Vorsicht Bürgerkrieg: “Atlas der Wut”
1. Juli 2009 | Themenbereich: Innere Sicherheit | DruckenDa habe ich kürzlich über die Idee eines Drehbuchautoren geschrieben, der sich für einen TV-Thriller bürgerkriegsähnliche Zustände in Mecklenburg-Vorpommern ausgedacht hat. Und was lese ich heute im Springer-Blatt “Die Welt”? Der umstrittene “Terrorismus-Experte” Udo Ulfkotte, der sich den Kampf gegen die Islamisierung Deutschlands auf die Fahnen geschrieben hat, macht mit einem Bürgerkriegsszenario in der “Leipziger Volkszeitung” von sich reden. Wohl, um sein neues Buch “Vorsicht Bürgerkrieg!” zu promoten. Das erscheint morgen im wenig vertrauenserweckenden Kopp Verlag - dem nach eigener Darstellung “Verlag und Fachbuchversand für Enthüllungsliteratur, Verschwörungen, unterdrückte Informationen und Erfindungen und Geheimgesellschaften”.
Nach Ulfkottes Angaben kursieren bei deutschen Sicherheitsbehörden streng vertrauliche Listen, die soziale Brandherde quer durch Deutschland benennen. Sie seien 2005 als Reaktion auf die schweren Unruhen in französischen Vorstädten erstellt worden. Dieser sogenannte “Atlas der Wut” umfasse eine Liste mit 165 Stadtteilen und Orten, in denen Sicherheitsexperten starke soziale Unruhen, Krawalle und Revolten in absehbarer Zeit für wahrscheinlich halten.
Schwerpunkte sind danach das Ruhrgebiet sowie mehrere “problembelastete Stadtteile” in Hamburg, Bremen, Berlin, Frankfurt, München und Hannover. In den neuen Ländern werden Unruheherde vor allem in Sachsen vermutet. Danach rechnen Staats- und Verfassungsschutz laut Ulfkotte mit der Gefahr sozialer Unruhen vor allem in den Leipziger Stadtteilen Leutzsch und Kleinzschocher und in Dresden-Prohlis und -Pieschen, sowie in Hoyerswerda und Chemnitz-Kaßberg. In Thüringen wird Jena-Nord genannt, in Sachsen-Anhalt Wolfen-Nord und Halle-Silberhöhe, in Mecklenburg-Vorpommern Rostock-Lichtenhagen. Immerhin: Stralsund, wo der TV-Thriller “Die Grenze” seine bürgerkriegsähnlichen Unruhen ansiedelt, bleibt hier außen vor.
In der Ankündigung von Ulfkottes Buch wird vor allem Angst geschürt: “Linke gegen Rechte, Arme gegen Reiche, Ausländer gegen Inländer, mittendrin religiöse Fanatiker - das explosive Potential ist gewaltig. … Fakt ist: Es gärt im Volk, die Wut wächst und die Spannungen nehmen zu. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann sich aufgestauter Ärger und Hass entladen werden.” Das sind Thesen, die heute auch vom rechtsradikalen Störtebeker-Netz begeistert aufgenommen wurden.
“Notstands-Mapping” nennt ein Artikel in telepolis die Methode Ulfkottes. Denn der empfiehlt seinen Lesern, “in den Risikoorten möglichst nicht zu investieren. Wer dort wohnt, sollte überlegen, ob er nicht woandershin zieht.” Dazu ist dem Buch laut Verlagsangaben “eine große Deutschlandkarte zum Herausnehmen mit allen bürgerkriegsgefährdeten Gebieten” beigelegt. Mal abgesehen von seinem rechten Hintergrund und der offensichtlichen PR-Aktion zur Verkaufssteigerung des Verschwörungsmachwerks ist eine Aussage in der Verlagswerbung noch recht interessant:
Lesen Sie, wie Polizeiführer derzeit insgeheim auf die Bekämpfung von schweren Unruhen und auf die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr in deutschen Städten vorbereitet werden. Von Internierungslagern bis zu Zwangsdurchsagen im Radio wird derzeit alles vorbereitet. Einige der Polizeiführer sprechen ganz offen über den erwarteten »Bürgerkrieg«, den sie mit allen Mitteln abwehren müssen.
Von einem Dementi aus dem Bundesinnenministerium zu diesen Behauptungen - ebenso wie zur Existenz des “Atlas der Wut” ist bisher noch nichts zu hören. Das gibt zu denken.
Quellennachweis: Netzwerkpartner Aktion Störtebeker




Nun ja,
auch eine Wirtschaftskrise ist eben zu etwas gut, beispielsweise für Buchautoren wie Herrn Ulfkotte. Durch seine lebhafte Phantasie soll er ja schon mehrfach aufgefallen sein . . .
Übrigens. ich bin Leipziger und verstehe die explizite Nennung der Stadtteile Leutsch und Kleinzschocher als soziale Brennpunkte nicht. Gut, beides sind keine Nobelviertel, aber es ist dort nun auch nichts schlimmer als anderswo. Abgesehen davon, dass ein Großteil der Wohnbevölkerung dort im Durchschnitt wesentlich älter ist. Renter als Sicherheitsrisiko?
Wirkliche soziale Bernnpunkte Leipzig befinden sich hingegen beispielsweise in Leipzig-Grünau (Plattenbaugebiet) oder im Leipziger Osten (Volkmarsdorf oder Anger-Grottendorf), wo sich im Prinzip seit der Wende Schritt für Schritt Armut und soziales Elend konzentriert haben. Und das diese Viertel nicht genannt werden, spricht eindeutig gegen eine seriöse Recherche und beweist, dass der Verfasser dieses “Wut-Atlas” zumindest Leipzig nicht kennt. Wie auch die meisten anderen genannten “Brennpunkte” im Osten wahrscheinlich nicht. Auch käme man bei seriöser Recherche bestimmt auf wesentlich mehr als nur 165 “Orte der Wut” in der Bundesrepublik, allein im Osten Deutschlands.
Das Ulfkotte Buch arbeitet tatsächlich viel mit Polemik und es soll durchaus auch aufschrecken. Dem Autor aber Panikmache oder rassistische Aufwiegelung vorzuwerfen (wie das andernorts geschieht), ginge jedoch zu weit. Hier eine ausführliche Rezension des Buches: http://www.buchtest.de/rezension/vorsicht-buergerkrieg.html
zu Buchtest:
die Rezension auf Buchtest.de habe ich gelesen. Es ist leider nichts mehr als eine Auftragsarbeit im Sinne von Ulfkotte. Der Autor versucht erst gar nicht den Anschein von Objektivität zu wahren.
Grüsse
Manfred Bogen