht, wenn deine Umwelt auflebt und sich zu regen beginnt, dann schläfst du “hoffentlich” ein.

Verrückte Welt im Schichtdienst und warum mache gerade ich das mit”, dachte sich Flohe auf der Fahrt zu seinem Polizeirevier. Gegen 20.00 Uhr, kurze Besprechung, Streifeneinteilung.

“Flohe macht mit Konopka die “Erste”, dann sehen wir weiter”, schloss der Dienstgruppenleiter seinen kurzen Vortrag über die aktuelle Lage, nachdem er außer ein paar allgemeinen Fahndungen nichts Besonderes von sich gegeben hatte!

Polizeimeister Konopka griff sich sofort den Fahrzeugschlüssel, fürsorglich wohl wissend, dass Polizeiobermeister Flohe mehr ein Freund des Beifahrersitzes war. MP, Funkmappe, Taschenlampen in die Bereitschaftstasche, noch ein paar Worte mit den Kollegen, dass man heute Nachmittag auch schlecht geschlafen hat und das Kopfweh durch die fast schon obligatorischen Tabletten nicht wegzubringen ist. Dann ab in die Garage zu den Streifenwagen!

Erste Streife von 20.00 – 24.00 Uhr. Draußen ist es immer noch dunkel! Klar, was auch sonst!

Konopka fuhr zuerst zum Bahnhof, um nachzusehen, wer sich da so rum treibt. Dann in die Innenstadt: Wer ist dort heute so unterwegs? Potentielle Kundschaft erahnen! Eine konstruktive Übersicht gewinnen! Gegen 20.30 Uhr der erste Einsatz. POM Flohe nahm den Funkhörer in die linke Hand und meldete sich mit seinem Fahrzeugnamen “5/25 hört”!

“Fahren sie Bauernstraße 34, dort verdächtige Personen im Gebäude, die Mieter aus dem ersten Stock haben Geräusche in der unteren Wohnung gehört, laut deren Angaben sind die Mieter unten jedoch im Urlaub und kommen erst nächste Woche zurück. Beeilt euch, passt aber auf!”

War der Zusatz Fürsorge oder Floskel? PM Konopka sah seinen Beifahrer kurz an, trat aufs Gas und wendete an der nächsten Einmündung. Flohe drehte sich nach hinten und griff nach der Maschinenpistole, die er links neben sich in den Fußraum legte.

MP? Ja es ist vielleicht besser, dachte sich Flohe, als ihm Konopka einen prüfenden Blick zuwarf. Konopka war erst 19 Jahre alt, wusste aber schon lange, wie man einen Tatort anfährt. Auf keinen Fall mit Martinshorn, nur Blaulicht! An der letzten Querstraße anhalten, dann den Rest zu Fuß. Wir wollen den Überraschungsmoment auf unserer Seite haben. Den Rest also zu Fuß!

Vor dem Objekt genügte ein Blick und Konopka wusste, dass er nach hinten laufen sollte, während Flohe die Haupteingangsseite übernahm. Flohe war der Ältere: 21 Jahre! Der routinemäßige Griff an die Haustüre.

Dann der Schock, die Türe war offen. Geräuschlos bewegte sie sich nach hinten. Im Innern brannte Licht. Flohe konnte nichts hören. Kein verdächtiges Geräusch! Vorsichtig ließ er sich durch die inzwischen nach vorne oben gehaltene MP in den inneren Eingangsbereich ziehen. Immer noch nichts zu hören. Absolute Ruhe! Konopka stand noch hinten. Ihn holen? Nein, er musste weiter – allein! Flohe war noch 2 Meter von einer rechtwinkligen Biegung des Flurs entfernt, als er plötzlich Schritte hörte. Langsame Schritte, die sich in seine Richtung bewegten. Jetzt die Flucht nach vorne. Im nächsten Bruchteil einer Sekunde war er an der Ecke, riss die MP nach links, drehte seinen Körper mit und stand als lebende Zielscheibe vor einem Mann.

Der hielt eine Pistole in der Hand, die in bedrohlicher Weise auf Flohe zeigte! Flohes Gehirn arbeitete auf Hochtouren: Jetzt schnell zurück – nein zu spät. Dann schießen – nein, mir steht doch ein Mensch gegenüber. Wie war´s im Krieg: Er oder ich! Auf ihn zugehen – das wäre der größte Fehler!

Dann hörte sich Flohe laut und kräftig schreien: “Pistole weg, fallen lassen, sonst kracht´s! Jetzt herrschte eine beunruhigende Stille. Vielleicht doch er oder ich, dachte Flohe und sah sich in diesem Fall schon als Verlierer. Die Stille dauerte ewig an, bis Flohe ein lautes Klirren hörte. Dann einen zweiten, etwas leichteren Aufschlag! Dann Totenstille! Die Pistole seines Gegenübers lag auf dem harten Steinboden. Eine Griffschale hatte sich gelöst. Der junge Mann auf der anderen Seite nahm die Hände hoch, zitterte und erst jetzt, für Flohe war es die nächste Ewigkeit, rief er mit ausgehöhlter Stimme: “Nicht schießen, bitte nicht”.

Flohe erkannte, dass er die Situation im Griff hatte und freute sich schon auf die Funkmeldung: “Täter auf frischer Tat festgenommen! Kommen mit einer Person zurück.” Beim nächsten Blick auf sein Gegenüber tat ihm dieser schon leid. Ein Häuflein Elend. Hilflos, leichenblass und unbeweglich stand er da. Dann versuchte sein Gegenüber sich zu sammeln. Immer noch die Hände weit über seinen Kopf gestreckt, brachte er, nachdem Flohe langsam auf ihn zuging, jetzt ein paar Wortfetzen hervor: “Bitte nicht, bitte, ich….ich…..halt! Es ist ganz anders”, sprudelte es jetzt aus dem jungen Mann heraus. ” Ich bin´s gar nicht. Also meine Eltern sind im Urlaub und ich wollte nach dem Rechten sehen. Die da oben haben mich angerufen. Ich bin sofort hergefahren. An die Polizei habe ich nicht gedacht. Entschuldigung. Entschuldigung, es tut mir leid.”

Ich nahm seine Pistole. Dann der nächste Schock. Es war eine Spielzeugwaffe, täuschend echt zwar, aber: 0,0 Joule!

Flohe sah den jungen Mann fragend an! “Ja, es war so”, begann dieser wieder einigermaßen gefasst, “also die oben, also unsere Mieter, haben mich angerufen, wie ich schon gesagt habe. Ich wohne nur ein paar Straßen weiter und da ich selbst auch Angst hatte, habe ich mir meine alte Spielzeugpistole geschnappt, um dadurch etwas Sicherheit zu bekommen. Ja ich weiß, ich hätte es nicht tun sollen. Wie oft liest man, dass man in solchen Situationen nicht den Helden spielen soll. Aber dann habe ich meine anfängliche Angst überwunden und bin losgegangen. Habe die Türe aufgeschlossen und bin rein. Dann habe ich Stimmen gehört und bin vorsichtig ins Wohnzimmer. Natürlich habe ich mir so etwas schon gedacht. Es war der Anrufbeantworter. Aus irgendeinem Grund spielte er die in der letzten Woche eingegangenen Gespräche ab. Wohl eine Fehlfunktion! “Vielleicht war er voll”, versuchte Flohe zweideutig eine Erklärung zu finden und war froh, wieder seinen Humor gefunden zu haben, erkannte aber gleich anschließend, dass die Bemerkung doch nicht so passend war!

“Ja, ja”, nickte sein Gegenüber, der das offensichtlich nicht so richtig verstanden hatte.

“Also”, wollte Flohe noch einmal zusammenfassen: “Niemand unberechtigt im Haus, sie sind der Sohn des Eigentümers! Ihren Ausweis möchte ich noch sehen und dann können wir gehen”. Konopka stand inzwischen mit einem fragenden Blick hinter Flohe, immer noch die Pistole im Anschlag. Flohe gab Entwarnung. Zwar hatte Konopka noch nichts verstanden, steckte aber seine Pistole zurück ins Holster. “So und jetzt ist noch ein klärendes Gespräch mit ihren Mietern offen”, sagte Flohe im Weggehen und stieg die dunkle Eichentreppe hoch.

Die Frau von oben, am Klingelschild stand der japanische Name Okudera, öffnete und stand fragend vor Flohe. “Es war nichts. Der Anrufbeantworter und …….vielen Dank für die Mitteilung, wir sind sehr froh über aufmerksame Nachbarn. Also nochmals, vielen Dank”. “Nur”, ergänzte Flohe, “wenn sie das nächste Mal anrufen, dann bitte der Polizei gleich sagen, dass sie den Sohn ihrer Vermieter bereits vorher verständigt haben, Frau Okudera!”

“Ja”, sagte die Frau mit einem freundlichen Lächeln, während sie sich mehrmals verbeugte, obwohl sie es vermutlich nicht verstanden hatte. “Unsere Sprache ist noch nicht so gut. Wir kommen aus Japan und sind erst ein halbes Jahr in Deutschland”, fügte sie hinzu. “Alles klar und nochmals vielen Dank”, verabschiedete sich Flohe von der immer noch freundlich lächelnden und sich wieder verbeugenden Frau. “Ein halbes Jahr in Deutschland und kann doch so gut Deutsch”, dachte sich der junge Polizeibeamte beim Verlassen des Hauses. “Wenn ich ein halbes Jahr in Japan wäre, ob ich da auch so gut…..?” “Nein das glaube ich nicht, unmöglich”, schloss Flohe seine Gedanken ab.

Im Streifenwagen setzte Flohe dann den Funkspruch ab: “Setzen Streife fort, keine Täterfestnahme, Näheres auf der Dienststelle”!

Erst 10 Minuten später stellte Konopka die Frage, die Flohe schon seit geraumer Zeit im Kopf herumgegangen ist: “Warum hast du eigentlich nicht geschossen? Die Voraussetzungen waren doch gegeben. Beim Polizeifachlehrgang haben wir einen ähnlichen Fall rechtlich beurteilt. Eigentlich hättest du schießen müssen”, verlieh er seiner Aussage abschließend nochmals Ausdruck.

“Dann wäre morgen in der Bildzeitung gestanden: “Polizei erschießt Hauseigentümer”. Und außerdem, wir sind hier nicht beim Polizeifachlehrgang!” Die nächste Stunde blieb es still in dem Streifenwagen.

Hans G. Hirsch

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