Es musste ja so kommen

1. Oktober 2009 | Themenbereich: Polizei Poeten | Drucken

Wie die Nacht wohl wird?

Wer ist noch da?

Mit wem fahr ich raus?

Die üblichen Gedanken auf dem Weg zum Nachtdienst an einem Freitag im Februar.

Da meine Eltern am nächsten Tag ihre Silberhochzeit feiern wollten, legte ich mir folgenden Plan zurecht: Also nach dem Nachtdienst, wenn ich dann so um 9 Uhr im Bett bin, vier Stunden schlafen und dann fertig machen zur Feier.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mein Zeitplan völlig in die Hose gehen sollte. Überpünktlich kam ich um 19.30 Uhr bei der Dienststelle an. Ein kurzer Blick in den Dienstplan verriet, dass auch meine Lieblingskollegin Anna im Dienst sein würde.

Der DSL teilte mir für diese Nacht aber Anna zu. Anna kannte ich bis dahin eigentlich nur vom Sehen. Sie war neu auf der Dienststelle und wirkte etwas ruhig.

Wir machten uns frühzeitig auf, mussten uns erst mal „ beschnuppern“. Nachdem wir einige allgemeine Themen besprochen hatten, sprachen wir über Einsätze, die wir schon erlebt haben.

Irgendwann kamen wir auf tödliche Unfälle zu sprechen. Während ich bereits einen „Tödlichen“ aufgenommen hatte, war Anna erst einmal bei einem dabei gewesen.

Wir unterhielten uns ziemlich lange darüber, was zu beachten ist, wie man selbst reagiert, und wie man das Erlebte verarbeitet. Ich stellte fest, dass Anna eine sehr nette Kollegin ist.

03.30 Uhr – eine bislang ereignislose Nacht. Wir standen vor der Diskothek in unserem Revierbereich. Ich erzählte Anna von der Silberhochzeit meiner Eltern und wir lästerten über 2 die „Schönheiten“ welche die Diskothek verließen. Kurz vor vier sagte ich zu Anna: „So langsam könnte auch mal was passieren, sonst werde ich müde.“

Es dauerte keine zwei Minuten, da wurde es hektisch am Funk. Es gab einen Einsatz für unseren Revierbereich. Wir meldeten uns sofort und gaben unseren Standort an der Diskothek durch.

Die Einsatzleitstelle teilte uns einen schweren Verkehrsunfall mit, zwei Personen sollen nicht mehr ansprechbar sein. Der Unfallort lag circa zehn Minuten von der Diskothek entfernt. Noch auf dem Hof der Diskothek schalteten wir Blaulicht und Martinshorn ein. Als wir auf dem Weg zum Unfallort einen Rettungswagen überholten, dachte ich an meine älteren Kollegen: „Du kannst doch keinen Rettungswagen überholen“ hatten sie mich mal belächelt, „nachher bist du noch als erster da“.

Doch, ich konnte, und ich sagte mir, wenn es nur einmal gelingt, dadurch noch jemandem zu helfen, dann hat es sich gelohnt. Die Fahrt verlief schweigend. Ein paar Minuten später gab ich über Funk durch, dass wir eingetroffen seien und ich gleich die Lage mitteilen werde.

Am linken Fahrbahnrand stand ein dunkler, stark beschädigter BMW an einem Baum. Auf dem Fahrersitz sah ich einen Mann mit glasigem Blick. Ich öffnete die Beifahrertür und sah auf dem Rücksitzbank diagonal eine Frau liegen. Ich konnte ihr Alter schwer schätzen. Ihr Gesicht und ihre Bekleidung waren blutüberströmt. Jedes Mal wenn sie ausatmete, spuckte sie Blut. Sie röchelte, war nicht 3 ansprechbar. An den Fenstern und auf dem Sitz war alles voller Blut. Ich versuchte, den Beifahrersitz nach vorne zu klappen, aber er klemmte.

Ich sah Anna an und sagte: „ Hier klemmt alles, an die kommen wir nicht ran.“ Daraufhin versuchte ich die Fahrertür zu öffnen, aber die war völlig verformt. Das Fenster der Fahrertür war zerstört. Ich sprach den Fahrer an, aber er reagierte nicht, obwohl ich das Gefühl hatte, dass er merkte, dass jemand da ist. Der Rettungswagen war nicht in Sicht, ich dachte: „ Wo bleibt der nur?“.

So hilflos war ich mir noch nie in meinem Leben vorgekommen.

Letztendlich kam der Rettungswagen nur 40 Sekunden nach uns an den Unfallort, aber es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Ich war erleichtert, als die Sanitäter ausstiegen. Ich begab mich zum Streifenwagen und teilte über Funk mit, dass wir die Feuerwehr brauchen und was wir am Unfallort bisher festgestellt haben.

Nach und nach kamen weiteren Kollegen, die Feuerwehr, Ärzte und Sanitäter zur Unfallstelle. Für uns begann die Unfallaufnahme. Ich war dankbar für die Arbeit, weil ich abgelenkt war. Insgesamt waren wir zu fünft von unserer Dienststelle am Unfallort. Die Zusammenarbeit klappte hervorragend.

Wie sich herausstellte hatten drei Personen im Fahrzeug gesessen. Der BMW war von der Fahrbahn abgekommen und seitlich gegen einen Baum geprallt. Der Wagen war völlig demoliert. Der Beifahrer hatte sich alleine aus dem Wrack befreien können und war nur leicht verletzt. Der Fahrer war eingeklemmt und befand sich anschließend zwei Tage lang im künstlichen Koma.

Die Frau von der Rücksitzbank starb 4 zwei Stunden nach dem Unfall im Krankenhaus. Sie war 21 Jahre alt. Angeschnallt hätte sie wahrscheinlich überlebt.

Erst um halb neun war ich wieder auf der Dienststelle und habe noch bis 12 Uhr den Unfallbericht geschrieben. Dann wurde ich von Kollegen nach Hause gebracht. Als ich zu Hause ankam, konnte ich gerade mal eine Stunde schlafen, bevor ich zur Silberhochzeit musste.

Ich war froh, als ich am Sonntag endlich Zeit für mich fand, um zu realisieren, was da überhaupt passiert war. Das Bild der jungen Frau in dem BMW begleitete mich ein paar Nächte. Ich habe viel mit den Kollegen, die mit am Unfallort waren gesprochen.

Es war ein schönes Gefühl, dass man sich auf sie nicht nur beim Arbeiten, sondern auch beim Verarbeiten verlassen konnte.

Das Eis zwischen Anna und mir ist seit diesem Dienst gebrochen. Als wir uns das erste Mal nach dem Unfall sahen, sagte wir beide: „Es musste ja so kommen!“

Malte Dylla

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