Bewerberzahlen für 2008 beschönigt?
10. Februar 2008 | Themenbereich: Aktion WIR, Nordrhein Westfalen | DruckenIn einer vom 05.02.2008 veröffentlichen Mitteilung wirbt das Innenministerium um mehr Bewerber für den Polizeiberuf. In der Veröffentlichung heißt es u. a.: “Der Arbeitsplatz sei “krisensicher” und “anspruchsvoll”, er biete eine “finanzielle und soziale Absicherung” und außerdem reichlich “Spezialisierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten”.
In einem Artikel der Wesfälischen Rundschau vom 05.02.08 (online) heißt es dazu: “Nicht zuletzt die körperlichen und gesundheitlichen Kriterien machen vielen Prüflingen zu schaffen. Etwa die Hälfte der 7000 Bewerber wurde bislang getestet - gerade 500 von ihnen erwiesen sich als geeignet.”
Im Kommentar heißt es dazu: “Die nordrhein-westfälische Landesregierung muss deshalb den Dienst in der Uniform aufwerten, etwa durch bessere Aufstiegsmöglichkeiten, zusätzliche Leistungsprämien und moderne technische Ausstattung. Das alles kostet natürlich Geld. Aber wer eine effiziente und hoch motivierte Polizeitruppe will, bekommt diese nicht zumNulltarif.” In den nächsten Jahren wird man zudem mit einem Mangel an Bewerbern rechnen müssen, weil dann die sog. geburtenschwachen Jahrgänge die Schulen verlassen. Bei dem auch zukünftig duchr fehlenden Nachwuchs in Deutschland und weiteren Auswanderungen von Bundesbürgern in Ausland wird dies auch auf die Sicht der nächsten Jahre ein Problem bleiben!
Nicht umsonst “prüfe” man im Innenministerium von Nordrhein-Westfalen die “Öffnung” des Ausbildungsweges zur Polizeibeamtin, zum Polizeibeamten nach dem Realschulabschluss.
Dabei hat die Anziehung unseres Berufes nachgelassen:
- mehr Arbeit und mehr Arbeitszeit,
- weniger Vergütung und weniger zus. Zuwendungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld,
- die allg. Abkopplung von Gehaltserhöhungen,
- die Absenkung von Pensions- und Heilfürsorgeansprüchen.
- und und und (schauen Sie mal in den Bereich ‘Kürzungen’oder ‘Fakten’ hinein).
Hinzu kommt das ohnehin hohe Berufsrisiko seine körperliche Unversehrheit aufgeben zu müssen, obwohl dieses nicht richtig entlohnt wird.
Wie kann man Abiturienten es da verdenken, die nach einem Hochschulstudium eine andere Entlohnung ihrer Qualifikation erwarten? Mit Recht! Denn in der freien Wirtschaft wird ein ähnlicher Bildungsstand um ein Vielfaches besser bezahlt.
Und jetzt wird es spannend!
Angesichts dieser schon wenig rosigen Voraussetzungen bekommen derzeit viele Bewerber schon im Bewerbungsverfahren für den Ausbildungsbeginn 2008 die ersten Wermutstropfen eingeschenkt:
Im Jahr 2007 hat das Land Nordrhein - Westfalen 500 Bewerberinnen und Bewerber für den Polizeiberuf eingestellt. Dieser Zahl standen im Bewerbungszeitraum 2006/2007 ca. 8000 Bewerber gegenüber! Also benötigte man für die entsprechende ‘Bestenauslese’ bereits damals mehr Bewerber als im aktuellen Bewerbungsjahr vorhanden sind!
Hinzu kommt ja nun, um der fortschreitenden Überalterung der Polizeibeschäftigten Herr zu werden, dass das Innenministerium bis mind. 2012 jährlich 1100 Anwärterinnen und Anwärter einstellen muss!
Verschwiegen wird zudem, dass im Rahmen des Online-Bewerbungsverfahrens keine Selektion nach Grundvoraussetzungen möglich ist. So kann sich z. B. jeder auch wenn er/sie die schulischen Voraussetzungen nicht erfüllt, online als Anwärter bewerben und wird so als offizieller Bewerber in der Statistik geführt!
Bis Dezember 2007 lagen dem Innenministerium bzw. dem Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalmanagement (LAFP) 3000(!) Bewerbungen vor, von denen lediglich 450 Bewerber als ‘geeignet’ klassifizieert wurden.
Zunächst wurde dadurch der sog. Rangordnungswert (ROW), der die entprechende Punktzahl für eine Geeignetheit oder Ungeeignetheit für den Polizeiberuf darstellt von ursprünglich 100 Punkten auf 97 Punkte herabgesetzt. Dies bedeutet, dass die Qualifikationsvoraussetzungen für die Bewerber herabgesengt hat, um ausreichend Berwerber bis zum Ausbildungsbeginn ‘rekrutieren’ zu können!
Den bis dato am Bewerbungsverfahren somit mit einem ROW von 97 Punkten teilgenommenen Bewerbern hat man seitens des IM/LAFP dann eine Absichtserklärung zur Einstellung in die Ausbildung zukommen lassen.
Aufgrund von Befürchtungen, man könnte die geforderten Einstellungen in 2008 nicht vornehmen, wurde zudem der Polizeiärztliche Dienst, der am Auswahlverfahren beteiligt ist, angewiesen, seine Durchfallquote von ursprünglich 60% auf 22% abzusenken, um so mehr Bewerbern zu ermöglichen, den ärzlichen Eignungstest zu durchlaufen!
Interessant ist in diesem Zusammenhang ist, dass eine Vielzahl von Bewerbern ursprünglich beim sog. Ergometertest durchfielen. Ein Umstand, der gerade in Hinblick auf den vom Innenministerium geplanten Sporterlass zur Erhaltung von Fitness und Gesundheit seiner Beamtinnen und Beamten nicht tragbar ist. So hat Innenminister Dr. Ingo Wolf doch erst vor ein paar Wochen vollmundig versprochen, er würde nun auch etwas für die Fitness seiner Beamten unternehmen.
Wer weiß, welche Standard in den anderen Prüfkategorien auch noch den Erfordernissen angepasst wurden?
Zwischenzeitlich wurde der ROW von 97 Punkten nun wieder auf 100 Punkte herauf gesetzt, weil durch die nun weniger häufig beim Ergometertest scheiternden Bewerber mehr Interessenten das Verfahren erfolgreich abschließen konnten.
Die Krux: Bewerbern, denen man mit einem ROW von 97 bereits eine Einstellungsabsicht zugesandt hatte, wurden nun wieder per Anschreiben ausgeladen.
Obendrein hat man die Fachhochschulstandorte reduziert und andere, für die Ausbildung wichtige Liegenschaften (z. B. das PAI Linnich) aus Kostengründen geschlossen. Dies bedeutet, dass eine wesentlich höhere Zahl an Anwärterinnen und Anwärtern nun mit weniger Ressourcen auf einen immer unattraktiver und gefährlicher werdenden Beruf vorbereitet werden müssen!
Wer will unter diesen Voraussetzungen motivierte Berufsanfänger werben und hochqualifizierte Polizeibeamtinnen und -beamte ausbilden?
Quellen:
Veröffentlichung des Innenministeriums
Onlineartikel der Westfälischen Rundschau vom 05.02.2008 von Walter Bau
Onlinekommentar von Walter Bau zum Artikel der Westfälischen Rundschau vom 05.02.2008
Leserkommentare zum Artikel auf dem Webprotal der Westfälischen Rundschau
Vielen Dank
Herzliche Grüße
Für die Aktion WIR! e.V
Ben Schmitz
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