Anna
14. September 2009 | Themenbereich: Polizei Poeten | DruckenWir haben April 2005. Ich bin als Kommissaranwärter im Essener Norden gelandet. War ja auch klar mit meinem Namen. Den Vornamen werde ich in der nächsten Zeit noch öfters über Funk buchstabieren müssen, weil meine Namensvetter pöbelnd hinten als Beschuldigte in der Karre sitzen..V wie Viktor, O wie Otto, L wie .. lieber Gott hol mich hier raus. Ausländeranteil in meiner Polizeiinspektion liegt bei ca 50 % und ich mittendrin. Hallelujah. An alle Einzelheiten des Einsatzes damals im April 05 werde ich mich aufgrund der Zeitspanne nicht mehr erinnern können. Zwei Jahre später wird mich genau dieser Einsatz wieder einholen und mich bis heute nicht mehr loslassen.
Der Einsatz kam als ” Hilfeersuchen, Frau von Freund in Wohnung eingesperrt” über Funk. Es war schon dunkel, als wir vor dem Mehrparteienhaus in Borbeck eintrafen. Ca. zehn Parteien wohnten im Haus, einem für Borbeck ungewöhnlich schönen Altbau. Als uns nach mehrmaligem Klingeln aufgedrückt wurde, meinte Klaus, mein Tutor trocken “Ist eh Dachgeschoss, ist immer Dachgeschoss.“ Und tatsächlich war es die Dachgeschosswohnung, an deren Tür ein deutliches Klopfen zu hören war.
Eine Mädchenstimme hinter der Tür erklärte, ihr Freund habe am Morgen die Wohnung verlassen und die Tür abgeschlossen. Sie habe ihn die ganze Zeit versucht über Handy zu erreichen, ohne Erfolg. Erst jetzt am Abend hatte sie beschlossen, die Polizei anzurufen.
Die Daten des Wohnungseigentümers wurden von mir an die Leitstelle zur Überprüfung weitergeleitet und ergaben, dass es sich bei ihm um einen mehrfach vorbestraften jungen Mann handelte. Klaus beschloss, den Schlüsseldienst anzufordern, damit das Mädchen aus der Wohnung raus kann. Der Schlüsseldienst ist mal schneller vor Ort und mal dauert es länger. Heute dauerte es länger.
Und so unterhielt ich mich, mehr aus Langeweile, durch die verschlossene Tür mit dem Mädchen. Sie stellte sich als Anna B. vor, sie sei 17 Jahre alt. Klaus redete im tiefsten Ruhrpottdeutsch mit dem neugierigen Nachbarn von unten über Fußball. Anna hatte eine Piepsstimme und war ausländischer Herkunft. Ich war mir jedoch nicht sicher, ob ihr schlechtes Deutsch das Ergebnis ihrer Herkunft oder der Bildung war.
Ich kann mich nicht mehr an das Gespräch an sich erinnern, in Erinnerung blieb mir aber ihre hohe Stimme und das schlechte Deutsch. Irgendwann kam dann auch der Schlüsseldienst. Die Tür war sehr schnell geöffnet und ab diesem Zeitpunkt kann ich mich wieder an jedes Detail erinnern. Die Tür ging auf und vor uns stand ein junges Mädchen.
Ich war sprachlos. Sie war bildhübsch, unglaublich hübsch, nicht von dieser Welt. Sogar Klaus verschlug es kurz die Sprache. Ich habe weder ein gutes Namensgedächtnis, noch kann ich mich gut an Gesichter erinnern. Ich denke, dass das auch unserem Beruf unglaublich von Vorteil ist, wenn man so viel wie möglich ganz schnell wieder vergisst. Und das tue ich auch grandios. Manchmal bin ich meinem Gehirn unglaublich dankbar für dieses Unvermögen.
Aber das Gesicht von Anna werde ich unter tausend Bildern wiederfinden. Immer. Erklären kann ich es mir nicht. Es hat definitiv nichts mit Liebe auf den ersten Blick oder sonst was Kitschigem zu tun. Auf keinen Fall.
Den Augenblick der sich langsam öffnenden Tür und der dort in der Diele stehenden Anna konnte ich nicht vergessen.
Zwei Jahre später habe ich meine Ausbildung beendet. Ich bin Polizeikommissar bei der Polizeiinspektion Mitte in Essen. Es ist Februar. Über Funk erreicht uns der Einsatz “Hilflose Person hinter verschlossener Tür“ kurz: Hilo kam.
Der Einsatz ” Hilo hinter ” löste bei mir schon zu Ausbildungszeiten Beklemmung aus. Die Anonymität einer Großstadt ist mir als einem ” Dörfler ” fremd und ich kann bis heute nicht verstehen, wie Menschen so vereinsamen können, dass nur die ausbleibende Miete Grund für ihr Auffinden ist.
Der Einsatzort ist ein Mehrfamilienhaus in einer tristen, heruntergekommenen Gegend der Essener Innenstadt. Der Anrufer erwartete uns vor dem Haus.
Er erklärte in gebrochenem Deutsch, dass es aus der Erdgeschosswohnung rechts seit Tagen übel rieche und dort eine alte Frau wohnen würde. Als ich zusammen mit meinem Streifenpartner den Hausflur betrete, wird mir ganz schlecht vom Verwesungsgeruch.
Die soziale Kälte war mal wieder allgegenwärtig.
In dem Mehrparteienhaus wohnten mehrere Familien und mussten alle den Geruch seit Tagen bemerkt haben. Unfassbar so was, wir konnten nicht länger als wenige Minuten im Hausflur stehen, ohne das uns schlecht wurde.
Ich suchte die Klingel der Erdgeschosswohnung draußen an der Eingangsür, wobei ich schon davon überzeugt war, dass uns die alte Dame ganz bestimmt nicht mehr aufmachen würde. Als ich den Nachnamen B. auf der Klingel sah, dachte ich mir nichts dabei.
Wie vermutet, reagiert niemand auf mein Klingeln.
Ich gebe über Funk den Nachnamen der Mieterin durch, um mir ihre vollständigen Personalien übers Meldeamt ermitteln zu lassen.
Die alte Frau entpuppt sich als eine 19 jährige Frau: Anna B.
Anna konnte uns die Tür nicht mehr aufmachen. Sie lag schon über drei Wochen tot in ihrer kleinen Einzimmerwohnung lag, die ihr das Jugendamt vermittelt hatte.
Der Anblick von Anna an jenem Abend im Winter 2007 führte dazu, dass meine Schwester eine Woche lang ihren kleinen Bruder als Untermieter bei sich hatte.
Zweimal traf ich Anna.
Zweimal hinter einer verschlossenen Tür.
Beides Mal war ich bei ihrem Anblick sprachlos.
Die erste Türe konnten wir noch öffnen, die andere blieb für sie für immer verschlossen.
von Volkan Eren, Essen


