In der Linie 4
15. Oktober 2009 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken„Ey, Leute, eine Polizistenfrau“, dröhnt es aus dem ersten Wagen der Linie 4 – vom Hauptbahnhof stadtauswärts. Fünfzehn Minuten sind es bis nach Hause mit der Straßenbahn. Es ist einer der wenigen Tage, an dem ich meine Uniform nach Dienstschluss nicht in den Schrank gehängt habe, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahre. Weil immer alle Menschen an den Türen stehen bleibe, suche ich mir einen Weg weiter in die Mitte. Mit der Ausrüstung und dem Rucksack bleibe ich immer mal wieder irgendwo hängen. Alles irgendwie sperrig. Abgespannt bin ich sowieso.
“Ey, Leute, guckt mal, eine Polizistenfrau“, ruft die 36jährige, etwas füllige Dame mit Brille von ihrem Sitz aus. Die Bahn steht still, an einer Haltestelle. Die Zeit steht still, die Leute reden nicht. Sie stehen still. Noch nie habe ich eine derartige Stille in einer Straßenbahn erlebt. Ich bin konzentriert in den Dialog mit dieser besonderen Frau, die keine Distanz zu kennen scheint.
Sie hat eine Behinderung, Down-Syndrom. Ihre Hand legt sie unvermittelt auf meinen Bauch, auf die Stelle zwischen Schutzweste und Hosenbund. „Du hast aber einen schönen Bauch“, sagt sie und streichelt ihn. Dasselbe mit meinen Händen.
„Wo fahren Sie hin?“ frage ich sie. „Nach Hause“, antwortet sie kurz. 2 Ich stehe angelehnt an eine Stange und sehe, wie ein junger Mann seine Ohrstöpsel aus den Ohren zieht. Mir schräg gegenüber befindet sich eine Gruppe Rentner. „Ihr Job ist manchmal schwer“, sagt er zu mir und „du redest aber ganz schön viel“, zu der Dame.
Er ist unverschämt. Meine Frage, mit welcher Begründung er die Dame einfach duzt, kann er mir nicht beantworten. Die durchdringende Stimme der Frau erreicht mich genau in diesem Moment. Ihre Hand zeigt in Richtung des Rentners.
„Der ist bestimmt scharf auf dich! Alle Männer sind scharf auf Frauen in Uniform!“ Ich sage ihr, dass ich das nicht glaube. Sie bleibt bei ihrer Überzeugung. Es sind ein paar Minuten vergangen. Die Streckenführung ist unruhig, ich schwanke ab und zu hin und her. Der Rucksack scheuert an der Lehne einer Sitzbank. Die Waffe drückt auf den Hüftknochen.
Ich schwitze in der Uniform. Die Dame, Kerstin, heißt sie, sitzt sicher, fragt und guckt immer weiter zu mir. Ob ich denn nun Feierabend hätte, fragt sie und wie alt ich sei.
Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich ihr die Frage des Alters hier an dieser Stelle nicht beantworten möchte. Damit gibt sie sich zufrieden. Dass mit dem Feierabend erkläre ich ihr. Dass mir nicht viel Zeit bleibt, bis ich morgen früh wieder los muss. Ich habe heute eher aufgehört zu arbeiten. Ich will unbedingt noch joggen. Das werde ich auch noch schaffen.
„Warum spielst du nicht im Tatort mit? Du hast doch eine Waffe? Und kennst Du Kommissar Haberkamp?“ Sie lacht und freut sich, wirkt ausgeglichen und zufrieden.
Die Rentner lachen auch immer wieder und werfen beinah verletzende Bemerkungen ein. Dass sie sich nicht schämen. Sie machen sich lustig und ziehen Kerstin irgendwie ins Lächerliche. Dabei ist an dieser Situation gar nichts lustig, geschweige denn lächerlich. Es ist ein ganz normales Gespräch zwischen zwei Menschen. Nur dass alle anderen ausnahmsweise nicht mit sich beschäftigt sind, sondern innehalten und uns beiden zuhören.
Nun kommt die Neunzigradkurve und bald bin ich zu Hause. Kerstin wird noch weiterfahren. Sie wohnt am Stadtrand. Als wir an den letzten Haltestellen vorbeikommen, fordert sie mich immer wieder auf „Knüppel aus dem Sack“ zu sagen. „Los, sag mal, Knüppel aus dem Sack, los, sag es schon! Knüppel aus dem Sack.“ „Nein, Kerstin, das sage ich nicht!“ „Aber du hast einen Knüppel!“
Ja, den habe ich, aber gerade nicht bei mir. Nur das Nötigste und das ist schon zu viel. Ich bin erschöpft. Die knappen fünfzehn Minuten nach guten siebzig Arbeitsstunden in der letzten Woche machen mich richtig müde.
Zu Hause warten die Laufschuhe und ein seit Tagen nicht aufgeräumter Haushalt. Wenn ich nun nach Hause will, muss ich genau hier aussteigen. „Ich wünsche Ihnen alles Gute“, sage ich Kerstin. Sie steht auf, nimmt mich in den Arm, drückt mich und sagt „du bist richtig nett!“
Eine halbe Stunde später läuft die Waschmaschine. Das Wort „Polizei“ dreht sich am Bullauge gut sichtbar mit. Kerstin müsste nun auch zu Hause sein. Ich stehe vor meiner Haustür, atme das erste Mal am heutigen Tag die klare Luft ein. Die Begegnung mit Kerstin ist das Schönste seit Tagen.
Es ist dunkel. Ich laufe los, einfach drauflos und weiß, übermorgen kann ich ausschlafen.
Von Helen Behn


